18.10.2018 - 07:42 Uhr

Was war das Fleisch von Carnoustie? Die Essenz? Ein großes Lehrstück des Taoismus, würde ich meinen, zelebriert von dem Meister, der aus der Stille kam: Francesco Molinari.

Beeindruckt von Carnoustie – dem Platz und dem Spielerfeld – verfolgte ich die Übertragung am letzten Wochenende über Stunden und bekam Schnappatmung als Tiger Woods ‚Final Day‘ kurzzeitig auf dem 1. Platz des Leaderboard zu sehen war. Gerade da musste ich unbedingt zum Club fahren, um jemand einen Dienst zu erweisen.

Als ich dort ankam, rief ich unserem Head Pro Uwe Wagener entgegen: „Tiger auf dem 1. Platz!“

Uwe, der gerade von der Range kam und (ähnlich wie Gott) ALLES verfolgt, was im Universum passiert, wusste es jedoch besser: „Hat gerade Doppelbogey gespielt…“, antwortete er. Über Molinari sprachen wir nicht.

Khung-Tse sagte: „Wo der Wille an einem haftet, sammelt der Geist seine Macht“.[1] Während alle Welt gebannt auf Tiger Woods und das Leaderboard starrte, machte Francesco Molinari still und bescheiden sein Ding unter dem Motto „Schweige, spiele und siege“. Am Besten ohne Schlägervertrag, weil das mehr Flexibilität ermöglicht.

Beeindruckend, wie es ihm dabei gelang, seinen Geist sogar im Schatten eines Tiger Woods an dem Einen haften zu lassen. Kaum ein „Experte“ hatte den Italiener auf dem Zettel und hätte geglaubt, dass Francesco Molinari als erster italienischer „Champion Golfer of the Year“ vom Platz gehen würde. 1995 war Rocca dicht dran, unterlag dann aber John Daly im Stechen.[2]

Im Clubhaus wurde leider kein Golf übertragen. Unser Club ist bekannt für Fußball-Übertragungen. Früher lief auch öfter mal Formel 1 und wenn SKY für Golfclubs nicht so teuer wäre, dann hätten bestimmt ein paar Leute die Übertragung aus Wimbledon verfolgt.
Aber Golf? Wozu? Können wir doch selber spielen!

Carnoustie- Schnee von gestern? Finde ich nicht. Fachlich besonders interessant waren für mich die Topfbunker-Schläge. Vor etlichen Jahren, als ich noch häufiger in Schottland spielte, trainierte ich häufig diesen V-Schlag, den Henry Cotton perfektioniert hatte. Damit kann man den Ball direkt vor der Bunkerwand steil aufsteigen zu lassen – wenn man es kann. Cotton konnte es, ich nur manchmal.

Die Kameras, die jetzt in den Wänden der Topf-Bunker eingebaut sind, zeigen, wie es den Burschen gelingt, den Ball aus zum Teil unmöglichen Lagen rauszuschlagen. Aber wie sie das genau machten und ob sie eine neue Technik entwickelt haben, konnte ich nicht entdecken. (Falls jemand etwas darüber weiß, freue ich mich über Rückmeldung).

Jedenfalls hat mir die Übertragung gefallen, nicht zuletzt, weil mein „Lieblingskommentator“ frei hatte (und Sergio half, seine Wunden zu lecken, der den Cut nicht geschafft hatte.)

Sollte ich noch ein Wort über Bernhard Langer zu verlieren? Lieber nicht. Bewundert wird er allenthalben und was es für den Deutschen Golfsport, den DGV, die PGA, alle Förderprogramme, Trainer und Pros bedeutet, dass ein Sechzigjähriger nach wie vor als einziger deutscher Spieler international mitspielt, ist so desaströs, dass ich da nicht auch noch Öl ins Feuer schütten möchte.

Bliebe da noch Xander Schauffele, der die OPEN auf einem sensationellen (geteilten) 2. Platz beenden konnte. Seine deutsche Staatbürgerschaft wurde von unseren Kommentatoren mehrfach erwähnt, vermutlich um das Elend der deutschen Performance jenseits von Langer wenigstens etwas abzumildern. Aber: Ob es Schauffele mit seinem bunten Genpool jemals in einen deutschen Golfclub geschafft hätte und er trotz unserer „Golf-Förderung“ Spitzenspieler hätte werden können, wissen allein die (Golf)Götter.

Ihr / Euer

Eugen Pletsch


PS. Übrigens: Bei Hamburg läuft gerade ein Turnier der European Tour, wo man auf Grund der „regen Beteiligung vieler internationaler Stars“ etliche deutsche Spieler unterbringen konnte. Und die halten sich gut. Einige haben den Cut geschafft, sogar Macel Siem!

 

[1] Tschuang-Tse: Reden und Gleichnisse, Deutsche Auswahl von Martin Buber

[2] Die OPEN 1995 war übrigens jene OPEN, von der ich schwer an Borreliose erkrankt heimgeflogen wurde, um im Krankenhaus mein Buch „Der Weg der weißen Kugel“ zu beginnen.

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Über Eugen Pletsch

Eugen Pletsch

Die sonderbaren Erlebnisse, wundersamen Ereignisse und der ganze langweilige Alltag des Eugen Pletsch...

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