17.11.2018 - 09:45 Uhr

In dieser Geschichte aus meinem Buch „Banalanga“ eruiert die Chefin mögliche Gefahren, sich am Golfvirus zu infizieren ...viel Spaß!

Die Geschichten aus meiner Zeit als Mitarbeiter in einem naturheilkundlichen Fachverlag erschienen ursprünglich als Kolumnen in einem Heilpraktiker-Magazin. Eigentlich sollte ich dröge Heilpraktiker mit Marketing-Tipps aufpulvern, aber wie das bei mir so ist, kam alles ganz anders. Längt nicht alle Geschichten haben etwas mit Golf zu tun, aber manche schon. Anke unser Azubi ist meine Kumpelin im Verlag, ich bin das Haus-Faktotum und darf den Damen als Redaktions-Geisha Tee servieren. Na, lest mal rein, vielleicht macht es Euch Spaß….

Der Golfvirus

Interne Mitarbeiterschulung, der ganze Tag ist futsch. Dabei hatte ich die leise Hoffnung gehabt, frühzeitig auf den Golfplatz verschwinden zu können. Aber nein – nichts zu machen. Alle waren da, sogar die Chefin. Ein Software-Experte versuchte, uns das neue Intranet zu erklären.

Intranet ist wie Internet, aber nur für eine geschlossene Benutzergruppe sichtbar, in unserem Fall sind das die Mitarbeiter unseres Verlages. Intranet basiert auf der These: Wenn das Unternehmen wüsste, was das Unternehmen weiß, dann wüsste es mehr. An sich keine schlechte Sache, aber es würde mehr Arbeit bedeuten und Zeit kosten. Die Stimmung unter den Kolleginnen war deshalb gedämpft.

Quer über den Tisch lächelte mich Anke an. Sie wusste, was in mir vorging. Sie sah in meiner Aura, wie ich im Geiste die 4. Bahn herabschritt.

„Haben Sie das alle verstanden?“ schnitt mir die scharfe Frage unserer Chefin ins Ohr. Ich zuckte hoch und sah, dass ihr Blick auf mir ruhte. „Sie auch?“

Ich nickte. In meinem Alter hat man Innovationen kommen und gehen sehen: Work-Flow-Optimierungen, Umstrukturierungen, Kommunikations-Strategien … aber wenn man mich fragt: Die schnellste und effektivste Möglichkeit, sich über die Interna eines Unternehmens zu informieren sind die Teeküche und der Kopierer. Hier reden die Leute miteinander, die sich, archaisch betrachtet, gut riechen können.
Würde ich mit Anke so oft ratschen, wenn wir uns nicht riechen könnten? Pheromone lassen Unternehmensberater leider gänzlich unbeeindruckt. Man mag mir Eifersucht gegenüber modernen Kommunikationsmitteln vorwerfen, doch ich glaube tatsächlich, dass Flurgespräche häufig effizienter sind, als endlose Konferenzen, bei denen kein wirkliches Zuhören stattfindet, weil jeder in seinen Laptop starrt und Meldungen auf Facebook verfolgt. Aber gut, lassen wir der Jugend ihren Lauf. Jede Redaktionsleitung muss ihre Erfahrungen machen. Ich nickte eifrig und versuchte meinen Augen ein begeistertes Funkeln abzuringen. Für den Golfplatz war es ohnehin zu spät.

„Im Fenster „AKTUELL“ können Sie beliebig eigene und fremde Informationen veröffentlichen, die dann von allen, die Zugriff auf unser Intranet haben, gelesen werden …“, summte der Experte.

Was? Wie bitte? Das wäre doch die Chance, dachte ich, um der Chefin ein paar längst fällige Informationen zukommen zu lassen! Zum Beispiel die Dringlichkeit, intensiver mit der Ärzteschaft zu kommunizieren. Das macht man sinnvollerweise mittwochs beim Herren-Golfturnier.

Bekanntlich haben die meisten Praxen mittwochs geschlossen. Warum? Weil die Ärzte dann Golf spielen!

Ich hatte gehofft, dass sich ein naturheilkundlicher Verlag den Gepflogenheiten unserer Branche anpassen würde und ich mittwochs freigestellt wäre – aber Pustekuchen, da biss ich bei der Chefin auf Granit. Na gut, dachte ich, wir werden sehen.

„Sag mal“, fragte ich Anke am nächsten Morgen, „kann man auch Nachrichten einstellen, ohne dass man den Absender sieht?“ Sie dachte einen Moment nach: „Wir beziehen Meldungen von einem medizinischen News-Server. Wenn es dir gelingt, dort Meldungen mit bestimmten Keywords ins Netz einzuspeisen, werden die als Feeds direkt bei uns angezeigt“, sprach sie, packte ihre Tasche und verschwand zu einer Tagung. Ich hatte kein Wort verstanden, aber ich kenne jemanden, der wusste, was zu tun wäre …

Zwei Tage später hatte die Chefin ihr Verhalten mir gegenüber komplett verändert. Wenn ich ihr bisher Tee brachte, war ein barsches „Danke“ das Höchste der Gefühle. Jetzt blickte sie mich freundlich an, versuchte zu lächeln und murmelte etwas wie: „Danke, dass Sie Ihren Aufgaben trotz Ihres Handicaps so gut nachkommen können.“
Wenn sie in die Teeküche kam, klopfte sie neuerdings an! Wenn ich im Flur vorbei ging, sah ich, wie sie mit den Kolleginnen tuschelte, um mir dann aufmunternd zuzunicken. In ihren Augen lag das tief empfundene Mitleid und die liebevolle Zuneigung, die man Welpen entgegenbringt, die sich das Pfötchen in der Tür geklemmt haben.
„Sie können sich heute nach der Mittagspause ausschließlich dem Archiv widmen“, flötete die Chefin am nächsten Morgen mit einer Freundlichkeit, die alles Bisherige übertraf. Im Keller hatte ich mir bereits den Fernseher vor meine Pritsche geschoben und alles vorbereitet, um die Ausstrahlung des ersten Major-Golfturniers des Jahres, die „Masters“ in Augusta, zu verfolgen. Wie würde Martin Kaymer in diesem Jahr abschneiden? Jetzt hatte ich freie Bahn. Um das Maß voll zu machen, fügte Sie hinzu: „Übrigens sind Sie ab jetzt an den Mittwochnachmittagen freigestellt. Ich denke, Sie sollten mehr Zeit zur freien Kommunikation mit der Ärzteschaft haben, die sich naturheilkundlichen Themen immer mehr öffnet.“ Damit verschwand sie.

„Was ist denn mit der los?“ gluckste Anke, die hinter der Tür auf ihrem Stühlchen gehockt hatte, um mir zu erzählen, was sie die letzten drei Tage auf der Tagung erlebt hatte.

„Du warst wohl lange nicht mehr im Intranet. Dort findest du ab jetzt alle Informationen, die es bisher nur in der Teeküche gab.“ Anke verschwand. Nach 15 Minuten kam sie zurück.

„Hm. Die Meldung, dass die WHO den Golfvirus zur Pandemie erklärt hat, stammt die von dir?“ Ich zuckte mit den Schultern.

„Und die Meldung, dass Golfsucht unheilbar ist und alle Betroffenen mit größter Umsicht zu behandeln wären, ebenfalls?“

„Yep.“

„Die Meldung, nach der du als Präsident der Vereinigung anonymer Golfer zum Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen wurdest, auch?“

„Könnte sein.“

„Dann könnte die Meldung, dass Golfsüchtige trotz ihrer Sucht hervorragende Leistungen im Beruf bringen, auch von dir stammen.“

Na und?.“

„Und die Eilmeldung, nach der du deiner ehrenamtlichen Tätigkeit beim Golftherapeutischen Pflegedienst Mittwochnachmittags auf Grund beruflicher Verpflichtungen nicht mehr nachkommen kannst, was zu Elend und Verzweiflung unter den Betroffenen geführt hat?“

„Habe ich auch verfasst. Warum nicht? Wozu ist das Intranet sonst da?“

„Golftherapeutischer Pflegedienst … was ist das überhaupt?“

„Das ist schnell erklärt. Es geht um das Grundbedürfnis eines Golfers, sich nach der Runde auszuquatschen, weil manche Spieler nach der Runde in einer Art Schockstarre verharren. Um diese armen Seelen zu trösten, habe ich den Golftherapeutischen Pflegedienst gegründet. Unser Motto heißt: Zuhören, trösten, Tränen trocknen..."[1].

„Und das hilft?“

„Natürlich: Seitdem wir in den Clubs arbeiten, haben nicht nur alkoholische Exzesse sondern auch die Blechschäden beim Ausparken nachgelassen.“

Es klopfte. Die Chefin stand in der Tür.

„Mein Lieber“, lächelte Sie „darf ich Sie einen Moment in mein Büro bemühen?“

„Mit oder ohne Tee?“

„Ohne.“

„Gerne.“

„Dann bis gleich.“

„Meinst du, sie ist dir auf die Schliche gekommen?“

Daran hatte ich gar nicht gedacht. Etwas unruhig ging ich zum Büro der Geschäftsführung.

„Setzen Sie sich.“ Die Chefin schaute mich freundlich an und wies auf einen bequemen Sessel, den ich nur für mein Nickerchen benutze, wenn ich weiß, dass sie garantiert im Ausland weilt.

„Was kann ich für Sie tun?“

„Äh, ja …“ Sie schluckte.

„In der Tat könnten Sie etwas für mich tun … kann ich mich auf Ihre Diskretion verlassen?“

„Selbstverständlich“.

„Ich habe eine Einladung bekommen.“

„Schön für Sie.“

„Zu einem Golfturnier!“

„Oh! Ja … und?“

„Es ist sehr wichtig für mich. Unser größter Anzeigenkunde veranstaltet dieses Turnier in vier Wochen …“

„Ja, und?“

„Ich habe schreckliche Angst, mich an diesem Golfvirus zu infizieren! In letzter Zeit häufen sich die Meldungen darüber ...“

Ihre Stimme zitterte.

Sie meinen, die Meldung, nach der die WHO den Golfvirus zur Pandemie erklärt hat und Millionen Menschen weltweit bereits infiziert sind?“

„Genau! Ist das nicht schrecklich. Ich weiß, dass Sie Betroffener sind. Ehrlich gesagt bewundere ich Sie, wie tapfer Sie mit Ihrer Golfsucht umgehen. Und Ihr ehrenamtliches Engagement! Ich schäme mich, dass ich häufig so barsch zu Ihnen war. Ist Golf wirklich so gefährlich?“ Sie schluckte trocken.

Im „Weg der weißen Kugel“, dem Grundlagenwerk golfpsychiatrischer Forschung steht, ich zitiere: 

„Golf macht süchtig, dann eine Weile blöde, dann depressiv und – Sie könnten schnell pleite sein!“

(Ich sagte ihr nicht, dass ich das Buch verfasst hatte.

„Oh je, das habe ich befürchtet. Was mache ich nur? Ich kann diese Einladung nicht ausschlagen.“ Sie wirkte verzweifelt.             
                                                      
„Machen Sie sich keine Gedanken“, tröstete ich sie. „In vier Wochen können Sie sowieso kein Golf lernen. Aber wir könnten zusammen hinfahren! Ich spiele und Sie machen die Honneurs.“

„Das würden Sie für mich tun?“

„Für mich persönlich würde es einen Rückschritt bedeuten, aber wenn es um den Verlag geht und unsere Arbeitsplätze …“

„Sie sind so tapfer! Können Sie gut spielen? Ich möchte nicht als Anfänger dastehen …“

„Das wird das Problem sein. Um gut zu spielen, erfordert das Golfspiel tägliche Übung.“Banalanga von Eugen Pletsch Cartoon:Peter Ruge

„Wie viel Zeit bräuchten Sie vor dem Turnier?“

„Vier Wochen sind knapp, aber wenn ich sofort mit dem Training beginne könnte die Zeit gerade ausreichen,.“

„Dann los. Machen Sie! Sie sind freigestellt. Oh, ich bin Ihnen so dankbar. Ich werde unsere Mitarbeiter morgen via Intranet informieren. Dass Sie bereit sind, Ihr persönliches Wohlergehen der Gemeinschaft unterzuordnen, finde ich bewundernswert.

„Schon gut. Geistige Schau der höheren Welten macht das kleine Ich bereit, seinen Platz zu finden im großen Ganzen, das DAO genannt wird.“

Sie schaute irritiert. Dann nickte sie verklärt, worauf ich in die Teeküche verschwand.

„Und?“ Anke saß auf heißen Kohlen.

„Tut mir Leid, keine Zeit, ich muss zum Training, aber morgen kannst du alles im Intranet nachlesen.“

Fortsetzung folgt...

Ihr / Euer

Eugen Pletsch

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Über Eugen Pletsch

Eugen Pletsch

Die sonderbaren Erlebnisse, wundersamen Ereignisse und der ganze langweilige Alltag des Eugen Pletsch...

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