15.12.2018 - 19:20 Uhr

Manche von Euch kennen vielleicht noch die Therapeutin Frau Liebeseel, meine gute Freundin und einstige Nachbarin. Anlässlich eines Kurzbesuches in der alten Heimat suchte sie mich in meiner Klause auf, da sie von meiner schweren Nervenkrise gehört hatte…

 "Reg dich doch nicht auf“, sagte sie. „Wie soll ich mich da nicht aufregen?“, antwortete ich. „Die Jahre, in denen ich unter YIPS litt, sind nichts gegen die Schmerzen die ich bekomme, wenn ich diese Newsletter mit Golf-Tipps lese…“.

„Dann bestelle diese Newsletter ab, wenn du die nervlich nicht verkraftest….“.

Vorsichtig führte mir Frau Liebeseel die Schnabeltasse an den Mund, um mir ein Gebräu aus Melissen- und Kamillentee einzuflößen. Um mich - und andere -  nicht selbst zu verletzen, lag ich in einer selbstgebauten Zwangsjacke eingewickelt auf meinem Fernsehsessel.

„Jeder will leben und jeder versucht etwas vom Kuchen abzubekommen.“

Wollte sie mich mit solchen Allgemeinplätzen versöhnlich stimmen? Prompt erreichte sie das Gegenteil. Mein Langzeit-Blutdruck-Messgerät piepte bedrohlich.

„Ja, ja, jeder will leben – aber Golflehrer sollten das Golfspiel lehren. Oh, Gott, wie vermisse ich Dr. Wolfgang Kuner! Nach seinem Tod meint jeder, der einen NLP-Kurs an der VHS belegt hat, er könne als Mental-Coach agieren.“

„Hast du im Weg der weißen Kugel nicht auch auf die Notwenigkeit der Koordination von Geist-Körper-Psyche verwiesen?“

„Ja schon, aber mir ging es damals um eine ganzheitliche Betrachtung des Spiels. Und um die spirituelle Dimension! Michael Murphy war auf dem Weg zu Sri Aurobindos Ashram in Indien, als er in Schottland das Geheimnis entdeckte und Golf in the Kingdom schrieb.“

„Ein Buch, das sich gut verkaufte?“

„Und wie! Damals lasen Golfer noch Bücher und Golf in the Kingdom wurde die erfolgreichste Golf-Novelle aller Zeiten. Murphy impfte damit eine ganzen Generation Golfer.“

„Na bitte! Jeder will etwas verkaufen! Jeder kämpft um Klicks, um Likes. Ohne eine möglichst große Community ist man heutzutage ein NICHTS“, sagte meine kluge Ex-Nachbarin. „Du willst doch auch deine Bücher verkaufen, wahrgenommen und wertgeschätzt werden, oder? Also, warum ist das ein Problem für dich?

„Weil jetzt jede Golf-Zeitschrift und jeder Newsletter Mental-Golf als Allheilmittel verkauft. Nach dem Ball-Fitting jetzt auch noch Mind-Fitting? Das ist alles nicht stimmig….dieser ganze seichte Mind-Fuck!“

„Und was stimmig ist, entscheidest du?“

„Braucht man einen Golf-Coach, einen Seelenklempner, einen Trauma-Therapeuten oder einen Pfarrer? Das wird alles durcheinandergeschmissen! ES GEHT MIR UM DAS NIVEAU!“.

Frau Liebeseel drückte mir die Schnabeltasse in den offenen Mund. „Du wirst laut. Das mögen wir nicht!“ sagte sie mit hypnotischer Stimme.

„Nein, das mögen wir nicht“, wiederholte ich. Meine Glieder wurden schwer, aber noch einmal bäumte ich mich auf: „Auch Holly meint: Ich finde diesen "Selbstoptimierungswahn" zum kotzen. Das Ganze baut nur noch mehr Druck auf. Meine Einstellung: Spiel‘ Golf und genieße den Tag“.

„Ich denke, du brauchst Ruhe. Was ist mit dieser Klinik? Wann gehst du da hin?“

„Am 19.3. rücke ich ein. Drei Wochen kein Telefon, keine Mails - und keine Newsletter mit Golf-Tipps.“

„Kannst du da auch Golf spielen?“

„ICH KONNTE NOCH NIE GOLF SPIELEN! Darüber schreibe ich in meinen Büchern!“

„Aber versuchst du es noch?“

„Ich habe seit sechs Monaten keinen Ball geschlagen? Ich habe Angst.“

„Wieso das denn? Etwa wegen dieser Newsletter?“

„JA, WEGEN DIESER NEWSLETTER! Den Druck ständig trainieren zu müssen, ertrage ich einfach nicht mehr! Alle trainieren bereits seit Weihnachten, wie bekloppt!“

„Bei diesem Wetter?“

„MENTAL! Herrgott noch mal, sie trainieren hauptsächlich mental. Sie überziehen ihr Nervensystem mit einer Art NLP-Teflon – stemmen Gewichte und rennen nackt durch den Schnee... Da ist eine über 70-jährige Dame, die schluckt jetzt Steroide.“

„Aber warum? Das muss doch einen Grund haben?“ Ready Golf ...Cartoon: Peter Ruge

„JA WEISST DU ES DENN NICHT? Jetzt kommt READY GOLF, survival of the strongest!“

„Was heißt das denn?“

„Spielen statt warten! Der DGV will das Golfspiel beschleunigen. Bald wird Golf zum Biathlon!

„Oh je“, stöhnte Frau Liebeseel. Sie ist keine Golferin, ahnte aber, welche Dimension des Schreckens auf den Golfsport zukommen könnte.

In Anbetracht meiner psychischen Lage versuchte sie es auf die sanfte Tour:
„Spielst du nicht schon immer Ready Golf?“

„Ja, wo es nur geht.“

„Und warum sollen die anderen nicht auch schneller spielen?“

„Weil sie es nicht kapieren werden. Es wird ein Fiasko! Die Fetzen werden fliegen! Mental aufgeputschten Brain-Golfer ohne jegliche Fähigkeit, den Ball auf der Bahn zu halten … wenn die jetzt alle gleichzeitig losballern - und mittendrin steroid-gedopte alte Damen und Senioren, die längst vergessen haben, wo sie sind, warum sie über die Wiese laufen und wonach sie suchen…das wird ein Blutbad! Dantes Inferno ist nichts dagegen!“

„Aber wenn es nicht so kommt? Wenn alle einfach etwas flotter spielen? Was ist dann?“

„Noch schlimmer“, stöhnte ich. Dann verliere ich meine Geschäftsgrundlage! Ich lebe vom langsamen Spiel, vom Ärger auf dem Golfplatz, von den Schildbürgerstreichen des DGV, von der Unfähigkeit der Golflehrer, dem Schrott, den manche Golfschläger-Firmen zusammenkleben! Worüber soll ich dann noch schreiben? Darüber, wie wunderbar der Golfsport ist? Wie nett die Menschen, wie schön die Plätze, wie phantastisch die Stimmung ist? Oder etwa, wie gut die Martinsgans geschmeckt hat, dieses versalzene, vertrocknete zähe Vieh?“

Meine Zunge wurde schwerer. Ich hatte gekämpft, mich aufgebäumt, aber nun verließ mich jegliche Kraft. Ich war vollkommen erschöpft.

„Beruhige dich, alles wird gut. Ich glaube, du brauchst nur etwas Ruhe… sechs Monate kein Golf – das ist in deinem Fall wirklich bedenklich, flüsterte sie kopfschüttelnd.

„Ggggggnnnnnn“, gurgelte ich zustimmend.

 „Ich lese dir noch eine Empfehlung von Mooji vor. Die passt zu dir, aber auch zum Golfspiel“, flüsterte sie mir ins Ohr:

Throw everything away, forget about it all!
You are learning too much,
remembering too much,
trying too hard
.
Relax a little bit,
give life a chance to flow its own way,
unassisted by your mind and effort.
Stop directing the river’s flow!

Das letzte, woran ich mich erinnere, war, dass Frau Liebeseel die Gurte meiner Zwangsjacke sicherheitshalber noch mal festzog. Dass sie die Wohnung verließ, habe ich nicht mehr gehört....nnnnnnrrrrrchchchchch

Ihr / Euer

Eugen Pletsch

PS: Meine Story über MOOJI findet Ihr in meinem Buch „Banalanga“ im Kapitel: Der Erleuchtete.
https://mooji.org/ 
https://www.facebook.com/moojiireland/

 

 

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Über Eugen Pletsch

Eugen Pletsch

Die sonderbaren Erlebnisse, wundersamen Ereignisse und der ganze langweilige Alltag des Eugen Pletsch...

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