16.07.2018 - 12:47 Uhr

Es war ein sanftes Mahnen, als mir Facebook mal wieder mitteilte, dass ich seit letzter Woche keine neuen „Gefällt mir“- Angaben auf Facebook erhalten habe. Vermutlich ist Facebook so feinfühlig geworden, weil ich Mark Zuckerschnecke bei seiner letzten Belästigung so beschimpft habe, dass sein Aktienkurs gesunken ist.

Vielleicht spüren sie aber auch, dass ich zu einer Zeit in der Marc Amort, Mike Klais und Mager-Model Nothelfer nur Fotos aus dem Tiefschnee posten, nicht den unbedingten Drang habe, mein Frühjahrs-Golftrainingsprogramm zu veröffentlichen. Mal ganz abgesehen davon, dass ich keins habe. Andere sind da emsiger. Zum Beispiel Golf-Trainer Fabian Bünker, der seine Gemeinde selbst über die Weihnachtsfeiertage in Alarm-und Trainingsbereitschaft versetzte, um das Rudel auf der Fährte zu halten.

Ich dagegen rate Euch in einem Anflug von Altersweisheit, Euch an den Ofen zu setzen und die Füße in den „rauen Nächten“ endlich mal still zu halten.

Letzte Woche traf ich einen ehemaligen Clubkameraden beim OBI. Wer mein Buch GOLFGAGA kennt, weiß, dass ich zu OBI ein besonderes Verhältnis habe. Diesmal war ich aber nicht dort um einen Ficus zu kaufen, sondern Äpfel! Das Kilo für EUR 1,50! Ein Schnäppchen für uns Rentner. Da kam er also rein, der Clubkamerad mit den tiefen Furchen im braungebrannten Gesicht, von denen ich nicht weiß, ob sie vom freien Unternehmertum oder von der einstigen Sucht nach Handicap-Verbesserung gegraben wurden.
„Und?“ fragte er an diesem pieseligen, eiskalten Dreckstag: „Heute schon gespielt?“
„Ja, Gitarre“, antwortete ich.
„Du gehst im Winter auch nicht mehr JEDEN TAG raus, oder?“
„Nein, Golf spiele ich nicht mehr so oft. Tut meinem Spiel gut!“
„Das kenne ich“, sagte er und lächelte. „Mir geht es genauso.“ (Er holte Luft)
Es gibt ja auch sonst viele schöne Dinge, die man machen kann. Golf kostet so viel Zeit. Sechs bis acht Stunden…“.
„Dass eine Runde in Deinem Club sechs bis acht Stunden dauert, habe ich schon gehört.“
„Ich meine: mit An-und Abreise ist ein ganzer Tag futsch. IN UNSEREM ALTER! Wo die Zeit dreimal so schnell läuft, wie bei den jungen Leuten…!“
„Ja, es gibt auch sonst viele schöne Dinge, die man machen kann…“, hörte ich mich sagen.
Vor wenigen Jahren hätte ich so einen Satz noch als schwere Lästerung der Golfgöttin angesehen, aber heute? Seit ich im Herbst 2016 wieder mit dem Gitarre spielen angefangen habe, hat der Winter für mich seinen Schrecken verloren. Noch vor drei Jahren musste ich bei jedem Dreckswetter raus. Wenn einer die Zwänge kennt, die den Golfer vor die Türe treiben, dann ich. Doch mittlerweile beäuge ich das kritisch. Handicap-Sucht war es bei mir nicht (außer bei meinem Projekt „Endlich einstellig!“. Aber was war es dann? Der Drang, sich bei Wind und Wetter zu bewegen? Oder Sinnen-Leere? Oder die Illusion, dass ich bei 3° im kaltem Ostwind an meinem Schwung arbeiten könnte?

Tags drauf telefonierte ich mit meiner golfenden Schwester, die mir von einem Artikel in der BRIGITTE erzählte. Man könne mit Bloggen Geld verdienen, hieß es darin. „Ach ja? Ich blogge seit fast 20 Jahren, wenn man damit Geld verdienen könnte, müsste ich das wissen“, verabschiedete ich mich.

Aber der Gedanke ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich blätterte in meinen Statistiken und fand heraus, dass ich pro Blog zwischen 300 und 3000 Leser habe – eine weitgehend stumme Gemeinde, die sich nur hin und wieder meldet, wenn ich meinen halbjährlichen Koller bekomme, die große Sinn-Frage stelle und ankündige mit dem Schreiben aufzuhören. Dann kommen ein oder zwei Mails, die mir wie warme Öltropfen über den Scheitelpunkt meiner Eitelkeit rinnen und meine Brillengläser mit einem Schmierfilm illusionärer Hoffnung überziehen, der mich glauben lässt, von meinen Lesern geliebt zu werden, was vermutlich die primäre Motivation eines Schriftstellers ist.

Die andere Motivation sich via Facebook-Post, Newsletter oder Blog zu Golf-Themen zu äußern ist der kommerzielle Nutzen, den meine Schwester ansprach. Der ist für meine wenigen Werbekunden wichtiger als meine Eitelkeit. Aber wie bekommt man in der Winterzeit genug Zugriffe, damit die Jahresstatistik stimmt? Soll ich über Winterreisen berichten und dafür Partner finden? Ich mag keine Winterreisen, außer bis zum OBI.

Ich googelte rum und entdeckte einen Blogger, der damit offensichtlich sein Geld verdient. Er beschreibt Gesetze des Story-Telling. Brutal, wie ich bereits bei Punkt 2 scheitere: „Entscheidend ist, was das Publikum interessiert, nicht was Ihnen Spaß macht“, meint PR-Blogger Walter Epp.

Mit Publikum meint er Euch, mit Ihnen meint er mich – und ich bin das Problem. Seit 20 Jahren schreibe ich nur über das, was mir Spaß macht und nicht über das, was mein Publikum interessiert. Woher soll ich denn wissen, was Euch interessiert? Ich habe mehrfach überlegt, eine Umfrage zu starten:

Wer bist Du, wie alt bist Du, wieviel verdienst Du, fährst Du auch Hyundai und wo bunkerst Du Dein Schwarzgeld?

Aber ich habe die Umfrage nie gemacht, auch wenn das für meine Werbepartner wichtig wäre. Was Euch, das Publikum, interessiert, habe ich also nie herausbekommen.

Wenn ich früher über den DGV schrieb, weil der mal wieder ein dickes Ei gelegt hatte, dann zuckte der eine oder andere wohlwollend, weil es das Publikum einst interessierte, wenn ich die Geisel gegen die Verbandsobristen schwang. Aber wen interessiert das noch? Heute geht es mir nicht anders wie den meisten DGV-Mitgliedern: Ich habe keine Ahnung was die beim DGV so treiben und wofür die unser Geld verbraten. Die allgemeine Resignation hat mich angesteckt. Ich habe gebellt, aber der Mond schweigt und vielleicht ist es gut so.  Es gibt im Golf-Geschäft kaum eine Handvoll Leute, die sich eine offene Kritik leisten könnten, aber selbst die schweigen ob der Sinnlosigkeit einen Ochsen ins Horn zu petzen.

Mein Hobby, Gitarren sammeln, interessiert mich mittlerweile mehr als der DGV. Aus Gitarren kommt wenigstens Musik raus! OK, ob das Thema Gitarren ausreicht, um einen Golf-Blog mit Leben zu füllen, mag fraglich sein, aber warum nicht? Es gibt etliche Gitarren-Spieler unter den mir bekannten Golfern, auch unter den Pros, z.B. Marvin Buschmann und Rainer Mund und John Daly und vielleicht schreibe ich demnächst auch über Themen, die Brigitte-Leserinnen interessieren.

Interessanterweise zeigen die Zugriffe, dass Ihr nach wie vor still und leise konsumiert, was ich Euch vorsetze, solange Ihr nur nichts selber schreiben müsst. Selbst wenn manche Cybergolf-Neulinge die feine Satire hinter meiner Themen-Auswahl anfangs nur schwer verstehen, so war z.B. der Blog über Golf-Freundschaften ausgesprochen beliebt – obwohl der letztendlich nur vom Versand eines Gitarren-Koffers handelte.

Um nun auf Facebook, den großen Zeiträuber, zurückzukommen: Natürlich schaue ich hin und wieder, was andere in der Golf-Szene posten. Zum Beispiel die Golfprinzessin, eine repräsentative Vertreterin des ‚neuen‘ Golfsports in Deutschland. Die Frage, welche ihrer 36 Golf-Caps das Callaway-Groupie mit nach Florida nimmt, ist ganz offensichtlich etwas, was das Publikum interessiert! Zumal es von den obszönen Preisen ablenkt, die Callaway mittlerweile für seine Eisen verlangt. Mich hat das inspiriert, meine Flohmarkt-Kisten mit den alten Caps hervorzukramen.

Caps von Eugen Pletsch

Ein Foto von Ricky Fowler im neuen Aloha-Shirt hat die Golfprinzessin auch gepostet. Ich hatte die Puma-Meldung von Ricky im Jürgen von der Lippe-Look bereits in die digitale Tonne getreten, zumal ich die Preise dieser Kollektion absolut inakzeptabel finde. Aber auf der PGA Tour-Seite wird diskutiert was das Zeug hält … ob Ricky das Hemd über dem Gürtel tragen darf oder ob er es reinstecken muss und das sind Themen, die das Publikum interessieren!
Davon syollte ich mir eigentlich eine Scheibe abschneiden, denn im Aloha-Look steppt der Bär! Aber irgendwie kriege ich das nicht hin.

Stattdessen zum Abschluss noch mein Hinweis auf eine Website, die mir Frau Oelmann empfohlen hat: Golf-Knigge hat den Golf-Anfänger im Visier. Wie er das macht, gefällt mir gut. Seine Story vom Klub der armen Schweine war mir neu und ich habe sie mit Genuss gelesen, obwohl ich meine Antidepressiva noch gar nicht geschluckt hatte.

Ihr / Euer

Eugen Pletsch

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Über Eugen Pletsch

Eugen Pletsch

Die sonderbaren Erlebnisse, wundersamen Ereignisse und der ganze langweilige Alltag des Eugen Pletsch...

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