20.09.2018 - 20:33 Uhr

Draußen stürmt und schneit es. Zeit für einen Rückblick und ein paar besinnliche Gedanken…die eigentlich gar nichts mit Golf zu tun haben, oder vielleicht doch?

Zum Ende des Jahres gibt es immer einiges zu tun. Zum Beispiel den Trolley verstauen, oder falls nötig zu einem Check Up bringen. Griffe habe ich neue bereits aufgezogen und das Bag ist auch ausgemistet.
Am meisten Arbeit macht es, alle Facebook-Abos von „Freunden“ zu löschen, die von einer Terrasse ihres Hotels aus Angeber-Fotos mit Zigarre und Drinks posten. Überhaupt: Alle Bilder von diesen Golf-Touristen. Im Winter ist Winter und da darf das Golfbesteck mal ruhen, finde ich. Wenn es Weihnachten sommerlich wird, wie die letzten Jahre manchmal, wäre das was anderes. Und im Februar, na gut, da habe ich dann so kalte Füße, dass es mich auch in die Wärme zieht. Aber jetzt? Nein danke!

Da mache ich mir lieber ein paar warme Gedanken. Dieser Tage habe ich mehrfach über Freundschaften nachgedacht – Golf-Freundschaften. Wie viele wirkliche Freunde habe ich in den letzten 30 Jahren auf dem Golfplatz knüpfen können. In meinem Fall sind es nie viele geworden, was weitgehend an mir lag. Ich war nicht gerade der supergelaunte Party-Cracker, wenn ich nach 5,5 Stunden in einem vorgabewirksamen Turnier von Leuten aufs Blut gereizt wurde, die auch nur das Mindestmaß an Etikette vermissen ließen.
Außerdem war ich früher dermaßen fanatisch, dass es mich fast die Freundschaft mit meinem besten Golfkumpel gekostet hätte, als er auf einer Irland-Reise mit Kleingeld in der Tasche klimperte, während ich versuchte, einen schwierigen 12 cm-Putt zu lochen, in dem ich zwei Breaks sah. (Ich verlor das Loch, worauf Timbo noch mehr Geld zum Klimpern hatte, und ich so wütend reagierte, dass ich mich heute darüber nur schämen kann.)

Ja, was also sind „Golf-Freunde“ und was sind wirkliche Freunde? Das muss natürlich jeder für sich selbst definieren. Aus meiner Sicht sind wirkliche Freunde Menschen, mit denen man nicht nur eine golferische Freundschaft hegt, sondern darüber hinaus auch mit anderen Themen in Kontakt treten kann. In meinem Fall geschieht das sehr langsam, es braucht bei mir Jahre bis ich das Vertrauen finde, jemanden auch mal über das Golfspiel hinaus zu kontaktieren.

Nehmen wir zum Beispiel mal Frau Oelmann. Die meisten Leser kennen sie aus meinem Buch „Endlich einstellig!“ und wissen aus meinen „Notizen“, dass wir ein- bis zweimal im Jahr ein Match austragen, bei dem wir uns nichts schenken. Brutale Kämpfe bis aufs Messer – da ist das „Duel under the Sun“ (Jack Nicklaus versus Tom Watson) nix dagegen.
Irgendwann hatte ich Frau Oelmann mal einen Blog eingerichtet, auf dem sie für einige Zeit beachtliche Texte veröffentlichte. Im Laufe der Jahre wurde sie die wichtigste Hilfe auf cybergolf.de. Sie liest meine Texte als Erste und korrigiert meine Blogs, was man nicht immer merkt, weil ich manchmal nach der Korrektur meine, nochmal was ändern zu müssen.
Kurz gesagt: Für solche Menschen, die bereit sind, sich in das „Projekt Cybergolf“ einzubringen, war Cybergolf eigentlich gedacht. Aber könnte ich sie, die ohnehin schon so viel hilft, auch noch um einen privaten Gefallen bitten? Warum nicht, dachte ich. Schließlich kennt Sie die Winter-Depressionen, die mich befallen, wenn ich kein Golf spielen kann. Und seitdem ich wieder angefangen habe, auf der Gitarre zu klimpern, heißt es, ich wäre zu den Menschen etwas freundlicher geworde (sofern sie nicht vor 11 Uhr morgens anrufen. Merkt Euch das!)

Und dann, vor etwa drei Wochen …

Ich hatte mir gerade mal wieder eine Gitarre gekauft und suchte dafür einen passenden Gitarrenkoffer, den ich auf eBay-Kleinanzeigen entdeckte. Ein fast nagelneuer „Boston“-Koffer, fett gepolstert, grüner Plüsch und genau passend für meine neue Blues-Gitarre. Der Haken: Nur für Selbstabholer! In Bottrop! Und damit ging es los.

Ich zitiere aus den Protokollen:

Freitagabend
EP am Telefon, zuckersüß: Hallo Sabine, wie geht’s.
OE: Viel zu tun auf der Arbeit. Aber das Wetter war so mild, dass ich 9 Loch spielen konnte.
EP: Das freut mich. Sag mal, wie weit ist es von Dir nach Bottrop?
OE: Och, ein Katzensprung. Nicht weit.
EP: Kommst Du da manchmal hin?
OE: Ich MUSS da morgen hin, weil ich Wintergummitees benötige. Außerdem bin ich auf der Suche nach einer neuen Golftasche!
EP: Na das passt ja. Könntest Du mir einen Gefallen tun und mir in Bottrop etwas abholen?
OE (misstrauisch): Was denn?
EP: Einen Gitarrenkoffer!
OE: Einen Gitarrenkoffer?
EP: Genau, ich habe eine neue Gitarre und brauche dafür einen Koffer. Der, den ich bei eBay fand, sieht gut gepolstert aus. (Dass ich jetzt eine Micro-Rente bekomme und mich wieder auf meine zweite Karriere als Straßensänger vorbereite, wusste sie schon.)
OE: Ich soll zu einem wildfremden Mann fahren, der einen Mörder sein könnte, um Dir einen Gitarrenkoffer abzuholen?
EP: Richtig. Und Du müsstest mir das Geld vorlegen:
OE: Das ist alles?
EP: Na ja, Du solltest ihn, wenn möglich, auch noch im Preis runterhandeln.
OE: Sonst noch was? Vom runterhandeln habe ich so wenig Ahnung wie vom richtigen Golfen – der kann mir sonst was erzählen! Mach den Preis klar und wir kommen ins Geschäft…
EP: Das wäre perfekt. Du bist ein Schatz.

Am nächsten Tag rief Frau Oelmann an.

OE: Ich habe den Koffer!
EP: Super. Zu welchem Preis?
OE: 80.-!
EP: WAAS!
OE: Ich habe Dich gewarnt, ich konnte den Preis nicht herunterhandeln. Der Koffer ist auch noch so gut wie neu. Der Mann hat fast geweint, als ich unvorsichtigerweise beim Verabschieden mit dem Koffer an seiner Flurwand entlang geschrammt bin…
EP: Du hättest ihm den eTrolley anbieten können, den Du verkaufen möchtest?
OE: Der spielt kein Golf – der ist Berufsmusiker!
EP: Noch nicht, aber jetzt ist er durch Dich kontaminiert. Und auf einem eTrolley kann man z.B. auch Einkaufstüten befördern…
OE: Keine Chance. Er hat mir so leidgetan. Er ist ein kleiner Musiker. So klein, dass er in dem Koffer hätte schlafen können. Hat er aber nicht. Der Koffer ist unbenutzt, ein Fehlkauf sagte er, weil seine Tochter dann doch lieber nicht Gitarre lernen wollte, sie geht jetzt golfen – für sie hatte er dieses Schmuckstück nämlich gekauft, ich schicke Dir mal ein Foto!

Frau Oelmann schickt mir ein Foto

Koffer mit Golfbällen Foto. Sabine Oelmann

EP: Nimm sofort deine Golfbälle aus meinem Koffer!
OE: Ich finde, die sehen darin aber hübsch aus....
EP: Nimm sofort Deine Golfbälle aus meinem Koffer!
OE: Na gut, und was jetzt?
EP: Jetzt musst Du den Koffer in Karton einpacken und verschicken.
OE: Wie? Echt jetzt? Ich dachte, ich bringe den nach der Frühjahrsschmelze zu unserem nächsten Match mit?
EP (mittlerweile telefonisch): SABINE! Das ist doch klar, dass Du den Koffer dann in einen Karton verpacken und mir zuschicken musst!
OE: Davon hast Du nichts gesagt.
EP: Nein? Na gut. Also: Einen passenden Karton bekommst Du in jedem Musikgeschäft.
OE: Schön, sagst das erst jetzt… hmpf… Wir haben hier kein Musikgeschäft. Aber ich werde mal gucken, ob ich eins finde.
EP (erleichtert): Gut, danke. Der Koffer muss aber rechteckig sein und höchstens 120 cm lang, sonst ist es Sperrgut!
OE: OK! (flötet sie beherzt und mir wir klar, dass große Pakete packen Neuland für sie ist.)

Montag
OE per mail: Kein Musikgeschäft gefunden, das einen passenden Karton hat. Muss auch länger arbeiten, weiß nicht wann ich dazu komme.

Dienstag
OE per mail: Muss länger arbeiten, weiß nicht wann ich dazu komme.

Mittwoch
OE per mail: Habe mir Bahnen aus Karton besorgt. Muss ich abends nur noch zusammenkleben.  



Donnerstag
OE per mail: Abend ist zu dunkel, hab kein Flutlicht im Wohnzimmer, ich brauche dazu Tageslicht.

Freitagabend
OE per mail: Abend ist zu dunkel. Ich brauche dazu Tageslicht. Vielleicht am Woe. … hmm … oder ich fahre am Samstag bis Unna und Du holst ihn da ab?!
EP (telefonisch) Negativ. Es schneit auf der Sauerlandlinie. (Mittlerweile Wintereinbruch) Soll ich Dir vom Obi einen Bau-Strahler besorgen und zuschicken?
OE: Ne, geht schon...Gitarrenkoffer Foto: Sabine Oelmann

Samstag
Anruf OE: Ich habe den Koffer fast gepackt, aber dann ist mir das Klebeband ausgegangen. Kann ich erst am Montag nachkaufen.
EP: Ich könnte Dir Klebeband schicken?
OE: Das ist auch nicht vor Montag da.
EP überlegt, ob er nach Gelsenkirchen fährt, um ihr Klebband zu bringen. Verwirft den Gedanken witterungsbedingt.
 EP: Na gut, dann Montag. Mach' hinne!

Montag
Frau Oelmann schickt Fotos vom verpackten Koffer.

Dienstag
OE per SMS: Paket heute in der Zustellung. Halte die Stellung!
EP per SMS: Sitze mit Wärmflasche und Tee vor der Haustür.
EP per SMS: Zustellung ist erfolgt.
OE per SMS: …und was, wenn er dir gar nicht gefällt?
EP per SMS: Dann heißt es: Kommando zurück!
OE per SMS: Aaaaahhhhhhrrrrggg!

Sofort habe ich das Paket in meine Höhle geschafft, das umfangreiche Puzzle von Karton-Teilen und Klebeband wie ein wildes Tier zerrissen und den Koffer ausgepackt.

OE per SMS: UND?
EP per SMS: Geil ey, passt wie Arsch auf Eimer!
OE per SMS: UFF!

So war das. Und das nenne ich Freundschaft!

Ihr / Euer

Eugen Pletsch

PS: Sollte ich die Gitarre doch mal wieder verkaufen, das habe ich Frau Oelmann versprochen, bekommt sie den Koffer (für EUR 60.-) zurück, damit sie einen Gitarrenkoffer fertig verpackt im Keller hat – nur für den Fall, dass einer ihrer Freunde mal einen braucht.

Ach - und heute hat mich Tim Schneider besucht! Auch ein echter Golffreund. Er hätte den Koffer problemlos mitnehmen können, meinte er. Ich hoffe jetzt nur, dass Frau Oelmann das nie erfahren wird.

 

 

 

 

 

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Über Eugen Pletsch

Eugen Pletsch

Die sonderbaren Erlebnisse, wundersamen Ereignisse und der ganze langweilige Alltag des Eugen Pletsch...

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