08.08.2020 - 04:57 Uhr

Es war noch früh im Jahr, als ich zur Driving Range fuhr, um ein paar Bälle zu schlagen....

In jedem Golfer keimt alljährlich eine neu sprießende Hoffnung auf, dass etwas Training, ein neuer Schläger und der feste Glaube an Wunder ausreichen, um endlich das Golf seines Lebens zu spielen.Oder wenigstens so gut, dass man beim Herrenmittwoch wieder zum Kreis der Nettosieger gehört. Der Spielführer überreicht einen Gutschein für den Proshop, sowie eine Schachtel Bälle. Die Feinde klatschen. Die bewundernden Blicke ahnungsloser Rabbits und das falsche Lächeln eifersüchtiger Rivalen versüßen diesen kurzen Moment des Ruhmes. Ein paar Weizenbier mischen sich mit dem Schulterklopfen zu einem Sud des Wohlgefühls. In solchen Momenten wird das Leben eines Golfers erträglicher. (...)

Als ich mit meinem Eimerchen näher an die Abschläge kam, sah ich einen kräftigen Burschen mittleren Alters. Seine Kugel lag auf dem Tee.
Er bereitete sich auf seinen Schlag vor. Das heißt, sein Fleisch war schon willig, aber der Kopf noch ganz schwach und der Geist polterte durch seine Hirnwindungen. Seine Hände umschlossen den Griff wie Zangen.
Der Kerl zitterte vor Anspannung, dann holte er aus. Seine Monsterkeule erwischte die Kugel und der Ball flog in hohem Bogen nach rechts weg.

„Was für ein hässlicher Ärzte-Slice“, dachte ich.

»Ssson besser!«

Der dürre, baumlange Pro stand wie ein Klappstuhl hinter dem Dicken und nickte. Wie alle Golflehrer seit der Veröffentlichung des ersten Leadbetter-Videos stand er mit leicht gespreizten X-Beinen da, die Arme dort vor der Brust verschränkt, wo Leadbetter gewöhnlich, kurz unter den Achseln, seinen Hosenbund sitzen hat.
Golflehrer können in dieser x-beinigen Stellung stundenlang stehen, müssen sie auch. Vollkommen sinnlos klebte eine Sonnenbrille über der Stirn.
Der Golflehrer arbeitete konzeptionell nach einem Motivationsprogramm, das die positive Verankerung von mäßiger Leistung zum Inhalt hatte.

»Wirkliss besser! Der Ball fliegt. Der Refst isst Feinarbeit.«

Der Pro lispelte.

Mir war, als könnte ich hören, wie es im Schädel des Dicken brummte:
„Wie lange wird die Feinarbeit dauern und was wird sie kosten?“

Während er den nächsten Ball aufs Tee legte, setzte ich mich auf die kleine Bank hinter der Driving Range und beobachtete die Szene. Der Pro konnte mich aus seinem Blickwinkel nicht sehen. Er wippte auf den Fersen und begann das lässige Geplauder, das Pros so draufhaben, wenn sie bei einem hoffnungslosen Kandidaten die gähnende Langeweile überkommt und ihnen nichts mehr einfällt. Golfschüler, gerade Anfänger, lieben es (meist), wenn der Pro mit ihnen intim plaudert.

Andere Neulinge sehen dann, dass man sozusagen schon dazugehört.
»Mickelffon gessehen?«

Er meinte den Auftritt von Phil Mickelson bei einem Turnier. Der Schüler hob irritiert den Kopf. Er war gerade damit befasst gewesen, dem Körper die Anweisungen für den nächsten Golfschlag in der Reihenfolge ihrer Priorität als To-Do-Liste runterzuschicken:

»Gewicht 70 Prozent zu 50 Prozent verteilen, Schwung einleiten, nicht zu früh anwinkeln, Körper aufdrehen, Gewicht verlagert sich – ganz natürlich – nach rechts, Schläger stände in der Endposition zum Ziel, soll er aber nicht, weil dann Kontrollverlust, linke Hand zieht nach unten, rechter Ellbogen am Körper, aber nicht so fest wie früher … HALT!

Zieht die linke Hand wirklich noch nach unten? Da gab es doch so eine Diskussion, dass das nicht zeitgemäß wäre? Wann kommt die rechte Hand ins Spiel? Wird das dann ein Powerdraw oder führt die linke Hand bis sie von der rechten überholt wird? Mickelson? Was redet der da?«

Der Dicke merkte, dass ihm der Pro eine Frage gestellt hatte.
Zwei Burschen mit rasierten Köpfen, Ohrringen, coolen Sonnenbrillen und kleinen Täschchen am Bag standen zwei Matten weiter hinter ihren Bällen und taten so, als würden sie sich auf ihren den nächsten Schlag vorbereiten. In Wirklichkeit spitzten sie die Ohren. Was sagte der Pro von Mickelson?
Der Pro spürte, dass er jetzt alle Aufmerksamkeit hatte.

»Mickelffon spielt jestt swei Treiffer!«

Er schaute triumphierend, sein Schüler verdutzt.

»Zwei Driver ?« Er konnte sich das nicht vorstellen. »Gleichzeitig?«

»Nein, natürliss nisst.«

Der Pro sandte ein kurzes Stoßgebet zum Himmel, damit das Frischfleisch die nächste Saison nicht ganz so abgehangen geliefert wird.

»Nee«, wiederholte er. »Einen für den Traa, den anderen für den Fääth!« Seine Augen blitzten vor Freude. Geniale Idee. Hätte von ihm sein können.
»Mit dem Traa isst er länger, aber mit dem Fääth genauer.

Swei Treiffer. Klathe Sache !«

Der Schüler hob seinen Wasserkopf-Driver und schaute ihn bedächtig an. Er war wirklich von der langsamen Sorte.
»Und wofür ist mein Driver? Kann man mit dem nur nach rechts schlagen?«

»Ssie spielen damit einen sssönen hohen Fääth, Aber wenn Ssie mal auf den Plass dürfen, werden Ssie ssehen, dass es manssmal auch linkssrum geht.
«Der Pro wippte ungeduldig auf den Fersen. Die Stunde war bald zu Ende.
»Und mit dem anderen Driver kann ich dann nach links schlagen?«

»Müssen natürliss ein paar Stunden nehmen und tüstiss üben.«

Seine Zunge leckte über die trockenen Lippen. Seine Augen blitzen vor Erregung. Endlich war der Tölpel angewärmt.

»Und was kostet so ein Driver für Linksrum?«

»Och, dass iss ganss verssiden.«

Der Pro winkte ab. Da wollte er sich noch nicht festlegen. Viel Auswahl hatte er nicht mehr, fiel ihm ein.
»Iss würde Ihnen mal so ein Model aussem Prossop holen.«

»Einen Schläger für linksrum?«

Der Pro nickte. »Müssen natürliss tüstiss üben.«

Der Dicke spürte die bewundernden Blicke der beiden Kahlköpfe, die neidisch herüberschauten. Er würde einen Driver für linksrum bekommen!

Der Pro hielt die Hand auf, kassierte seine Stunde, lobte noch mal den schönen Powerfade und verschwand, um den Driver zu holen.

Der Dicke schnibbelte noch ein paar Bälle über den Zaun, was für ihn der Beweis war, dass er jetzt wirklich einen hohen Powerfade spielen konnte.
Er genoss die Aufmerksamkeit der anderen Spieler, die sich mittlerweile hinter seinem Bag versammelt hatten. Er kannte sie noch vom Platzreifekurs. Alles Anfänger. Keiner von ihnen hatte einen Powerfade drauf.

Er sammelte seinen Kram zusammen, um zum Puttinggrün zu tappsen. Wer das lange Spiel beherrscht, sollte das kurze nicht vernachlässigen, stand in seinem Golfratgeber. »Leider ist das Buch veraltet«, dachte er, »von zwei Drivern steht nichts drin.«

Ich gesellte mich zu den Herren.
»Schon unglaublich, wie sich das Material entwickelt.«

Die Herren nickten.

»Mittlerweile kann man bei Astrosoft Schläger bestellen, die nicht nur zum Sternzeichen, sondern auch zum Aszendenten passen.«
Die Herren spitzten die Ohren. Der Dicke kam vom Puttingrün zurück.
Ob man auch von der Innovation in der Driver-Akkustik gehört habe? Die Herren verneinten und drängten sich um mich herum. Jetzt war ich in meinem Element:

»Habe mich schon immer über diese hässlichen Klänge moderner Driver aufgeregt«, dozierte ich, »aber Sie werden wohl kaum noch wissen, wie Driver früher klangen, als sie noch aus echtem Holz waren?«

Die Herren verneinten. Der Dicke schaute mich ungläubig an.

»Es gibt jetzt Driver, die sind auf den kosmischen Urton des Wassermannzeitalters abgestimmt.«
Die Herren atmeten schneller.

»Und sie haben Außenlautsprecher!«

»Nein!« Die Herren stöhnten vor Aufregung.

»Diese neuen Driver, die gerade auf den Markt kommen, sind so gedämpft, dass sie vollkommen klangfrei sind!«
Jetzt waren die Herren erregt.

»Natürlich mit USB-Eingang. Damit kann man jetzt seinen Lieblingsdriver-Sound als Klingelton herunterladen. Ist das nicht der Hammer?«

Die Herren machten große Augen.

»Wenn wir uns überlegen, wie viele Leute mit ihrem Driver reden – warum nicht gleich darüber telefonieren?«
»Ja, warum nicht?«, fragten sich die Herren.

»Bei den neuen Drivern ist die Wicklung des Graphitschaftes als Massespeicher für 10 Gigabite konzipiert und fungiert gleichzeitig als Antenne. Es gibt auch eine GPS-Version. Am Griff-Ende ist das Mikrofon angebracht, Bluetooth ermöglicht das optimale Sprechen auf der Runde via Headset. Natürlich kann man über die Sprachfunktion auch die Navigationssoftware aktivieren und dem Schläger vor dem Schlag sagen, wohin man spielen will. Den Rest des Schlages macht das Schwungfehlerneutralisierungsprogramm. Tolles Teil. Nur schwer zu bekommen.«

Die Herren waren platt. Nur der Dicke, der die ganze Zeit misstrauisch zugehört hatte, schaute mich höhnisch an:
»Sie wollen uns wohl verarschen. Driver aus echtem Holz. Soll das ein Witz sein?«

In dem Moment kam der Pro zurück. Wohlgemut trug er einen Driver unter dem Arm.
»Dass isser. Der macht einen mästissen Wummsss. Wollen Sie den mal tessten?«

Der Dicke schaute immer noch verärgert.
»Wirklich das Neuste vom Markt? Hat der etwa 10 Giga Speicher, Astro-Software, USB-Sound mit Außenlautsprecher, Bluetooth, integriertes Mobiltelefon und Navigationssoftware mit Neutralisierungsprogramm?«

»Äääh, wasss?«

Der Pro schaute irritiert. »Nein, dass nisst, aber der Ball fliegt sssön nach linkss, wenn man damit hookt!«

»Ne, will ich nicht, wenn ich schon was kaufe, dann nur das Neueste.«

Die Herren nickten zustimmend. Der Pro verkroch sich. Auf dem Weg zurück zu meinem Wagen summte ich ein kleines Lied….“

 

© by Eugen Pletsch, 2007

 

Über Eugen Pletsch

Eugen Pletsch

Die sonderbaren Erlebnisse, wundersamen Ereignisse und der ganze langweilige Alltag des Eugen Pletsch...

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