22.10.2020 - 05:03 Uhr

Hörte ich ein leises Aufatmen, nachdem offiziell wurde, dass der Ryder-Kelch auch in 2022 an uns vorübergehen würde?

Vielleicht ist es an der Zeit, sich von fixen Ideen zu lösen, die den deutschen Golfer genug Geld gekostet haben. Wozu brauchen wir den Ryder Cup? Damit sich hierzulande in Sachen ‚Golf in Deutschland‘ irgendetwas bewegt?
Träumt weiter, Freunde! Wir sind kein Golf-Land, basta. Und wenn England die EU verlassen sollte, dann können die den Ryder Cup meinetwegen wieder alleine gegen die USA austragen, wie sie das früher auch gemacht haben.

Interessanterweise wurde die Meldung, dass der Ryder Cup nach Italien verkappt wird, selbst von Medien kommuniziert, von denen ich gar nicht wusste, dass sie so etwas wie eine Golf-Redaktion haben. Besonders die Süddeutsche, die das Thema Golf in ein Beilagenformat für Golfreisen & PR outgesourct hat, spricht deutliche Worte. „Was ist euch der Ryder Cup wert?“ befasst sich mit dem Pelley-Poker, auch der Kommentar von Claudio Catuogno ist lesenswert.

Es wird viel gemunkelt, aber nichts ausgesprochen, denn man will auf keinen Fall als unsportlicher Verlierer dastehen. Marco Kaussler, der Leiter der Bewerbung RC Deutschland, der jede Menge Herzblut, Zeit und Nerven investiert hat und sich den Ausgang des „Bieterverfahrens“ ganz anders vorgestellt haben dürfte, meinte nur:
Natürlich sind wir enttäuscht. Das deutsche Gesamtpaket war aus unserer Sicht sehr stark und konkurrenzfähig. Politik, Wirtschaft und Sport standen geschlossen hinter einem Konzept, das alle Voraussetzungen für einen großartigen Ryder Cup 2022 geschaffen hätte. Die Ryder Cup Europe LLP hat sich dennoch für Italien entschieden. (…)“.

Was soll er auch sonst sagen. Dafür spricht das Pressefoto Bände: Kaussler schaut, als hätte er einen Besen gefressen. In den sozialen Medien wird er weitgehend geschont, sogar bemitleidet. Während man das Desaster der ersten Ryder Cup-Bewerbung der provinziellen Arroganz des Bewerber-Teams anlasten konnte, ist Kaussler kaum ein Vorwurf dafür zu machen, dass BMW und ALLIANZ, die finanzielle Schwergewichte im Bieter-Paket, keine Koffer unter dem Tisch durchschieben wollten. Nach Beckenbauers Sommermärchen ist man vorsichtig geworden.

Selbst ‚kritische Golfjournalisten‘ (Polemik) werden in Heft 1/2016 kein Kaussler-Bashing anstimmen. Schließlich ist das Thema ohnehin durch, das nächste PGA-Turnier kommt bestimmt und wer es geschafft hat sich an der Pressedomina vorbei zu stemmen, um an die Futtertröge im BMW-Pressezelt zu kommen, wird es sich auch mit Kaussler nicht verderben wollen.
Dass Kaussler das ‚seriöse Bieterverfahren‘ tatsächlich als Möglichkeit ansah, die Ryder-Schüssel ins osteuropäische Hinterland zu tragen, wäre das Einzige, was man ihm anlasten könnte.

Golf-Prophet Oliver Heuler sieht den Ryder Cup ohnehin kritisch:
Ich war 1993 beim Ryder Cup in Belfry, und das war meine letzte Großveranstaltung dieser Art. Ja, ganz nett mal dabei gewesen zu sein. Da hat man was zu erzählen. Aber nach dem ersten Vormittag Rumlaufen habe ich 2 1/2 Tage im Pressezelt gesessen und es im Fernsehen verfolgt, weil man auf dem Platz einfach nichts gesehen hat. Wenn sich 30-50.000 Leute auf wenige Flights verteilen, dann hat man um jedes Loch 7er-Reihen. Um in die erste Reihe zu gelangen, muss man fünf Löcher voraus laufen. Da steht man dann eine Stunde lang und starrt das Gras an. Das kann ich wirklich keinem Golfer mit gutem Gewissen empfehlen.“

Vielleicht hat ein Golflehrer keinen besonderen Spaß am Ryder Cup, weil er ein Leben lang rumsteht und das Gras anstarrt. Trotzdem scheint mir Heulers Kritik berechtigt. Dass diese drei Tage “Sport, Spiel und Spannung“ nun nach Italien entsorgt wurden, nimmt auch Claus M. Kobold „selbstverständlich sportlich“.
(Wer Kobold nicht kennt: er ist die sportliche Version eines Präsidenten des Deutschen Golf Verbandes).
Leider endet sein Statement zur Ryder-Verkappung mit der unverhohlenen Drohung, den Golfsport in Deutschland weiterentwickeln zu wollen, was meine Vermutung bestätigt, dass Deutschland in Sachen Golf ein Entwicklungsland ist.
Und in einem Entwicklungsland haben Fußballweltmeisterschaften, Olympiaden und selbst der Ryder Cup nichts zu suchen.
Rein sportlich, meine ich natürlich, denn unter der finanziellen Perspektive kann es für eine kleine „Elite“ ziemlich lukrativ sein, womit wir wieder bei Keith Pelley sind, der vermutlich genug abgestaubt hat, um seinen ewighungrigen Patenkindern die Antrittsgelder der nächsten 10 Jahre auszahlen zu können.

Warum Keith ‚Corruzione‘ Pelley, der neue Chef des Ryder-Cup-Inhabers ‚European Tour‘ so scharf auf frisches Geld ist, erklärt Wolfgang Schäffler in der FAZ:
„Die Ryder Cup Europe LLC, die den das Spektakel in Europa ausrichtet, gehört zu sechzig Prozent der European Tour, zu jeweils zwanzig der PGA of Great Britain und der PGA of Europe, den Vereinigungen der Profigolfer.
Die europäische Veranstaltungsserie ist als „Limited by guarantee“ in Großbritannien organisiert, ein Konstrukt für Firmen ohne Gewinnabsicht. Ziel dieser Turnierserie ist es, für ihre Mitglieder, den Tourspielern, lukrative Veranstaltungen zu organisieren und möglichst hohe Einnahmen zu generieren. Und der Ryder Cup ist die Cash Cow der European Tour – und die wird kräftig gemolken.“

Es geht also letztendlich nur darum, die Habgier von jungen Kerlen zu befriedigen, die nichts anders im Kopf haben als noch mehr Kohle zu machen, um noch mehr Ferraris zu Schrott fahren zu können.
Sind das die richtigen Idole für unsere Jugend? Hatten sich die DGV-Mitglieder tatsächlich bereit erklärt, via Umlage insgesamt 18 Millionen Euro für den Ryder Cup 2022 aufzubringen?

Man greife sich an den Kopf und frage sich, wer da noch bei Trost ist, denn dass Deutschland durch den Ryder Cup zu einem golferischen Wunderland erblühen könnte, daran glaubt nun wirklich niemand aus der Branche.

Wenn Keith Pelley sein Ding durchzieht, damit ein paar verwöhnte Bengel drei Tage das große Zittern kriegen, dann hat das mit der Förderung des Golfsports in Deutschland absolut nichts zu tun. Nada. Den erhofften Boris-Becker Effekt würde es nicht auch geben, denn dieses ‚Idol‘ wirkt auf Jugendliche mittlerweile eher abschreckend.

Und wer, bitte schön, hätte da spielen sollen? Ich meine: aus deutscher Sicht!

Kaymer? Ob der bis 2022 wieder in der Spur ist? Oh, Bernhard Langer, natürlich – der könnte es ins Team schaffen. Aber sonst? Deutschland hat es nun mal nicht so mit der Massenproduktion von Spitzengolfern. Ein Jahrhundertgolfer pro Jahrhundert reicht – und den hatten wir schon.
Das führt mal wieder zu der üblichen Frage, warum wir keine breitere sportliche Spitze haben. Die Antwort habe ich längst gegeben! Seit fast zwei Jahren habe ich das Buch Golfheroen vor Jürgen Diethe auf der Cybergolf-Startseite verlinkt, aber ich fresse Kausslers Besen, wenn da jemals irgendeiner unserer Ryder-Kopferten reingelesen hätte.
Geschweige denn, dass sich ein DGV-Soziologe (haben die einen?) mit der Frage befasst hätte, welche Jugendlichen  aus welchen sozialen Schichten zum Golfsport kommen, welche Leistungen sie bringen und wie lange sie am Ball bleiben.
Wir kennen das doch alle aus den Clubs: jahrelange Jugendförderung, dann, irgendwann einstellig, wird der Knabe oder das Mädel von einem 'bessern Club' abgeworben und kurz nach dem 1. Kuss entdeckt man eine Welt, die mit Golf nichts mehr zu tun haben will.
Die Frage ist also: Für welche Jugendlichen wäre der Beruf des Profigolfers mit sozialem Aufstieg verbunden und für wen wäre das Golfer-Dasein ein gesellschaftlicher Abstieg, der höchstens dann akzeptiert wird, wenn der Sohn aus gutem Hause sonst nichts gestemmt bekommt.
Wenn nicht genug Spitzengolfer dabei herauskommen, können wir uns die ganze Jugendförderei schenken. Wozu Kinder aus Familien ‚fördern‘, die genug Geld haben und für die der Golfsport keine echte Perspektive darstellt?
Ich weiß: Ganz gefährliches Thema, ganz heißes Eisen – trotzdem meine ich, dass diese Investitionen nur Sinn machen, wenn was bei rumkommt. Oder?

Vielleicht stammt der nächste ‚deutsche‘ Spitzengolfer aus Syrien? Aber wie kommt der in einen Golfclub? Ein Studie zum sozialen Hintergrund jugendlicher Golfer würde schnell zeigen, was zu fördern wäre: Der öffentliche Golfsport, damit die Langers, Siems und Cejkas der nächsten Generation, die aus den ‚unteren sozialen Schichten’ kommen werden, eine Chance hätten.
Stattdessen war man bereit, 18 Mio. in eine Millionärs-Orgie kurz vor der polnischen Grenze zu investieren, irgendwo in Pegida-Land, wo man seiner BMW-Limousine gerade noch hätte ‚Lebewohl‘ sagen können, bevor sie in Moskau ausschlachtet wird.

Spinnen die Römer?

Wer immer die erneute Absage kommentierte, den Ryder Cup in Deutschland auszutragen, ergeht sich in leisen Andeutungen und der unausgesprochenen Vermutung, dass der Ryder Cup von denen gekauft wurde, die in Italien das Geld haben. Damit ist nicht der Staat gemeint, auch keine Modefirma, sondern jener Staat im Staat, der Macht und Mittel hat, diesen Event zu kaufen, um daraus maximale Gewinne zu ziehen. Eugenn Pletsch mit Ryder Cup

Nein, die Römer spinnen keineswegs!

Seit Lampedusa hat Italien viel Erfahrung mit internationalen Besucherströmen gesammelt und der Umgang der Polizei mit den Gegner des Weltwirtschaftsgipfels hat bewiesen, wie herzlich und großzügig man Gästen aus aller Welt begegnet.
Wer es 2022 als Besucher nach Rom schaffen sollte, wird das merken, zum Beispiel in Restaurants, in denen selbst Millionäre zucken werden, wenn ihnen die Rechnung für zwei Cappuccino und zwei kleine Eis präsentiert wird.

Auch die Sicherheitsfrage wird kein Problem werden, denn sofern die IS Italien 2022 noch nicht eingenommen hat, werden die für Sicherheit sorgen, die auch das Geld besorgt haben und deren einzige Finanzkrise darin besteht, dass sie nicht wissen, wohin mit dem vielen Bargeld.

„Die acht Millionen in Bar lagen in einem Koffer vor mir, eine halbe Millionen war für mich.“

Die Geschichte „Schwarzgeld auf dem Tisch“ handelt von einem Projektentwickler, der die Investitionen eines Italieners verwalten soll. Die Mafia will und muss ihr Geld anlegen und ist ständig auf der Suche nach lohnenden Investments. Vor ein paar Jahren kam ihnen die Idee in Erneuerbare Energien zu investieren. Die Geldvolumen aus Drogen-, Waffen-, und Menschenhandel, die in die ‚normale Wirtschaft‘ reinvestiert werden, sind größer als manche Volkswirtschaften. Sie können Politiker, Firmen, Banken, ganze Systeme aufkaufen, was sie auch tun. Anders ist die Welt nicht zu erklären.

Der Ryder Cup ist eine ideale Möglichkeit, Geld loszuwerden, um noch mehr Geld zu scheffeln. Aber darüber werden in den deutschen Medien nur leise Andeutungen gemacht, denn wer weiß schon, wem die eigene Zeitung eigentlich gehört.

Für Keith Pelley (Spitzname ‚Das Frettchen‘) ist das die perfekte Win/Win-Beziehung, während sich allen, die noch eine vage Erinnerung an den ‚Spirit of Golf‘ haben, der Magen umdreht.

Aber es gibt noch ganz andere Gründe, warum man Rom den Buckeln, Pisten und Sandkuhlen vom Scharmützelsee den Vorzug gibt: Die Krise von Tiger Woods hat gezeigt, dass Spitzensportler persönliche Bedürfnisse haben und die Nutten von Rom haben nun mal einen ausgezeichneten Ruf, was nicht nur Kardinäle und Sportfunktionäre bestätigen werden. Oder auf bayrisch gesagt: In Rom wird kein Strauß den Kopf in den Sand stecken – dazu ist das Klima zu feucht!

Also: Auf nach Rom, wohin bekanntlich viele Wege führen.  

Eugen Pletsch

Über Eugen Pletsch

Eugen Pletsch

Die sonderbaren Erlebnisse, wundersamen Ereignisse und der ganze langweilige Alltag des Eugen Pletsch...

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