08.08.2020 - 04:20 Uhr

Es war ein paar Tage nach Weihnachten, als sich die Sonne erstmals wieder blicken ließ. Mit gelblichen Zähnen bleckte sie vom Himmel herab und sofort schossen die Golfer, die entnervt auf ihren Regenradar-App starrten, wie Hasen aus dem Bau.

Ich war an diesem einzigen Sonnentag der Woche leider indisponiert, trotzdem zog es mich zum Club. Obwohl die Vernunft mahnte, es bleiben zu lassen  (es fühlte sich nach Magen-Darm-Infektion an)  startete ich mit einem Clubkameraden. Bereits auf der zweiten Bahn machte sich ein gewisses Drängen bemerkbar, weshalb ein Rückzug zum Clubhaus dringend geboten schien, aber am Himmel leuchtete eine helle Sonne und ich dachte nicht daran gleich umzukehren.

Erst auf der vierten Bahn kam ich zur Vernunft. Mein  Mitspieler heuchelte Verständnis, auch wenn er den Ball an diesem Tag so gut traf, dass er eigentlich eines Zeugen bedurft hätte. Aber nix da. Die vierte Bahn spielte ich noch mit, die Krämpfe wie Wehen wegatmend, aber vom vierten Grün lief ich sofort zum 11. Abschlag, auf dem ein mir unbekannter Herr stand, der offensichtlich plante, seinen Ball ins Tal zu befördern. 

Die 11 führt in Winnerod direkt zum Clubhaus, also fragte ich, ob ich mit abschlagen dürfte. Einfach zum Clubhaus zu laufen, kam mir in dem Moment, bei allem Drängen, ehrlich gesagt überhaupt nicht in den Sinn. Der Herr, offensichtlich über jede Gesellschaft erfreut, die ihn beim Suchen unterstützen könnte, begrüßte mich, um sich dann einer Aufgabe zuzuwenden, die eine gewisse Zeit erforderte. Mit großer Finesse nahm er seinen Stand ein, berechnete, wie mir schien dies und das, zum Beispiel den Abstand zum Ball als auch den Einfallwinkel, mit dem der Schläger in den Ball stürzen würde und nach erheblichen Schnaufen und Überdenken der Lage folgte ein wuchtiger Schwung, der den Ball nach etwa 30 Metern im linken Rough verschwinden ließ.

Mein Mitspieler atmete schwer. Schnell schlug ich ab und mein Ball segelte ins Tal, um irgendwo im Matsch einzuschlagen. Ich hatte mir gut gemerkt wo sich sein Ball versteckt hielt und steuerte zielstrebig ins Fette, wo ich ihn schnell fand. Ich hoffte, dass wir bald ins Tal kämen, denn das Drängen ließ nicht nach. Es folgte ein Hacker, dann noch einer, dann war der Ball endlich wieder auf der Bahn. Er schaute kritisch. Sein Schweißtüchlein betupfte die nasse Stirn.

„Es war mir schon mehrfach vergönnt, dieses Par 4 mit einer 7 abzuschließen“, sagte er mit leisem Stolz. „Das dürfte heute schwierig werden“, fügte er wehmütig hinzu und ging zu seinem Ball, um in der Ruhe liegt die Kraft noch mal über all das nachzudenken, was ihm vermutlich ein Golflehrer eingebläut hatte. Dann schlug er erneut zu, worauf sein Ball durch den Matsch hoppelte, um allzu schnell liegenzubleiben.

„Was ist heute nur los?“ fragte er laut. Diese Frage hatte ich schon allzu oft gehört und mir auch häufig selbst gestellt.
 „Solche Tage gibt es“, erwiderte ich, der ich den Waschräumen entgegenfieberte. „Manchmal ist es am besten, man hebt auf, vergisst das Loch.“
„Vollkommen richtig“ sagte er und ging zu seinem Ball, aber anstatt ihn aufzuheben, begann er erneut mit seinem Vermessungs-Ritual, das er offensichtlich für eine PreShot Routine hielt. „Vollkommen richtig“, wiederholte er. Wenn ich mein erstes Turnier spiele, dann werde ich das so machen. Habe schon viel über Mentalgolf gelesen, wobei ich mir kaum vorstellen kann, dass mich das Thema selbst irgendwann betreffen wird. Ich bin mental sehr stark.“ Sprachs, hackte erneut und so ging es weiter.

Endlich kamen wir bei meinem Ball an, den mit der mir üblichen geschmeidigen Eleganz Richtung Fahne schlagen wollte, als mir im Schlag ein fiel, was passieren könnte, wenn ich entspannt loslassen würde. Augenblicklich riss ich mich zusammen, worauf mein Ball – nicht getoppt, aber sehr flach – über den Bach Richtung Grün driftete und im rechten Vorgrün liegen blieb. Das Ergebnis war gar nicht so schlecht, da ich den zweiten Schlag aus ähnlicher  Position sonst häufig mit einem Hook in den linken Grünbunker verziehe.

Auch mein Mitspieler traf schließlich, sozusagen aus der Fülle seines Leibes und mit gewaltiger Wucht, worauf sein Ball über das 11. Grün, über die Straße und Richtung 18. Grün flog.  Ich war mittlerweile in der roten Zone angekommen, in der wenn man die Scheißerei hat kaum noch Spielraum besteht, das Klo rechtzeitig zu erreichen.

„Sie gehen weiter“, fragte ich und versuchte Haltung zu bewahren. Er nickte auf dem Weg zu seinem Ball.

„Ich muss leider … dringend …. machen Sie es gut, viel Spaß noch…“. Jetz drängte es in mir wirklich.

Ich gab ihm die Hand, pickte meinen Ball auf und flüchtete zur Herrengarderobe, die leider abgeschlossen war, weil auch ein Golfclub  zur Jahreswende mal ein paar Tage Pause braucht.



 


Über Eugen Pletsch

Eugen Pletsch

Die sonderbaren Erlebnisse, wundersamen Ereignisse und der ganze langweilige Alltag des Eugen Pletsch...

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