25.10.2020 - 09:06 Uhr

Alwin Schopenhauer, in väterlicher Linie um ein paar Ecken verwandt mit großen Philosophen, hielt sich an seinem Putter fest und plätscherte mit den Füßen im Teich am Grün der 15. Bahn (PAR 3, 147 Meter).

Er dachte nach. Dabei konnte er sich an viele Geschehnisse in seinem Leben erinnern. Zum Beispiel an seine Firmung, seine Ängste vor einem frühen Tod nach dem (fiktiven) Biss einer Blindschleiche, seine Einschulung, bei der ihn seine dicke Tante Herta begleitete (seine Mutter war indisponiert) und seine erste erotische Erfahrung, die er mit 12 Jahren auf einem Bauernhof im Fränkischen machte, als er mit Sonja Lippschild im Heu balgte und sie dabei mit den Armen so fest umschloss, dass er ihr Herz pochen hörte.
Er erinnerte sich in allen Einzelheiten an seinen beruflichen Werdegang als Bauzeichner und seine Heirat mit Elvira Stütz-Mauser, die darauf bestand, fürderhin Frau Stütz-Mauser-Schopenhauer genannt zu werden. Nur die Gründe, die nach kurzer Zeit zur Scheidung führten, waren ihm im Moment nicht ganz präsent.

Dafür umso lebhafter die Erinnerungen an seine ersten Versuche auf dem Golfplatz unter Anleitung des schottischen Golfprofessionals Alan Jets, der ihn auf traditionelle Weise in die Geheimnisse jenes königlichen Spiels einweihte, dem er sich alsbald mit einer solchen Inbrunst hingab, dass seine Frau die Scheidung einreichte (ach ja, da haben wir es: Das war der Scheidungsgrund!).

Befreit von häuslichem Unfrieden konnte Alwin sein Handicap in jenem sagenhaften Sommer 97 (in dem aber auch wirklich alles klappte) auf seine persönliche Bestmarke von 16,4 senken, was er, der er im Club als der „knauserige Alwin“ bezeichnet wurde – ausgiebig und unvergessen – zu feiern wusste, in dem er seine Spielpartner zu der Flasche Apfelschorle einlud, die sich noch halbvoll und leider etwas angewärmt in seinem Bag befand.
Schließlich – er wusste es noch wie heute – gewann er 2004 die Seniorenclubmeisterschaft, wozu ihm sein früherer, mittlerweile verrenteter Pro Alan Jets mittels einer Humor-Postkarte gratulierte, die in Glasgow abgeschickt wurde. Die Postkarte zeigte das entblößte Hinterteil einer jungen Dame sowie die Aufschrift „Champions hole everywhere!“, was ihm im Moment der Zustellung durch eine junge Postbedienstete sehr peinlich war.
An all diese Dinge konnte er sich also sehr gut erinnern, nur an eines nicht: Warum er am Grün der 15. Bahn (PAR 3, 147 Meter) saß und mit den Füßen im Teich plätscherte. Wie er dahin gekommen war, daran konnte er sich beim besten Willen nicht mehr erinnern.

PS: Schopenhauers Hausarzt Dr. Meuselwitz, der, vom Marshall benachrichtigt, mal rasch mit dem Cart von der 11 rüberfuhr um nach dem Rechten zu sehen, fand Schopenhauers Zustand nicht besorgniserregend. „Erinnerungslücken sind in diesem Club wie ein Virus" sagte er lachend, womit er auf die Zählgewohnheiten seines Clubkameraden Hubert Kleinschmidt anspielte.

 

Über Eugen Pletsch

Eugen Pletsch

Die sonderbaren Erlebnisse, wundersamen Ereignisse und der ganze langweilige Alltag des Eugen Pletsch...

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