22.10.2020 - 05:35 Uhr

Das Schicksal hat für jeden eine Überraschung parat. Wer es zum Beispiel als Buchhändler zu etwas bringen will, kann den Taxischein machen, um Außenminister zu werden. 

Jetzt bietet auch der Golfsport neben manchem Schicksalsschlag rosige Aussichten: Wer eine Stammvorgabe von  -18,4 (!) hat, einigermaßen Deutsch spricht und einen Schulabschluss nachweisen kann, darf sich jetzt im „Traumberuf  Golflehrer“ versuchen. 

Aber aufgepasst, Ihr Träumer: Ein Golflehrer ist längst nicht mehr der nette Schwungdoktor von einst. Wie die PGA in einer Pressemeldung erklärte, ist der moderne Golfprofessional gleichzeitig Golfschulbetreiber, ProShop-Besitzer, Clubmanager sowie Golfdirektor und berät sogar Industrie und Medien! Ein „Pro“ ist somit ein „Experte in allen Fragen des Golfsports“ und ein “kompetenter Vermittler des Game of Golf“ geworden.

Der neue Ausbildungsgang zum „Fully Qualified PGA Professional“ beinhaltet eine dreijährige Berufsausbildung mit praktischer Schulung im Club und überbetrieblichen Seminaren. Neu ist auch das zweistufige modulares Grundsystem, die Zwischenstufe des PGA-Assistenten und der vorgeschaltete PGA PreCourse. Damit passe man sich den „veränderten Bedürfnissen des Marktes an.

Der Golfmarkt ist in Bewegung. Wir bewegen uns mit ihm“, erklärte PGA-Präsident Stefan Quirmbach.

Richtig so, denn die Zeit bleibt nicht stehen! Unter dem Motto „Masse statt Klasse macht Kasse“ hält die PGA endlich Schritt, indem sie sich den neuen, modernen „internationalen Ausbildungsstandards“ anpasst. 

Das Golfspiel wird ohnehin vollkommen überbewertet.

Laut Umfragen erwarten erlebnisorientierte Randgruppensportler „multioptionalen Freizeitspaß“. Weil es „wirtschaftlich nicht immer sinnvoll“ ist, stets vollqualifizierte Professionals einzusetzen,  schuf die PGA deshalb den PGA-Assistenten.
Um ein einheitliches Ausgangsniveau zu garantieren, wird dem neuen Ausbildungsgang ein dreimonatiger „PreCourse“ vorgeschaltet, es sei denn, der Adept entscheidet sich für ein immerhin 30-tägiges (!) Praktikum in einem Golfclub. Während der Ausbildung kommt natürlich auch der Golfschwung zur Sprache, zumal „die Schulung von Kindern und Jugendlichen, sowie erwachsenen Golf-Neulingen im Einzel- und Gruppenunterricht als Schwerpunkt der Ausbildung“ angesehen wird.
Trotzdem sollte das strittige Thema „Golfschwung“ die Ausbildung nicht unnötig verkomplizieren, weshalb die bisherige Vollzeit-Ausbildung bei einem Ausbilder entfällt. Aber keine Sorge: Die Kompetenz, eine Platzreifeprüfung abzunehmen, bleibt auf jeden Fall gesichert!

Für die Golfbetriebe besteht das große Plus darin, dass sie ihre Azubis „mit Beginn der eigentlichen Ausbildung sofort viel breiter einsetzen können“. Buggies waschen, Bälle aufsammeln und Zäune flicken, alles was bisher die Schwarzkasse eines Clubs belastete, muss nicht mehr von Migranten ohne jedwede modulare Grundausbildung erledigt werden.

Ein weiterer Vorteil der Reform ist etwas, wovon jeder Automechaniker-Lehrling nur träumen kann: Wer am Ende der dreijährigen Ausbildung die Prüfung zum „Fully Qualified PGA Golfprofessional“ dreimal nicht besteht oder seine Spielfähigkeit bis dahin nicht in ausreichendem Maße nachweisen kann, muss sich beruflich nicht neu orientieren. Als PGA-Assistent darf er Einsteiger-Unterricht erteilen und steht somit nicht mit leeren Händen da. Jedenfalls muss er keinen Taxisschein machen, um nach der Zwischenetappe Außenminister als dicker Unternehmensberater zu enden. 

Erschienen in GOLFTIME -6-2011

(c) by Eugen Pletsch, 2011

Über Eugen Pletsch

Eugen Pletsch

Die sonderbaren Erlebnisse, wundersamen Ereignisse und der ganze langweilige Alltag des Eugen Pletsch...

Anzeige
Anzeige
Anzeige

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.