22.10.2020 - 04:54 Uhr

Das erste Turnier der Saison wurde in diesem Jahr bei uns am Ostermontag als Chapman-Vierer ausgetragen. Ich habe nur vage Erinnerungen an das Turnier im Vorjahr, aber Frau Oelmann meinte, wir wären damals Brutto-Sieger gewesen...

Soweit ich mich entsinne, bekamen wir zu unserem Preis auch zwei Schoko-Osterhasen, die in der Hitze geschmolzen waren. Dass Frau Oelmann dieses Turnier mit mir erneut spielen wollte, freute mich einerseits, aber unser Manager musste alle Hebel in Bewegung setzen um zwei Personen zu finden, die bereit waren, mit mir über 18 Loch zu gehen.

Wenn wir die Kälte mal ausblenden, war es ein schöner Tag und unsere Etikette-festen fröhlichen Mitspieler glänzten mit langen Schlägen aus allen Lagen (Mischa) und Nervenstärke (Ute), weshalb die beiden verdient das 2. Netto ihrer Klasse erspielen konnten.
Bei der Siegerehrung wurden drei Reisen nach Marokko verlost und da Frau Oelmann bei ihren Besuchen in den letzten Jahren IMMER einen Preis einkassiert hatte, war es klar, dass sie bei der Tombola zuschlagen würde. Zuvor wurde jedoch deutlich gemacht, dass man den Antritt der Reise zu- oder absagen musste. Ticket kassieren und verschenken oder verkaufen war ausgeschlossen und so kam es, dass Frau Oelmann ihre Reise nach Marrakesch zwar gewann, aber dankend ablehnte. Sabine in Marokko wäre eine spannende Story geworden, aber sie ist, wie ich, ein eher heimisches Geblüt, die auf ihrer Ruhrpott-Heide alles findet, was sie für ihr Linkshänder-Spiel, ob mit oder ohne Hickory, braucht.

Mittwoch 15.4.2015
Besuch in Baden Baden. Es gibt kaum einen schöneren Ort, um den Frühling begrüßen zu dürfen als die prachtvolle Park- und Gartenanlage "Lichtentaler Allee" mit ihren farbenfrohen Krokussen und Narzissen. Wie bei früheren Reisen nach Baden Baden begleitete mich Tatjana als Russisch-Dolmetscherin.
Wir besuchten eine Ausstellung, streiften durch Boutiquen, Antiquitätenläden und Geschäfte in den historischen Kurhaus-Kolonnaden und der Innenstadt. Ich war auf der Suche nach einer irischen Tweed-Kappe mit Fischgratmuster, wie ich sie auf meinem Lesungs-Plakat trage. Die Kappe habe ich irgendwo verloren und suche seitdem nach Ersatz. Leider ergebnislos, denn die altmodischen Herrenausstatter, von denen es in Baden Baden einige gab, sind mittlerweile dem Zeitgeist gewichen. Abendessen in der „Prager Stube“, wobei wir Petr Jandls Rat befolgten, indem wir die bekannten tschechischen Biere mieden und uns an einer unbekannten tschechischen Biermarke ergötzten.

Donnerstag 16.4.2015
Ein sonniger Morgen. Wir schlenderten durch die "Lichtentaler Allee" und machten letzte Besorgungen in der Altstadt. Um die Mittagszeit fuhren wir zum Golfclub Baden Baden, wo uns der Clubmanager begrüßte. Wir speisten im Club, dessen vorzügliche Gastronomie ich in bester Erinnerung hatte. Wir wurden nicht enttäuscht.
Nach dem Kaffee startete ich mit einem halben Schlägersatz, Tatjana begleitete mich. Das Knie knirschte und wir ließen offen, ob ich 9 oder 18 Loch würde gehen können. Jeder, der glaubt einen langen, geraden Ball schlagen zu können, sollte nach Baden Baden fahren, um sein Spiel zu prüfen.
Der Platz ist knifflig und die engen Bahnen machen manche Hoffnung zunichte. Ich schlug mich einigermaßen wacker, vermutlich, weil ich den Frühling genoss, anstatt mich von meinen Ambitionen auffressen zu lassen. Der Platz war in einem für die Jahreszeit angemessenen Zustand, die Ausblicke atemberaubend. Während der Heimweise fiel mir ein, dass die US Masters in Augusta, Georgia beginnen, was mich aber nicht mehr so fasziniert, wie zu der Zeit, als ich die Übertragungen noch in englischer Sprache verfolgen konnte und Kommentatoren wie Alex Hay und Peter Alliss am Mikrofon saßen.

Freitag 17.5.2015
Wollte am Morgen flotte 9 Loch spielen, aber irgendwie fehlt mir der Antrieb. Der Marsch über 18 Loch in Baden Baden hatte mich ziemlich geschlaucht. War heute nicht sonst noch was? Ach ja, das Hearing beim DGV-Verbandstag! Ich hatte mich nicht angemeldet. Wozu auch. Soll ich mir den Tag verderben um zuzuhören, wie das Golf-Rad wieder zurückgedreht wird?

Samstag 18.5.2015
Die ersten Pressemeldungen des DGV trudeln ein. Gerade jetzt, wo sich der DGV zu bewegen schien, sorgen die üblichen Heckenschützen für Stillstand. Tim schrieb mir, dass man das neue DGV-Präsidium auch von jeglicher Weiblichkeit befreit hätte. Wie viele Golferinnen haben wir in Deutschland? Ich frage mich, wie lange sich unsere Damen das noch bieten lassen.
Atavistische Rudelkämpfe mögen eine Männer-Domäne sein, aber der konstruktiven, nicht nur von Machtbedürfnissen geprägten Verbandsarbeit gehört die Zukunft, wenn sich der Golfsport in diesem Land weiterentwickeln soll. Die Frage ist nur, ob sich der Golfsport wirklich weiterentwickeln soll und wohin.

Sonntag 12.4.2015
Das Wetter ist gut, der Platz gut besucht, aber es geht überraschend schnell voran. Wir spielen erquickliche 18 Loch. Abends steht das MASTERS auf dem Programm. Die "ehrenwerten Gentleman“, die diesen Club bevölkern verfügen über eine „unglaubliche Monopolisierung von politischer, ökonomischer und ideologischer Macht“, wie sie die Menschheit in ihrer Geschichte noch nicht erlebt hat. Man lese dazu Jean Ziegler[1].
Doch das alles juckt keinen Profigolfer, schon gar nicht den jungen Jordan Spieth, der die US Masters gewinnt.

13.4.2015
Seit meine Eisen verlängert wurden, hakt es bei meinem kurzen Spiel. Fahre deshalb nach Winnerod, um etwas zu üben. Lande schließlich auf dem großen Platz und quäle mich mit der Frage, ob ich zwischen dem Driver und dem Hybrid noch ein Fairwayholz – von sagen wir mal – 16 -18 Grad brauche? Solche Fragen mögen in Anbetracht der Weltlage unbedeutend sein, aber ein Golfneurosenzüchter hat nun mal nun die kleinen Fragen seines spielerischen Alltags auf dem Schirm. Oder sollte ich tief Luft holen und die Veränderungen beim DGV kommentieren? Nein, keine Angst. 

15.4.2015
Ein Turnier zu vermasseln ist keine Schande, sofern man etwas daraus lernt. Ob ich irgendetwas aus unserem Herrenmittwoch gelernt habe, ist noch offen. Aber immerhin bin ich meiner Turnier-Phobie bereits früh im Jahr entgegengetreten und wurde mit zwei angenehmen Mitspielern belohnt. Auf den drei Par 3 Löchern der Backnine spiele ich jeweils einen Doppelbogey, womit ich mich aus dem Puffer schieße. Es waren strategische Fehler und Unsicherheiten bei den Annäherungen, die nicht die gewohnte Qualität hatten. Die Grüns sind bereits flott, aber noch ruppig. Für treue Grüns ist es noch zu früh im Jahr und so bleibt es nicht aus, dass man Federn lässt. 32 Punkte sind zum Jahresanfang OK und ich weiß, woran ich zu arbeiten habe.

16.4.2015
"radio EINS", ein öffentlich rechtlicher Sender, der dem "rbb" angehört, fragt an, ob ich Lust und Zeit hätte, im Rahmen eines kurzen telefonischen Interviews (5-7 Minuten) etwas über mein Buch "Der Weg der weißen Kugel“ zu sagen, sowie ein paar grundsätzliche Fragen zum Thema Golf zu beantworten. Leichtfertig sage ich zu und verbringe den Rest des Tages damit, mir zu überlegen, wie ich grundsätzliche Fragen zum Thema Golf beantworten würde. Solche Antworten fallen mir am besten beim Golf spielen ein, weshalb ich nach Winnerod fahre. Auf der Runde teste ich zwei Fairway-Hölzer, die mir unser Head Pro mit einem Flex zusammenschraubt, den man sonst höchstens beim ‚Fliegenfischen‘ verwenden würde.

17.4.2015
Wie vereinbart ruft mich der Redakteur vom rbb an und wir unterhalten uns einen Moment. Das Thema der Sendung sei GRÜN, erzählte er und beim Golf gäbe es ja auch ein GRÜN. Er habe den „Weg der weißen Kugel“ schon länger im Schrank, spiele aber kein Golf. Ich erzähle zurück, wie ich einst die heutige Kriegstreiberpartei der GRÜNEN auf der Wahlkampftour der ‚Grünen Raupe“ (auf ihrem Weg in den Bundestag unterstützt) habe, sage ein paar Takte zum deutschen Golf-Underground und der Cross-Golfer-Szene“. Sie würden dann kurz nach 11 nochmal anrufen und dann wird das Gespräch aufgezeichnet", antwortet der Redakteur.

Kurz nach 11 kommt der Anruf. Im Hörer erklingt ein Lied von einem „Brillenmann“. Klingt nach Neue Deutsche Welle. Dann spricht der Moderator irgendetwas von ‚coolen Hipstern‘ vom Penzlauer Berg … und jetzt käme ein nicht so cooles Thema, nämlich Golf. Er stellt mich als Golfexperten vor, was mich sofort durcheinanderbringt, weil ich mir unter einem „Golfexperten“ wirklich jemand Anderen vorstelle. Aber dazu sage ich nix. Stattdessen gehe ich auf die ‚coolen Hipster‘ ein. Mit diesem Begriff aus der Musiker- und Junkie-Szene sind heutzutage jedoch nicht die Typen gemeint, die Bill Borroughs einst in seinem „Naked Lunch“ beschrieb, sondern, so vermute ich, irgendwelche Pappnasen und Hohlköpfe mit NERD-Brillen, Scheitelfrisuren und Nikolausbärten. Ich verfasele mich wie üblich, der Moderator grätscht mir in den Satz und will wissen, ob Golf immernoch ein elitärer Sport ist und ob man Golf auch preiswert spielen kann. Was immer ich daraufhin gebrabbelt habe - kaum habe ich Luft geholt, ist das Gespräch auch schon zu Ende. Ich ärgere mich einen Moment, weil ich nur verwirrenden Blödsinn geredet habe, aber dann beruhige ich mich, denn „verwirrender Blödsinn“ ist genau das, was man von einem 'Expertengespräch' erwartet. In dem Sinn war es also gar nicht so schlecht. Trotzdem dachte ich den Rest des Tages über die Fragen des Moderators nach und wie ich sie kurz und knapp beantworten könnte.

Frage: „Ist Golf ein elitärer Sport?“

Antwort: „Wenn Sie mit elitär (wiki) ) einzelne ‚überdurchschnittlich qualifizierte Personen‘ oder die herrschenden bzw. einflussreichen Kreise und ökonomische Eliten einer Gesellschaft meinen, dann trifft das in manchen Golfclubs noch zu – selbst wenn Angehörige diese ‚Eliten‘ nach einer vermasselten Golfrunde erkennen, dass sie auch nicht mehr sind, als verzweifelte, kleine Menschlein, die ihr Elend mit Alkohol und schlechten Witzen zu betäuben versuchen.
Vielerorts wird der Golfsport jedoch auch von „Normalbürgern“ ausgeübt, die nach einer vermasselten Golfrunde ebenfalls verzweifelte, kleine Menschlein sind, die ihr Elend mit Alkohol und schlechten Witzen zu betäuben versuchen. Womit bewiesen ist, dass das Golfspiel alle Menschen gleicht macht.

Frage: „Kann man Golf auch preiswert spielen?“

Antwort: Ja. (Ausführliche Antwort siehe „Der Weg der weißen Kugel“)

18.4.2015
Telefoniere mit Rainer Mund. Wir verabreden uns für eine Runde im Golfpark Winnerod. Er würde mir bei der Gelegenheit mein PBI-Zertifikat mitbringen, das ich in seinem Seminar vergessen hatte.
„Eine ganz relaxte Runde“, sagt er, womit er vermutlich andeuten will, dass er kein Coaching von mir erwartet. Aber weil er sich auf die Seniorenmeisterschaften vorbereitet, werde ich ihm trotzdem ein ‚Mentaltraining a la Pletsch‘ verpassen. (Wer mit mir eine Runde spielt, hat die Nerven danach entweder blank liegen oder meisterschaftstauglich eingefettet).

Nachmittags angenehme elf Loch mit zwei Freunden bei immernoch kühler Witterung, dann Gartenarbeit. Mit der Machete hacke ich kleine Äste und achte auf den Treffpunkt und Treffmoment. Ich bin sicher, dass das meinem kurzen Spiel gut tun wird. Zack! Zack!
Nach der Arbeit verspüre ich ein Gefühl von innerer Ruhe und Zufriedenheit. Allein vom Kontakt mit der Erde kann das nicht kommen, denn ich hatte bereits den ganzen Nachmittag auf dem Golfplatz gegraben und Sand geschaufelt, was nicht unbedingt zu innerer Ruhe geführt hat. Vielleicht gibt es doch ein Leben jenseits der Fairways? Ich habe mich bereits vor Jahren gefragt, was hinter den Büschen liegen mag, in die meine Kameraden bisweilen verschwinden, um ihren Ball zu suchen? Wälder? Wiesen? Gärten?

19.4.2015
Mein Beitrag zu der  rbb-Sendung war gar nicht so schlimm, wie ich befürchtet habe. Ich versuche, mir auch den Rest der Sendung anzuhören, aber weil das Wetter so schön ist und ich meine Startzeit um 13 Uhr 30 nicht verpassen möchte, mache ich mich dann doch aus dem Staub. Wie spielen länger als fünf Stunden. Im Clubhaus sagen alle, auf dem Platz wäre alles gestaut gewesen. Ich vermute, wir waren der Stau.

Ihr / Euer

Eugen Pletsch

[1] https://www.trend.at/wirtschaft/jean-ziegler-kannibalische-weltordnung-5554523

 

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Über Eugen Pletsch

Eugen Pletsch

Die sonderbaren Erlebnisse, wundersamen Ereignisse und der ganze langweilige Alltag des Eugen Pletsch...

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