08.08.2020 - 16:19 Uhr

23.3.2015
Sitze bis zur letzten Minute an einem Text für eine Lesung und schaue immer wieder, ob ich nichts vergessen habe. Na gut – nicht ganz bis zur letzten Minute. Ich musste meine Golfsachen aus Winnerod holen, und weil ich nun schon mal da war, spielte ich neun Loch. Wollte dann noch ins Fitness-Center, um meine Kondition zu verbessern, schaffte es aber nur bis zur nächsten Pizzeria.

24.3.2015
Die Nacht war gar nicht so schlimm. Nur ein paar Albträume, die ausnahmsweise nichts mit dem DGV zu tun hatten. Immerhin muss ich mindestens zwei Stunden geschlafen haben und ältere Menschen brauchen angeblich nicht so viel Schlaf, eine These, an die ich mich jedoch erst noch gewöhnen muss.

Im Gastgeber-Club wurde ich herzlich begrüßt. Um einen kurzen Überblick über die Anlage zu bekommen, fuhr mich der Pro in einem Cart mit nagelneuen Navi über den Platz. Wir waren sozusagen die Versuchskaninchen, denn die neue GPS-Software war gerade installiert worden und der Pro tippte hin und wieder auf dem großen Display herum, das unter dem Dach des Wagens angebracht ist. Das GPS-System hat etliche Feature, von denen ich die meisten vergessen habe. Nur die Fähigkeit verlorengegangene und streunende Golfer aufzuspüren und einzufangen, ist mir in Erinnerung geblieben.
Die Weite der Anlage, die sich über zwei Seiten der angrenzenden Ortschaft erstreckt, lässt die Nutzung eines Carts sinnvoll erscheinen. Zu meiner Überraschung sah ich jedoch viele Spieler mit Trolley oder Carrybag.

„Ihr scheint hier ein zähes, erstaunlich fittes Völkchen zu sein,“ sagte ich, der ich bereits vom Fahren im Cart erschöpft war.

„Das sind nur die Taschenträger, die Sherpas“, erwiderte der Pro „die Golfer sind in den Büschen und suchen ihre Bälle“.

„Aha“, sagte ich und überlegte, ob ich ihm von meinem früheren Leben in Tibet erzählen sollte, wo wir Yetis suchen ließen, weil die unsere Bälle (aus Yak-Dung) mit ihrem feinen Geruchsinn über Meilen erschnuppern konnten?

Ich beschloss jedoch, die Dinge langsam anzugehen, um den jungen Pro nicht zu verschrecken. Schließlich wollte er auch zur Lesung kommen, wozu sich bisher nur wenige Golflehrer aufraffen konnten – aus gutem Grund, würde ich mal sagen.
Während wir über Steilhänge, Abgründe und Bergpässe rasten, verkrallte ich mich ängstlich im Regenanzug des Pro, der immer wieder beruhigend auf mich einsprach. Gottlob wurde unsere Position jede Sekunde per GPS übertragen und von den Club Car-Fachleuten sowie der NASA, vermutlich auch der NSA, überwacht, worauf sich bei mir mit der Zeit ein Gefühl von Sicherheit einstellte.

Erschöpft von der Bergtour fuhr ich ins Hotel, um mich vor der Lesung etwas auszuruhen.

Pünktlich um 18 Uhr 30 war der Raum gefüllt und der berühmte Autor, von dem kaum einer der Besucher je etwas gehört hatte, wurde von Seiten des Vorstandes freundlich anmoderiert.
Beharrlich wies man darauf hin, dass man meine Bücher auch kaufen könne, ein Hinweis, zu dem ich selbst viel zu schüchtern bin.
Ich hatte meine Bücher auf einem kleinen Tisch hinter mir versteckt, aber kaum war die Lesung beendet (sogar die Prominentenzahnarzt-Geschichte hatte ich gelesen) stürzten die Zuhörer zum Büchertisch. Da ich während der Lesung angedeutet hatte, dass es sich bei meinem Werk „Golfgaga - der Fluch der weißen Kugel“ um eine subtile Liebegeschichte mit Sanatoriums-Hintergrund handelt, wurde ich von der weiblichen Zuhörerschaft geradezu überrannt. Sie schubsten wie am Wühltisch, kämpften um die letzten Exemplare von „Golf Gaga“ und ich rief immer wieder: „Bitte, bitte, meine Damen…immer der Reihe nach!“, bis mich eine flott geschwungene Handtasche zu Boden streckte. (Das Aigner-Emblem brannte mir noch nach Tagen auf der Wange).

25.3.2015
Die Nacht im Hotel verlief überraschend gut: Ich schlief, zumindest für ein paar Stunden, wachte für meine Verhältnisse relativ erfrischt auf und fuhr zu einem 9-Loch-Platz, auf dem ich mit meiner Schwester verabredet war. Privates und meine Familie sind eigentlich tabu, aber um allen resignierten Damen Ü60 Mut zu machen, muss einfach erzählt werden, wie meine Schwester dieses Par 4 spielte: Nach zwei glänzend getoppten Schlägen, die kerzengerade die Bahn entlang hoppelten, stand sie etwa 40 Meter vor dem Grün, das rechts von Wasser und mittig von zwei Gänsen bewacht wurde, die giftig zischten.
Ihr dritter Schlag raste über das Vorgrün, an den Gänsen vorbei, dann das Grün hoch. Ich hielt den Atem und hoffte, dass der Ball in der Nähe der Fahne halten würde, aber wer hätte das gedacht: Der Ball sauste direkt ins Loch!
Ein Birdie mit einem getoppten Chip aus 40 Metern! „Wahnsinn“, zitierte ich Irek Myskow. „Wahnsinn!“
Meine Schwester glühte vor Glück, ich atmete schwer. Es war ihr erstes Birdie auf einem richtigen Golfplatz und sportliche Erfolge sind in unserer Familie rar gesät. Was mochte den Übermenschen in ihr geweckt haben? War es ihr Pro oder die Seniorengolf DVD von Kölbing, die ich ihr geliehen hatte?
„Beides“, sagte sie, um dann den Menschen zuzuwinken, die an den Fenstern der benachbarten Bürogebäude jenseits der Straße jubelten und ihren Triumphzug zum Grün verfolgten. Professionell lüpfte sie ihr Damenhütchen Richtung Publikum, hob dankend die Hand (wie man das aus dem Fernsehen kennt) zog die Fahne und fischte ihren Ball aus dem Loch, um mir dann geduldig zuzusehen, wie ich meinen Par-Putt vorbeischob.

Nach der Runde verkündete meine Schwester, dass sie nicht daran denke, Profi zu werden. Schließlich war ihr Sensationserfolg auch eine Materialfrage, in dem Fall ein Holz 3 (15°), das sie einst von Frau Oelmann (ebenfalls Linkshänderin) bekommen hatte und mit dem sich der Ball sehr schön toppen ließ. Besonders bei Distanzen zwischen 40 und 60 Metern zur Fahne habe sich das Holz 3 stets bewährt, wobei diesmal natürlich auch noch etwas Glück im Spiel war.
Ich war stolz auf meine Schwester. Mir wäre der Ruhm bestimmt zu Kopfe gestiegen, aber sie blieb wie sie war: Bodenständig und bescheiden. Nach der Runde gingen wir essen. Ich war immernoch sprachlos.

26.3.2015
Im Netz nichts Neues, mal abgesehen von der Idee, sich mit Bad Saarow für den Ryder Cup zu bewerben. Aber darüber werde ich jetzt keine Witze reißen. Ich war noch nie in Bad Saarow, ich weiß nur, dass es für Nick Faldo ein einträglicher Job sein wird, seinem Monster die Zähne nachzuschärfen. Aber 2022?
Entweder ist Polen bis dahin zum Truppenübungsplatz der USA umgebaut und man kann seinen Wagen auch in Bad Saarow sicher parken oder es gibt kein Polen und kein Deutschland mehr, weil irgendwer die Auslöschung der menschlichen Rasse befohlen hat.

27.3.2015
Blättere beim Frühstück im ‚Golfjournal‘. Früher wurde mir das Heft jeden Monat gratis zugeschickt, aber das hat man eingestellt. Vermutlich aus Kostengründen. Jede Zeitung ist von Kosten gebeutelt und alle müssen sparen, besonders an den Autoren. Manche Redakteure grüßen nicht mal mehr, wenn man ihnen begegnet, nur um dem Verlag Zeit und Energie zu sparen. Angenehm überrascht entdecke ich, dass der Trend wieder zum redaktionellen Inhalt geht.

Im Editorial lese ich mit größtem Bedauern, dass der von mir hochverehrte Uli Kaiser Anfang März verstorben ist. Das hat mich richtig getroffen. OK, nach kurzer Krankheit – und 80 Jahre ist ein gesegnetes Alter – aber trotzdem. Ich schätze Kaisers Texte sehr und hätte ihn gerne näher kennengelernt, aber es hat sich nie ergeben. Seine Sprache (in den Pillenpeter-Stories) erinnert mich an Ludwig Thoma, den ich als Junge gerne las. Im Gegensatz zu mir war Herr Kaiser ein richtiger Journalist und beherrschte die deutsche Rechtschreibung.
Soweit ich mich entsinne, bin ich Uli Kaiser nur zweimal begegnet: Einmal, vor etlichen Jahren, im Pressezelt der Mercedes Masters in Mönsheim, wo er auf mich etwas verschroben wirkte. Aber er wurde allgemein hofiert; ich glaube, er war damals noch Chef vom Golfjournal. Öffentliches Internet entstand zu der Zeit gerade erst, „Cybergolf“ hieß noch „HoLinWan“ und war eine reine Link-Sammlung (es gab noch keine Suchmaschinen!), aber irgendwie war es mir gelungen, mich ins Pressezelt zu schmuggeln. Vorsichtig näherte ich mich dem Herrn Kaiser und fragte ihn schließlich mit klopfendem Herzen, ob er als Chef einer Golfzeitschrift nicht so manchen Blödsinn auf den Tisch bekäme? Allerlei wirre Zuschriften von wirren Leuten? Zum Beispiel Science Fiction? Golf auf anderen Planeten? Er schaute mich an. „Waren Sie das?“, fragte er.
Ich nickte. Ich hatte ihm damals meine allererste Golfgeschichte „Golf auf anderen Planeten“ geschickt, die später im „Weg der weißen Kugel“ veröffentlich wurde. Wie das bei Chefredakteuren von Golfzeitungen meist üblich ist, hat er auf meine Zusendung nie geantwortet, was ich ihm nicht übel nehme, weil ich damals noch kein Word-Programm mit Korrekturhilfe besaß und meine Texte von Rechtschreibfehlern wimmelten.
Das zweite Mal begegnete ich ihm auf dem Parkplatz der BMW Open in München, wo er in seinem Tweed-Jackett an mir vorbeischritt und höflich grüßte. Das wars. Schade. Chance verpasst, aber vielleicht auch besser so.

Manche sagen, Uli Kaisers Geschichten hätten in den letzten Jahren nachgelassen, aber ich vermute, es war eher reine Höflichkeit von ihm, sich dem allgemeinen Niveau anzupassen. Jedenfalls bin ich mir sicher, dass sich Leser, die unter Golf-Humor etwas anderes verstehen als dumme Sprüche und platte Witze, noch lange an Uli Kaiser erinnern werden.

28.3.2015
Verkühlte neun Loch mit Freunden. Mein Jan Förster-Drive, angereichert durch eine Prise Martin Stecher-Weisheit, kommt jetzt immer öfter, aber nicht, wenn meine Muskulatur kalt ist. Da geht es mir wie Tiger Woods.
Zu Hause finde ich die neue ‚Golftime‘ in der Post. In „Teetime auf Wolke sieben“ hat Oskar Brunnthaler seinen besten Autor in einem Nachruf geehrt, der mir das Wenige bestätigte, was ich bisher über Uli Kaiser wusste. Depressionen bleiben offensichtlich keinem Humoristen erspart.

29.3.2015
Nass, kalt, regnerisch. Zeitumstellung. Eigentlich ein guter Tag, um über Leben und Tod zu grübeln. Ich komme dabei zu dem Schluss, dass das Leben weitergehen wird, weshalb ich Frau Oelmann und mich beim Ostervierer im Golfpark Winnerod anmelde.

Ihr / Euer

Eugen Pletsch

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Über Eugen Pletsch

Eugen Pletsch

Die sonderbaren Erlebnisse, wundersamen Ereignisse und der ganze langweilige Alltag des Eugen Pletsch...

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