08.08.2020 - 16:30 Uhr

Vom Eise befreit sind Fairways und Bäche … und aus der Caddyhallen Tor, klingt ein lautes Gebimmel hervor.

Es geht wieder los! Die Golfmeute rappelt und zappelt mit ihren Karren zur Driving Range, um die Fülle ihrer Schwungfehler zu synchronisieren.

Auch jene Zugvögel, die den Winter im mediterranen Raum absitzen mussten, sind zurück. Wie nasse Spatzen hocken sie mit hängenden Flügeln in den Clubräumen und erzählen von Unwettern, Schnee und Dauerregen von Belek bis Barcelona.

Während wir hinter doppelt isolierten Thermofenstern vorm Kamin kuschelten oder unter warmen Daunen den Tiger gaben, kletterten sie hoch zu den Warmluftdüsen unter den Hotelzimmerdecken, um sich die klammen Finger zu wärmen. Alles, so der allgemeine Tenor, wäre zu ertragen gewesen, wenn die Runden nicht so endlos gedauert hätten. Das golferische Niveau habe extrem nachgelassen. Schuld daran wären die vielen PR-Spieler, von denen manche ernsthaft glauben, dass sie mit dem Erlangen des Golfführerscheins auch Golfen könnten.

Na und? Wollten wir nicht alle, dass unser angeblich elitäres Frischluftvergnügen zu einem coolen, angesagten Breitensport wird? Breitensport bedeutet nun mal, dass in die Breite gespielt wird. Dabei wird das dreieinhalb Stunden-Limit anglophiler Golf-Traditionalisten immer noch gehalten, zumindest auf neun Loch.

Die Generation Platzreife bahnt sich ihren Weg und zieht dabei tiefe Furchen. Darüber sollten wir uns alle freuen! Schließlich kann der planerische Größenwahn von einst, der viele Clubs an den Bettelstab gebracht hat, nur durch Frischfleisch finanziert werden, wie der Neugolfer in der Golflehrersprache liebevoll genannt wird.

Mit kostspieligen Kampagnen versucht der DGV deshalb, möglichst viel Frischfleisch mit dem Golfvirus zu infizieren. Die Kohle dafür stammt gottlob von den VcG-Spielern, die dafür nach dem Prinzip der Gegenseitigkeit, zumindest auf manchen DGV-Anlagen gegen erhöhte Greenfees, Golfen dürfen.
Trotzdem: Heutzutage ist alles eine Frage der Zeit. Lightgolfer möchten hin und wieder Golfen, mehr nicht. Das neue Prestigeobjekt, der Golfführerschein, ist nach Trauschein, Angelschein, Segelschein und Flugschein ein must.

Dem Freizeitverhalten der Sonntagsgolfer hat sich die PGA angepasst. Die Golflehrer-Ausbildung wurde auf Golf Light umgestellt, die Lehrzeit auf zweieinhalb Jahre reduziert. Der Golfschwung steht beim Professional of Golf, wie der Golflehrer neudeutsch heißt, nicht mehr so im Mittelpunkt. Betriebswirtschaftliche Fragen gewinnen an Bedeutung, wobei golftechnische Defizite durch unternehmerisches Engagement ersetzt werden. Dank smarter Professionals können deshalb auch motorische Tölpel und notorische Hacker nach einem einwöchigen Schnellkurs mit der Platzreife rechnen – und notfalls geht’s auch Online. Dass es dann auf dem Platz noch nicht so ganz klappt, dafür sollten gerade gestandene Golfer Verständnis haben.

Erfahren Sie neue Ebenen der Selbstbeherrschung und denken Sie beim Warten an das liebe Geld, das in die leeren Clubkassen gespült wird. Kalorien werden ohnehin erst nach mehrstündiger Dauerbelastung abgebaut – und überhaupt: Was soll die ganze Hektik? Golf ist ein Spiel, das der Ruhe und Entspannung dienen sollte, oder?

© by Eugen Pletsch, 2010

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Über Eugen Pletsch

Eugen Pletsch

Die sonderbaren Erlebnisse, wundersamen Ereignisse und der ganze langweilige Alltag des Eugen Pletsch...

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