22.10.2020 - 05:12 Uhr

Wenn der Platz geschlossen ist, drehen wir Golfer gebetsmühlenartig am Rad der Verzweiflung und wer in der kalten Jahreszeit im Tiefschnee nach roten Bällen stochern muss, hat etwas falsch gemacht. 

Leider hat die Vermögensumverteilung des Vorjahres bei manchen Golfern für mehr als nur klamme Finger gesorgt. Anstatt bei Kälteeinbruch die Azoren zu buchen, bleiben uns höchstens warme Gedanken. Verzweifelte kauen an den Fingernägeln, schlagen mit dem Wedge Tennisbälle an die Garagenwand, simulieren Indoor-Golf, surfen Schnäppchen oder grübeln darüber nach, welche neuen Schrecken auf uns zukommen werden, wenn der DGV seine Drohung wahrmacht und „eine international gültige ISO-Norm zur Schaffung einheitlicher Standards bei Dienstleistungen auf Golfanlagen“ einführt.

Und das kam so: Nachdem sich die allgemeine Empörung über Tigers Woods Eskapaden gelegt hatte, begannen einige Pragmatiker der Königsklasse kaltblütig zu analysieren, was dieser Mann hatte, was sie nicht hatten. Fazit: Es war weder das Talent, geschweige denn die Drivelänge oder die Fähigkeit, aus jeder Entfernung einzulochen. Nein, das haben andere auch drauf. Was alle anderen nicht hatten, war Tigers Fähigkeit multiple Entspannung zu finden.

So etwas spricht sich schnell rum. Jetzt werden die letzten Bastionen puritanischer Gesinnung geschliffen und selbst ein Golfneurosenzüchter wie ich, dem der Wahnsinn verpasster Putts vom letzten Sommer noch ins Gesicht geschrieben steht, grübelt, ob das selbstauferlegte Zölibat wirklich geeignet ist, um launische Golfgötter günstig zu stimmen.

Motivierte Cracks mit dem klaren Ziel 90-60-90 vor Augen fackeln nicht lange und schalten Kontaktanzeigen. Wie man hört, versucht sich sogar die Voltaren-Liga bei der Selbst- und Ballfindung im Rough an neuen (Lust)spiel-Varianten.
Während Eiszapfen tropfen und das Rutschen von Breitreifen im Schneematsch den Frühling ankündigt, geht ein Stöhnen durch Deutschland. Jene lang gesuchten Emotions made in Germany, die ein schmallippiger Bernhard Langer auch mit einer flehend zum Himmel gereckten Beckerfaust bisher nicht zu generieren vermochte, wabern endlich aus heißen Lenden in die von Glückshormonen gedopten Golfer-Hirne.

Auch wenn noch ungeklärt ist, ob Polygamie Auswirkungen auf den CSA haben kann, knirscht der Schnee, wenn Deutschlands Golfer fensterln. Eine neue Lust hat uns erfasst und die dümmliche Frage, ob wir noch Sex haben oder schon Golf spielen, wird jetzt offensiv beantwortet: „Wann hattest du denn zuletzt 18 Höhepunkte? Na?“

 

© by Eugen Pletsch, 2009

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Über Eugen Pletsch

Eugen Pletsch

Die sonderbaren Erlebnisse, wundersamen Ereignisse und der ganze langweilige Alltag des Eugen Pletsch...

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