25.10.2020 - 09:17 Uhr

Es gibt Golfgerätschaften, die sind tabu. Saugnäpfe am Putter-Griff sind eine Stilfrage über die sich wirklich nur die Clubältesten hinwegsetzen dürfen.

Eine Ball-Angel? Kommt darauf an, wo. Man schämt sich für Mitspieler, aus deren Bag eine Ball-Angel hervorragt – aber nur bis zu dem Moment, in dem man sie selber braucht. Hauben für die Eisen, da besteht allgemeiner Konsens, sind einfach nur peinlich. Das waren – zumindest einst – die ungeschriebene Gesetze des Golfsports. Doch mit der Vergolfballisierung unserer Gesellschaft hat sich viel verändert. Ein erwachsener Mann in Amt und Würden wäre noch wenigen Jahren niemals auf die Idee gekommen, in der peinlichsten, würdelosesten Form golferischer Nichtmode anzutreten, indem er in dreiviertellangen Cargo-Hosen am Abschlag erscheint.

Bei jungen Burschen mit kräftigen Waden, die im Hochsommer etwas Luft an die überhitzen Eier lassen wollen, mag das noch angehen. Einem jungen Tölpel wird manche Entgleisung verziehen, aber einem Gentleman?
Muss ein ausgewachsener Landarzt oder ehemaliger Bankräuber aus dem Vorstand seiner neuen Armut mit angeknabberten Huckleberry-Finn-Hosen Ausdruck verleihen? Vermutlich mag ich Wintergolf deshalb so sehr, weil dann niemand auf die Idee kommt, in Dreiviertel-Kargohosen zu spielen um sich dabei auch noch stylish zu fühlen.

Aber wie gesagt, die Welt ändert sich. Innovationen überschwemmen uns und bisweilen erlag auch ich der einen oder anderen Versuchung, der ich mich nicht entziehen konnte.
Natürlich hatte ich niemals einen Saugnapf am Putter-Griff, aber einen kleinen spinnenförmigen Greifer, der den gleichen Zweck erfüllte, bevor er wieder brav im Griff verschwand. Der machte an rückenlahmen Tagen durchaus Sinn. Als mir eines Tages geschmiedete Blade-Eisen (natürlich ohne Hauben) geliefert wurden, ließ ich die Luftpolsterverpackungen einfach mal drauf, damit sie nicht so schnell verkratzen. Für mein neues Wedge hatte ich damals eine alte Socke farblich passend umhäkelt…

Doch dann, als mir ein moderner ‚Niblick‘ als Demoschläger zur Verfügung gestellt wurde, brachen die Dämme und ich bin über alle Schatten der Vergangenheit gesprungen. Schnell erkannte ich: Das ist kein Chipper, auch wenn er so aussieht, sondern ein geballtes Stück Innovation, mit dem man eigentlich fast jeden Schlag innerhalb von hundert Metern machen kann und zwar absolut zielgenau! Niemals zuvor habe ich so häufig von außen ins Winterloch reinchippen können. Ich war begeistert: 43 Grad Loft, so kurz wie ein Putter, aber wie gesagt: Kein Chipper, sondern geballte Innovation!

Für einen Golfer ist Flexibilität und Innovationsbereitschaft so wichtig, wie für einen Politiker, der seine Meinung gemäß aktuellen Umfragen wechseln kann. Das geht bei mir mittlerweile soweit, dass ich bereit bin mit der Mode zu gehen. Vielleicht versuche es im Frühjahr mit einer Dreiviertel-Kargohose, denn schließlich sind Vorurteile schlimmer als jede Geschmacklosigkeit. Tausende Pensionäre können doch nicht irren, oder?

 © by Eugen Pletsch 2006

 

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Über Eugen Pletsch

Eugen Pletsch

Die sonderbaren Erlebnisse, wundersamen Ereignisse und der ganze langweilige Alltag des Eugen Pletsch...

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