22.10.2020 - 06:10 Uhr

Wir trafen uns zufällig am 18. Abschlag. Er kam von der 17, ich von der 12. Ich wollte zurück zum Clubhaus und so schlugen wir gemeinsam ab.

Vor ein paar Jahren hatten wir schon mal zusammen gespielt. Er schrieb auch über Golf. Im Gegensatz zu mir war er ein richtiger Journalist, aber ebenfalls Golf-verrückt und wie ich ein Angehöriger des Kreativ-Prekariats.

Sein Abschlag flog etwas zu weit rechts und kam irgendwo hinter den Bäumen runter. Ob der Ball im Bach wäre, fragte er. Ich zuckte die Schultern und schlug meinen Ball. Dann spielte er seinen 2., einen herrlichen Draw, als „Provisorischen“.
Wir zuckelten los. Mein Trolley summte ein freundliches Frühlingslied. Die ganze Welt ein Blütenraum, goldgelber Raps, weiß blühende Apfelbäume, emsige Sumsen, überall piepte es. In der Ferne röhrte eine Motorsäge.

„Wie läufts?“ fragte ich.

„Mit der Golfschreibe höre ich auf“, brummelte mein Mitspieler, „kein Bock mehr.“

„Wie das?“

„80 Cent pro Zeile und dann kannst du alles noch fünfmal ändern…ne, ne, das tu ich mir nicht mehr an.“

Dollarzeichen blitzten in meinen Augen. 80 Cent pro Zeile! Wenn ich die durchschnittliche Länge meiner Texte zu diesem Tarif verkaufen könnte, wäre ich nicht nur in der Lage die Sommerreifen aufziehen zu lassen, sondern könnte sogar noch über einen Ölwechsel nachdenken!

„Und wo gibt es 80 Cent pro Zeile“, frage ich beiläufig, um ihn nicht misstrauisch zu machen.

Er nannte die Golfbeilage einer großen Tageszeitung und verschwand hinter den Bäumen, wo er seinen ersten Ball vermutete. Ich spielte ein flaches Eisen 8 rechts am Teich entlang und hatte noch ein halbes Wedge an die Fahne. Er fand seinen Ball und schlug einen ordentlichen Pitch vors Grün. Die Fahne war kurz gesteckt, dahinter ging es flott bergab Richtung Teich. Das Grün ist schnell, sagte ich noch unnötigerweise, denn sein kurzer Chip zur Fahne war brillant.  Er lochte zum Par. Mein Pitch blieb knapp zwei Meter oberhalb der Fahne liegen, mein Putt kratzte die Lochkante: Bogey.

Wir verabschiedeten uns mit einem kurzen Händedruck. Mit solchen wortkargen Menschen spiele ich am liebsten. Ein paar Tage später schrieb ich dann an die Golfbeilage einer großen Tageszeitung, aber ich bekam keine Antwort. Also schreibe ich weiter meine Notizen und lasse die Winterreifen erstmal noch drauf. Der nächste Winter kommt bestimmt.

© by Eugen Pletsch, 2006

Anzeige

Über Eugen Pletsch

Eugen Pletsch

Die sonderbaren Erlebnisse, wundersamen Ereignisse und der ganze langweilige Alltag des Eugen Pletsch...

Anzeige
Anzeige
Anzeige

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.