22.10.2020 - 05:55 Uhr

Wenn ich an Ho Lin Wan denke, überfluten mich Erinnerungen an meine alte Heimat. Ich sehe lebhafte Bilder aus einem vergangenen Leben: die eindringlichen Farben Tibets, der leuchtende Himmel.

Die Linghorstraße raus, Richtung De-Chnen Dzong, stand das Haus meiner Eltern. Wir liefen als Kinder durch halb Lhasa Richtung Norbu Linga. Wir hatten einen Platz im Juwelenpark, wo wir mit kaputten Schlägern übten, die uns einige nette Langnasen überlassen hatten.
Der Blick von dort zum Potala war atemberaubend. Der Golfplatz Lhasa wurde, wie alles andere auch, während der chinesischen Kulturrevolution zertrampelt, aber einige Mystiker spielen nach wie vor, anhand der alten Lagepläne, im freien Feld zwischen Nomadenzelten auf imaginären Fairways und um die Stupas herum. OM MANI PADME HUM.

Gate, Gate,
Ball weg,
Rechts raus
Irgendwo im Fluss.


Seinen Weg gehen, den Weg gehen (Gate) ist eine uralte Metapher aus dem Buddhismus und esoterischen Taoismus. Der historische Gautama Buddha wurde auch als der Tathagata (Sanskrit: der So-Gegangene) bezeichnet. Der, der diesen Weg ging - der nicht zu benennen ist, wie Laotse sagt. Das Abschreiten eines Golfplatzes, das ständige Kreisen über die gleichen 18 Bahnen ist ein Ritual fernöstlicher Tradition, wobei der Wechsel der Natur in den Jahreszeiten die Wandlung der Dinge symbolisiert. Der Buddha sieht die Ursache allen Leidens im Anhaften.
Dies führt zu endlosen Wiederverkörperungen. Wir sehen die Ursache allen Leidens darin, dass wir den Kopf nicht unten lassen und nicht genügend durchschwingen. Das führt zu endlosen neuen Runden des Leidens.
Das Loslassen, das Nichtanhaften im buddhistischen Sinne, gelingt im Golfsport nur mit Hilfe einer Gemeinde (Sangha), die ich in den Anonymen Golfern fand. Die Zehn, in der kabbalistischen Mystik die Zahl der Unendlichkeit, wird mit der Acht, der heiligen Zahl der Buddhisten, vereinigt. Der achtfache Pfad und die Unendlichkeit.
Die Vision der Vereinigung des euroarabischen Kulturraumes mit der Weisheit des Ostens ist in exoterischen Fragmenten durch die European Tour erkennbar, die im Fernen Osten beginnt und über den Nahen Osten nach Europa reist. Unser ewiges Kreisen auf 18 Pfaden symbolisiert das, was man als Reinkarnation bezeichnet. Im Golf ist aber nicht der Weg das Ziel, sondern das Ziel ist das Ziel ist das Ziel und wer in seinem Fühlen und Denken vom Ziel abschweift, verfehlt das Ziel. (Es sei denn, er spielte am 2. Tag der OPEN OPEN 2010 in St. Andrews Bei diesem Wind verfehlte jeder sein Ziel.) Golf gibt unerbittlich sofortiges Feedback auf Handlung und Gedanken. (Instant-Karma).

So wie die Seele sich immer wieder neu zu verkörpert, müssen wir immer wieder zum Club fahren, um auf die Runde zu gehen. In der Bergwelt des Himalaja umschreitet der Gläubige die Stupa, eine runde Felsansammlung, oder einen Turm, der mit Fahnen und Symbolen des Glaubens geschmückt ist - OM MANI PADME HUM murmelnd -, den Blick zu Boden gerichtet, was aus der Zeit stammt, als dabei tatsächlich noch Bälle gesucht wurden. Diese spärlich erhaltenen Fragmente früher golferischer Tradition des Buddhismus sind noch um Lhasa, aber auch in Kathmandu und an manchen Orten in Sikkim und in Bhutan zu beobachten.

Gate, Gate So gegangen Den Weg gegangen Jeder geht seinen Weg. Hintergrund fernöstlicher Golflegenden sind die in esoterischen Kreisen bekannten Geschichten von den wirbelnden Golfderwischen von Tao Yin. Sie lebten vor über tausend Jahren nördlich der Provinz Kham in einem verborgenen Seitental des tibetischen Hochlandes, das Shambhala genannt wurde.

Von dort gelangte der Weg der weißen Kugel, der dem Buddha Amitaba geweiht ist, in das heutige Sikkim und Bhutan. Das Spiel ist in diesen Hochgebirgsregionen sehr schwierig, da der Ball unglaublich weit fliegt. Deshalb wurde mit einem Leichtball aus gepresstem Yakdung gespielt. Es ist vermutlich vollkommen müßig, Euch ungläubigen Langnasen zu erzählen, dass wir damals Yetis als Caddys hatten, die allein durch ihren feinen Geruchssinn in der Lage waren, die Yakdungbälle wiederzufinden.
Das Golfspiel war ein Akt der Meditation und der Reinigung. Eine Runde zog sich über Monate hin. (Walkabout), weshalb es sinnvoll war, in diesen klimatisch extremen Bedingungen mit Zelten, Yaks, Köchen und allem zu reisen, was man in der Einsamkeit der Bergtäler brauchte. Die Yetis hielten sich fern, tauchten aber immer auf, wenn sie gebraucht wurden, und fanden den Yakdungball auch in irgendeinem Seitental in 5000 Meter Höhe. Dafür ließen sie sich gerne abends Lieder vorsingen, weil sie selbst nicht singen können. Weihnachtslieder haben es ihnen besonders angetan. "Stille Nacht" und "Ihr Kinderlein kommet" sind Gassenhauer in Lhasa und jedem Mönch bekannt. Die Yetis wurden nach einem Weihnachtslied bisweilen etwas melancholisch, ansonsten waren sie friedlich und verfilzt wie wir. Aber sie spielten selbst kein Golf.

Die wirbelnden Schwungtechniken der Meister von Tao Yin, die auf der zentrifugalen Bewusstseinsebene entwickelt wurden, beeinflussen bis heute den Golfsport. Tai-Chi und Chi Gung-Übungen fördern die Balance der inneren Achse, um die der Schwung rotiert.. Ich hatte in meiner Jugend die Gelegenheit unter Anleitung des Tai-Chi-Meisters Gia Fu Feng einige Formen zu üben, die mir halfen, mein Gefühl für ein Zentrum der Mitte zu entwickeln. Diese Übungen sind gut für Körper und Geist.
Eine Tanzvorführung von Meister Al Huang zeigt Balance, Harmonie und Konzentration in höchster Formvollendung. Die Fähigkeit zur Entwicklung der Konzentration sowie meditative Erfahrungen, wie sie in westlichen Yogaschulen gelehrt werden, haben Golfer von jeher angezogen. Gia Fu Feng - wie auch später Al Huang - arbeiteten Jahre in dem berühmten Esalen Institute, Big Sur, in Kalifornien. Tim Gallwey erwähnt diesen Ort im Zusammenhang damit, dass er einen der Gründer dieses Institutes, Michael Murphy, zum Golfen trifft.
Murphy, der Verfasser des Buches "Golf und Psyche", erzählte ihm, dass die Konzentration von Nicklaus oder Hogan ihn an die Fähigkeiten großer Yogis erinnere: Ich habe Hogan oft beobachtet und kann sagen, dass er eine starke Aura hatte, die von vielen im Publikum gespürt wurde. Ich erinnere mich, wie jemand erzählte, dass während der US Open 1955 fast jeder, der ihm (Hogan) zuschaute, das Gefühl hatte, hypnotisiert zu sein. Die Luft um ihn herum konnte man mit dem Messer schneiden. Ohne es zu wissen, war er für die fünftausend Leute, die mit ihm liefen, wie eine Art Meditationslehrer."

Tao ist die traditionelle Bezeichnung für den Weg im Laotse'schen Sinne. (Der chinesische Philosoph Laotse hat unter dem Titel TaoTeKing übersetzt: Weg des Kings, die erste Elvis-Presley-Biographie schon vor fast 3000 Jahren geschrieben.)

Yin bedeutet ursprünglich das Wolkige, Trübe. Es bezeichnet die zentrifugale Kraft im Universum, der Gegenpart Yang die zentripetale Kraft. Zusammen symbolisieren sie das duale Prinzip: Himmel und Erde, männlich und weiblich, Plus und Minus, Ball und Schläger, in ihrem ewigen Wandel. Dieser Lauf der Dinge, (was Lao Tse als Sinn, Weg, oder Tao bezeichnet) ist der Dreh- und Angelpunkt, um den sich das Golfspiel dreht. Die Erkenntnis vom ewigen Gesetz der Wandlung hilft, uns die Dinge die uns im Spiel passieren akzeptieren zu lernen.

Vermutlich wird es den Leser besonders interessieren, dass es schon in den Wendezeiten der Tsin- und Han-Dynastien eine ganze Schule der Yin-Yang-Lehre gab, die damals viel Aufsehen erregte. Grundgedanke ist die Wandlung. Wie soll Meister Kung gesagt haben, als man ihm von den Einnahmen des Proshops im Kloster Tao Yin berichtete:

So fließt alles dahin wie dieser Fluss, Tag und Nacht.

Tao Yin bezeichnet den Weg der Zentrifugalkraft. Swing the Clubhead, wie Ernest Jones sagt. Die wirbelnden Golfderwische übten diesen Weg mit drei Disziplinen: mit Tanzen, Steine schleudern und Golfen. (Den Begriff Derwisch, der aus dem islamischen Kulturraum stammt, habe ich der Einfachheit halber übernommen.) Derwische erleben ekstatische Bewusstseinsstufen der Verzückung und Gottesschau durch ununterbrochenes Drehen und Tanzen. Erinnern wir uns an die Tänze von Olazabal beim Ryder-Cup-Sieg und an Hale Irwin, nachdem er die US Open gewann.

Der verdrehte Geist der Derwische wirkt auch in Golfern, die den Ball rechts ins Rough schlagen und dann links im Semirough suchen, weil das Gras dort kürzer ist, wodurch der Ball leichter zu finden wäre. Ihr Verhalten wird von archetypen Erinnerungen des kollektiven Unterbewusstseins gesteuert (vergl. C. G. Jung) und erinnert an den berühmten Derwisch Nasruddin, der trunken vom Tanze heimkommt und seinen Schlüssel nicht findet. Er sucht aber nicht im Dunkel, dort wo er seinen Schlüssel verloren hat, sondern da, wo der Mond hin leuchtet ... weil er da besser sieht."

Eugen Pletsch

Auszug aus: Der Weg der weißen Kugel

Über Eugen Pletsch

Eugen Pletsch

Die sonderbaren Erlebnisse, wundersamen Ereignisse und der ganze langweilige Alltag des Eugen Pletsch...

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