18.12.2018 - 22:08 Uhr

Wenn die Tage kürzer werden, ist ein Mindestmaß an Mobilität gefragt und zügiges Spiel bzw. Durchwinken wird zur Pflicht. Beim Ausmisten fand ich in dem Zusammenhang einen Text, den ich in Bezug auf die "Ready Golf"- Diskussion recycelt habe.

Er beginnt mit einem Satz, den Luise Suggs, Gründungsmitglied der LPGA, in Unkenntnis der Realität auf deutschen Golfplätzen dereinst gelassen aussprach: "Du bist nie zu alt, um mit diesem Spiel zu beginnen, solange du laufen kannst, kannst du auch golfen.

Das ist, bei allem Respekt, echter Blödsinn. Dass man noch laufen kann, heißt nicht, dass man sich in angemessener Geschwindigkeit über den Platz bewegen kann.

Meiner Ansicht nach ist die Mindestanforderung für eine Runde Golf (die in jedem Sekretariat abgefragt werden sollte) die Fähigkeit, seinen Arm so weit in der Luft bewegen zu können, dass die Bereitschaft zum Durchspielen lassen unmissverständlich deutlich wird.

Mein Gemaule über langsames Spiel kann ich selbst nicht mehr hören und weil ich kaum noch spiele, könnte mir das Thema eigentlich egal sein. Andererseits ist es als Bodhisattva nun mal meine Pflicht, alle leidenden Wesen zu retten – und dazu gehören auch SUV-Golfer mit beschränkter Sozialkompetenz und / oder körperlichen Einschränkungen.

70 % der älteren Golfer sind angeblich mit Schmerzmitteln gedopt, weil sie sonst nicht spielen könnten. Wie lange das verträglich ist, muss jeder mit sich und seiner Leber ausmachen. Aber muss man unbedingt golfen, wenn man in der Bewegung so eingeschränkt ist, dass man den Arm nicht mal mehr zum Durchwinken heben kann?

Hängt das allgegenwärtige lahme Spiel damit zusammen, dass jemand die Schmerztabletten mit Valium-Pillen verwechselt hat?

Ja, ich weiß: Wenn Ballermänner aus der Club-Mannschaft ihren 'Longest Drive' ausspielen und der in die Wicken geht, wird auch endlos gesucht. Und wenn meine Freunde auf der Runde beginnen, sich über schlechte Grüns, mieses Essen und die Welt im allgemeinen zu echauffieren, dann schaut auch niemand nach hinten. Dann wird der eigene Ball auch überlaufen und wenn man ihn schließlich vermisst, wird endlos nachgesucht. 
Wir alle kochen nur mit Wasser, wobei es in meiner Altersklasse besonders viele gibt, von denen man meinen könnte, dass sie das „Slow Motion-Golf“ erfunden haben. Häufig sind es Paare, die den Golfplatz fast täglich heimsuchen, weil sie nichts anderes zu tun haben. Sie langweilen sich und sehen keinen anderen Sinn im Leben, als dröge über den Platz zu schleichen. 

Bei älteren Herren, die durchaus noch in der Lage sind, ihren Ball mit einem wuchtigen Hieb in die Büsche zu befördern, kommt es außerdem zu einem Phänomen, das ich als ‚präsenilen Altersgeiz‘ bezeichnen möchte: Zuhause haben sie eimerweise gefundene Golfbälle im Keller und im Schrank stapeln sich nie ausgepackte, nagelneue Bälle, die man ihnen im Laufe der Jahre geschenkt hat. Oder die sie bei einem Herrenmittwoch ergattern konnten, an dem es ihnen durch einen glücklichen Zufall gelang, den Ball am Par 3 (145 Meter) mit dem Driver zum „Nearest to the Pin“-Preis zu toppen. 
Aber während sie in jüngeren Jahren noch in der Lage waren, den verlorenen Ball mental loszulassen (Ball ist immer Beziehung zur Mutter) und sie auf einer Kaffeerunde einen neuen Ball ins Spiel brachten, sorgt der präsenile Altersgeiz (in Verbindung mit Regression) dafür, dass selbst in aussichtslosen Lagen endlos gesucht wird. 

Leute: Müsst Ihr wirklich im Kraut rumstöbern, bis das Licht schwindet und die winterliche Hölle zufriert? 

Eiskunst im Golfpark Winnerod

„Ich suche nur, bis meine Frau kommt“, hört man sie sagen, die Helden des Dschungels. Und wo ist die Frau? Da hinten! Ihr Trolley ist auf die langsamste Stufe eingestellt, aber sie stemmt sich mit dem ganzen Körpergewicht gegen die Laufrichtung, denn der Trolley ist ihr immer noch zu schnell. Ihre Philosophie: „Eile mit Weile. Ich lass mich doch nicht hetzen!“

Jeder Club kennt diese Damen: Selbst im Gegenlicht, als Silhouette am Horizont, erkennt man sie auf Meilen. Meist haben sie ein riesiges Bag auf dem Trolley, in dem sich alles befindet, was auch Voyager-Sonden für den Fall mit sich führen, dass man in der Unendlichkeit der Galaxie auf fremdes Leben trifft, dem man dann beim Close Encounter einen möglichst kompletten Eindruck unserer Zivilisation vermitteln möchte. Gespielt wird aber nur mit den vier Lieblingsschlägern „Driver, Hybrid, „Pitscher“ und Putter“.

Bis diese Slow Motion-Damen bei ihrem Mann ankommen (der grundsätzlich vorausläuft, um seinen Ball zu suchen), gibt es manchmal einen dritten Spieler im Flight, der Gnade walten lässt und den Arm hebt, um durchzuwinken. Natürlich nach Rücksprache mit dem Ehepaar. 
An der Körpersprache sieht man dann aus 200 Metern, dass der Senior im Rough erst nicht hört, was man ihn fragt, dann aus seiner Suche erwacht und plötzlich realisiert, dass er auf dem Platz nicht allein ist. 
Während Mutti versucht, ihren Trolley hektisch Richtung Fairway-Rand zu schieben, (wobei das schwere Ding dann häufig umfällt) trödelt er langsam, mit einem letzten mürrischen Blick auf die Stellen, die er bereits 15 Minuten lang abgegrast hat, auf die Seite: Er ist unwillig, aber immerhin gibt ihm das Durchspielen die Chance, noch eine Weile weiterzusuchen – während wir unseren hastig voran getoppten Bällen nachrennen.

Dass Kopf und Körper im Alter nachlassen, davon kann ich ein gar‘ traurig Liedlein singen. Ich weiß selbst, dass ich meine Steine aus dem Glashaus werfe, aber die Ignoranz mit der manche Spieler (und es sind natürlich nicht nur Senioren) bei ihren Feldversuchen agieren, multipliziert sich dadurch, dass immer weniger Spieler ordentlich ausgebildet sind. Das heißt, dass ihnen jegliche Grundkenntnis vom Verhalten auf dem Platz fehlt.

Das Gejammer über langsame Spieler ist so alt wie das Spiel selbst und ebenso lange gibt es die Unterscheidung zwischen denen, die wollen, aber nicht können und jenen, denen das Spiel selbst vollkommen egal ist, weil sie „sich eigentlich nur etwas an der frischen Luft bewegen möchten".

Und jetzt hat der Deutsche Golfverband auch noch das „Ready Golf“ erfunden, womit das komplette Chaos vorprogrammiert ist, wenn jene, die weder den Sinn des Spiels noch irgendeine Fertigkeit des Golfspiels erworben haben, nun wild entschlossen auf den Ball prügeln und das als „Ready Golf“ bezeichnen. Aber ich will nicht unken – warten wir es ab, bis die ersten Verletzten abtransportiert werden.

Warum muss es unbedingt Golf sein?  Gibt es nicht genug andere Möglichkeiten, bei denen man weder sich noch andere quälen muss? Ein Hund, eine heimliche Liebschaft, Cross laufen, Walking und äh ... Schwimmen? Nein, nicht Schwimmen! Die Leute, von denen ich spreche, schwimmen im Hallenbad immer quer – aber im „Weg der weißen Kugel“ empfehle ich Töpferkurse und Volkstanzen als wunderbare Alternativen zum Golfspiel…also: bedient Euch!

Wer dennoch unbedingt Golfen möchte und dabei Kollateralschäden mit „Ready Golfern“ vermeiden will, dem empfehle ich einen Übungsweg, der unter dem Begriff Vipassana-Meditation bekannt ist. Ich bin kein Buddhist, aber ich klaue gerne bei den Buddhisten weil sie gute Ideen haben, besonders für Golfer. Der Begriff Vipassana bedeutet (pali „Einsicht“), insbesondere in Leidhaftigkeit bzw. Nichtgenügen, was des Golfers täglich Brot ist. 

Ich übersetze den Begriff Vipassana jedoch lieber mit Aufmerksamkeit oder Wachheit. Vipassana hilft Buddhisten, Befreiung im Nirwana zu erlangen und hilft uns Golfern, die Idee des „Ready Golf“ in die Praxis umzusetzen, indem wir unserem Spiel, unseren Mitspielern und dem Platz die nötige Aufmerksamkeit schenken, was die Grundvoraussetzung für ein flüssiges, erfolgreiches Spiel ist. Sommer wie Winter!

Ein aufmerksames Spiel wünscht

Ihr / Euer

Eugen Pletsch

 

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Über Eugen Pletsch

Eugen Pletsch

Die sonderbaren Erlebnisse, wundersamen Ereignisse und der ganze langweilige Alltag des Eugen Pletsch...

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