18.12.2018 - 22:52 Uhr

Der ehrwürdige Palden Gyatso, der wegen seines Widerstandes gegen die chinesische Besatzungsmacht 33 Jahre in Gefängnissen und Arbeitslagern verbracht hatte, verschied am 30. November im Alter von 85 Jahren nach einem kurzen Aufenthalt im Delek Hospital in Dharamsala. Der ehemalige Mönch des Klosters Drepung in Tibet litt schon lange an einem chronischen Leberleiden und ebenso unter anderen ernsten gesundheitlichen Komplikationen als Folge der Jahrzehnte von Folter, Mißhandlungen und Aushungerung. Er war sogar im Mund mit elektrischen Schlagstöcken traktiert worden.

Gegen Ende seines Lebens war er Mönch im Kloster Kirti, Dharamsala. Als er 1992 ins Exil floh, brachte er unter enormen persönlichen Risiken einen fast vollständigen Satz von heimlich erworbenen Folterinstrumenten mit, wie sie die Chinesen bei den Tibetern anwenden. So etwas hatte noch keiner vor ihm fertiggebracht. Ihm ging es darum, einen Beweis für das, worüber er von nun an sprechen würde, vorlegen zu können, und daher war dies für ihn von größter Wichtigkeit.

Und er machte sich daran, das zu tun, was er und seine tibetischen Mitgefangenen sich wieder und wieder in ihren Gefängniszellen geschworen hatten: Sollte einer von ihnen die tägliche Routine von barbarischen Schlägen, Folter, knochenbrecherischer Zwangsarbeit, Hunger, bestialischen Zuständen und fast nicht vorhandener medizinischer Versorgung überleben, so würde er die äußerste Anstrengung unternehmen, die Außenwelt wissen zu lassen, was China in Tibet anrichtet: Systematisch den Körper und den Geist eines in Religion versunkenen friedliebenden Volkes mit unvorstellbarer Brutalität zu zerstören.

So sprach er auch vor der UN-Menschenrechtskommission (wie der UN-Menschenrechtsrat 1995 noch genannt wurde) in Genf. Er gab zahllose Medien-Interviews. Er sprach mit Schülern, mit Studenten und Lehrern an Schulen, Universitäten und sogar mit den Insassen eines Gefängnisses in den USA. Er tauschte sich mit Autoren und Intellektuellen aus, mit Politikern, Regierungsvertretern und Geschäftsleuten. Er arbeitete mit internationalen Menschenrechts- und Tibet-Organisationen zusammen. Er nahm auch an langen Friedensmärschen für die Unabhängigkeit Tibets in den USA teil, die von der International Tibet Independence Movement in Indiana organisiert wurden. Und er unternahm zahlreiche andere Formen von Protestaktionen und Kampagnen. So beteiligte er sich an dem Hungerstreik des Tibetischen Jugendkongresses 2006 in Turin, als ein Zeichen des Widerstandes gegen die Vergabe der Olympischen Spiele an Peking 2008.

Die Ansprachen vor der UN-Menschenrechtskommission und bei der Eröffnung des Oslo Freedom Forum 2009, und besonders seine Zeugenaussagen 2014 vor dem Obersten Gerichtshof Spaniens gegen die Staatsführer Chinas, als Fälle von Verbrechen gegen die Menschlichkeit verhandelt wurden, gehörten zu den stolzesten Augenblicken seines Lebens. Mit Genugtuung erlebte er, wie bei seinem Auftritt in Genf die Vertreter Chinas ohne Unterbrechung alles anhören mußten, was er zu sagen hatte, etwas, was unvorstellbar für ihn gewesen wäre, als er noch in Tibet im Gefängnis saß.

Die Herausgabe seiner Autobiographie „Fire under the Snow“ 1998 (die mehrere Auflagen erfuhr) und die Aufnahme eines Videos über sein Leben mit demselben Titel 2008 waren Meilensteine in seiner Bemühung, das Versprechen, das er einst seinen politischen Mitgefangenen gegeben hatte, einzulösen. Viele von ihnen gelangten nie aus dem chinesischen Gulag in Tibet heraus. Es war eine große Freude für ihn, daß das Buch in viele Sprachen übersetzt wurde.

Die Geschichte seines Lebens und sein unermüdlicher Geist erbrachten ihm viele Bewunderer und Unterstützer, nicht nur seiner selbst, sondern auch für die Sache Tibets. Dazu gehörte ebenfalls, daß er 1998 mit dem John Humphrey Freedom Award der kanadischen Menschenrechtsorganisation Rights and Democracy ausgezeichnet wurde.

Zu seinen vielen Bewunderern gehören auch zwei Familien in Kalifornien, die ihn wie einen Angehörigen behandelten und bei denen er in seinem letzten Lebensjahrzehnt fast jedes Jahr monatelang zu Besuch und zur Pflege seiner Gesundheit war. Dank ihrer und der medizinischen Behandlung, die er in der Mayo Klinik erfuhr, konnte er so lange leben, obwohl er an einer Menge ernster und chronischer Krankheiten litt. In der Tat kehrte er von seinem letzten Besuch bei ihnen erst am 17. Oktober zurück, nachdem sich herausgestellt hatte, daß selbst ein chirurgischer Eingriff sein Leberleiden nicht hätte heilen können.

Palden Gyatso-la, ein Verfechter der vollständigen Unabhängigkeit für Tibet bis zu seinem letzten Atemzug, war dankbar dafür, daß er trotz seines gebrechlichen physischen Zustandes so lange leben durfte. Er war stets voller Dankbarkeit auch anderen Freunden und Unterstützern gegenüber, die dies ermöglicht hatten. Und doch war er sich auch im Klaren darüber, daß er jederzeit bereit sein mußte, diese Welt zu verlassen. Obwohl er unter inoperablem Leberkrebs litt, starb er ohne Schmerzen.

Palden Gyatso-la haßte die Chinesen nicht. Vielmehr pflegte er zu sagen, daß es ein chinesischer Gefängniswärter war, der ihm einst das Leben gerettet hat, als dieser ihm zuflüsterte, er solle aus einer Gruppe anderer Gefangener hervortreten. Aus Gründen, die er nicht verstand, gab dieser Wärter ihm reichlich zu essen, und das zu einer Zeit, als er meinte, vor Hunger sterben zu müssen.

Palden Gyatso-la wurde 1933 in einem Dorf der Gemeinde Panam in der Gegend von Shigatse geboren. 1943 trat er in das dortige Kloster Gadong ein und wurde später Mönch im Kloster Drepung bei Lhasa. Er sagte, Professor Samdhong Rinpoche sei damals sein Klassenkamerad gewesen.

Nach Chinas brutaler Niederwerfung des tibetischen Volksaufstandes im März 1959 wurde er festgenommen, anfänglich unter der Beschuldigung, für Indien spioniert zu haben. Er hatte nämlich seinen Lehrer, der aus Kinnaur stammte, sicher aus Tibet hinausgebracht. Später warfen sie ihm vor, der Anführer einer Rebellengruppe in Drepung zu sein, was auch stimmte. Schließlich wurde er zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Er entwich 1962 aus dem Gefängnis, wurde jedoch in Dram an der Grenze zu Nepal gefaßt. Dieser Fluchtversuch brachte ihm acht weitere Jahre im Gefängnis ein. 1975 hatte er seine Strafe abgeleistet, doch statt freigelassen zu werden, wurde er in ein Arbeitslager verlegt, wo die Umstände genauso brutal waren. Nachdem er acht Jahre dort verbracht hatte, wurde er 1983 wieder verhaftet. Er hatte sich nämlich heimlich bei Nacht aus dem Lager davongeschlichen und in Lhasa Plakate mit der Forderung nach Unabhängigkeit für Tibet angebracht. Das brachte ihm wieder acht Jahre Gefängnis ein. Dieses Strafmaß wurde um ein Jahr vermehrt, weil er unter dem Verdacht stand, durch Besucher Informationen über die Gefängnisbedingungen nach draußen geschmuggelt zu haben.

Endgültig wurde er am 7. Oktober 1992 entlassen. Er schmierte einen chinesischen Wärter, ihm einen Satz der Instrumente, mit denen er gefoltert wurde, zu besorgen. Damit begab er sich, als ein chinesischer Herr verkleidet, auf die Flucht, nachdem er sich 13 Tage in Lhasa darauf vorbereitet hatte.        

 

Übersetzung: Adelheid Dönges, Revision: Angelika Oppenheimer

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