21.09.2020 - 20:36 Uhr

Weil es derzeit nur noch stürmt und regnet, sende ich Euch als kleine Bettlektüre eine Geschichte aus der Zeit als ich noch ein Allwettergolfer war...

Die regionale Qualifikation zur OPEN 1993 im südenglischen Royal St George's Golf Club wurde im benachbarten Royal Cinque Port Golfclub gespielt. Ich war vermutlich der einzige Deutsche weit und breit, der sich das anschauen wollte. Einige Löcher lief ich mit dem deutschen Golf-Professional Heinz-Peter Thül, der sich tapfer durch die Dünen kämpfte. 

Am nächsten Tag lud mich der Sekretär ein, den Platz zu spielen und zum ersten Mal erlebte ich ein ,close encounter‘ mit Hardcorenks. Es war ein windiges Dreckswetter mit Regenböen, die nicht von oben kamen, sondern frontal. Vor mir spielte eine ‚Traditional Society‘, ein Vierer in Tweed-Bekleidung und Hickory Schlägern. Richtig harte Hunde. Ich holte sie nie ein.

An der 9. stand das wunderbarste Halfway House, das ich jemals erlebte. Keine Vesperhütte für eine unterzuckerte Schickeria, sondern ein echter Schutzraum, in dem sich die Spieler vor den grässlichen Böen und harten Winden zurückziehen konnten, die Leib und Seele zerfraßen. Der Steward war ein ausgesprochen netter Kerl, der aus London stammte. „Je schlechter das Wetter, umso besser für 's Geschäft“, sagte er. Während es in unseren Halfway Häusern vielleicht ein Stück Kuchen und mit etwas Glück ein belegtes Brot gibt, war dieser Schutzraum eingerichtet wie ein Miniatur-Pub: Einige ordentliche Single Malt Whiskys standen im Regal.
In englischen Clubs erwartet man keine genießbaren Nahrungsmittel, aber hier gab es köstliche Curryhuhn-Sandwiches (während diese in englischen Autobahn-Raststätten extrem eklig sein können).
Also ließ ich mich abfüllen, bis ich gar nicht mehr in den eiskalten Wind zurück wollte. Ich erinnere mich noch vage, dass der Steward (er trank mit) die ganze Zeit von Steffi Grafs Beinen schwärmte.
Irgendwann musste ich dann doch weiter. Ich hackte mich gegen den Wind durch die Dünen der Back Nine und als ich irgendwann pudelnass am Clubhaus ankam, sah ich Major-Champion Tom Watson. Etwa dreißig Clubmitglieder standen um die Golflegende herum und jemand erklärte mir, dass er ein paar alte Freunde zu einem privaten Workshop eingeladen habe.
Die Gesellschaft begab sich auf die Wiese hinter dem Clubhaus und ich natürlich sofort mit. Es regnete zum Gotterbarmen.
Tom Watson stand da in seinem Sweater, breitete die Arme aus und rief: „Rain! I love rain!“
Dann begann er, in Seelenruhe einige Bälle zu schlagen. Seine Freunde durften ihm ansagen, welche Flugkurven er spielen sollte und Watson erfüllte jeden Wunsch.

Am Unvergesslichsten blieb mir sein Schlag mit einem Holz 3: Ein Member legte einen Ball an eine Stelle auf der Wiese, an der es etwas bergab ging. Tom wurde gebeten, den Ball gegen den Wind zu einer Fahne schlagen. Wohlgemerkt: Er spielte damals ein Persimmon-Holz und kein Metall. Jedenfalls flog der Ball endlos, ganz flach unter dem Wind, stieg dann plötzlich an, um sanft an der Fahne zu landen.

In den kommenden Tagen, vor dem Beginn der 122nd OPEN, wurde es heiß. Weil es so viel geregnet hatte, waren die Grüns weicher als erwartet. Alle Experten für ‚bump and run‘-Shots konnten einpacken. Die Grüns wurden besonders von John Daly hoch angepitcht und die Bälle hielten. Es war das zweite Mal, dass ich John Daly sah. Ein Jahr zuvor, in Muirfield, hatte man den Zaun der Driving Range wegen ihm zurücksetzen müssen und auch in Sandwich blies The Wild Thing Daly alles weg. Geradezu spektakulär, wie er das Grün eines Par 4 carry vom Tee aus angriff, wobei er um ein Haar die Spieler vor ihm erwischte. 

Wie bereits anlässlich der OPEN 1992 in Muirfield, übernachtete ich in meinem Camping-Bus am Strand hinter den Golfbahnen, was damals noch möglich war. In der Morgendämmerung erwachte ich und beobachtete aus dem Bus-Fenster, wie BBC-Golfkommentator Peter Aliss mit einem Japaner in den Dünen nach einem Ball suchte. „Kochen alle nur mit Wasser“, dachte ich und schnarchte weiter.

Zum letzten Tag der OPEN nahm ich mir ein Hotel-Zimmer und folgte der BBC-Übertragung mit Peter Aliss und meinem Lieblingskommentator Alex Hay, etwa acht Stunden lang. Greg Norman gewann das Turnier, indem er das beste Golf seiner bisherigen Karriere spielte und zwar im stärksten Feld, das man bis dahin bei einer OPEN gesichtet hatte. Nicht einmal Nick Faldo, der am Finaltag seinen Geburtstag feierte, konnte seinen großen Rivalen Norman bremsen, der Birdies an der 12 und 14 spielte. Währenddessen pfefferte Bernhard Langer seinen Ball an der 14 spielentscheidend rechts ‚out of bounds‘ in Richtung Prince’s Golf Club (trotz fürchterlicher Rückenprobleme wurde Langer immerhin noch Zweiter).
Faldo schlug beinah noch ein Ass an der 11, aber es half alles nichts. Norman kam mit einer 64 rein, der bis zu diesem Tage niedrigsten Finalrunde bei einer OPEN. Er siegte mit dem Gesamtscore von 267 Schlägen, womit er Tom Watsons alten Rekord von 1977 einstellte. Der damals 91-jährige Gene Sarazen, Champion von 1932, meinte, es wäre die großartigste OPEN gewesen, die er in seinen 70 Jahren als Golfer erlebt hätte – und mir hat es auch gefallen.

Aus: Notizen eines Barfußgolfer

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Beschreibung

„Notizen eines Barfußgolfers" ist eine für die Buchfassung überarbeitete Auswahl an Texten, die der Golfautor Eugen Pletsch in seinem renommierten Blog (cybergolf.de) zwischen 2006 und 2018 veröffentlicht hat. Kommentare zu aktuellen Golf-Themen, Szene-sezierende Glossen, Golf-philosophische Betrachtungen, praktische Tipps und stille Hinweise auf das mystische Geheimnis dieses eigenartigen Spiels, dem der Autor in seiner mittlerweile 30jährigen Wanderung (...)

 

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