17.02.2020 - 14:49 Uhr

So einen Text für Neu-Golfer/Innen bringt man eigentlich erst ab März, aber bei diesen Wetterkapriolen ist das mittlerweile egal, wo doch auch der Bauer sein Rösslein bereits im Januar volltankt, um nach Berlin zu tuckern...



Vorurteile

 

Sollten Sie sich noch nicht für das Golfspiel entschieden haben, hängt das oft mit Vorurteilen zusammen, die nach wie vor kolportiert werden. Diese Vorurteile betreffen jedoch nur selten das Spiel, sondern meist die Golfspieler – je nachdem, aus welcher Perspektive man es betrachtet.

Aus der Sicht eines Kellners können manche Golfer (gerade die mit „schottischem Traditionsbewusstsein“) ausgesprochen knickrig sein, wenn es um das Trinkgeld geht. Aus Sicht von Ökologen verdrecken Golfer auf ihren Kreuzfahrten die Weltmeere, beanspruchen auf ihren Golfplätzen viel Fläche für einen Sport, den nur wenige ausüben und vergiften dabei das Grundwasser mit Insektiziden und Pestiziden. Aus der Sicht von Sportlern ist Golf kein Sport, zumindest glauben sie das, bis sie selbst mit dem Golfen anfangen.
Golf wird längst nicht mehr allein vom Großbürgertum gespielt. Golfer/Innen gibt es mittlerweile in allen gesellschaftlichen Schichten. Es mag sein, dass bei manchen der Charakter nicht der Größe des Vermögens entspricht, aber dass alle Golfer karierte Hosen tragen und hochnäsige, statusfixierte Steuerflüchtlinge sind, ist nicht korrekt. Die Vorurteile bleiben dennoch und sind so vielfältig, wie die Geschichten derer, die dann doch irgendwann mit dem Spiel beginnen – um es bald nicht mehr lassen zu können.

Fangen Sie leicht an, das macht das Spiel leichter!

Anfangen

Häufig werde ich gefragt, ob Golf nicht sehr teuer wäre? Nun: Wer den üblichen Weg geht (Vollmitgliedschaft, neues Komplett-Schlägerset, Trainerstunden etc.) liegt etwa auf dem Jahrespreis-Niveau eines guten Fitnesscenters und ein Skiurlaub für vier Personen kostet häufig mehr. Wer sich jedoch anfangs als ‚Clubfreier Golfer‘ auf öffentlichen Golfplätzen versucht, kann für wenig Geld viel Spaß haben und in manchen Urlaubsangeboten sind Schnupperkurse bereits enthalten. Es gibt vielfältige Angebote im Internet, erster Anlaufpunkt sollte jedoch Ihr Golfclub vor Ort sein.

Auch Golfschläger gibt es in Internetbörsen wie Sand am Meer. Kaum ein Produkt unterliegt einem derartigen Preisverfall. Einzelschläger kann man für ein paar Euro ersteigern. Vor mehr als 30 Jahren begann ich mit einem Eisen 7 aus der Grabsch-Kiste eines Proshops, besorgte mir dann einen Putter, dann ein Sandeisen und schließlich ein Holz 4. Das reichte aus bis ich merkte, dass mir das Spiel wirklich Spaß macht. Eisen 7, Holz 4 (oder Hybrid), ein Wedge und ein Putter genügen auch, um auf einer flotten Runde beim Wintergolf oder an einem Hochsommerabend über den Platz zu gehen. Es muss also nicht gleich eine Riesen-Golftasche mit ‚gefitteten‘ Profi-Schlägern und eingebautem Flaschenöffner sein. Wer es dann irgendwann ernst meint, sollte sich von einem ‚Clubfitter‘ (Schlägerbauer) beraten lassen.

Braucht man einen Golflehrer?

Es gibt ein paar eiserne Gesetze, die ein Golfmeister namens Ben Hogan in seinem Buch „Der Golfschwung“ formuliert hat. Dabei geht es um Stand, Griff und Ausrichtung. Diese drei Punkte werden selbst von Weltklasse-Golfern immer wieder repetiert und diese Grundlagen sollte man bei einem Fachmann lernen.
Andererseits habe ich manches Match gegen Autodidakten verloren, die nie eine Trainerstunde hatten und manches Match gegen Nervenbündel gewonnen, die als Opfer eines Golflehrers unter einem „Paralysis by Analysis“-Syndrom litten.

Wenn Sie mit einem Golflehrer arbeiten möchten, sollten Sie ihn fragen, ob er ihnen das Golf spielen beibringen kann – oder ob er Ihnen nur den Golfschwung lehrt. Das sind zwei verschiedene Dinge! Ein mit allem High-Tech ausgerüsteter Pro ist aus meiner Sicht nur dann hilfreich, wenn ein Spieler genau weiß, wo er hin will und nicht weiß, wo er steht und woran zu arbeiten ist. Dem Golfanfänger empfehle ich einen Golflehrer mit Humor und zwei guten Augen, der selbst noch Spaß am Spiel hat und dem es darum geht, dass sein Schüler lernen, flott über den Platz zu kommen ohne sich selbst und andere dabei zu verletzen.
Golf spielen wird heutzutage leider kaum noch gelehrt, was vielfältige Gründe hat. Gelehrt wird der Schwung, den man dann in einem Video betrachten darf, während man erklärt bekommt, was man alles falsch macht. Wer dann auf dem Platz über seinen Schwung nachdenkt, ist so verwirrt wie der Tausendfüßler, den man fragt, wie er seine 1000 Füße koordiniert. Deshalb favorisiere ich das zielorientiertes Spiel im Gegensatz zum technikorientierten Spiel. Ich habe bisher auch noch keinen Tour-Professional kennengelernt, der auf dem Platz über seinen Schwung nachdenkt. Er hat sein Ziel (Landing Zone) vor Augen – während er überlegt, wie er das erreichen kann. Damit wären wir beim Sinn des Golfspiels:

Golf ist ein Geschicklichkeitsspiel, bei dem versucht wird, einen Ball mit möglichst wenigen Schlägen in ein kleines Loch zu befördern!


Stimmung?

Golf kann Spaß machen – oder auch nicht, je nach dem, warum man spielt, mit wem man spielt, wo man spielt und ob man überhaupt spielt. Wer sich während des Spiels nur mit Gedanken an Statusgewinn durch Handicap-Verbesserung beschäftigt oder mit Gedanken an Geschäfte und Beziehungen und dabei die herrliche Umgebung und das Spiel vollkommen ausblendet, ist im falschen Film.

Ich vergleiche Golf gerne mit Schach, denn wie das Schachspiel erfordert Golf Ruhe und Konzentration. Wer Golf motorisch einigermaßen hinbekommt, wird schnell erfahren, dass es bei dem Spiel eigentlich um Strategie und Geisteskraft geht.
Deshalb bin ich ziemlich konservativ was die Neuerungen angeht, die das Golfspiel angeblich ‚moderner‘ machen sollen: Party-Gejohle und der ganze Krach, den manche brauchen, weil es ihnen unmöglich geworden ist, ohne „geile Stimmung“ mal einen Moment bei sich zu sein.

Platzreife

Wenn Sie auf dem Platz spielen möchten, sollten Sie eine Mindestqualifikation besitzen, um weder sich noch andere zu nerven oder sogar zu gefährden.

Viele Golfclubs in Deutschland erlauben das Spielen nur mit einer Platzerlaubnis, wobei die Platzerlaubnis (PE) oder Platzreife in den deutschen Golfclubs individuell gehandhabt wird. Platzreife-Kurse sind leider von sehr unterschiedlicher Qualität, aber wenn Sie regelmäßig bei einem Golflehrer trainieren, die Etikette beherrschen und schließlich vom Üben so verzweifelt sind, dass Sie schier platzen könnten, dann erteilt er Ihnen bestimmt die Platzreife. Leider führt die bei manchen Spielern zu dem fatalen Irrglauben, jetzt Golf spielen zu können. Die Platzreife ist jedoch nur eine Art "Grundausbildung", um auch auf dem Platz und nicht nur auf der Driving Range (Übungswiese) trainieren zu können, bis man sich das international anerkannte Handicap 36 erspielt hat. Clubfreie Golfer müssen dazu bei offenen Turnieren mitspielen, die von Ihrem Verein, aber auch von gastfreundlichen Clubs veranstaltet werden.

Wenn das Spiel zum Sport wird...

Und wie geht es dann weiter? Manche bleiben in der Clique, die sich häufig in Schnupperkursen bildet, andere lernen ihre Lieblings-Spielpartner auf der Runde kennen, Individualisten bleiben für sich. Jedem steht offen, sich für das Spiel zu entscheiden, das zu ihm passt – vorausgesetzt, man spielt flüssig oder lässt schnellere durchspielen.

Für sportlich ambitionierte Golfer beginnt nun die Jagd nach einem besseren Handicap und Talente werden irgendwann in die Clubmannschaften berufen. Alle Altersgruppen haben bei entsprechender Qualifikation die Möglichkeit, in Liga-Spielen ihres Verbandes zu punkten oder an Turnierserien externer Veranstalter teilzunehmen.
Hilfreich ist der Besuch von großen Golf-Turnieren. Wenn die Deutsche Golf Liga (DGL) oder sogar ein Profiturnier in Ihrer Nähe stattfinden, sollten Sie sich das anschauen. Wenn Sie die Spieler auf der Driving Range beobachten, lernen Sie, wie systematisch trainiert wird.

Golf erfordert Zeit, Hingabe, Geduld, Aufrichtigkeit, Mut und Ehrlichkeit mit sich und anderen – und mehr Fitness als man glaubt.

Also: probieren Sie es aus – und tun Sie etwas für sich und Ihre Gesundheit. Wer sich dem Golfspiel ohne Hast nähert und dabei in der Lage ist, die Schönheit der Golfanlage zu genießen, tut viel für die Gesundung von Leib und Seele, wie das der Pfarrer Kneipp einst nannte. Und wer sich bemüht, das Spiel wirklich zu lernen und dabei nett und höflich bleibt, wird sich irgendwann fragen, was es mit dem Spirit of the Game auf sich hat.
Spätestens dann werden Sie zu jenen gehören, die dazu beitragen, dass Vorurteile gegenüber dem Golfspiel abgebaut werden – und dafür danke ich Ihnen heute schon im Namen aller, die dieses wunderbare Spiel lieben.
Eugen Pletsch

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