15.12.2018 - 20:09 Uhr

Bitte schickt Eure Leserbriefe möglichst mit der Themenüberschrift, auf die Ihr Euch bezieht. Sofern Ihr das nicht explizit untersagt, gehe ich davon aus, dass ich Eure Leserbriefe ggf. auszugsweise veröffentlichen bzw. in meinen Blogs daraus zitieren darf. Briefe und ggf. Antworten stelle chronologisch untereinander. Vielen Dank!

Lieber Eugen, 
zu dem Thema Seniorengolf kann ich (noch) nicht viel beisteuern. Vielleicht nur die Frage nach den Abschlägen. In den USA gibt es doch von Kids Golf ein System, wo sich der zuständige Abschlag nach der Länge des Drive richtet. Fände ich ganz passend. Denn wenn ich Oliver Heuler richtig verstanden habe, ist unsere maximale Länge ja genetisch eingeschränkt. Wenn man Frauen und Kindern kürzere Abschläge zugesteht, dann kann man das doch auch Menschen zugestehen, die durch Genetik oder Alter in ihrer Abschlagslänge beschränkt sind.

Ich habe neulich mit den Rentnern bei uns im Club den Herren-Nachmittag verbracht. Es war sehr nett und die alten Haudegen waren gut drauf. Beeindruckend, wie präzise die über Achtzigjährigen den Schlägerkopf an den Ball bringen. Traurig allerdings, wie wackelig deren Schwung aussieht. Das ich im hohen alter Länge verliere - ok. Aber muss der Schwung dann so furchtbar aussehen, an dem man jahrzehntelang gearbeitet hat?

Ich habe übrigens gerade Ihr Buch „Endlich einstellig“ durchgelesen und es sehr genossen. Haben Sie mit einem HCP von über 10 wirklich immer von Weiß abgeschlagen - also Herren-Champions? Wie schafft man da mit einer Drive-Länge von 175 Metern einen Birdie oder gar Eagle zu spielen?

Viele Grüße,
Christian   
9.4.2018  

Antwort:

Lieber Christian,
vielen Dank für Ihre interessanten Zeilen. Weiße Champions-Tees gibt es in manchen Clubs, aber gar nicht immer. Bei uns ist der hintere Abschlag gelb und wenn ich schlecht treffe liege ich, je älter ich werde, auch nur bei ca. 170, im Sommer 175-185, bei Trockenheit mit Roll auch weiter.
Ich war nie ein Longhitter, habe aber manchen Longhittern durch gerade Schläge und mit gutem kurzen Spiel manches Match abgenommen. (...)
Mittlerweile habe ich das sportliche Golf weitgehend an den Nagel gehängt, schlage auch mal von Blau ab, wenn ich mit meiner älteren Schwester spiele und habe gestern auf neun Loch acht über gespielt, was zu der Jahreszeit und dem Platzzustand voll OK ist.
Machen Sie sich nicht verrückt, aber üben Sie die Basics (Stand, griff, Ausrichtung) bei einem guten Pro und es wird sich bezahlt machen.
Mit (genetisch bedingt relativ un-)sportlichen Grüßen ;-)
Eugen

Antwort von Christian:

Da bin ich ja beruhigt. Mit dem verrückt machen ist es leider schon zu spät. Ich bin einer dieser älteren Männer, der viel zu spät mit Golf angefangen hat und jetzt mit krankhaftem Ehrgeiz vergeblich versucht, die verlorene Zeit aufzuholen. Der mehr an Golf als an Sex denkt und sich schon viele Stunden vor dem ersten Abschlag Gedanken darüber macht, wie seine Schläge heute kommen werden. Wo wir beim Thema sind: Angst. Die Angst zu Versagen. Oder besser: Die Ungewissheit und die daraus resultierende Unsicherheit, die angeblich Schuld an den schlechten Schlägen ist. 

Ich weiß, der Schlag vom Fairway aufs 170 Meter entfernte Grün ist in mir - er kam ja schon mehrfach. Aber in mir ist eben genauso der Shank, der Slice, der Pull Hook und was weiß ich noch alles. Und wenn der schlechte Schlag kommt, fällt mein Eltern-Ich über mich her, schimpft mich einen Versager und will von mir wissen, was ich jetzt schon wieder falsch gemacht habe.

Aber dann dachte ich irgendwann: Wir sind doch keine Maschinen, so funktioniert unser Hirn und Körper einfach nicht. Wenn ich bspw. meinen Namen schreibe, rufe ich ja nicht eine exakte Bewegung ab, sondern mein Hirn hat Schlüsselkenntnisse gespeichert, die es abruft und zu einem Ablauf zusammensetzt: Es weiß, mit man die einzelnen Buchstaben schreibt und in welcher Reihenfolge. Daraus entsteht dann meine Unterschrift. Diese sieht nie 100% gleich aus - zwar sehr ähnlich, aber eben nie exakt deckungsgleich. Und ist es nicht genauso mit unserm Golfschwung? Wir rufen Schlüsselmomente ab: (Timothy Gallwey „Hinten - Oben - Unten“; mein Trainer: „Co-ca Co-la“) und bis auf Moe Norman schafft es vielleicht niemand, diese Bewegung bis ins kleinste Detail jedesmal zu wiederholen. 

Noch ein Beispiel: Für bestimmte Spezialeffekte beim Film muss man eine Szene mehrfach belichten. Möchte man das mit einer Kamerafahrt realisieren, muss diese Kamerafahrt bei jeder Aufnahme exakt wiederholt werden. Es gibt - glaube ich - keinen Kameramann auf der Welt, der das beherrscht und deswegen überlässt man diesen Job Maschinen. Menschen können so etwas einfach nicht. Wenn wir aber von uns selbst beim Golf maschinelle Präzision verlangen, ist das nicht außerordentlich dumm? Golf ist nunmal das Spiel mit der eigenen Unvollkommenheit. Ohne die, wäre es ja langweilig.

Neulich lief eine Doku bei mir auf Netflix und Tiger Woods sagte sinngemäß: „Jeder von uns hat großartige Schläge, aber viel entscheidender ist:  Wie schlecht sind deine schlechten Schläge?“ Das leuchtet ein, oder? Lässt sich Golf dann auf die simple Formel bringen: Üben, üben, üben, damit sich die Wahrscheinlichkeit der schlechten Schläge verringert? Und wenn dann mal der schlechte Schlag kommt, müsste mein Eltern-Ich die Klappe halten, ich mir selbst statt dessen sagen, dass ich einfach noch nicht genug geübt habe und der schlechte Schlag nun mal im Bereich des Möglichen lag. Solange ich nicht 7 Millionen Bälle geschlagen habe, ist es für meinen Körper unmöglich, jeden Ball perfekt zu treffen und damit muss ich mich einfach abfinden. Es ist vollkommen sinnlos, sich darüber aufzuregen. Wenn da nur nicht dieses verdammte Bälle suchen wäre...

Naja, so viel zu meinen Gedanken über die Angst beim Golf. Jetzt lese ich erstmal Ihr anderes Buch.

Viele Grüße

Christian

 

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