24.11.2020 - 10:45 Uhr

In den letzten Tagen dachte ich über die European Tour nach, die gerade auf ihrem alljährlichen "Desert-Swing" in arabischen Länder unterwegs ist. Golfprofis fragen nicht, wo sie spielen; sie wollen Geld und Punkte machen.

Kann man verstehen, aber zur Zeit der Apartheit gab es darüber anlässlich der „Million Dollar Challenge“ in Sun City wenigstens eine Diskussion. Ob und welche Golfer das Turnier damals aus politischen Gründen boykottiert haben, weiß ich nicht und über die fragwürdige Rolle von Saubermann Gary Player möchte ich mich nicht auslassen, das kann jeder googeln bzw. im ‚Observer‘ nachlesen. Jedenfalls – habe ich mal bei Amnesty International nachgefragt, ob es auf der European Tour überhaupt irgendwelche Länder gibt, in denen ein reflektierender Mensch Sport betreiben kann, ohne sich schämen zu müssen.

Meine Vermutung war, dass eigentlich jedes Land, vielleicht außer ein paar europäischen (wenn man es nicht so genau nimmt), auf der Liste jener Länder steht, in denen Menschen auf irgendeine Weise verfolgt oder gequält werden.

Die Antwort von Amnesty International kam prompt und zu meiner Überraschung vertritt Amnesty keineswegs die Position, dass Sportveranstalter und Fans solche Events boykottieren sollten. Amnesty meint, dass es vielmehr darum ginge, bewusst mit dem Thema umzugehen und Menschenrechtsverletzungen anzusprechen, wenn wir in diese Länder reisen, um auf diese Weise etwas zu verändern. Sie schrieben:
„Große Sportereignisse lenken in der Regel die Aufmerksamkeit der weltweiten Öffentlichkeit auf ein Land und schlechte PR ist für die dortigen Regierungen sehr unangenehm.“ 

Na gut. Ich reise nicht in ferne Länder und würde mich (falls sie mich überhaupt reinließen) auch nie wagen, auf der PGA-Messe in Orlando/USA den Folterreport der CIA[1] anzusprechen.

Und Golfprofis werden ihre Gastgeber schon gar nicht mit Menschenrechtsfragen nerven. Vielleicht würden Rory McIlroy, Henrik Stenson und Sergio Garcia im Beduinenzelt Ihres Gastgebers dezent andeuten, dass sie es uncool finden, wenn der Paki-Sklave am Mercedes durch die Wüste geschleift wird, nur weil er einen Silberteller hat fallen lassen.
Aber mehr geht nicht. Vermutlich gibt es sogar einen European Tour Codex, der Spielern nicht gestattet, sich politisch zu äußern. Dennoch hoffe ich, dass nicht alle Pros nur über die Farbe ihres neuen Ferrari nachdenken oder darüber, welche Hostess sie begurren könnten, wenn sich sanfte Schatten über die Fairways legen und die wilden Träume kommen. Nicht alle Pros.

Martin Kaymer, zum Beispiel, hat offensichtlich andere Dinge im Kopf. Als er seine 75er-Schlussrunde in Abu Dhabi HSBC reflektierte, war er bereit, sein Herz und seine Gedanken zu öffnen. Das erinnerte an seine Bauchnabelschau anlässlich der BMW Open in München und doch war es anders.

Du musst herausfinden, warum dir diese Dinge passiert sind", sagte Martin, und: "Um weitermachen zu können und voranzugehen, musst du dich dem Geschehenen stellen und es aufarbeiten.“

Und dann folgten die vielleicht wichtigsten Sätze: "(…) viele sehen es als einen Crash an. Ich nicht. Von außen mag es wie ein Zusammenbruch ausgesehen haben. Für mich war es das nicht. Im Gegenteil: Ich bin definitiv jetzt noch motivierter und in derartigen Situationen gewarnter als vorher."

Klingt, als hätte Kaymer in der Wüste den Bagger Vance von Abu Dhabi getroffen! 

Leider gehörte ich nicht zu dem erlauchten Kreis derer, die bei jener Pressekonferenz anlässlich der BMW Open vor ein paar Jahren in München eingeladen waren. Sonst hätte ich Kaymer schon damals besser verstanden, was mir viele Grübeleien über Kaymers Psyche erspart hätte: Er kommunizierte seinen Transformationsprozess und wir Unken wollten nicht wahrhaben, konnten es uns einfach nicht vorstellen, dass jemand IN DIESEM BUSINESS wirklich bereit war, OFFEN UND EHRLICH mit sich selbst zu sein  –  um seine Innenwelt dann auch noch öffentlich zu reflektierten.  

Also, wer weiß. Vielleicht kommt auch noch der Tag, an dem Kaymer sagt: „Danke, Leute: Kohle hab ich genug, Major-Sieger bin ich auch. Da mach‘ ich doch keinen Bückling vor einem Scheich, der Menschen auspeitschen lässt und Waffen an die IS liefert und Leuten die Hände abhacken lässt. Da spiele ich lieber Fußball auf den Rheinwiesen.“ Oder so ähnlich.
Wäre doch der Hammer, oder?

Entscheidend war, dass Kaymer nach der Schlussrunde in Abu Dhabi nicht mit sich haderte, als er über die Frage nachdachte, was Misserfolg bedeutet. Im Gespräch mit Bruder und Vater bekam er Rückmeldung von außen und dieser Prozess des gemeinsamen Reflektierens, diese Selbstbetrachtung, ermöglichte ihm, sich und sein Spiel aus einer anderen Perspektive zu sehen. Das ist etwas komplett anderes, als wenn ein Tausendfüßler beim Laufen über seine Füße nachdenkt und dann prompt stolpert.

Zum Thema Reflektion und Perspektivenwechsel fällt mir eine Geschichte von Dan Jenkins ein. Jenkins wird „the best sportswriter in America“ genannt, wobei ich hinzufügen würde: „the best living sportswriter in America“, denn der Beste war (aus Sicht eines Alt-Psychedelikers) Hunter S. Thompson – aber egal. Dan Jenkins ist der ‚grand ol‘ man‘ unter den Golfautoren, einer, der seit mehr als 50 Jahren auf der MASTERS abhängt und sie alle traf, ALLE – außer vielleicht Old Tom Morris.
Die Geschichte geht so:
Bei der 1973 Open in Troon trafen sich Dan Jenkins und Tom Weiskopf am Morgen der 1. Runde und beide waren genervt, sowohl vom Platz, als auch der Unterbringung, dem Essen, dem Wetter, eigentlich von allem und besonders von den Toiletten. Sie hassten Schottland und Weiskopf ließ seinem Ärger freien Lauf bis Jenkins irgendwann sagte:

„Hogan hat einen Golfplatz bei Major-Turnieren auch nie gemocht. Im Gegenteil: Er betrachtete den Platz als seinen Feind. Er ging raus, um ihn zu killen.“

Tom Weiskopf dachte nach. Ein Cartoonist hätte ihm eine Blase mit Fragezeichen über den Kopf gemalt. Dann ging ihm ein Licht auf: „Das werde ich auch machen“, sagte er. „Ich werde rausgehen und den Platz killen!“

Der Rest ist Geschichte: Weiskopf spielte das spektakulärste Golf seiner Karriere. Er gewann die OPEN, indem er den schweren Platz bei grau-kaltem, windigem und nassem Wetter mit 276 Schlägen zerlegte, wobei besonders die 3. Runde, sein Duell mit Jonny Miller, unvergessen bleiben wird.

Tja, sowas kann passieren, wenn man seine Perspektive verändert.

Ihr /Euer

Eugen Pletsch

[1] https://www.heise.de/tp/features/Eine-neue-Inquisition-3369531.html

(C) By Eugen Pletsch, 2015

 

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