18.10.2018 - 22:37 Uhr
Eines Tages fragte eine Leserin, ob sie mich mal im Golfpark Winnerod besuchen dürfe. Sie käme aus Bayern und wäre auf dem Weg nach Hause in NRW.
Na ja, begeistert war ich nicht. Die Dame hatte mir mal anlässlich einer Umfrage gemailt, worauf eine ausführliche Korrespondenz folgte. Als sie dann eintraf, setzten wir uns auf die Clubterrasse und sie begann zu erzählen, dass sie erst seit einem Jahr Golf spielen würde. Sie habe eine preiswerte Mitgliedschaft in einem Club nahe der tschechischen Grenze (von wo sie gerade kam) und habe sich dort in einer Intensivwoche ihr Handicap 45 erspielt. 
Ansonsten würde sie auf den Plätzen um ihre Heimatstadt trainieren, sofern ihr das finanziell möglich wäre. Hin und wieder begleite sie einen jungen Pro als Caddie, der ihr dafür ein paar Tricks zeigen würde. Früher war sie Fußballerin und spielte Basketball, aber nach einer Fußverletzung musste sie jegliche Mannschaftsportarten aufgeben. Irgendwann wäre ihr das Golfspiel begegnet, das sie so sehr fasziniere, dass sie sich in ihrem Garten ein Pitching Grün angelegt hätte.

Sabine ist eine dieser Spielerinnen, die für mich den SPIRIT OF GOLF verkörpern. Sie gehört zu den Frauen, die mit diesem Society- und Zicken-Golf der S-Klasse absolut nichts zu tun haben, die bei Wind und Wetter draußen sind und lieber nachts nach Kieselsteinen schlagen würden, als auf ihren Sport zu verzichten.
Wer ohne goldenen Löffel im Mund geboren wurde, für den / die ist Golf spielen nach wie vor ein hartes Stück Brot, weil Jobs beschissen bezahlt werden und zwar genau von jenen Chefs, die in Golfclubs abfällige Bemerkungen über Nassauer, Billig-Golfer und Habenichtse machen. Sie werden nie begreifen, dass Golf ein Sport des Herzens ist - und nicht der gemeinsame Nenner aller Steuerflüchtlinge.

Eigentlich hatten wir geplant, auf unserem schönen, kniffligen Kurzplatz zu spielen. Aber als ich dann von Sabine erfuhr, dass sie noch nie ein Turnier gespielt hatte, schlug ich ihr vor, das 9-Loch Turnier mitzuspielen, das unser Club Freitags für Anfänger veranstaltet. Sie willigte ein, war kaum aufgeregt und sagte nur, dass ihr Handicap-Jägerei eigentlich egal sei. Sie wolle nur Spaß haben.
Ich erklärte ihr, dass diese Handicap-Jägerei in Deutschland zwar abartige Formen angenommen habe, aber die Intention in der Vergleichbarkeit verschiedener Spieler läge, die sich in einem Wettkampf nur dann fair messen können, wenn sie ein korrektes Handicap spielen.
Während in den USA jede beglaubigte Runde fürs Handicap zählt, wodurch die aktuelle Spielstärke erfasst wird, muss man in Deutschland die „vorgabewirksamen Turniere“ des Monopolisten spielen, was viele Leute nicht machen wollen oder können. Deshalb sind die Handicaps hierzulande oft eine Farce.
Sabine Oelmann sah das mit dem fairen Vergleich ein und so spielten wir dieses 9-Loch Turnier. Sie ließ es laufen, gewann mit 47 Netto-Punkten den 1. Platz und rutschte auf Handicap 35.
Ich ließ es auch laufen und stolperte dabei 33 Punkte zusammen, was ich immerhin mit einem gewissen Humor betrachten konnte.

Die nächste Runde spielten wir zu zweit. Schon auf der ersten Bahn zeigte sie, was Sache ist, denn Ihr Drive knallte wie ein Peitschenschlag. An meinem Ball angekommen sah ich, dass mich Frau Oelmann um etwa 40 Meter ausgedrived hatte. Auch ihr Annäherungsschlag zum Grün deutete an, dass mir etwas Besonderes bevorstehen würde.
Auf der 2. Bahn, einem Par 3, nagelte sie ihren Ball mit dem Eisen 5 auf die rechte Grünseite und schob die Kugel auf dem (damals) sehr schnellen Grün mit sensiblem Touch bergab ans Loch. Sie spielte Par, während ich meinen ersten Bogey notierte.
 

Aufmerksam beobachtete ich die junge Dame, während sie das 3. Fairway mit einem uralten, geliehenen 10 Grad Callaway-Driver spaltete. Ihre klobigen, alten Wilson-Schläger waren offensichtlich zu kurz, aber „da sie sich mit Golf nicht auskennt“, wie sie meinte, war ihr das egal. „Hauptsache es funktioniert“, sagte sie, und “Ich will Spaß haben, ich will einfach nur Golf spielen und über nix nachdenken. Ich lass´ es laufen.“ Ich lass´ es laufen - das war ihr Slogan.

Wenige Tage zuvor hatte ich ein Matchplay über 9 Loch gegen einen Lokalmatador gewonnen, vermutlich weil ich an diesem Nachmittag gedopt war mit Substanzen, die ich wegen überhitzter Nerven und vegetativer Störungen schlucken musste. Nachdem ich auf der 4. und 5. Bahn jeweils ein Birdie gespielt hatte, stand mein Doc, der eilends herbeizitiert wurde, am 6. Abschlag und wurde Zeuge, wie ich kurz darauf zum 3. Birdie in Folge einlochte.
Er hatte mir am Nachmittag vor der Runde eine Infusion verpasst und schien nun zu grübeln, ob er sich das Zeug nicht mal selbst reinpfeifen sollte, denn es folgten noch zwei Pars unter schwierigen Bedingungen. Auf dem 9. Abschlag, zwei unter für die Runde, war ich von tiefem Seelenfrieden erfüllt.
 "Du hast doch jetzt Druck, oder?“, fragte der Matador, der das Match bereits verloren hatte. „Du musst doch jetzt DRUCK haben?! Zwei unter, das musst Du jetzt REINBRINGEN!“

„Ich muss gar nichts“, sagte ich, dachte weder über meinen Griff noch sonst was nach und schlug einen herrlichen Drive ins Tal. Der Ball lag exakt da, wo ich die Woche zuvor mit dem Holz 3 den schönsten 2. Schlag meines Lebens gemacht hatte, über die Bunkerreihe kurz vors Grün.
Diesen Schlag visualisierte ich mir, aber da ich über dem Ball stand, hookte ich nach links. Mein Mitspieler schaute bedenklich. „Könnte im Aus sein.“
Ich dachte nicht nach und anstatt sicher vorzulegen, spielte ich den 2. Ball ebenfalls mit dem Holz 3, wieder nach links. Aber beide Bälle fanden sich. Ich schlug ein Eisen 8 aus dem Rough an den rechten Grünrand, der Chip bergab war sehr aggressiv, weil ich lochen wollte, um die Welt anzuhalten, wie das Don Juan nennt. Aber die Welt wollte nicht anhalten und der Ball auch nicht. Er lief über das Loch und rollte weiter. Viel zu lang. Der Putt zum Par war sehr schön, aber der Ball lag nur neben dem Loch, also eine Sechs. Ich beendete die 9-Loch Runde als Sieger im Matchplay mit eins unter Par. 

Daran dachte ich, während ich Frau Oelmann beobachtete. An diesem Tag hatte ich es laufen lassen. Ich tat, ohne zu Tun und die Dinge passierten. Heute weiß ich, dass man diesen Zustand FLOW nennt, der aber nur dann "geschieht", wenn etliche Komponenten zusammenkommen, um sich in einem Moment der Gnade zu vereinen: Richtiges Training, kluges Spiel, Entspannung im Kopf, gelöster Rücken, Glück und den Mut, den es braucht, um das, was man erarbeitet hat, loslassen zu können.

Für den nächsten Tag hatten wir eine 18-Loch Runde geplant. In Winnerod herrschte brütende, schwüle Hitze, aber Frau Oelmann schien gewappnet. Sie habe nicht nur mein Buch  "Der Weg der weißen Kugel" gelesen, sagte sie, sondern auch meine Geschichte Am Rande des Wahnsinns (später in Golf Gaga erschienen), weshalb sie mit dem Spiel bei sengender Hitze durchaus vertraut wäre.
Sie schlug ihren Ball so hart, dass er aufschrie und ich taumelte schweißgebadet hinter dieser Frau her, die mir wie eine Inkarnation von Babe Zacharias vorkam.
Sie zählte mich „Strokeplay“, ich zählte sie nach Stableford. Gegeneinander spielten wir Matchplay, dabei hatte sie pro Bahn nur einen Schlag vor.
Das mag unfair klingen, aber –  ich bin doch nicht verrückt! Ich hatte diese Frau am Tag zuvor spielen sehen! Und Putts wurden auch keine geschenkt.
 
Es wurde die längste Runde, die ich jemals zu zweit gespielt habe. Wir starteten mittags und waren mehr als sechs Stunden unterwegs, wobei wir keinesfalls langsam spielten. Bösartiges Gewitter war aufgezogen. Auf der 13. Bahn spürten wir, wie die Luft knisterte. Wir markierten die Bälle und rannten um unser Leben.
Bis dahin lag ich 3 über Par! Ich wollte diese Runde unbedingt zu Ende bringen, sie auch. Fast zwei Stunden hockten wir in der Schutzhütte am 16. Abschlag und als wir hungrig wurden überlegten wir, ob man ein Kaninchen mit einem getoppten Ball erlegen könnte. Aber das Handy funktionierte auch nicht und selbst wenn, hätten sich die Kellner vermutlich geweigert, uns bei diesem Wetter Salz und Pfeffer zu bringen.
Ich fummelte an meinem neuen Entfernungsmesser rum, der aber keine Auskunft darüber gab, wann die
sintflutartigen Regenfälle aufhören würden, die dem Gewitter folgten.

Zu früh zogen wir weiter. Der pitschnasse Platz und die Angst vor den bedrohlich nahen Blitzen kosteten uns auf den letzten Löchern einige Schläge. Ich brachte eine 9 über Par rein und Sabine spielte 51 Stableford-Punkte, wie unser Manager später ausrechnete. Obwohl sie nur einen Schlag pro Bahn vor hatte, gewann sie das Match eins auf.

Tja, so hat sie es auch an diesem Tag laufen lassen und ich zog meinen Hut, den ich jetzt noch respektvoll in der Hand halte.

Ihr / Euer

Eugen Pletsch

 

Euugen Pletsch und Frau OelmannPS: Dieser Text ist eine aktualisierte Überarbeitung der Originalfassung von 2008.
Seitdem hat Frau Oelmann viele Runden Golf gespielt, wurde von Hickory-Weltmeister Perry Somers zur Hickory-Spielerin ausgebildet, begleitete The Great Match in Schottland und wurde "einstellig", bis ihr alte Fussverletzungen dazwischenfunkten.
Wenn es ihre Zeit erlaubt, schreibt sie hin und wieder etwas in ihrem Blog.
Immer wieder hilft sie mir bei meiner Arbeit auf Cybergolf und ich hoffe, dass Sie selbst irgendwann damit beginnt, ihre Erlebnisse in Schottland in einem Büchlein zu verarbeiten, das manchen Anhänger des traditionellen Golfspiels interessieren dürfte.

© by Eugen Pletsch, 2008




 

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok