18.10.2018 - 22:02 Uhr

Immer wenn ich mich hinsetze um wieder mal einen Artikel zu schreiben, denke ich „Was willst du denn schreiben, es ist doch schon alles gesagt?“

Wie gut dass es einen gewissen Valentin gegeben hat, der mal sagte: „Es ist zwar schon alles gesagt, aber noch nicht von jedem!“ Dass in diesem Satz viel Weisheit liegt, weiß jeder von sich selbst. Erst wenn wir sie jemand anderem überzeugend schildern können, haben wir eine Wahrheit (oder Weisheit) erst wirklich begriffen. Hier sind drei Weisheiten, die es alle wert wären, von jedem verinnerlicht zu werden. Warum wirst du gleich erkennen. Sie stammen aus dem I-Ging von Lao-Tse:

Den Frieden wahren

Erhöht nicht die besonders Begabten – 

und die Menschen werden nicht streiten.

Schätzt nicht schwer erschwingliche Güter – 

und die Menschen werden nicht zu Dieben.

Richtet das Augenmerk nicht aufs Begehren – 

und das Menschenherz bleibt unbetört. 

Nun, folgen wir diesem Rat? Wir – damit meine ich unsere westliche Gesellschaft.
Wir könnten kaum krasser zuwiderhandeln. Castingshows, Fan-Kult, Preisgelder und Denkmäler zeugen vom Gegenteil. Wir schätzen auch vor allem die schwer erschwinglichen Güter, das durchschnittliche ist uninteressant. Und was das Begehren anbetrifft: Es gibt mittlerweile Schulungen und Kurse, Bücher und Broschüren, die lehren wie man das bis ins Groteske verstärken kann. Dem Begehren wird nämlich eine magische Kraft zugeschrieben – es kann das Gewünschte direkt herbeizaubern, man muss nur stark genug wünschen.
Demnach ist wohl kaum ein Menschenherz noch wirklich unbetört. Dafür sorgt schon die allgegenwärtige Werbung. Das heißt aber nichts anderes, als dass wir nicht mehr in der Mitte sind! Gelten diese drei Weisheiten nicht mehr? Es scheint, als täten wir nicht viel dazu, den Frieden zu wahren… 

Lao-Tse hat auch etwas für den Coach: Er gibt uns einen Rat mit auf den Weg, wie wir es richtig machen können.

So führen reife Menschen die andern:

Sie öffnen ihnen das Herz 

Sie festigen ihnen die Mitte.

Sie mildern ihr Begehren,

Sie stärken ihren Charakter 

Man könnte die Aufgabe eines Coachs nicht schöner und knapper formulieren. Genau das sind die Potenziale, die beim Klienten geweckt werden wollen, wenn man ihm einen dauerhaften Erfolg im Leben wünscht.

Natürlich ist da eine Frage berechtigt: „Ist so etwas denn heute noch zeitgemäß?“ Früher waren ja auch gewisse Werte eine Richtlinie und sind dann außer Mode gekommen. Der Autor Steven Covey nannte sie die Leuchtturmprinzipien:
- Redlichkeit (ich sage die Wahrheit und stehe zu meinem Wort)
- Fairness (ich behandle andere so, wie ich auch selbst behandelt werden möchte)

- Rechtschaffenheit (ich verdiene meinen Lebensunterhalt selbst und beute nicht andere aus)
Du brauchst nur unsere „Vorbilder“ in Politik, Medien und Macht anzuschauen um zu sehen wie mega-out diese Werte sind. Lügen, das bringt Erfolg – Fairness nicht. Und wer nicht andere für sich arbeiten lässt, kommt nie zu satter Kohle. Angesichts solcher Tatsachen können einem doch Zweifel kommen, ob wir Coaches unsere so schön klingenden Werte nicht noch einmal überdenken sollten.

Auf einem Fachkongress unterhielt ich mich mit einer erfolgreichen Promoterin für gesundes Wasser. Sie hatte mein Buch gelesen und schwärmte davon, wie gut sie es in ihrem Beruf brauchen konnte. Als ich sie jedoch fragte, ob sie es schon ihren Kollegen empfohlen hätte, sagte sie: „Um Himmels willen, nein! Ich will doch meinen Vorsprung behalten!“

Ich fand es schade, dass sie so dachte. Nicht aus Verkaufsgründen – ich bin lieber ein Geheimtipp als ein Bestseller. Nein, weil dies genau der Grund ist, dass einige Wenige Macht über alle ausüben können: Wenn jeder sich als Einzelkämpfer fühlt, gibt es keine nennenswerte Gegenwehr. So funktioniert das ’Teile und herrsche‘! Deshalb sollten wir gut überlegen: Potenzialentwicklung als Konkurrenzvorteil – wollen wir das?

Ich geb's zu, ich bin altmodisch. Manchmal ist man damit sogar seiner Zeit voraus. Jedenfalls bin ich für Zusammenhalt, für das Geben aus der Fülle, und nicht für Konkurrenz. Deshalb ist das Potenzial, das ich am liebsten fördere, die Fähigkeit Zusammenhalt zu schaffen. Und dazu habe ich in meinem Buch u.a. drei recht einfache (philosophische) Grundhaltungen formuliert, die eine gute Grundlage sind um Nähe zu schaffen, Konflikte beizulegen und ein warmes, heiteres Klima zu schaffen, in dem sich wohl zu fühlen ein Leichtes ist.

Die erste Haltung nenne ich schlicht die „Zoo-Brille“. Unvoreingenommen wie ein Zoobesucher betrachten wir die Tierchen dieser Welt, auch die menschlichen. Da jeder eine Spezies für sich ist, mit besonderem Aussehen und Eigenheiten, mit besonderen Vorzügen, Vorlieben und Abneigungen, lernen wir bei dieser neugierigen Betrachtung recht schnell, in welcher Umgebung, in welchem Klima und mit welchem Futter sich diese Spezies so wohl fühlt, dass ein Auskommen und Zusammenarbeiten mit ihr leicht ist. Bei artgerechter Behandlung ist niemand schwierig. Wie Pflanze und Tier gedeiht auch der Mensch nur in der artgerechten Umgebung und bei artgerechter Behandlung. Und die versuchen wir durch unsere Zoo-Brille zu heraus zu finden.

Die zweite Einstellung ist schon etwas schwieriger: die Verbündeten Haltung.

Für diese Haltung ist es nützlich, wenn man in der Meditation oder einem mystisch-psychedelischen Erlebnis die Erkenntnis gewonnen hat, dass wir alle eins sind. Dann es ist nämlich sehr viel leichter zu schmunzeln, wenn man von jemandem angegriffen wird. Man erkennt dann schnell den Irrtum und die Verblendung, welcher der andere aufgesessen ist. Natürlich erfordert es manchmal großes Geschick um dem Gegenüber zu helfen, seinen Irrtum zu erkennen und wieder zur Kooperation bereit zu sein. Aber dafür gibt es ja den magischen Kommunikationsstil. Mit ihm lernt man andere charmant zu entwaffnen und bereits gezogene (Schützen-) Gräben wieder aufzufüllen.

Die dritte Haltung brauchen wir, wenn wir auf andere reagieren. Es ist das Magische Vorgehen, eine Art Verbal-Aikido. Es geht dabei um die Einstellung, vorhandene Kräfte zu nutzen und sie nicht zu stoppen oder zu vernichten versuchen. Energie nutzen, nicht verschwenden!

Unter diesem Blickwinkel ist es durchaus positiv zu werten wenn jemand dir einen Tritt zu geben versucht. Erstens schenkt dir der andere seine Aufmerksamkeit, zweitens ist er bereit Energie zu investieren und drittens um eine Beziehung zu dir aufzunehmen. Was willst du mehr?

Wenn du schnell seinen Fuß fasst und ihn noch ein bisschen höher hebst, machst du bei seinem Spiel mit. Dass er dabei auf den Rücken fällt, tut dir wahrscheinlich leid und du wirst ihm sofort auf die Beine helfen. Das könnte der Beginn einer erfreulichen Beziehung sein.

Ein paar Beispiele helfen vielleicht, diese drei Haltungen in ihrer Anwendung zu verstehen.

Einer 30-järigen Klientin graut davor, Weihnachten zu ihrer Mutter zu fahren, weil es mit ihr ständig Streit gibt. Sie hasst es, von ihrer Mutter mit den Nachbarskindern verglichen zu werden, die schon erfolgreich und verheiratet sind und ihre Mutter mit Geschenken überhäufen. Diese Vergleiche machen sie wütend. Da bedarf es nur einiger Sticheleien der Mutter und es gibt einen handfesten Streit. Letztes Weihnachten war die Klientin wutentbrannt vorzeitig wieder heimgefahren.

Das Ergebnis unserer Arbeit war ein einziger Satz, den sie nur zweimal einzusetzen brauchte, dann war der unerfreuliche Spuk beendet. Als ihre Mutter nämlich wieder einen herabsetzenden Vergleich brachte, sagte sie mit echter Teilnahme in der Stimme: „Mutter, das tut mir echt leid. Du hättest wirklich eine tüchtigere und dankbare Tochter verdient als mich!" Und nach einer kurz Pause fügte sie leise hinzu: „... und ich weiß doch auch nicht, woher ich das hab.“ Beim zweiten Mal als die Mutter diesen Satz hörte, musste sie grinsen und sagte mit einer Handbewegung: "Ach, Du .."

Ein Ehemann berichtet mir von der Unart seiner Frau, Lebensmittel im Kühlschrank so lange zu lagern, bis sie total verrottet sind. Da ich das Phänomen kenne, konnte ich ihm erklären, wie es zustande kommt. Wenn man einerseits etwas pingelig ist, andererseits aber eingetrichtert bekommen hat, dass man Lebensmittel nicht wegwirft, bleibt nur noch, die verschmähten Sachen so lange aufzubewahren, bis sie die Bezeichnung Lebensmittel nicht mehr verdienen. Dann erst öffnet sich das Tor zum Entsorgen. Nachdem der Ehemann das verstanden hatte, kam er nach längerem Nachdenken auf eine friedenerhaltende Reaktion. Das nächste Mal, als er ganz hinten im Kühlschrank wieder eine gemächlich vor sich hin gammelnde Mülldeponie vorfand, sagte er zu seiner Frau: „Schatz, ich habe gerade in den Kühlschrank geschaut. Der Käse und die Karotten haben schon einen dicken Pelz, nur die Tomaten müssen noch etwas liegen!“ Seine Frau lachte silberhell, sprang von der Couch auf und machte sich daran, den Kühlschrank auszuleeren.

Der Mann einer Klientin tat sich schwer damit, sich anzugewöhnen, jedes Mal die Spülung zu betätigen wenn er ein größeres Geschäftchen gemacht hatte. Seine Frau hatte ihn immer und immer wieder ermahnt, aber es hatte nichts gefruchtet. Ich erklärte meiner Klientin, dass manche Männer bei einem ganz bestimmten Klang der Stimme einer Frau zu Flusspferden mutieren, ihre Öhrlein schließen und auf Tauchstation gehen, wo sie natürlich diesen Klang nicht mehr hören. Ihre Ermahnungen müssten einen neuen Klang bekommen, damit sie gehört werden.  Wir übten ausgiebig und erfolgreich, die drei oben genannten Haltungen auf ihre Situation anzuwenden.

Als er wieder einmal die Toilette in eine olfaktorische Gefahrenzone verwandelt hatte, fragte ihn seine Frau (nachdem sie sich wieder erholt hatte): "Schatz, musst Du heute noch zum Arzt?" "Wieso?" meinte er verständnislos. "Ach, ich dachte nur, weil Du eine Stuhlprobe aufbewahrt hast!"

Da musste er lachen. Eine positive Emotion. Und Emotionen sind schließlich der Haftgrund des Gedächtnisses, wie Schopenhauer schon sagte.

Hans-Ulrich Schachtner:
»Frech, aber unwiderstehlich!
Der Magische Umgangs-Stil: Mehr Charme, Witz und Weisheit im Alltag, Beruf und in der Liebe« 

  • Verlag: HARMONY-BALANCE-EDITION; Auflage: 4. Auflage (1. Januar 2009)
  • ISBN-10: 3939924237
  • ISBN-13: 978-3939924234
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