26.05.2018 - 19:47 Uhr

Die kursierenden Ideen zur Vereinfachung des Handicapsystems haben mich geplättet, niemals hätte ich unserem bislang so verlässlich stagnierenden Verband einen solchen Befreiungsschlag zugetraut.

Keine Handicapverschlechterung mehr für Handicaps über -18

Das ist eigentlich gar nichts Neues, denn eine Verschlechterung des Handicaps gab es bisher schon nicht. Zumindest weigere ich mich eine Veränderung des Handicaps von -33,4 auf -33,6 oder von -12,2 auf -12,3 als "Verschlechterung" zu bezeichnen. Da könnte ich genausogut sagen mit 37,1° Temperatur hat sich meine Gesundheit verschlechtert, wenn ich zuvor 37,0° gemessen habe.

Und selbst bei hartnäckigem Turnierversagen über Jahre hinweg bleibt mindestens die -36 stehen, denn eine Verschlechterung in den Bereich der Clubvorgaben ist nicht möglich. Das "Lebenshandicap" existiert also bereits: de facto über alle Klassen und de jure ab -36. Der DGV schlägt nun vor, dass de facto alles bleibt wie es ist, aber de jure gehen wir von -36 auf -18. Revolution?

Nein, ich erwarte keine sichtbaren Auswirkungen auf oder neben dem Golfplatz. Der Dackeltöter bleibt ein Dackeltöter und wenn der Betreffende zukünftig sein Handicap mit -26 angibt (seine beste Runde) anstatt wie bisher mit -29,3 (seine annähernd beste Runde), dann ist das genauso aussagekräftig wie es in diesem Bereich sinnvoll ist.

Zumal durch den Wegfall der Dezimalstellen nicht mehr diese übertriebene Genauigkeit vorgegaukelt wird, die ja schon systembedingt nie erreicht werden kann. Im Bereich um Scratch mag es anders aussehen, aber die Jungs und Mädels sollen sich bitteschön brutto vergleichen. Insofern wird auch dort keiner die Nase rümpfen, wenn er statt +3,4 auf einmal nur noch +3 auf der Karte hat und sein Kumpel mit +3,5 dann feixend die +4 präsentiert.

Und wenn sich jemand tatsächlich dauerhaft und gründlich verschlechtert, zum Beispiel aufgrund gesundheitlicher Probleme, dann haben wir immer noch den Vorgabenausschuss. Sowohl unterhalb als auch oberhalb von -18.

Aber was ist nun mit den vielgeliebten Nettopreisen in den höheren Handicapklassen, die ja immerhin das Rückgrat jedes Teilnehmerfeldes stellen? Aus meiner Sicht passiert hier gar nichts, da es ja alle Spieler gleichermaßen betrifft. Somit wird man schlichtweg mit einem schlechteren Nettoergebnis als bisher Chancen auf einen Preis haben, aber es werden dieselben Spieler gewinnen.

Wenn sich also gar nichts ändert, warum bin ich dann so begeistert von diesem Vorschlag? Nun, es wird sich doch eine fast unmerkliche Änderung ergeben und zwar in den Köpfen der Spieler: Sie werden sich nicht mehr ärgern, dass sie nach einer schlechten Runde hochgestuft werden. Die menschliche Natur ist eben so beschaffen, dass sie eine Abstrafung durch die Gemeinschaft als Sanktion für unerwünschtes Verhalten empfindet. Das Handicapsystem steht, wie jedes Regelwerk, für die Erwartungen der Gemeinschaft an den Einzelnen. Es wird in und nach den Turnieren weniger verbissen zugehen, weil es weniger zu verlieren gibt.

Wegfall von CSA, CBA, Pufferzonen, jährlicher automatischer Anpassung des Handicaps

Wer hat eigentlich dieses Geschrammel jemals gebraucht? Ich nicht und ich weiss wovon ich rede, denn ich habe den ganzen Driss implementiert (in meiner Freeware Golf CV). Ich sage weg damit, reißen wir dem System die Maske der Genauigkeit vom Gesicht und stellen wir die Selbstverantwortung des Spielers wieder in den Vordergrund. Es ist schlichtweg nicht die Aufgabe eines Golfverbandes mit einer Vielzahl komplizierter Formeln einem Handicap hinterherzurennen, das der Spieler selbst unbrauchbar gemacht hat.

Sind die neuen Ideen also der große Wurf?

Jein. Nicht wenn man auf der grünen Wiese anfangen könnte, aber für ein "Brownfield Project" ist es aller Ehren wert, wenn es denn tatsächlich umgesetzt wird - am Ende gar noch als deutscher Sonderweg? Mal ehrlich, das hätte schon was, wenn die Südeuropäer am Ende über mangelnde Präzision und wurschtiges "Laissez-faire" beim deutschen Handicapsystem schimpfen.

Welche Probleme werden nicht adressiert?

Zuvörderst der Missbrauch des Handicaps für alle möglichen Zwecke außerhalb von Wettspielen. Der DGV-Ausweis als eigenständig handelbares Wirtschaftsgut ist eine Erscheinungsform davon. Eine andere ist das Phänomen, dass 99,9% aller deutschen Golfer ein Handicap haben, aber nur die wenigsten eines bräuchten. Und wenn nur diese paar wenigen Golfverrückten eines hätten, dann könnte das System sogar noch einfacher, ungenauer und billiger werden.

Vermutlich müssten wir hierzu wirklich auf die grüne Wiese. Ich möchte den Rahmen dieses Beitrags nicht sprengen, aber werfen wir doch mal einen kurzen Blick hinüber zum Bridge: Für eine bestimmte Turnierleistung gibt es soundsoviele Clubpunkte, für 100 Clubpunkte gibt es einen Masterpunkt und für soundsoviele Masterpunkte bekommt man einen neuen Titel. Und wer mit 117 Lenzen die Karten nicht mehr halten kann, der bekommt weder Masterpunkte abgezogen, noch muss er seinen Titel zurückgeben: ein "Life Master" bleibt man sein Leben lang. Irgendwie logisch. Und beruhigend.

Auf den DGV-Ausweis käme dann nicht das Handicap, sondern der Titel. Und den erwirbt man sich nicht nur durch lange Schläge und gute Putts, sondern auch durch Etikette, insbesondere Schonung von Golfplatz und Nerven der Mitspieler. In St Andrews müssen sie dann für den Old Course kein Mindest-Handicap von -24 mehr fordern, sondern können direkt auf das eigentliche Problem abstellen: die Spielgeschwindigkeit.

Genug gesponnen, zum Schluss möchte ich nochmal an die Einleitung zum "Weg der weißen Kugel" erinnern, wo von einer jahrhundertealten Tradition der Verzweiflung und Verbitterung die Rede ist. Das hat Herr Nothelfer wohl gelesen und sich gedacht: da können wir noch einen draufsetzen. Das Recht sich zu verschlechtern muss man sich zukünftig erstmal erarbeiten!

Ulrich Mayring

 

Ulrich Mayring (in Foren als ulim unterwegs) ist deutscher Korrespondent von www.top100golfcourses.co.uk, entwickelt die Freeware Golf CV, publiziert und berät zum Thema Golfarchitektur/Golfplatzbau.