21.07.2018 - 00:05 Uhr

Einige Leser wurden von den DGV-Interviews angeregt, zur Feder zu greifen. Folgenden Brief - keine leichte Kost, aber es lohnt sich - schrieb Wolfgang...

Lieber Eugen,
mein Tag hatte bis jetzt gut begonnen, dann habe ich das gelinkte (im doppelten Sinne!) Interview in der golfpost gelesen und vorbei war's. Da fehlen die Worte. Was ich herauslese ist: zukünftig letztlich jeden auf den Platz zu lassen. Einzige Voraussetzung: er zahlt. Verabschieden wir uns vom Spirit of the Game und was Golf sein kann, bzw. ist. Und: Golf als Spaßveranstaltung.
Gerne - solange darunter nicht Jahrmarkt zu verstehen ist, wie das neuerdings in diversen "Rettungvorschlägen" zu lesen ist und von an Etikette und Ausbildung eher desinteressierten, aber an schnellem Geld und wenig Konflikt interessierten Pros in Schnupperkursen gefördert wird, wenn die halbe Drivingrange plötzlich in Geschrei und Applaus ausbricht, weil ein Ball getroffen wurde.So wie sich das stilvoll gehört. Da ist dann der Schritt zum kompletten Juxgolf nicht sehr weit, warum nicht mit einem Faß Bier und in Badehose auf die Runde? Rasen ist ja Rasen, ob im Vorgarten auf oder auf dem Golfplatz. Hauptsache ein "Spaß-Event".
Austauschbar, denn es geht ja nicht mehr um Inhalte, sondern um die "Party". Und die schreit immer nach Neuen, Abwechslung - so ist das menschliche Gehirn beschaffen, sagen zumindest die Gehirnwissenschaftler. Wird nur von den "Spaßgolf"-Adepten übersehen.
Schade, daß niemand mehr den Genuß aus Können ziehen zu wollen scheint, nicht daraus, daß mal ein Ball fliegt, sondern wie er fliegt und eine Runde "according to the rules" zu spielen, unbeachtet des sich ergebenden Scores. Das wäre eigentlich Golf. Und wer keine Zeit für eine 9-Loch-Runde hat, muß sich einen anderen, passenderen Zeitvertreib suchen.
Wer keine 2 Stunden Zeit fürs's Kino hat, geht nicht hin. Und wer keine Zeit für 90 Minuten Fußball hat, wird auch an keinem Match teilnehmen. Relativ einfach. Was vor Jahrzehnten mal ein Trend zum Tennis war, war jetzt der Trend zum Golf, eine andere In-Sein-Welle wird folgen. So verlaufen Entwicklungen.

Aus Profitgründen alle als potentielle Golfspieler zu betrachten, hinterherzurennen und das Spiel so umzugestalten, daß es ein anderes, kaum wiedererkennbares wird, ist weder Lösung noch Verständnis. Im Gegenteil: es wird erst eine Klassengesellschaft auf dem Platz schaffen, bzw. weiter vertiefen: diejenigen, die noch wissen worum es geht und entsprechend spielen und sich zu benehmen wissen vs. diejenigen, die sich die "Platzreife" letztlich beim Pro kaufen durften und etikette-ahnungslos über den Platz gehen. Auch sie werden gleichsam "verkauft", denn sie wissen es, mangels entsprechender Ausbildung, nicht besser, der Schrott kommt von oben. Läßt sich ja bereits heute finden.
Oder anders: ein Affront gegenüber den bisherigen Golfern und Kotau vor fiktiven neuen Zahlern. Bitte mal herhören: Wir bieten jetzt auch Golf-Fast-Food an - wobei zutreffender wäre: Junk-Food als Golf etikettiert, Gammelfleisch gab's ja schon, warum nicht auch Gammel-Golf. Entspricht der in manchen Clubs gepflegten Politik: Mitglieder(wünsche) interessieren uns nicht mehr, die zahlen ja sowieso schon, wichtig sind uns die Greenfeespieler und mögliche Neumitglieder.
Und so geht es letztlich nicht darum, einen Sport zu forcieren, entwickeln, fördern, sondern um Profit. Golf wird verkauft, weil es nur darauf ankommt, neue Zahler durchs Dorf zu treiben. Dann halt mal schnell die Regeln geändert. Oder mal schnell das Verhalten auf dem Platz. Oder überhaupt, wie gespielt wird. Stichwort Regeln (zu denen auch die Etikette gehört, siehe Regelbuch Abschnitt I): machen alle Sinn, sich mal darauf einzulassen, könnte zum Verständnis helfen und wer das nicht möchte, hat die Wahl, sich was anderes zu suchen.
Und wenn's denn Golf sein soll: all das, Minimal-Regeln, play (nearly) as you like, have fun usw. gibt es doch längst: nennt sich Swinn-Golf und hat sogar nur einen Schläger und geputtet wird in einen Eimer.

Ein entscheidender Teil des Interviews (für mich) ist dieser:
 
"Golf Post: 2013 hat es mehrere Insolvenzen auf Golfanlagen gegeben, die vorher unter der Decke geblieben sind. Sieht der DGV aktuell zu, dass der Markt sich gesundschrumpft?

Schlockermann: Ich verstehe nicht, warum wir von schrumpfen reden. Noch ist nichts geschrumpft. Sowohl die Zahl der Golfanlagen, als auch die Zahl der Golfspieler sind bis heute in jedem Jahr gewachsen."
 
Der zweierlei zeigt (nein, ich meine nicht die grammatikalisch und sprachlich so perfekt gestellte Frage): einmal die Panikmache seitens der Clubs und unterstützender, willfähriger Medien hinsichtlich Endzeit-Szenario und golferischem Weltuntergang.
Was den einen das Killerargument der Arbeitsplätze, ist den anderen die Insolvenz der Clubs. Hat schon jemand eine (nicht steuerlich entsprechend aufbereitete) Bilanz veröffentlicht oder sehen dürfen?
Wenn ich lese, wie ein journalistischer Golf-"Experte", ohne Bilanzen, Statistiken, Quellen und Gesamtbild zu hinterfragen, wissen läßt, daß rund 2 EURO von einer gespielten Runde übrig blieben, mit der Schlußfolgerung Golf sei in Deutschland nicht zu teuer, Ausrufezeichen, frage ich mich schon, wofür ich als Leser gehalten werde.
Und welche Sicht über den nationalen Tellerrand hinaus oder in die Sache hinein der Autor hat. Eine nette Strategie, um Angst zu machen und Preiserhöhungen zu forcieren. Wie ist das mit der Presse, greenfeefreies Spiel, soweit ich weiß, wess' Gras ich bespiel, dess' Lied ich sing? Oh Schreck: "nur" 1.7% Wachstum? Manche Industriezweige wären froh darüber. Vielleicht lohnt mal ein Blick in die Wirtschaft, nicht nur zur Relativierung.

Mit Blick auf die Geschichte von Clubs und Verband werden Ratlosigkeit, Hin- und Herrudern usw. nachvollziehbar: wo über Jahrzehnte Führungsämter eher aus persönlichkeitsbereichernden denn aus Kompetenz- und sachorientierten Gründen angestrebt wurden und genossen wurde, Mitglieder und Plätze, so mal eben nebenberuflich, als Freizeitvergnügen, nach der Willfährigkeitspfeife tanzen zu lassen, was eine gewisse narzißtische Befriedigung bieten mag, daraus dann letztlich ein Verband sich konstituierte, steht nicht unbedingt die unternehmerische, professionelle Entwicklung im Sinne des Sports und der Sache im Vordergrund. Da helfen dann auch neu geschaffene Berufsbilder wenig oder eine Schein-Verwissenschaftlichung.

Wo von Führung- und Clubseite aus ein elitäres Gehabe, sich auf den Lorbeeren ausruhen und Überheblichkeit anstelle professionellen Managements und Umgang mit als Kunden verstandenen Mitgliedern vorherrscht, ist eine Fluktuation nicht verwunderlich, ebensowenig, daß heute, in einer Phase, in welcher "Ungebundenheit" sich zu einem der dominanten sozio-ökonomischen, gesellschaftlichen Leitmotive entwickelt hat, sich jemand sehr genau anschaut, ob und wo er sich bindet und Geld investiert.
Schnee von gestern? Mitnichten. Wenn ich mir nur einen Teil der "Leading-Courses" (wer braucht das?) als Spitze des Eisberges ansehe, hat sich nicht viel geändert.  Ein Club, um ein Beispiel zu nennen, der meint, es sich leisten zu können, auf einem seiner drei 9-Loch-Kurse, bei schlechter Witterung eben mal zwei oder drei Löcher, ob Nässe, aus der Runde nehmen zu können, das Tages-Greenfee dabei nicht verringert und, statt langfristig denkend,  zu "reparieren", lieber das Greenfee insgesamt erhöht und ein Fitnessstudio aufs Gelände baut, ist von der bejammerten "Golfmisere" wohl weit entfernt. Wie professionell und / oder kundenorientiert dies sein mag, mögen andere entscheiden.

Vielleicht sollte eine Gegenbewegung, back to the roots und im Spirit of the Game, um dem Seelenverkauf Einhalt zu gebieten, gegründet werden. Also wann geht's los mit den "Golf-Piraten" oder einer "AfG", Alternative für Golf?

wolfgang

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