19.07.2018 - 21:05 Uhr


von Eugen Pletsch

»Überall habe ich die Grenze überschritten, überall.« Dostojewski

Das Ironman-Golfturnier des Jahres, Round Robin, erlebte vom 12.-14. Juli in Baden Baden glanzvolle Wiederauferstehung. Golffreunde aus ganz Europa folgten dem Ruf von Stephan Eilebrecht- Kemena und Uschi Beer. Unter schwierigen Witterungsbedingungen kämpften jeweils sechzehn GolferInnen in Zählwettspielen und nach Stableford mit sich selbst und dem extrem schwierigen Platz. Round Robin heißt 90 Loch - jeder gegen jeden - in drei Tagen - der ultimative Golferkick für Hartgesottene. Dem Golfhumoristen Eugen Pletsch ist dabei das Lachen vergangen.

Baden Baden - von einem Spötter als »Jurassic Park und größte gerontologische Abteilung in Deutschland bezeichnet«, hat es nicht leicht mit dem Image, ein »Transitraum für Wohlbetuchte auf dem Weg in die Ewigkeit« zu sein. Baden-Baden festigte seinen Ruf als Weltbad bereits im vergangenen Jahrhundert: Thermalbaden, Naturnähe, gesellschaftlichem Treiben - und die »schönste Spielbank der Welt«, wie Marlene Dietrich versichert.
Der Golfplatz Baden Baden wird von älteren Golfern gerne als Herzinfarktplatz bezeichnet, wie man in dem wunderbaren Buch nachlesen kann, das der Club zu seinem 100jährigen Jubiläum herausgab. Bernhard von Limburger mag »dem Platz zwar nicht die höchsten sportlichen Ansprüche« zubilligen, aber: »Dafür hat der Platz andere Reize. Der Platz ist ohnehin etwas anstrengend, und ich würde es für einen schweren Fehler halten, die Anstrengungen noch zu erhöhen«, konstatiert der Altmeister 1957. Etwas anstrengend! Das hätte ich vor dem Turnier lesen sollen! Den Hinweis in Uschi Beers Einladung, dass es sich um »ein sportliches Ereignis für die Königsklasse« handelt, hätte mich veranlassen sollen, fluchtartig das Land zu verlassen. Damals, vor dem Turnier, als ich noch rennen konnte! »Eine besondere Atmosphäre und Stimmung im altehrwürdigen GC Baden Baden«, versprach Uschi Beer. Auch hier hätte ich aufmerken sollen.
Das Round Robin Turnier wurde ursprünglich von Herrn Erhard Vitger, dem Generaldirektor von Ford Deutschland in den 50er Jahre ins Leben gerufen. Unter dem damaligen Präsidenten Erich Eilebrecht- Kemena wurde das Turnier zur Tradition. Im Jahr 2002 entwickelten Stephan Eilebrecht- Kemena, Sohn des vormaligen Präsidenten, und Uschi Beer eine neue Vision vom Round Robin.
Beer: »Es ist Zeit, die Königsklasse des Golfsports zu fördern!« Die Königsklasse? Ex-Nationalspieler und aktuelle Nationalspieler und alle guten Handicaps, die bereit sind, gegen sich selbst, den badischen Urwald und die fünfzehn anderen Verrückten zu kämpfen. Fünf Runden Zählspiel - der totale Wahnsinn! Uschi Beer möchte aber nicht nur die Spieler unter Handicap 18 versammelt wissen, sondern alle, »die den sportlichen Aspekt des Golfs im Vordergrund sehen. Wer das RR Turnier spielt, ist gestählt für alle Herausforderungen des Golfens«. Ihr Turnier wird »ein Trip für gute SpielerInnen und die, die es werden wollen«. Diese Botschaft schickte Uschi Beer an viele Freunde, seelenverwandte Spieler - und an mich. RR erinnert an Rolls Royce. Vielleicht ist das Essen gut? Anstatt die Einladung in den digitalen Papierkorb zu werfen und mich in mein wind- und regenfreies Cybergolfspiel im Internet zu vertiefen, sagte ich Uschi Beer zu, fünf Runden RR Turnier nach Stableford mitzuspielen. Sozusagen die Warmduscher- Version des echten Round Robin. (Dazu gibt es für die Partner und andere, die noch ein Mindestmaß an Vernunft bewahrt haben, ein Robin Eclectic, in dem täglich nur eine Runde gespielt wird).

Das Klima von Baden Baden wird gerne als gemäßigt bezeichnet, was zur Jahreswende, zur Jahresmitte und zum Jahresende Sauwetter bedeutet, unterbrochen von herrlichen Sonnentagen, die dann derart schön sind, dass man kurzerhand den Entschluss fasst, Baden-Baden zu lieben. Meine Liebe zum Golfclub ähnelt jedoch eher jener Beziehung verzweifelter Hoffnungslosigkeit, die russische Literaten zur Spielbank entwickelten. Der GC Baden Baden ist stolz auf seinen kurzen (Par 64), aber überaus kniffligen Platz, der von hügeligen, engen Spielbahnen und »Blind Shots« geprägt ist. Die steilen Par 3 »Charakterlöchern« 6 & 7, haben schon manches Golfglück - im wahrsten Sinne des Wortes - in die Schlucht stürzen lassen. Für Gäste, die den Platz nicht kennen, wird Golfen zum Glücksspiel. Die nahe Spielbank lässt grüßen.
Das Wetter war eine Pracht. Der Freitag war so heiß, dass manche Spieler nach dem Händedruck auf dem achtzehnten Grün zusammenklebten und von ihren Caddies mit dem Wasserschlauch getrennt werden mussten. Dafür regnete es Samstag und Sonntag fast ununterbrochen, was nach einer Hitzeperiode zu einem gewissen Treibhausklima führt. Allein vom olympischen Gedanken und Meister Ganzers wetterfesten Caddies getragen, erreichten erschöpfte Gestalten das Ziel. Dann hieß es: Essen und neue Bälle fassen und weiter zog die trostlose Karawane durch das »irdische Jammertal«, ein Begriff, der, wie Historiker meinen, ursprünglich nicht aus der Bibel, sondern aus dem Badischen stammt. Spieler, die auf der Suche nach ihren Bällen tagelang durch die Schluchten krochen und jedes Zeitgefühl verloren, kamen mit der festen Überzeugung heim, eine Woche im brasilianischen Regenwald kampiert zu haben. Am Abend ließ der Caddiemeister die Bags auf Schlangen abklopfen. Das »Dschungel-Syndrom von Baden Baden« wurde in Therapeuten-Kreisen mittlerweile zum Fachbegriff für das Gefühl vollkommener Verlassenheit.
Der Hauptsponsor der Veranstaltung, die Schweizerische Treuhandgesellschaft (STG), ist einer der führenden Vermögensberater in der Schweiz, mit einem Schwerpunkt in der Vorsorge- und Risikoberatung. Risikoberatung - das passt! Die STG gehört zur Gruppe der Schweizerische Rentenanstalt/Swiss Life, die in Deutschland seit 135 Jahren vertreten ist. Die STG, die so wohltuend durch dezentes Understatement auffiel, verteilte als Startgeschenk ein Survialequipment, (Kompass, Leuchtrakete, Moskitonetz, Schweizer Taschenmesser und eine Lebensversicherung). Allein diesem Paket und einigen Spezialeinheiten der badischen Gebirgsjäger ist es zu verdanken, dass alle Spieler im Laufe der folgenden Woche zurückfanden bzw. gefunden wurden. Round Robin wurde zu einem zum gruppendynamischen Prozess, der bei manchen Mitspielern (und ihren Psychiatern) noch heute nachhallt. Uschi Beer beschreibt die Stufen der Round Robin- Entwicklung wie folgt:
1.Stufe: Verwirrung, 2.Stufe: Verzweiflung, 3.Stufe: Chaos, 4.Stufe: Erkenntnis, 5.Stufe: Spielen mit Zielen und Strategie, 6.Stufe: Erkennen, dass Ziele setzen und Strategie auch nicht helfen, 7. Stufe: Wild drauf los auf der Suche nach dem Sinn, 8.Stufe: Demut, 9.Stufe: Loslassen und frei sein von...
Diese Stufen hat der Chronist alle erlebt. Nur - bei mir fanden alle Stufen gleichzeitig und mitten im Schwung statt, ergänzt von einem Schuss Wahnsinn, vollkommener Verzweiflung und der tiefen Trauer um all die verlorenen Titleist - SF Bälle. Am 9. Abschlag der fünften Runde entfuhr mir aus tiefstem Herzen ein: »Ich kann nicht mehr!« Das war mein vollkommenes Loslassen. Mein Aufgeben. Und ich sprach: »HERR, Dein Wille geschehe.« Und ER sprach zu mir: »Mein Wille geschieht immer. Aber heute läuft es auch bei mir nicht so recht. Was meinst Du denn, was ich hier die ganze Zeit versuche? Ich kann heute einfach keinen geraden Ball schlagen!« Verzweifelt von seinem Wollen, ließ auch der HERR los. Auf der 10 spielte ich daraufhin meinen ersten Birdie in drei Tagen. Dann folgte ein Zustand, den Golfer als »in the zone« bezeichnen. Reiner FLOW. Auf der 17 spielte ich ein weiteres Birdie und lag eins über für die 2. Neun (gegen 15 über auf der ersten 9). Auf der 18 wurde ich unsacht aus meinem Rausch geweckt, um mir einen Triplebogey einzufangen. Ich weiß also, wovon Uschi Beer schreibt, wenn sie Verwirrung, Verzweiflung, Chaos, Demut und Loslassen in einem Atemzug nennt.
Das mag jetzt alles etwas dramatisch klingen. War es auch! Falls Sie jemals eine Einladung zum Round Robin bekommen sollten, kneifen Sie. Verstecken Sie sich. Decke über den Kopf, Rollos runter, Telefonstecker rausziehen und tot stellen. Round Robin ist eine Schlacht, eine ultimative golferische Herausforderung und zudem physisch äußerst anstrengend. (Zumindest für jene sozial schwachen journalistischen Randgruppen, die sich keinen Caddie leisten konnten).
Kommen wir zu einem anderen Aspekt: Das Round Robin wurde nicht nur von der Schweizerischen Treuhandgesellschaft großzügig unterstützt. Der Steigenberger Europäischer Hof hat in Herrn Robert Schaller, einen Hoteldirektor mit golferischem Weitblick. Er hat sofort erkannt, worum es beim RR geht und war dabei. Ebenso das Baden-Badener Unternehmen Sans Soucis, Betty Barcleyaus Heidelberg, Veuve Clicquot und Antorra, die das RR großzügig mit Tombola - und Nearest to the Pin Preisen unterstützten. Im Golfclub Baden Baden wurde, neben anderen Köstlichkeiten, das beste Barbeque der Saison serviert, eine Auszeichnung, die ich als langjähriges Opfer deutscher Golfclubgastronomie nicht leichtfertig verteile! Überhaupt: der Gastgeber präsentierte sich mit einem Super-Team um Clubmanager Michael Weber und Caddymaster Herrn Ganzer. Das Greenkeeper - Team sorgte für einen Topzustand und Herr Sievert* zauberte Pin Positions, die selbst bei Harry Vardon Ehrfurcht erzeugt hätten. Dieser Club hat »Spirit«, wie es Uschi Beer nennt und wir Gäste haben das gemerkt. Vielen Dank!

Wie wurde gespielt?

Man musste mindestens Handicap oder darunter spielen, um so viele Punkte wie möglich gegenüber allen Mitbewerbern gut zu machen. Eingraviert auf dem Pokal und Hauptsieger wird man im Netto. Eine gerechte Berechnung, um den Handicaps gerecht zu werden. Der IRONMAN des Jahres ist eine Frau! Die beste Bruttorunde (1 über Par) und Nettorunde (5 unter Par) hatte Uschi Beer nach einem Lauf, den man in der 100jährigen Clubgeschichte noch nicht gesehen hat. 111 Punkte Siegerscore, d.h. 55 Punkte Vorsprung bzw. Abstand zum Zweitplatzierten N. Reincke mit 56 Punkten. Erwähnenswert: das jugendliche Talent Nicolas Reincke vom GC Baden-Baden auf Platz 2. Oder Ernst Fröhlich: noch heute einer der besten Spieler im GC BB, über 60 Jahre alt (mit Stammvorgabe 4,8) erreichte den 6. Platz.

In der Stableford- Wertung gewann Bert Baumann das Netto mit 114 Punkten und 11 Punkten Vorsprung auf die Zweitplatzierte Judith Irrgang, beide aus Baden-Baden. Die Bruttowertung gewann Judith Irrgang.
Frank Nagel, Deutscher Mannschaftsmeister aus Frankfurt gewann die Bruttowertung des Robin Eclectic mit 16 Punkten Vorsprung auf Oliver Kleinjohann aus Gut Lärchenhof. Im Netto gewannen Susanne Vortisch und Gisela Eilebrecht-Kemena. Bei der Siegerehrung gab es eine Menge Tränen und viel Lob für Uschi Beer und Stephan Eilebrecht-Kemena. Endlich ein Golfturnier, das den sportlichen Aspekt in den Vordergrund stellt! Wir sind gespannt auf 2003, wenn Uschi Beer zur Titelverteidigung und der Chronist zu einem längeren Sanatoriumsaufenthalt antritt. (ep)

*Mitglied im VSMG (Verband sadomasoschistischer Greenkeeper)
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