27.05.2018 - 23:11 Uhr

Der frühere mehrfache deutsche Ärzte -Golfmeister Prof.Dr.med.Dr.h.c. Fritz Lampert initiierte die Tour Peiper, heute Tour der Hoffnung, die sich zur erfolgreichsten privaten Spendenintiative der deutschen Geschichte entwickelte.

...aus den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg

von Prof. Fritz Lampert

Der frühere mehrfache deutsche Ärzte -Golfmeister Prof.Dr.med.Dr.h.c. Fritz Lampert initiierte die Tour Peiper, heute Tour der Hoffnung, die sich zur erfolgreichsten privaten Spendenintiative der deutschen Geschichte entwickelte. Unterstützen Sie den Kampf gegen Kinderkrebs mit einer Spende auf das Spendenkonto.

Es muss 1947 oder im Frühjahr 1948 gewesen sein, also noch vor der Währungsreform am 20. Juni 1948, als ich zum ersten Male das Wort Golf hörte.
Der Kurpark in Bad Homburg vor der Höhe war noch verwahrlost. Er ist einer der größten (1872: 42 Hektar!) und schönsten von Deutschland und wurde vom Königl. Preuß. Gartendirektor Peter Joseph Lenné nach 1854 mit Geldern der Spielbankpächter, den Zwillingsbrüdern Blanc, angelegt (Lenné’s bescheidenes Denkmal stand bis 1982 auf einem Sockel unter Bäumen hinter dem damaligen 8. Abschlag des 9-Löcher Golfplatzes). Zwar waren die amerikanischen Panzer, die am Karfreitag, am 30. März 1945 von Oberursel über den Hessen(bzw. Hindenburg)ring hereinkamen und sich entlang der Kaiser-Friedrich Promenade aufgestellt hatten, längst abgezogen, aber der seit 1891 bestehende Golfplatz im Kurpark unterhalb der Promenade war noch immer nicht bespielbar.

Es war an einem Sonntag-Nachmittag, als meine Eltern mit uns drei Brüdern, Klaus (9), Hans (12) und Fritz (14), vor der Wandelhalle am unteren Ende der Brunnenallee auf ein (von früheren sportärztlichen Aktivitäten und Gausportfesten bekanntes) „Sportler- und Golferpaar“ trafen. Dies gab unserer Jugend eine entscheidende Wende.

Es waren Fräulein (auf diese Anrede bestand sie) Milly Reuter und Sportrat (so nannten wir ihn immer, und er hörte es gerne) Wilhelm Dörr. Mit ehrfürchtigem Staunen hörten wir von den sportlichen Erfolgen der beiden: Wie Willy Dörr bei den Olympischen Zwischenspielen 1906 in Athen als „Hauruck-Einpeitscher“ mit der Deutschen Mannschaft im Tauziehen gegen acht athletische Griechen den Sieg errungen, und wie Milly Reuter am 22. August 1926 in Braunschweig den Diskus 38,34 Meter weit zum Weltrekord geschleudert hatte. Außerdem erfuhren wir, dass Milly Reuter noch amtierende Nationale Deutsche Golfmeisterin war. Den Titel hatte sie 1939, für Frankfurt spielend, kurz vor Kriegsausbruch, gewonnen auf dem 18-Löcher-Golfplatz in Frankfurt-Niederrad, mit einem 7/6 Sieg gegen Frau Fänn Schniewind, Bergisch Land. Dieser herrliche und gepflegte 18-Löcher Platz im Frankfurter Stadtwald wurde sofort nach Kriegsende von der amerikanischen Armee beschlagnahmt. Die Frankfurter Golfer suchten jetzt verzweifelt nach Ausweichmöglichkeiten, um ihren geliebten Sport wieder aufbauen zu können.

Beide, Frl. Milly Reuter und Sportrat Wilhelm Dörr,  waren so erfüllt von der Idee des Golfsports, dass sie schon in den zwanziger Jahren im Frankfurter Stadion die Jugend in den Volksport Golf eingeführt hatten, und jetzt hier in Bad Homburg Gleichgesinnte und Jugendliche für diesen Sport begeistern wollten. Beide kamen fast täglich von Frankfurt-Eschersheim mit der Straßenbahn der Linie 25 nach Homburg, um zu sehen, ob man diesen, von den Engländern bereits 1890/91 unterhalb der Russischen Kapelle angelegten Platz, meist nur mit Bahnweiten von 60 bis 100 Meter und Par 3, zumindest als 9-Löcher-Platz wieder zum Leben erwecken könnte.

Nie hätte ich nach dieser ersten Begegnung mit Willy Dörr geahnt, dass ich sieben Jahre später, nachdem Wilhelm Dörr mit 73 Jahren am 4. April 1955 gestorben war, einen Nachruf auf ihn mit der Überschrift „Denn er war unser!“ in der Golfzeitung schreiben würde (es war meine erste Publikation), der so endete:

 „...Wo er stand und ging, warb er für Golf. Er hatte erkannt, dass aus unserer technisierten, gehetzten Welt nur ein Weg zur Gesundung führt: Der Weg zur Natur. Und Golf war für ihn der Sport, der dem Menschen von heute alles gibt, was ihm fehlt: Naturverbundenheit, Harmonie, Bewegung, frische Luft und Sonne, kurz, körperliche und seelische Gesundheit!

Nun, das Leben wird weitergehen, und Golf wird weiter seinen Aufschwung nehmen, für uns aber wird er, Wilhelm Dörr, Vorbild für jung und alt, unvergessen bleiben als Mensch voll Güte und Einfachheit.“

Zurück zu damals:

 Wir Brüder waren natürlich neugierig auf jeden neuen Sport. Immerhin betrieben wir ja schon seit einem Jahr Turnen, Leichtathletik und Handball in einem Verein, dem TV Gonzenheim.

 Unsere Familie hatte gerade begonnen, von mehreren „Tiefschlägen“ sich zu erholen: Mein Vater (Prof. Dr. Heinrich Lampert, geb. 13.06.1898, gest. 04.01.1981) war noch bis zum Juni 1946 Kriegsgefangener in verschiedenen Teillazaretten von Bad Homburg, zuletzt in der Villa Dreikaiserhof am Weinbergweg. Am Kriegsende, am 8. Mai 1945, war er aller seiner, seit 1934 innegehabten, Ämter enthoben worden: Ordinarius und Direktor des Instituts für Physikalische Therapie der Universität Frankfurt am Main, gleichzeitig Chefarzt der Inneren Abteilung des Kreiskrankenhauses Bad Homburg und Direktor des Universitäts-Instituts für Quellenforschung und Bäderlehre in Bad Homburg. Dieses, mit imposanten Lettern außen beschriftetes, Institut war im Gebäude des bis zum Bombenangriff am 8.3.45 bestehenden „zweiten“ Kurhauses an der Ludwigstrasse 3 untergebracht. Mein Vater musste in der Nachkriegszeit zunächst als Badewärter und Masseur arbeiten, konnte aber nach Entnazifizierung (Spruchkammerbescheid am 20.9.49: „Entlastet!“) sich wieder als Arzt in einem 30-Betten-Haus der Inneren Mission in Bensheim-Auerbach betätigen, mit dem Hauptschwerpunkt „Überwärmungsbäder“. (Am 1. Mai 1951 wurde er Chefarzt an der Weserberglandklinik in Höxter).

  Wir selbst, d. h. die 8-köpfige Familie, hatten am 31. Mai 1945 wie so viele andere Bad Homburger innerhalb von zwei Stunden auf Befehl der amerikanischen Armee unser (1936 auf der Ellerhöhe am oberen Ende des Quellenweges neu gebautes) Haus räumen müssen. Es war für amerikanische Offiziere beschlagnahmt worden und wurde mit den Häusern der Umgebung von einem drei Meter hohen Stacheldraht umzäunt. Erst 10 Jahre später wurde es uns zurückgegeben. Unterkunft hatten wir jetzt gefunden in den Erdgeschossräumen (ohne Küche und Bad) des ehemaligen Kreiswehrersatzamtes in der Friedrichstrasse 4, nahe der Russischen Kapelle. Diese Nähe zum Golfplatz war zukünftig entscheidend, konnte man doch schon in wenigen Minuten auf diesem „besonderen“ Rasen stehen.

 Wir waren also durch das Gespräch mit Milly Reuter und Willi Dörr für Golf entflammt, und wurden umso mehr davon geprägt, als sie in den nächsten Tagen für uns einige Golfbälle und Golfschläger zusammenkramten. In einigen dunklen Ecken des noch seit der Jahrhundertwende stehenden hölzernen Clubhauses im Viktorianischen Stil fanden wir tatsächlich einige Golfschläger, zwar mit (manchmal verbogenen) Hickory-Holzschäften und angerosteten Eisenköpfen, so den Niblik (Eisen 9), den Mashie (Eisen 5), den Jigger (zum Annähern am Grün) und die Weitschläger mit Holzköpfen, den Brassie (Holz 2), den Spoon (Holz 3) und den Driver (Holz 1). Ja, sogar mehrere Putter (wir sagten noch „Pötter“ zu diesem Schläger für das Einlochen auf dem Grün) waren da. Einer hatte einen kleinen bügeleisenförmigen Metallkopf mit einem Holzschaft, den ich später ab und zu in Wasser tauchen musste, dass er unten nicht klapperte. Aber dieser Putter hat mich in meinem Golferleben jahrzehntelang begleitet („Den Putter und die Ehefrau soll man niemals wechseln,“ sagte ich später in Amerika, als man mir über 100 Dollar dafür geben wollte).

  Am nächsten Tag sahen wir erstmals einen Golfer, einen amerikanischen Offizier, der einen Sack Bälle schlug, von hinter dem damaligen 5. Grün in Richtung 1. Grün. Wir durften die Bälle aufheben oder versuchten, sie nach dem Aufprallen mit den Händen zu fangen. Wir bekamen sogar Geld dafür. So wurden wir Balljungen und Caddies und durften am Wochenende darauf die Schlägertaschen der Spieler tragen. Später, nach der Währungsreform, war es ein herrliches Gefühl, Geld, für das man was kaufen konnte, nämlich die neue, silbrige Deutsche Mark, in die Hand zu bekommen für geleistete Dienste.

 Aber zurück zum ersten Golferlebnis. Versuchsweise durften wir selbst den kleinen, weißen, harten Ball mit verschiedenen Schlägern schlagen. Als es dann schon manchmal „Klack“ machte, und der Ball gerade und hoch wegflog, da waren wir „infiziert“. Auch hatten wir noch im Ohr, was Willi Dörr uns mit auf den Weg gab: „Es gibt kein besseres Spiel, es gibt keinen besseren Sport. Man ist allein, mit sich und dem Ball, dem Gras und der Natur drum herum, am Morgen, am Abend, in Sonne und Regen. Man spielt mit dem Kopf, dem Körper und dem Gefühl. Und wenn man sich ärgert, dann nur über sich. Und man verpasst sich selbst eine Strafe, gibt sich selbst einen Strafschlag, denn man muss ehrlich sein. Sieg und Katastrophe liegen so nahe beieinander, wie im richtigen Leben. Golf ist immer eine Herausforderung! Und merkt euch eins: Zusammegezählt wird hinne!“

Golf wurde nun ein Teil unseres täglichen Lebens. Was konnte ich aus den kurzen Stenographie-Eintragungen in meinem KOSMOS Taschenkalender vom Jahre 1949 entziffern?

Dienstag, 15. März: „Sand für Golfplatz gekommen“.

(Kommentar: Wir drei, Hans, Klaus und ich, verdingten uns auch als Platzarbeiter, natürlich freiwillig und ohne Bezahlung, um den verwilderten 9-Löcher-Platz wieder spielbar zu machen. (Aber immerhin, für zwei Stunden Wegerich-Ausjäten auf den Grüns durften wir eine Stunde auf dem Platz spielen). Zusammen mit dem Golflehrer Ernst Kothe, dem Platzmeister Günter Fleischer und dem ehemaligen Vorkriegs-Caddie und späteren Platzmeister Gregor Fleisch gruben wir die „Bunker“ wieder aus, stachen die Kanten schwungvoll ab und schütteten Sand hinein, mähten Vorgrüns, Abschläge und zogen (zwei vorne und einer zum Drücken hinten) die alte, englische Ransom-Grünmähmaschine über die im Frühling 1948 frisch eingesäten Grünflächen, die wir vorher gemeinsam umgegraben hatten. Den Grassamen für die Grüns hatte Ernst Kothe in einer abenteuerlichen „Messer-Umtauschaktion“ im Rheinland besorgt. Fasziniert hörten wir bei den Arbeitspausen auch den Kriegserlebnissen von Gregor Fleisch aus dem Russlandfeldzug zu (wie er zum Beispiel mit dem General im Auto den Artillerieüberfall überstanden hatte). Trotz des „krummen linken Ärmchens“ spielte dieser aber gutes Golf. Seine Lieblingsbeschäftigung sonst aber war das Kartenspielen in den verschiedenen Apfelweinkneipen der Homburger Altstadt.

Der erwähnte Sand wurde übrigens von dem Röntgenologen Dr. Reichhelm, einem der ersten Mitglieder nach dem Kriege, „spendiert“. Von ihm nahm ich auch, nach anfänglichem Zögern, meinen ersten Caddielohn, zwei Reichsmark(RM) in einem rötlichen Schein, entgegen).

Sonntag, 22. Mai: „Eine 1 an Loch 2 (Runde 35). Handball gegen Sulzbach 8:7 verloren“.

(Mein Bruder Hans und ich spielten Feldhandball in der Schülermannschaft des TV Gonzenheim mit regelmäßigen Ligaspielen am Sonntag).

Samstag, 28. Mai: „Golfturnier um den Mai-Monatsknopf gewonnen, Runde (2x38)“.

(Dies war mein erster Golfpreis. Das überreichte kleine Becherchen hatte an der Unterseite noch den Silberprägestempel 835. Ich war der erste Caddie, der als Jugendmitglied nach dem Krieg in den Homburger Golfclub aufgenommen wurde).

Samstag, 25. Juni: „Erste Französisch Arbeit! Viel Betrieb auf dem Golfplatz“.

(Auch Samstagvormittag hatten wir bis zu 6 Stunden Unterricht in der Kaiserin-Friedrich-Schule. Die Wochenstundenzahl betrug 37.
Die Zeiten waren vormittags von 800 bis 1255 (1350), bzw. nachmittags (bei Schichtunterricht) von 1300 bis 1805 (1850).

Samstagnachmittag und am Sonntag war der Platz voll mit den Golfern von Frankfurt. Es wimmelte auch von Kindern der jungen Golfmütter, so der Frauen Duisberg, Stille, Troll, Ramdohr. Manchmal wurde gestillt, oder das Milchfläschchen wurde in der primitiven Golf-Küche angewärmt. Später wurden die Kinder den Caddies zum Babysitten übergeben. Über diese idyllischen Anfangszeiten des Homburger Golfclubs nach dem Kriege hat Frau Rosemarie Duisberg ein kleines Büchlein geschrieben: „Es war einmal ein Kleingolf-Platz. Erinnerungen an ein Golf-Leben 1929-1999“).

Sonntag, 3. Juli: „Golfplatz (6 gute Bälle im Bach gefunden, 4,20 DM verdient“.

Montag, 4. Juli: „7 Bälle aus dem Bach gewühlt“.

(Die Ballsuche war am ergiebigsten in dem sumpfigen Bach, der die beiden, 205 bzw. 195 Meter „langen“ Löcher auf dem Gelände, wo aber jetzt seit 1979 die Taunustherme steht, trennte und wo fast jeder Slice mit Ballverlust bestraft wurde. In den späten Abendstunden, nur mit kurzer Lederhose bekleidet, wühlten wir Brüder mit nackten Füßen im Schlamm und erlebten das Hochgefühl, wenn Füße oder Finger auf etwas Hartes, Rundes stießen, was sich dann als Dunlop 65, Blue Flash, Warwick, Bromford oder Spalding Kroflite entpuppte, alle noch in der kleinen, „englischen“ Ballgröße. Wir hatten also immer Bälle, die, wenn man sie ordentlich schrubbte, fast wie neu aussahen, sodass man sie verkaufen konnte. Wir hatten auch immer Tees, da wir die abgebrochenen Holztees am unteren Ende anspitzten und so wiederverwenden konnten. Im Verkauf von Bällen war Bruder Hans unschlagbar. An einem Turnierwochenende war er Caddie bei Hermann Tissies und brachte bei ihm 75 Golfbälle für 21 DM an den Mann, ein Vermögen in der damaligen Zeit).

Montag, 1. August: „1. Schultag, Golfplatz (Tissies da)“.

Mittwoch, 3. August: „Geregnet, gebadet, Golf gespielt (35), Tissies da“.

(Damals ging man noch einmal in der Woche in ein Reinigungsbad. Nach meiner Erinnerung war das Stadtbad in der Höhestrasse untergebracht. Auch im vornehmen Kaiser-Wilhelms-Bad konnte man in Holzwannen ein Reinigungsbad nehmen.

Hermann Tissies aus Hamburg-Falkenstein, ein Hüne mit gewaltigen Drives, hatte gerade die Nationale Deutsche Herrenmeisterschaft, die erste nach der kriegsbedingten Pause von 1940-1948, in Neviges gewonnen, mit 6 u. 5 gegen C.A. Frhr. v. Thüna. Er war für uns junge Golfanfänger ein Idol. Es zog ihn, der damals in unseren Augen sehr reich war und schon ein großes, amerikanisches Auto, einen Oldsmobile, fuhr, oft vom hohen Norden zu dem kleinen Golfplätzchen im Homburger Kurpark. Es muss das Clubleben gewesen sein, was ihm so gefiel, mit Tanzpartien auf der Clubterrasse bis weit in die Nacht hinein, wo sein Autoradio die Musik lieferte, und wo, wie man munkelte, manchmal die Feste in den Büschen entlang der 9. Bahn sich fortsetzten).

  Sonntag, 28. August: „Handball (5:3), Stellvertreter von Herrn Fleischer, Herr Kothe zur Deutschen Meisterschaft“.

(Es war für mich bereits eine große Verantwortung, den Platzmeister, Herrn Fleischer, - auch Handballer (SPVG 05 Bad Homburg) und Vetter der Olympiasiegerin 1936 im Speerwerfen (45,18 m), Tilly Fleischer (am 2.10.03 wurde sie 92!), - für kurze Zeit vertreten zu dürfen. Günter Fleischer war zwischenzeitlich beim potentesten Homburger Golf-Förderer, dem P.I.V. Antrieb Werner Reimers, tätig und wurde 1954 Platzmeister im Golf- und Landclub Kronberg.

Ernst Kothe, der Schwiegersohn des Homburger Vorkriegs-Golflehrers Wilhelm Becker, und sein jüngerer Bruder Willi fuhren regelmäßig jedes Jahr zu den deutschen Golflehrermeisterschaften. Willi war der bessere Spieler, aber Ernst der bessere Didaktiker. Von ihm guckten wir ab, was er seinen Schülern lehrte: „Die Arme steif lassen, nicht die Handgelenke brechen, gerade auf einer Linie auf- und durchschwingen, keine schnörkeligen Bogen machen“. Ernst Kothe wurde 1953 Golflehrer in Kronberg, nachdem er den dortigen Platz im Park von Schloss Friedrichshof entworfen und gebaut hatte.

Sonntag, 11. September: „Goldpokale, Frl. Reuter 125, Herr Arntzen 119, Tissies 3. geworden“.

(Die 1907 gestifteten, als Wanderpokal jährlich ausgetragenen, Homburger Goldpokale gehörten von Anfang des Jahrhunderts an zu den begehrtesten Golfpreisen in Deutschland. Es waren dies der Sir John Brunner Cup (36 Löcher-Zählwettspiel, Brutto) für Herren, der Ladies Challenge Cup (36 Löcher-Zählwettspiel, Brutto) für Damen und der Macomber Cup für Mannschaften. Diese drei riesigen, vergoldeten Pokale, eingehüllt in einfache Säcke und mit Fahrrädern transportiert, wurden über die Kriegswirren von Frl. Milly Reuter und Wilhelm Dörr gerettet.

Carl Arntzen aus Köln war ein Meister des kurzen Spiels. Auch im nächsten Jahr, 1950, konnte er den Goldpokal für Herren gewinnen, aber erst nach Stechen gegen mich, da ich mit 124 (64+60) gleichgezogen hatte. 1953 gewann mein Bruder Hans mit 110 (56+54), und ich wurde Zweiter mit 113 (56+57). 1957 konnte ich endlich den Sir John Brunner Cup gewinnen mit 110 (56+54), und in der Mannschaft Frankfurt (zusammen mit Silke Heuer, Klaus Kessler, Hans-Jürgen Möhrle) den Macomber Cup holen. 1965 konnte der jüngste Bruder Klaus diesen Erfolg wiederholen).

Sonntag, 13. September: „Handball gegen Bockenheim 10:5 gewonnen, Caddiewettspiel: Hans 1. , Klaus 4.“

(Der 1. Preis im Caddie-Wettspiel war ein gebrauchtes Eisen 3, mit Stahlschaft, gestiftet von Frau v. Arnim, sowie Stoff für ein Herrenhemd; der 4. Preis ein Pfund Butter.

Bruder Hans war der beste Golfspieler der Familie. 1952 und 1953 wurde er Deutscher Jugendmeister, 1958 und 1959 Nationaler Deutscher Herrenmeister. Er ist Rekord-Nationalspieler (Träger der Goldenen Ehrennadel des Deutschen Golfverbandes) und war Kapitän der Deutschen Nationalmannschaft. Als Nummer 1 der europäischen Kontinentalmannschaft hatte er sogar zweimal (1958 und 1960) den britischen Amateur-Meister Michael Bonallack geschlagen.

Der jüngste Bruder Klaus war als Caddie sehr beliebt. Er erschien 1951, als Elfjähriger, zwei Golftaschen tragend, als Titelbild der Golfzeitung, dem amtlichen und damals einzigen Organ des Deutschen Golfverbandes. Besonders bei den Golferinnen (Eiche, Korthaus, Heuer, Troll, Duisberg, Jarré) war er sehr begehrt (und sie sparten nicht mit Trinkgeld), da er ihnen immer den richtigen Schläger in die Hand drückte und nach dem Einlochen, selbst im Vierer-Flight, jeder Spielerin den richtigen Score sagte. „Aufs Kläusche könne mer uns verlasse“, so hieß es bei den Damen).

Dienstag, 27. September: „Golfschläger gekauft (Eisen 2 für 20 DM)“

(Dieser, für die „langen“ Löcher notwendige Schläger wurde vom Golflehrer „zusammengebaut“. Ein ziemlich schwerer Eisenkopf wurde hier mit einem Stahlschaft versehen.

Mit dem Geldverdienen auf dem Golfplatz war es bei mir, unterschiedlich zu den zwei jüngeren Brüdern, nicht weit her. Ich hatte mich allerdings nie vor dem unbeliebten Bälleaufheben (0,50 DM die Stunde) während der Golflehrerstunde gedrückt und war beim Golftaschetragen mit 1 oder 2 DM für die 18-Löcherrunde zufrieden. Am einträglichsten war der Verkauf der gefundenen Bälle über meinen Bruder Hans. Meine Gesamteinnahmen im Jahre 1949 beliefen sich auf DM 27,--.

Was tat ich damit? Als erstes kaufte ich mir für DM 6,50 ein kleineres Buch von Hermann Römpp, was ich im Schaufenster der Supp’schen Buchhandlung in der Luisenstraße entdeckt hatte: “Chemische Experimente, die gelingen“.

Unsere damalige „Golffibel“ besorgte ich mir auf unserer ersten Schüler-Auslandsreise 1952 in London: “Power Golf“ von Ben Hogan. Ich verschlang dieses 190-seitige Buch, und jede Stellung auf den vielen Bildern versuchte ich nachzuahmen. Auch Ben Hogan war ein ehemaliger Caddie).

 Im Jahrbuch 1955/56 des Deutschen Golf Verbandes wurde der Homburger Golf Club E.V. folgendermaßen aufgeführt:

Vorstand: Präsident Carl Heuer, Vizepräsident Willy Schweitzer; Schatzmeister Dr. Hans Eiche; Spielführer Albert Troll; Beisitzer Harry Laponder, Dr. Vogler, Kurdirektor Michelsen, Beigeordneter Nelle

Golflehrer: Friedrich Boslau, 5 DM je Stunde, 2,50 DM je ½ Stunde

Löcher: 9, Standardrunde für Damen und Herren 54

Gäste: (nur Kurgäste, außer sonntags)

Spielgebühren: Mitglieder von Verbandsclubs Tageskarte 3 DM, Monatskarte 30 DM, andere Gäste Tageskarte 4 DM, Monatskarte 40 DM

Caddies: Stunde 0,70 DM

Platzmeister: Emanuel Schilling

Beiträge: Ordentliche Mitglieder 120 DM, Ehefrauen 50 DMM, Auswärtige und Passive Mitglieder 60 DM, Jugendliche 10 DM

Clubmeister 1954: Damen: Frl. Milly Reuter, Herren: Hans Lampert

Carl Heuer, der Präsident sowohl vom Homburger wie vom Frankfurter Golfclub, war sehr gefürchtet. Wenn er kam, mussten alle Caddies strammstehen und ihn laut mit „Guten Tag, Herr Heuer“ begrüßen. Sein Lieblingswort bei einem verpatzten Schlag war „Kalter Kaffee!“ Beim Einlochen der kritischen 2-Meter Putts verriet er seinen Golf-Freunden Feine und H.W. Petersen den todsicheren Trick, nämlich dabei „die Arschbacken fest zusammenpetzen“.

Ebenfalls sehr berüchtigt bei allen Caddies war Herr Korthaus, der früher Konsul in Südamerika war. Er ließ alle antreten und erwählte dann den, der das sauberste Hemd an hatte, als seinen Caddie. Als erster war Bruder Klaus dran. Da Herr Korthaus aber, unterschiedlich zu seinem imposanten Auftreten am Beginn, es nach der Runde an entsprechendem Trinkgeld fehlen ließ, waren später, wenn sein Kommen signalisiert wurde, alle Caddies verschwunden. Am knauserigsten mit dem Trinkgeldgeben war Frau von Boch. Anfangs wurden nur Bonbons über die Tarifzahlung gegeben, später dann immerhin einige Pfennige, ja sogar Groschen. Am spendabelsten war Herr Dr. Hans Eiche, Syndikus der Dresdner Bank. Viel gab auch Albert Troll, der zum Ärger von Herrn Heuer mit seinem mächtigen Chrysler auf dem Parkplatz unter den Bäumen neben dem Clubhaus dem präsidialem Mercedes keinen Platz mehr ließ.

  Golflehrer Fritz Boslau war ursprünglich Spengler. 1939 hatte er, vom Club Berlin-Westend als Amateur gefördert, in Frankfurt-Niederrad die Nationale Deutsche Herrenmeisterschaft gegen Erik Sellschopp, Reinbeck auf dem 38. Grün gewonnen. Jetzt, seit März 1953 als Golflehrer im Homburger Golfclub, versuchte er sich auch in der Konstruktion von Puttern und im Bau von Golftaschenwagen aus Aluminiumteilen. Jahrelang benutzten mein Bruder Hans wie auch ich den „Boslauwagen“, der zwar in Einzelteilen leicht transportierbar, aber sonst sehr instabil war.

Platzmeister Schilling konnte einigermaßen Russisch sprechen. Zur Begrüßung tauschte ich mit ihm immer meine wenigen russischen Sprachbrocken aus. Seine Söhne Arthur und Erich reihten sich in die Caddieschar ein und wurden später Golflehrer. Golflehrer wurde auch Franz Tauber, von dem die Mär ging, dass er einmal nachts während des Laternenfestes von einer Französin auf dem 1. Grün beinahe vergewaltigt worden wäre.

Aus dem Homburger Caddiestamm (Hans-Jürgen Möhrle=Männlein, Eberhard Lucht=Lulu, Erwin Ost, Arnulf Leonhardt, Klaus Kessler, Otto Lenz, neben den drei Lamperts; man kannte sich nur per Vornamen) gingen gute Amateur-Golfspieler hervor, die für den Homburger oder Frankfurter Golfclub spielten. Wir Lamperts wurden, nachdem wir den Platzrekord von Brutto 52 (bei Par 54) einige Male einstellten, auf eine Vorgabe von +2 gesetzt, d.h. zu unserer 18-Löcher-Runden-Schlagzahl wurden noch zwei Schläge für das Netto-Ergebnis dazu gerechnet. Das sollte uns den Gewinn von Preisen erschweren.

  Bruder Hans, und später auch Bruder Klaus, hatten viele Male die Clubmeisterschaft im Homburger und im Frankfurter Golfclub gewonnen. Ich selbst war am Sonntag, 12. November 1950, zum ersten Male in der 36 Löcher-Endrunde der Clubmeisterschaft. Gegner war Dr. Rudolf Jarré. Ich war dormie 5 down, d. h. ich hatte einen Rückstand von 5 verlorenen Löchern, und 5 waren noch zu spielen. Es war praktisch aussichtslos. Da raffte ich mich auf und spielte wie im Trance, Pars, Birdies. Ich gewann ein Loch nach dem anderen, Dr. Jarré spielte immer verkrampfter. Mein Bruder Hans trug mir die Schläger und beriet mich. Am 36. Loch waren wir all-square. Wir mussten stechen. Das nächste Loch spielten wir gleich. Dann kam das 38. Loch, das berühmt-berüchtigte kurze 2. Loch. Jarré lochte zur 2 ein, ich nur zur 3. So hatte ich verloren, ein mir auch noch heute unvergessener Clubmeisterschaftskampf.

Zahnarzt Dr. Jarré, der auch von Wuchs ziemlich klein wie ich war, war bekannt für sein gutes Spiel auf dem Grün. Dabei klopfte er mit dem Putter auf den Ball, der manchmal mit einem Hüpfer Richtung Loch rollte. Er fuhr schon sehr früh nach dem Kriege ein Auto, ein altes, schwarzes Cabriolet. Einmal, an einem Sonntag in den fünfziger Jahren, war Auto-Fahrverbot. Da mussten wir mithelfen, sofort nach Ankunft auf dem Golfplatz, sein Auto hinter die Büsche rechts der 9. Bahn zu verstecken.

Der Homburger Golfplatz im Kurpark hatte zwar nur sehr kurze Löcher (das 2. Loch beispielsweise war nur 55 Meter lang, durch Bach und Bunker trotzdem sehr reizvoll), aber bot dem erfahrenen Golfspieler doch etwas Besonders, nämlich das Üben des „kurzen“ Spiels und die Konzentrationssteigerung durch das „Nicht-Ablenken“ durch äußere Einflüsse. Kurgäste oder unwissende Zuschauer pflegten nämlich hinter dem Zaun beim Abschlagen plötzlich laut „Hau-Ruck“ zu rufen, oder beim Aufschwung am 7. Abschlag hinter dem Musik-Pavillon setzte unvermittelt das Kurorchester mit dem Radetzky-Marsch ein.

Nun, vergangen sind diese Jahre nach dem letzten Krieg, als es in Hessen nur fünf Golfclubs gab (Wiesbaden, gegr. 1895, Bad Homburg, gegr. 1899, Bad Nauheim, gegr. 1904, Frankfurt, gegr. 1910, Bad Wildungen, gegr.1930).

Fünfzig Jahre später, nach der Jahrtausendwende, gibt es in Hessen über 50 Golfvereine und über 40.000 Golfspieler.Wer von ihnen kann sich noch an alte Zeiten erinnern?

Hinweis: Der vorliegende Text  wurde bereits in Auszügen im Magazin für Golfer PLOCK! veröffentlicht.