15.11.2018 - 13:27 Uhr

Ein Strategiewechsel des Deutschen Golfverbandes kündigt sich an, nachdem eine »Image-Studie« offenbarte, dass „Golf mit Gesundheit, Bewegung, Natur und Sportlichkeit zu tun hat“.

Wir wissen nicht, ob die Idee zur derzeitigen Kampagne beim DGV-Neujahrsschießen ermittelt wurde, aber mit dem, was der Deutsche Golfverband über ausgesuchte Medienpartner in die Welt spammt, stellen sie alles, nur leider nicht sich selbst, in Frage. Selbst Blut/Hirnschranken werden löchrig, wenn die investigativen Journalisten der etablierten Golfmedien knallharte Fragen stellen, um windelweiche Antworten zu bekommen.

Cybergolf, das Forum für Polemik und üble Nachrede, gehört natürlich nicht zu den etablierten Golfmedien, was bedeutet, dass uns Vollkontakt erspart blieb, aber das hat seine Vorteile. Auf diese Weise können wir uns aus dem bunten Strauß der aktuellen Interviews einige Stilblüten rauspicken. Zum Beispiel: „Ohne Platz geht es nicht, der ist selbst für den Anfänger unabdingbar“. Das ist ein Satz voll tiefgründiger Weisheit, den der große Vorsitzende und Nothelfer des DGV in einem Interview mit Golf.de einfach so aus dem Ärmel zu schütteln wusste!

Wenn Herr Nothelfer dann sagt: „Ich behaupte nicht, dass der DGV in dieser Hinsicht der beste Sportverband der Welt ist. (…)“, denke ich, dass wir ihm alle von ganzem Herzen zustimmen können. Danach folgt eine Satz, wie ihn sonst nur Politiker formulieren können:
Wir müssen heute versuchen, einen möglichst breiten Kompromiss hinzukriegen, der die Vielfalt unserer Golflandschaft widerspiegelt. Das Mitnehmen aller, die Mitwirken wollen, machen wir mittlerweile zum Prinzip.“
Das ist eine grandiose Aussage, zumindest, wenn man sie etwas umbaut. Meine Version wäre: „Unser Prinzip: Bei uns dürfen alle mitwirken, die mitnehmen wollen“. Passt das nicht besser zu den wohldotieren Aufwandsentschädigungen dieser Mäusegebäranstalt?

Dann lässt Herr Nothelfer die Bombe platzen: „Eine Vorschrift zur Anwendung der "Platzreife" gibt es aber nicht und gab es nie. Die "DGV-Platzreife" ist ein Angebot des Verbandes, mehr nicht. Wir müssen uns überlegen, was wirklich notwendig ist  - eine irgendwie geartete Freigabe für den Platz ist es sicherlich. Ich selbst habe einfach Schwierigkeiten damit, mir vorzustellen, dass man jeden Neugolfer überall einfach so auf den Platz lässt.“

Auf Golfpost hechtet Klose nach:  "Wir haben auch beim Thema der DGV-Platzreife eine spannende Entwicklung beobachtet. Wir hatten sie uns vorgestellt als eine Platzreifeprüfung für klassisch aufgestellte Golfclubs mit Vollmitgliedern und harmonischer Eingliederung neuer Mitglieder. Wir dachten, die DGV-Platzreife übernehmen vielleicht ein Drittel der Clubs, aber jetzt machen es alle. Da haben wir vom DGV vielleicht einen Fehler gemacht. Das hat sich in einer Breite entwickelt, die so nie intendiert war."

Wie? So nie intendiert? Blut, Schweiß, Tränen, jede Menge Kohle und Nervenzusammenbrüche, um die Platzreife zu bekommen –  und alles für die Katz? Seit Jahren wird der „Golfführerschein“ in jedem Golfclub und jedem neueren Golfbuch als obligatorische Voraussetzung für das Golfspiel in Deutschland verkauft und da hat der DGV vielleicht einen Fehler gemacht, indem er unwillentlich einen ganzen Industriezweig losgetreten hat? Und nun in die Tonne damit?
Nein, nein, beschwichtigt Herr Nothelfer sofort: „Ein Golfball hat eben einfach ein gewisses Gefährdungspotential."  Ich bin geneigt zu sagen: Da hat er einen echten Herberger rausgelassen, denn auch beim Golf ist der Ball ist zweifelsfrei rund – nur dauert unser Spiel mehr als 90 Minuten und wer wissen will warum das so ist, dem empfehle ich, meine Version der Geschichte vom Golfführerschein zu lesen.

Die Kurzform: Nachdem das Handicap 54 vor Jahren beschlossene Sache war und Golf zum Breitensport avancierte, brach bei vielen Golflehrern die Panik aus und der Umsatz zusammen. Bislang mussten die meisten Spieler Stunden nehmen, bis ein Handicap 36 erspielt wurde, doch nun dachten viele Neugolfer dass der Golfführerschein ausreicht, um in das Spielgeschehen einzugreifen. Ein kolossaler Irrtum, der gestandenen Golfern während der mittlerweile üblichen 5-6 Stunden-Turniere Tränen in die Augen treibt.

Um zu überleben, begannen manche Golflehrer, den Golfschwung in filigranen Einzelpaketen zu vermitteln (um damit komplette Verwirrung zu stiften, die sich bezahlt macht) und andere mussten sich (je nach Club) mit windigen Platzreifekursen durchschlagen – die eigentliche Kunst des Golfspiels ging dadurch immer mehr verloren.

Nachdem der große Boom ausblieb, verlegte man sich auf Special Interest-Trends, wähnte Golf reif für ausgelassene Wahnsinns-Emotionen und in Folge dröhnten Party-Golfer und Vollsuff-Cliquen über die Fairways, worauf sich der "Spirit of the Game" leise in den Untergrund verabschiedete.
Der penetrante Geruch, dass Golf ein Sport für Neureiche, selbsternannte Eliten, Snobs und Angeber wäre, blieb jedoch hängen und dieses "Imageproblem", hausgemacht und hausgepflegt, sorgt neben anderen Widrigkeiten für Hürden, die ein „normaler Mensch“ zu nehmen hat, wenn er ein „normaler Golfer“ werden will.

Es gab und gibt genug Golfinteressierte, aber noch mehr Hürden, die aufgebaut wurden, um ein wunderbares Spiel in einen grotesken Alptraum zu verwandeln.

Irgendwann gab es keine Wartelisten mehr, sondern dringende Nachfrage nach neuen Mitgliedern und mittlerweile brennt der Kittel, wohin man sieht. All die überzogenen Architektenhonorare, fetten Provisionen, Kopfgelder und Betriebskosten, die eine vollkommen überzüchtete Vorstellung von einem Golfplatz mit sich bringen, rächen sich jetzt. Betreibergesellschaften, die Golfrausch mit Goldrausch verwechselten, knabbern an den Fingernägeln und schreien nach dem DGV, der mit seiner CashCow VcG angeblich das Armageddon heraufbeschworen hatte.
Manche von denen, die jahrelang Stimmung gegen freie Golfer gemacht haben, müssen jetzt aus Kostengründen umschwenken, andere glauben immer noch, dass man die Clubs retten kann, indem man jegliche VCG-Eskapaden eliminiert. Andererseits haben sich serviceorientierte Clubs in Stellung gebracht, die bereits vor Jahren erkannt haben, dass nur ein gesunder Mix aus Mitgliedern und Greenfee-Spielern funktioniert.

Anmerkung: Das ewige Bashing der Clubfreien Golfer habe ich im "Der Weg der weißen Kugel" und anderen Texten so ausführlich behandelt, dass es ermüdend ist, darauf noch mal einzugehen. Deshalb hier nur die Kurzfassung meiner Sicht der Dinge:
Um möglichst viele Clubfreie abschröpfen zu können, schuf man die VcG, einverleibte sich den DVG Overath (die bisher einzige wirkliche Spielervertretung in diesem Land) und versorgte die DVG-Protagonisten mit Pöstchen. Die Clubfreien, sofern sie in die VcG-Falle tappen, werden seither gemolken und  die Milch beim DGV abgeliefert. Damit die Clubs gegenüber dem VcG Contenance wahrten, verordnete man den VcG-Spielern eine „Greencard“. Diese zwangsverordnete Platzreifeprüfung, ohne die man als Anfänger seit Jahren auf keinem deutschen Platz spielen darf, entpuppte sich als gute Einnahmequelle für die gebeutelten Golflehrer, weshalb die "Platzreifeprüfung" in alle Clubs für Neumitgleider obligatorisch wurde. Im In-und Ausland wurde diese Prüfung zum Geschäft und manche Golflehrer nährten in ihren Wocheneendkursen die Illusion, dass mit dem Erlangen des Golfführerschein auch die Fähigkeit zum Golfspiel verbunden wäre.“

Auch wenn jetzt alles neu überdacht wird und es keine Tabus geben soll: „Eine irgendwie geartete Freigabe für den Platz,“ sieht Herr Nothelfer nach wie vor als notwendig an: „Schließlich funktioniert ja das früher übliche Modell, dass der alte Hase den Neugolfer mit auf die Runde nimmt, und ihm dort die Etikette beibringt, offenbar nur noch in den wenigsten Clubs.“
Das ist leider richtig. Seit Einführung der Platzreife ist die Idee, dass Neugolfer von „alten Hasen“ in Verhalten und Etikette eingeführt werden, vielerorts verloren gegangen. Und mit dem Zuwachs der vielen von Betreibergesellschaften geführten Golfclubs hat sich die Idee der gemeinsamen Selbstverantwortung in Luft aufgelöst, bzw. ist einen „Servicegedanken“ gewichen, der – aus Kostengründen – immer seltener eingelöst werden kann.

Diese Vorgeschichte führte (aus meiner Sicht) zum landesweiten Zusammenbruch der Spielqualität. Immer längeren Spielzeiten sind der Grund, weshalb die Clubs immer weniger Greenfee-Spieler auf die Runde bringen können. Um den „multifunktionalen Interessen“ einer launigen und zeitknappen Klientel gerecht zu werden, wurden 9-Loch Turniere geschaffen, die mangels Spielkompetenz jedoch mittlerweile so lange dauern, wie einst 18-Loch Runden.
Um seinen eigenen Wasserkopf zu finanzieren und um mürrische Verbandpräsidenten zu befrieden, war und ist der DGV deshalb zu einem Wachstum um jeden Preis verdammt. Man begann mit Marketingaktionen wie dem Öko-Fake vom Trittsteinbiotop, Versuchen, den Golfsport zum Breitensport zu trimmen, man entdeckte zuerst Schulgolf – und dann, dass Kinder nur Geld kosten aber kein Geld bringen.
Nach dem Kollaps der Ryder-Cup-Bewerbung und anderen Kopfgeburten, die man den VcG berappen ließ, versuchte man es mit einer Vision Gold (Olympia), aber weil sich echte Visionen und DGV gegenseitig ausschließen, haben sich die hohen Herrn jetzt offensichtlich darauf eingeschossen, alle Dämme niederzureißen, um die Felder von uns Ü50-Bauern zu fluten.

Die Volkssturm-Offensive des DGV „zukünftig jeden auf den Platz zu lassen. Einzige Voraussetzung: er zahlt“ (Leserbrief) ist jedoch auch nicht Neues, sondern bereits Alltag in vielen Clubs, denen das Wasser bis zur Oberkante Bunkerlippe steht. Soll der Golfplatz jetzt offenes Weideland für jeden Wildwuchs werden? Wir wissen es nicht. Wir wissen auch nicht, ob der Vorstand mit dieser Strategie die nächste Jahreshauptversammlung überleben wird.

Wie ich bereits in meinem Leserbrief an Golfpost schrieb, wäre es vielleicht an der Zeit für eine Graswurzelrevolution und eine Rückbesinnung auf die Tradition dieses Spiels, das bei all dem Geschnatter immer mehr in den Hintergrund tritt. Eine „Vereinigung freier Golfer“ im Web zu installieren, die die Interessen von uns Golfspielern vertritt, dürfte mittlerweile, zumindest technisch, kein Problem sein.

Ich persönlich sehe im Gesundschrumpfen und der gleichzeitigen Vermittlung der Werte, für die das Golfspiel steht, den einzigen Weg aus der Misere:
Wir müssen uns auf jene Ursprünge besinnen, die von vielen Neugolfern, aber auch von manchem älteren Golf-Autisten, offensichtlich nie als essentielle Bestandteile des Spiels verstanden wurden. Damit meine ich Etikette, Ehrlichkeit, soziales Verhalten und die Bereitschaft, selbst Verantwortung für unser Tun zu übernehmen. Das bedeutet auch, dass man sich dem Golfspiel mit Fleiß und Konzentration widmen muss." *

Ihr / Euer

Eugen Pletsch

 

*Zitat aus: Der Weg der weißen Kugel

PS: Und wenn es so kommen sollte, wie es vermutlich kommen wird und man sich endlich an internationalen Gepflogenheiten der "Golfländer" orientiert, dann ist der Marshall der wichtigste Stürmer im Spiel. In meinem Buch "Achtung Golfer!", das beim DGV vermutlich auch erst mit 10 Jahren Verspätung wahrgenommen wird, habe diese wichtige Rolle zu skizzieren versucht.

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