25.03.2019 - 19:18 Uhr

John Letters Blades

Dieser Blog von 2012, den ich gerade entdeckte beschreibt meinen ersten Versuch, den Klauen von Facebook zu entrinnen. Leider war alles umsonst...

 

Meine Flucht aus Facebook war lange geplant. Ich wartete die Wettervorhersage ab, denn nur wenn Neuschnee meine Spuren bedeckt, würde ich eine Chance haben, den Bluthunden von Mark Zuckerberg zu entkommen.

Bereits Wochen zuvor hatte ich die Nabelschnur zu Facebook kurzfristig gekappt, aber dann sofort wieder aktiviert, um das Milchgesicht des Bösen in Sicherheit zu wiegen. Natürlich würde ich zurückkommen, wie könnte man auch anders, denn die Zuckerberg-Matrix bietet die Geborgenheit der Höhle, einen Platz nahe am Feuer und das Gefühl, im Stamm aufgenommen und Teil der Horde zu sein. Warum ich davor fliehen wollte, kann ich nicht mit Sicherheit sagen.

Vielleicht ist es meine Aversion gegen gewisse Formen von "Schwarmintelligenz". Egal. Ich hatte Schneeschuhe, einen Beutel altes Brot, getrocknetes Fleisch, Mut und den festen Willen zur Flucht. Sofort nach dem Kappen der Nabelschnur erfasste mich ein starkes Gefühl von Freiheit und Lebendigkeit. Wer je einem Kidnapping, den Fängen einer Sekte, einem Straflager oder einer lästigen, absolut nervige Beziehung wie einem Sky-Abo entkommen konnte, weiß wovon ich rede.

Natürlich war der Tag X anstrengend. Mit der Kälte kam der Schnee und ich rannte, so schnell ich konnte. In der Ferne hörte ich die Hunde. Für einen Moment packte mich ein Gefühl von Schuld, die anderen in der Matrix zurückgelassen zu haben, aber das legte sich schnell. Immerhin hatten mir einige Freunde geschrieben, mir viel Glück gewünscht und versprochen, andere Möglichkeiten zu nutzen, um mit mir in Verbindung zu bleiben.

Am nächsten Morgen spürte ich, wie alle am großen Lagerfeuer versammelt waren, um sich gegenseitig zu bestätigen, dass es ein Leben vor dem Tod gibt. Während ich durch den Schnee stolperte, sah ich vor meinem geistigen Auge die grünen Chat-Lämpchen blinken und hörte die Tastaturen meiner „Freunde“ klappern, die das knappe Quäntchen Zeit, dass ihnen das Leben zubilligt, weiterhin mit dem Austausch von „Likes“ verbrachten, am Zuckerberg leckten und genossen, Teil einer fragwürdigen virtuellen Weltgemeinschaft zu sein.

Jedem das seine. Für mich die nachfolgenden Tage erfüllt von Glück und Zufriedenheit. Übermütig begann ich, ein Buch zu lesen, was sich so subversiv anfühlte, dass mir schauderte. Und darin las ich weiter, genüsslich, Seite für Seite, bis sie mich wieder einfingen.

(c) by Eugen Pletsch 2012

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