21.01.2019 - 18:58 Uhr

Hin und wieder hatte ich erwähnt, dass Frau Oelmann vor einiger Zeit mehr als 1000 Seiten meiner Blog-Texte zusammengetragen hatte, von denen die meisten längst offline sind…

Manchmal habe ich in diese Sammlung reingeschaut. Geplant war ein Buch mit Auszügen meiner Blogs, damit noch etwas bleibt, wenn sich meine Zeit als Cyber-Golfer dem Ende zuneigt.

Vier meiner Bücher sind bisher durch die Überarbeitung und Zusammenführung von Blogs entstanden und es müssten, so dachte ich, noch genug Texte vorhanden sein, die z.B. unter dem Titel „Notizen eines Barfußgolfers“ zur Veröffentlichung geeignet wären.

Die Hoffnung, dass mich nochmals ein Verlag wie KOSMOS nach einem Manuskript fragt, ist ebenso unwahrscheinlich wie die Idee, dass ein bei BOD veröffentlichtes Buch mit den 'subjektiven Betrachtungen eines Einzelspielers zum Golfsport im frühen 21. Jahrhundert' Leser finden könnte.

Dennoch habe ich vor zwei Monaten angefangen, das Dossier mit meinen Blogs intensiver zu durchpflügen. Zuerst war die Erfahrung meine alten Texte zu lesen erschütternd. Ich konnte zwar hin und wieder schmunzeln, aber mir wurde bewusst, wie schwer es für Golf-bloggende Kollegen aus der schreibenden Zunft gewesen sein muss, sich durch meine Themen zu quälen, die vor Schreibfehlern nur so wimmeln. (Eine aktuelle SEO-Auswertung ergab 1957 Schreibfehler auf Cybergolf.de).
Noch unangenehmer war mir die Erkenntnis, dass ich mich über Jahre hinweg ständig wiederholte: Ich beschimpfte Senioren (bis ich selbst einer wurde), langsames Spiel, Spieler in ¾-Hosen, mangelnde Etikette, den Deutschen Golf Verband, Sky-Sprecher Irek Myskow, die Generation der Light-Golfer, Gary Player und die Berenberg-Bankster sowie Golflehrer mit Technik-Fimmel. Stets beschwor ich die imaginäre Idee eines „Spirit of Golf“, von dem man nicht weiß, ob es ihn je gab, gibt oder geben wird und wenn der DGV gerade mal die Füße still hielt, schimpfte ich über die böse Welt und insbesondere über die amerikanische Kriegsindustrie.

Trotz aller Selbstkritik machte ich weiter mit dem Ziel eine Textsammlung von ca. 200 Seiten zusammenzustellen. Ein paar Tage vor Weihnachten ließ ich eine erste Korrekturdatei mit 344 Seiten ausdrucken, fand dann alles TOTAL SCHEISSE und bat Sabine Oelmann, sich das mal anzuschauen.

„Senioren-Bashing, langsames Spiel, Spieler in ¾-Hosen, mangelnde Etikette, der DGV, Irek Myskow, Light-Golfer, Gary Player, die Berenberg-Bankster sowie Golflehrer mit Technik-Fimmel dürfen nur einmal im Text vorkommen“, war meine Vorgabe.

„Einmal pro Text?“ fragte Frau Oelmann.

„Nein, pro Buch, insgesamt!“

„Dann wird das Buch höchstens 20 Seiten dick werden“, kicherte sie, ohne meinen Manuskript-Entwurf überhaupt gesehen zu haben. (Mir fiel dabei auf, dass sie, seit sie mich bei einem Match auf ihrem Heimatplatz haushoch geschlagen hatte, etwas vorlaut geworden ist.)
Aber sie machte sich an die Arbeit und am 2. Weihnachtsfeiertag bekam ich 83 Texte nach 1-2-3 klassifiziert zurück. (4-6 zu vergeben hat sie sich gottlob nicht getraut.) Ihre Bewertung ergab, dass die Idee eines Buches wirtschaftlich zwar vollkommen unsinnig ist, aber weil ich jetzt in Rente bin und die Cybergolf-Kriegskasse (nach dem Spendenaufruf in meinem letzten Blog) mit satten 10.- Euro gefüllt ist, überlege ich dennoch, das Projekt in Angriff zu nehmen.

Zumindest für diese Zeit werde ich meine „Notizen“ abschalten, zumal ich wissen will, wie viele Druckfehler tatsächlich aus meinem Blog stammen und wie viele aus anderen Texten. Sollte mir doch noch irgendwas zum Golfspiel einfallen, was nicht von langsamem Spiel, Spielern in ¾-Hosen, mangelnder Etikette, dem DGV, Irek Myskow, Light-Golfern, Gary Playern und den Berenberg-Bankstern sowie Golflehrern mit Technik-Fimmel handelt, kann ich Euch den Text jederzeit auf die Startseite stellen.

Ohnehin denke ich, dass Cybergolf nicht mehr zeitgemäß ist. Es gibt zwar viele Firmen, die mir als „Pressemeldung“ getarnte PR-Texte mit der Bitte um kostenlose, redaktionelle Veröffentlichung zuschicken. Aber wenn ich denen schreibe, dass Cybergolf.de ein Dienstleister ist, der kommerzielle Angebote nur für einen – im Grunde genommen – lächerlichen Betrag veröffentlicht, hört man meist nichts mehr.

Andererseits habe ich jahrelang Hunderte von Links und Meldungen kostenlos ins Netz gestellt – und zwar für Cyber-Golfer, die vielleicht auch nicht mehr ganz zeitgemäß sind, weil sie sich für den traditionellen Golfsport, flüssiges Spiel und Ehrenhaftigkeit im Sinne des „Spirit of the Game“ interessieren.

Niemand zahlte mir etwas für die vielen Sonntage, die ich mit Schreiben meiner Notizen verbrachte. Mal war es witzig, mal lahm, mal gar nichts und meist handeln meine Blogs von langsamem Spiel, Spielern in ¾-Hosen, mangelnder Etikette, dem DGV, Irek Myskow, Light-Golfern, Gary Playern und den Berenberg-Bankstern sowie Golflehrern mit Technik-Fimmel – aber so klein ist sie nun mal, meine Golf-Welt. Erstaunerlicherweise werden die Texte dennoch aufgerufen. Mal sind es ein paar Hundert, mal ein paar Tausend Leser wobei ich natürlich nicht weiß, wie viel vom Text tatsächlich gelesen wird.

In diesem Zusammenhang hat mich die Diskussion um Fake-Artikel in einem ehemaligen Nachrichtenmagazin mit der Überlegung konfrontiert, wie ich mein Schreiben sehe:
Ich habe mich niemals als Journalisten bezeichnet, weil das ein Beruf ist, den ich nicht gelernt habe. Vor Jahren gab es mal in einer Golfzeitschrift namens „PLOCK“ eine mehrseitige „Home-Story“ über den Autor Eugen Pletsch, weil jemand meinte, mich in einen Zusammenhang mit dem Gonzo-Schreiber Hunter S. Thompson bringen zu müssen. Aber Hunter war im Gegensatz zu mir ein hochkarätiger Sport-Journalist, dem hin und wieder, sei es wegen Drogen oder dem allgemeinen Wahnsinn der amerikanischen Gesellschaft, die Gäule durchgingen. Seine Berichte, seine „GONZO-Schreibe“ für den Rolling Stone, diese Mischung aus Fake und Fakten mag die Blaupause für modernen Journalismus sein, der dann „GONZO“ unter den Tisch fallen ließ und Fake als Fakten verkaufte, aber das war und ist alles nicht meine Baustelle.

Kerouacs These vom ‚spontanen Schreiben‘ ist mir von jeher näher gewesen, um den Preis, dass ich 1957 Schreibfehler gehortet habe und ohne Frau Oelmanns Hilfe in den letzten Jahren wären es noch 1000 mehr gewesen. Das einzige Kriterium meiner „schriftstellerischen Arbeit“ ist der Spaß, den ich habe, wenn ich die Fakten und Fiktionen, die mir aus den Fingern fließen, aufschreibe.

Passend zu dieser Selbstreflektion fand ich einen Text von Tom Kummer zum Fall Claas Relotius und den öffentlichen Selbstreinigungsakten der Zeitungsmedien, den Mathias Bröckers auf Facebook gepostet hatte. Daraus möchte ich einen Satz zitieren:
„Ich bin nie als Journalist angetreten, immer als Schriftsteller, als jemand, der Wirklichkeit – also auch Erlebtes, aber eben noch viel mehr: Emotionen, Projektionen, Albträume, Vermutungen, Halluzinationen, Momente in denen ich schlecht gefrühstückt habe, Drogenexzesse, Depressionen, Freudentaumel, Sexnächte, Verliebtheit – alles, was das Leben reizvoll macht, aber eben gerade nicht die Fakten, sondern die möglichen Fiktionen des Lebens – in Texte verarbeitet.“

Ja, das könnte ich auch unterschreiben.

Ihr / Euer

Eugen Pletsch

 

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