20.04.2019 - 09:13 Uhr

Carnoustie

Wer ein Top-Spieler werden möchte und vom MASTERS träumt, sollte trainieren, seine gesamte Runde für die Presse Schlag für Schlag repetieren zu können. Mein ehemaliger Praktikant hat diese Fähigkeit, um die ihn mancher Tour-Spieler beneiden dürfte...

Freitagmorgen. Wir wollen zu einem Einladungsturnier. Cybergolf-Praktikant KIM BUM holt mich ab. Er spielt erst seit zwei Jahren Golf. 

Sein Ziel ist, in dieser Saison in einem vorgabewirksamen Turnier unter 80 zu spielen. Kim verlädt mein Tourbag-Monster und den eTrolley. Bin todmüde. War seit halb vier wach.

Kim sieht, dass ich schwächele und nutzt seine Chance: „Ich wollte Dir noch von dieser Runde kürzlich erzählen…“.

„Ach ja?“ seufze ich. Mir fallen die Augen bereits wieder zu.

Kim braust den Autobahnzubringer hoch.

„Ich startete mit meinem Flight an der 2 – 150 m Par 3 bergauf…“

„Hmm.“

„Sicheres Eisen 6, leichter Fade – Grün getroffen – leider liegt mein Ball rechts oben – die Fahne ist Mitte gesteckt und ich muss über diesen unangenehmen Rücken putten – nicht schlecht aber 3m bleiben zum PAR – Ich starte mit einem Bogey.“

„Oh?“ heuchle ich Interesse. Mir gehen ganz andere Dinge durch den Kopf – und ansonsten ist mir schlecht. Ich versuche zu schlafen, aber Kim kennt kein Pardon: „Die 3 ist ein langes Par 4 – Sicherer Drive treffe die rechte Fairway-Seite – mir bleibt ein Eisen 7 bei rund 150 Metern zur Fahne – verfehle das Grün rechts – bekomme den Chip aber 1m an die Fahne – Par-Putt mit Break von rechts lippt unten aus. Das nächste Bogey – ärgerlich!“

„Sehr ärgerlich.“

„Bahn 4 das erste Par 5 – 480 m bergab. Ich entscheide mich für die defensive Variante und schlage mit meinem Hybrid ab – der Ball fliegt mit einem leichtem Fade genau Mitte Fairway – und bleibt rechts vom linken Bunker liegen – noch ca. 220 Meter ins Grün. Mein Mitspieler fragt, warum ich nicht den Driver nehme? – Ich antworte: Lieber sicher auf 270 Mitte Bahn als auf 320 irgendwo in der Scheiße!"

„Ja, Kim“, murmele ich, „lieber nur 270 Meter mit dem Hybrid. Würde ich auch so machen.“

Kim sieht mein Lebenzeichen als Zustimmung um fortzufahren. Er holt Luft:  „Nachdem die Jungs abgeschlagen hatten (ich hab zwar alle drei gut 40 Meter mit meinem Hybrid kurzgelassen), wussten sie was ich gemeint hatte; links ist AUS und rechts tiefes Rough. Ich spiele defensiv weiter – Eisen 6 – guter Schuss, leider hab ich den Gegenwind falsch berechnet und der Ball landet in dem kleinen Bunker 70 Meter vorm Grün. Schwieriger Schlag – versuche den Ball clean zu treffen – es gelingt! Der Ball liegt am Vorgrün – Tap In zum PAR! Es geht doch!“

„Ja, geht doch. Genau.“

„Bahn 5 Dogleg links. Ich richte mich auf die beiden Bäume links vom Bunker aus – treffe den Drive richtig gut, leider hooked der Ball etwas nach links weg ins Nirvana Richtung Grün – wollte eigentlich nicht angreifen – hoffentlich liegt der noch … er liegt 50 Meter vorm Grün … Tap In zum PAR.“

„Schön, schön.“ Ich döse vor mich hin, höre Kim in der Ferne brabbeln: „Bahn 6 – Defensiv – Holz 3 vor den Bunkern abgelegt – 80 Meter ins Grün – Ball bleibt im Vorgrün hängen – Chip, Putt – PAR. „Bravo.“

„Bahn 7 – Richte mich auf den linken Bunker aus – der kontrollierte Powerfade findet sein Ziel: Linke Fairwayhälfte – Ich lass die anderen Jungs 70 Meter kurz. Eisen 5 Ins Grün – super Bounce nach rechts – Birdie-Chance – Spiele den Putt zu defensiv, da Bergab Tep In zum PAR.“

„Hmm.“

„Bahn 8 – ich schlage an dem Par 3 mit dem Eisen 8 ab! 140 Meter zu Fahne bergauf – treffe den Ball sehr gut – Er fliegt direkt auf die Fahne zu… Ist das die nächste Birdie-Chance? Oben angekommen sehe ich meinen Ball ca. 4 Meter am Stock, leider ist der Ball gleich liegen geblieben … Muss den Putt wieder defensiv bergab spielen. Vom Tempo her perfekt, lippt leider aus - Tap In zum PAR.“

„Bedauerlich!“

„Die Bahn 9 – Das nächste PAR 5: Ich platziere mein Holz 3 auf ca. 250 Metern rechts vom linken Bunker – ein toller Schlag, meine Fligthpartner staunen. Da ich am Tag zuvor an der gleichen Stelle lag und mein Hybrid gut getroffen hatte, entscheide ich mich wieder für diesen Schläger – weil ich weiß, dass ich den Schlag kann und das Risiko ist begrenzt. Treffe das Hybrid perfekt, der Ball schießt Richtung Grün und bleibt 5 Meter vorm Grün liegen … Chip über gut 25 Meter da lang gesteckt ist. Zwei Meter bleiben zum Birdie – der Putt fällt mit der letzten Umdrehung!“

„Äh, wie war das? Birdie? Großartig.“

„Auf der Bahn 10 auch ein PAR 5 liege ich nach 2 guten Schlägen 10 Meter vorm Grün, lasse den Chip etwas kurz – Der Putt zum Par verursacht noch etwas Stress, aber er fällt.“

„Gut so.“

„Auf der 11 verziehe ich meinen Drive etwas nach rechts – Ich finde den Ball im Rough-Streifen der die Bahn1 von der 11 trennt – die Lage ist OK – 150 Meter ins Grün. Bekomme mein Eisen 7 gut durch den Ball, er bleibt kurz vorm Grün liegen ein sehr gutes Ergebnis aus der Lage! Der Chip ist auch gut – es bleibt ein Zwei-Meter Putt bergab zum Par – auch der fällt mit der letzten Umdrehung. Euphorie macht sich breit. Wie liege ich jetzt eigentlich nach 10 Löchern? 1 über PAR !"

„Außerordentlich. Aber ich müsste demnächst auch mal ins Rough.…“.

„Die 12, ein 300 Meter kurzes Par 4. Ich platziere mein Holz 3 Mitte Bahn 70 Meter zum Stock – ein sehr guter Schlag! Jetzt kommt eine erste Unkonzentriertheit – Ich treffe das Lobwedge etwas fett und der Ball kommt links vom Grün runter – Der Chip hat ne gute Richtung, ist leider zu schnell und rollt auf der anderen Seite sogar noch vom Grün runter – STRESS – der nächste Chip ist etwas kurz, knapp zwei Meter bleiben zum Bogey – der Putt fällt.“

„Wenn Du eine Raststätte siehst, ich müsste mal aufs Klo…“.

„Auf der 13 bin ich, was die Schlägerwahl angeht, etwas unsicher – 220 m zur Fahne leicht bergab. Hybrid oder Eisen 4 – Ich treffe das Hybrid leicht Fett und der Ball bleibt 50 Meter Mitte Bahn vorm Grün liegen -  70 Meter zum Stock der gleiche Schlag wie eben auf der 12 – diesmal ist die Ausführung TOP! Knapp 3 Meter zum Par – ich spiele ein sicheres Bogey.“

„Ich muss mal, Kim…“

„Auf der 14 cutte ich meinen Drive die Bahn rauf, er bleibt 150 Meter vorm Grün liegen auf der rechten Fairway-Seite liegen. Die Fahne ist lang gesteckt und Gegenwind von links vorne. Ich entscheide mich für das Eisen 6 ca. 175 Meter zum Stock – Der Schlag war nicht schlecht, wenn auch etwas dünn getroffen. Ich hätte mich nur etwas weiter rechts ausrichten müssen … Ergebnis trotz allem: der hintere rechte Grünbunker! Beim Einschlagen hatte ich einige Bunkerschläge gemacht, die waren alle gut gewesen – diesen einen treffe ich jedoch clean! Er verschwindet im knietiefen Rough hinterm Grün. Drop / Provisorisch – Guter Bunkerschlag 5 Meter an Stock ! Ich finde den Ball nicht und gehe nach zwei Putts mit ner 7 runter!“

„Äh Kim…“.

„Jetzt hab ich Stress! Auf dem nächsten Loch, einem Par 3, prügele ich mein Eisen 6 links hinters Grün – Aus dem 2nd Cut bekomme ich den Ball aufs Vorgrün – Chip, Put – Bogey!“

„Kim, ich hab jetzt auch Stress…“.

„OK, aber hör Dir das an: Das letzte Par 5, die 16. Mit schnellen Armen und viel Stress cutte ich meinen Drive in den rechten Fairwaybunker, mein Rhythmus ist komplett weg! Ich versuche den Ball mit meinem Eisen 8 über die Bunkerkante zu bekommen und wenigstens ein paar Meter zu machen, bleibe hängen! Ergebnis: Ein Spiegelei mitten im Bunker!“

„KIM, GLEICH HAST DU EIN SPIEGELEI MITTEN IM AUTO!“ rufe ich, aber er hört nicht. Er zieht die Karre auf 220 hoch und wirkt, als wäre er kurz vorm Ausflippen: „Voller Wut dresche ich mit mein Eisen 8 auf den Ball – der fliegt gequält ca. 20 Meter in den 2nd Cut. 180 Meter bis zum Grün – die Schlagfläche wird vermutlich zugehen – Treffe mein Eisen 5 gut, der Ball fliegt wie erwartet etwas nach links und bleibt Pin High links vom Grün liegen. Der Pitch ist schwer zu kontrollieren aus dem dicken Zeug, umso besser das Ergebnis. Ich putte aus knapp 4 Metern zum Bogey. Vorbei. Spiele das Doppelbogey.“

„Kim, da vorne ist ne Tanke…!“ rufe ich, aber Kim gibt noch mehr Gas.

„Emotional bin ich jetzt echt down! Zwischenzeitlich lag ich 5 Schläge besser als Handicap… und jetzt muss ich um die Schonung kämpfen. Hoffentlich gibt es CBA! Es kommen jetzt noch 3 Löcher die 17, 18 und die 1, alles Bahnen, auf denen ich noch einen Schlag vorhabe.
Auf der 17, einem 420 Meter langen Par 4, hämmere ich den Drive 130 Meter vors Grün. 140 Meter leicht bergab zum Stock – Eisen 9 oder Pitching Wedge? Ich nehme das PW und schaffe es gerade aufs Vorgrün, hab den Ball auch nicht gut getroffen … der Putt bleibt 4 Meter zu kurz! Dann fällt der Putt zum PAR Mitte Loch! Erleichterung macht sich breit, ich war schon fast in der Schonung.“

„Kim, in mir macht sich keine Erleichterung breit, da ist ne Tanke…HALLO! Hörst du?“

Aber Kim hört nix. Er fährt weiter.
„Auf der 18 cutte ich den Ball, er kommt Höhe Bunker auf und bleibe rechts vom Teich Mitte Bahn liegen – ein sehr guter Schlag. 95 Meter an die Fahne – Ich verziehe mein Gap Wedge leicht nach Links, die Länge war gut, aber es bleiben gut 10 Meter zum Loch. „Auf jetzt: Zwei Putts zum PAR!“ mache ich mir Mut. Ich richte mich aus und konzentriere mich nur noch auf die Dosierung. Der Ball ist gut unterwegs … der hat genau die Linie! FALL, DU SAU! … aber der Ball rollt über die Kante. Tap In zum PAR.“

„Kim, ich kanns nicht mehr lange halten…!“

Kim nimmt die Ausfahrt bei Groß Gerau.
„Auf die 1. Der Drive liegt oben rechts im 1st. Cut. Eisen 9 ins Grün – Treffe das Grün aber war zu weit rechts – naja, zumindest war der Bunker aus dem Spiel. Ca. 10 Meter Putt bergauf. Der Ball hat wieder ne gute Linie. Bleibt 50 cm unterhalb vom Loch liegen. Der Putt ist jetzt zu 37 Netto / also zu 81. Kurz Durchatmen und ich loche ihn sicher. Die Jungs gratulieren mir zu der guten Runde! Es hätte eine sehr gute werden können. Mit 28 Brutto werde ich geteilter 3. von 83 Teilnehmern. Netto werde ich 2. Ich hoffe auf CBA, es gibt aber keinen! Mein neues Handicap: 8,6….Vielleicht bin ich in meinem zweiten Jahr einfach noch nicht soweit, eine Runde in den 70ern unter Turnierstress zu spielen, aber das Potenzial ist da! Jetzt wird weiter trainiert….ach, schau mal, da geht es zum Club…hey, was ist los, wieso kuckst du denn so komisch aus der Wäsche?“

Wir erreichen den Golfclub. Ich springe aus dem Wagen und renne zum Clubhaus. Dann spielten wird das Turnier. Das Abendprogramm mussten wir streichen, weil Kim Marschbefehl hatte, am nächsten Morgen zur Hessenliga anzutreten.

© by Eugen Pletsch, 2013

 

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„Notizen eines Barfußgolfers" ist eine für die Buchfassung überarbeitete Auswahl an Texten, die der Golfautor Eugen Pletsch in seinem renommierten Blog (cybergolf.de) zwischen 2006 und 2018 veröffentlicht hat. Kommentare zu aktuellen Golf-Themen, Szene-sezierende Glossen, Golf-philosophische Betrachtungen, praktische Tipps und stille Hinweise auf das mystische Geheimnis dieses eigenartigen Spiels, dem der Autor in seiner mittlerweile 30jährigen Wanderung (...)

  
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