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Oliver Heuler, Leiter der Golfschule im Golf & Countryclub Fleesensee und Betreiber des Golfforums, wirkt polarisierend: Es scheint nur Fans und Feinde zu geben — gleichgültig lässt er keinen. Sein neuester Coup, den Kunden entscheiden zu lassen, was ihm die Stunde mit einem der Golflehrer des Golf & Countryclubs Fleesensee Wert war, hat unter seinen Kollegen vermutlich für einen gewissen Unmut gesorgt. Für uns Schüler ist das aber insofern revolutionär, als unsere mangelnden Fortschritte im Golfspiel nicht mehr alleine an unserem Unvermögen festgemacht werden. Es wird erstmalig die Möglichkeit erwogen — und wir hatten das schon immer vermutet —, dass auch der Golflehrer manchmal nur labert und oft genug im Dunkeln tappt. Heuler hatte ich bereits in der Geschichte »Leadbetter in Seddin« vorgestellt (anlässlich der Kontroverse »Heuler verus Leadbetter«, die sich zur größten deutschsprachigen Onlinediskussion im Golfsport entwickelte). In diesem Gespräch wollte ich ihm die Zeit und den Raum geben, die eine Golfzeitschrift heutzutage leider nicht mehr erübrigen kann. ep
Eugen Pletsch: Wo bist du aufgewachsen und wie bist du zum Golfsport gekommen?
Oliver Heuler: Ich bin in Bern geboren, habe mich aber in Düsseldorf dem Schulzwang unterworfen und dort auch mein Abitur gemacht. Vom öffentlichen Golfplatz auf den Rheinwiesen (Lausward) habe ich nur zwanzig Fahrradminuten entfernt gewohnt. Leider habe ich den Platz erst mit 16 Jahren entdeckt, sonst hätte ich viel früher mit Golf begonnen.
EP: Gab es prägende Erlebnisse am Anfang deiner Karriere?
OH: Als ich den Platz bei einer Fahrradtour durch den Hafen zufällig entdeckte, fing es so stark zu regnen an, dass ans Bälleschlagen nicht zu denken war. In den nächsten Tagen wurde es auch nicht viel besser, sodass ich erst mal in die Bücherei gefahren bin und mir drei Golfbücher ausgeliehen und gelesen habe. Ich hatte den Kopf also schon voll mit Theorien, bevor ich überhaupt einen Ball geschlagen hatte. Griff und Schwungübungen habe ich Zuhause mit einem Minigolf-Schläger gemacht.
An der Lausward bekam man damals einen Eimer Bälle für fünf Mark und ein Leihschläger kostete zwei Mark. Meine Überlegung damals lautete: »Wenn ich immer nur einen Schläger leihen kann, nehme ich am besten den schwierigsten, denn wenn ich den beherrsche, sollten die anderen kein Problem sein.« So habe ich also mit dem Driver begonnen. Ich habe den Ball zwar schnell in die Luft bekommen, aber ein Talent war ich nicht, das war mir sofort klar. Der Ball flog nicht sehr weit und meist mit starkem Slice.
Erst nach einem halben Jahr Training auf der Range habe ich mich auf den Platz getraut, und da die wenigen Bälle, die ich auf der Range mit dem Eisen geschlagen hatte, alle auf einer dicken, erhöhten Bürstenmatte lagen, habe ich in der ersten Runde vom Fairway praktisch jeden Ball getoppt. Aber wie bei allen Golfern haben die wenigen — wahrscheinlich zufälligen — guten Treffer mich in dem Glauben gelassen, dass ich es irgendwann vielleicht doch lernen könnte.
EP: Und ab wann kamst du auf die Idee, Golflehrer werden zu wollen?
OH: In der Oberstufenzeit machte mir die Schule immer weniger Spaß und ich widmete jede freie Minute der Computerprogrammierung oder dem Golf. Mein Plan war deshalb folgender: Ich beginne eine Lehre als Golflehrer und kuriere mich dabei von meinem Slice. Sobald ich schöne Draws schlagen kann und mir das Unterrichten langweilig wird, fange ich an, Informatik zu studieren und mein Geld ordentlich zu verdienen.
Das viele Bälleschlagen in der Lehrzeit hat dann auch aus mir einen einstelligen Golfer gemacht. Begonnen hatte ich mit einem offiziellen Handicap von 23,4 und einer tatsächlichen Spielstärke von vielleicht 15.
EP: Wo hast du gelernt?
OH: Ich hatte damals unzählige Bewerbungen verschickt, aber nur eine Einladung bekommen. Das war der Golfclub Gut Grambek bei Mölln. Hans-Joachim Rumpf war mein Ausbilder, und ich war mit dem Ausbildungsplatz sehr zufrieden.
EP: Wie betrachtest du im nachhinein Deine Ausbildung und die Schnitzer, die du gemacht hast, von denen du auf der Rheingolf erzählst?
OH: Genau wie das Golfspielen war das Unterrichten zunächst unvorstellbar frustrierend. Ich hatte ja keine Ahnung. Eigentlich hatte zu der Zeit niemand eine Ahnung. Bis dahin (1987) gab es keine Kameras, die so kurze Belichtungszeiten ermöglichten, dass man in Einzelbildern auf dem Video einen scharfen Schläger sehen konnte. Mein Ausbilder war dann einer der ersten, der sich eine solche Kamera gekauft hat. Kurz danach habe ich auch in so eine Kamera investiert, und zusätzlich habe ich mir einen Videorekorder mit Jog-Shuttle besorgt, sodass ich komfortabel Golfschwünge analysieren konnte. Ich habe damals jeden aufgenommen, der mir vor die Linse kam. Auf einer German Open in Frankfurt habe ich die meisten Spitzenspieler analysiert.
Eine meiner tragischen Fehleinschätzungen war dann folgende: Man sah, dass alle guten Spieler spät schlugen und die meisten Amateure eher früh. Bei den Pros löst sich also der Winkel zwischen linkem Arm und Schläger spät auf und bei den Amateuren mit hoher Vorgabe sehr früh, sie löffeln eher. Also dachte ich, meinen Schülern nur das späte Schlagen beibringen zu müssen, um deren Spiel zu verbessern. Das klappte aber überhaupt nicht. Fast all meine Schüler wurden schlechter. Heute weiß ich, dass man zuerst die Schlagfläche und die Schwungebene in akzeptable Positionen und Bahnen bringen muss, bevor es sinnvoll ist, das Schlagen zu verbessern. Außerdem weiß ich heute, dass man mit dem Versuch, den Winkel zwischen linkem Arm und Schläger lange zu halten, nie ein richtiges Schlagen erlernt.
EP: Diese Gedanken hat dann Zacharias in seinem Buch ausgearbeitet?
OH: Dass die Schlagfläche zuerst stimmen muss, wusste schon John Jacobs. Der hat viele Seminare in Donaueschingen gegeben, also in dem Club, in dem ich nach meiner Lehre fünf Jahre gearbeitet habe. Immer wenn Jacobs Zeit bei uns verbracht hat, war ich sein Schatten. Jacobs war in den 60ern seiner Zeit unglaublich weit voraus. Ich bin noch heute ganz stolz, dass Jacobs die Vorworte für meine fünf Videos gesprochen hat. Legendär ist auch seine Art, mit Menschen umzugehen. Wenn der Golflehrer irgendwann heraus hat, wo die technischen Ursachen für die Fehlschläge des Schülers liegen, geht es nur noch um Didaktik und um die Kommunikation mit dem Menschen, der da vor einem steht.
Aber zurück zum richtigen Schlagen: Wer das richtige Schlagen lernen will, braucht neben einer geraden oder leicht geschlossenen Schlagfläche auch eine brauchbare Ebene. Ein zu frühes Schlagen ist nämlich oft die Reaktion auf eine offene Schlagfläche oder eine Schwungbahn von außen nach innen: Wenn meine Schlagfläche offen ist, kann ich sie schließen, indem ich den Schlägerkopf vor meinen Händen an den Ball bringe, also überrolle. Aber das macht mich zum Löffler und beschert mir ständig fette und dünne Schläge. Kommt der Schläger von außen an den Ball, würde der Schläger viel zu spät in den Boden kommen. Auch hier hilft ein Löffeln, was den tiefsten Punkt wieder weiter nach rechts verschiebt. Der große Beitrag Thomas Zacharias’ bestand darin, das richtige Schlagen besser zu verstehen, zu erklären und uns eine Didaktik an die Hand zu geben, wie man sich das richtige Schlagen am besten erlernt.
EP: Aus »Profis schwingen nicht sie schlagen« ist aber für den Laien nicht einsehbar, dass ein Slicer nach dieser Methode eben nicht arbeiten sollte?
OH: Ich halte das auch für problematisch. Aber Thomas ist da anderer Meinung. Er glaubt, dass ein guter Griff und eine richtige Haltung als Voraussetzungen reichen und dass die richtige Schlagflächenstellung und die richtige Ebene sich aus dem korrekten Schlagen ergeben. Meine Erfahrung spricht dagegen. Ich habe über ein Jahr gemeinsam mit Thomas an dem Buch gearbeitet, aber mich kurz vor der Veröffentlichung zurückgezogen und ihm nur noch ein nettes Vorwort geschrieben. Gleichwohl gehört er für mich zu den großen Drei: Jacobs, Haney und Zacharias, denen wir in dieser Reihenfolge das Wichtigste zum Thema Schlagfläche, Ebene und Schlagen verdanken.
EP: Und worin siehst du deinen Beitrag?
OH: Ich habe versucht, alles zusammenzuführen, in ein System zu bringen und eine Didkatik dazu zu entwickeln. Die 200 Seiten zur Technik und Didkatik in dem gerade erschienenen, neuen Unterrichtshandbuch der PGA of Germany enthalten mein aktuelles Wissen. Es gibt dem Golflehrer-Lehrling einfach zu nutzende Flussdiagramme an die Hand, die es ihm ermöglichen, jedes Muster von Fehlschlägen bei seinen Schülern zu korrigieren, und somit für eine größere Beständigkeit zu sorgen.
EP: Gehen wir aber noch einmal zurück in deine Lehr- und Assistenzzeit. Wer waren damals die bekannten Namen in der Golfszene und wann war das?
OH: Die damals besten Lehrer in Deutschland hatten aus meiner Sicht keine befriedigenden Antworten auf meine Fragen. Also bin ich irgendwann durch Amerika gereist und habe die großen Namen besucht. Aber auch da habe ich zunächst nur wenig gefunden, was meinen Unterricht bereichert hat. Ganz am Schluss meiner Liste habe ich endlich einen Lehrer gefunden, der nicht nur Tourspielern helfen konnte, sondern auch Anfängern und Spielern mit hohen Vorgaben. Von da an habe ich diesen Lehrer jedes Jahr besucht und habe auch Kollegen aus Deutschland mitgenommen, um sich von ihm schulen zu lassen. Damals kannte diesen Lehrer in Deutschland kaum jemand. Der einzig bekannte Name zu der Zeit war Leadbetter. Heute kennt jeder den Namen Hank Haney, weil er seit ein paar Jahren Tiger Woods unterrichtet.
EP: In Deutschland war vor 15, 20 Jahren als Golflehrer eigentlich nur Willi Hoffmann durch Bernhard Langer relativ bekannt geworden.
OH: Ganz unabhängig von Willi Hoffmann: Es ist verständlich, dass die golfende Öffentlichkeit glaubt, dass der Trainer eines extrem guten Spielers richtig was auf der Pfanne haben muss, denn sonst würde der gute Spieler, sich sicher nicht von diesem Trainer unterrichten lassen. Es ist sogar so, dass die meisten Golflehrer so denken. So wählen wir PGA-Pros mit schöner Regelmäßigkeit immer die Kollegen zum Trainer des Jahres, die gerade die besten Spieler unterrichten.
Damit ich nicht falsch verstanden werde: Wer einen Tourspieler unterrichtet, muss sicher irgendwelche Qualitäten besitzen, aber es ist noch lange kein Qualitätsbeweis. Einen eindrücklichen Beweis für diese These bekamen über 1000 meiner Kollegen bei einer Golflehrerkonferenz in Deutschland. Ein Trainer, der 20 Jahre lang einen Tourspieler unterrichtet hat, welcher sogar British-Open-Sieger wurde, hat dort ein paar Amateure unterrichtet. Das Ergebnis war so erbärmlich, dass die meisten Mitleid bekamen. Einer seiner Schüler fing durch die Korrekturen sogar an, Sockets zu schlagen, und der Trainer hat das noch nicht einmal bemerkt. Hank Haney blieb in dem Raum bis er ganz leer war. Nur ein Kollege und ich standen noch bei ihm. Haney sagte immer nur: »Wow«. Viele Male hintereinander. Ich fragte Hank dann: Wie kann es sein, dass so ein Trainer 20 Jahre lang einen Tourspieler unterrichtet? Der muss doch auch gemerkt haben, dass sein Trainer ahnungslos ist. Hank gab dann eine befriedigende Antwort (ich zitiere sinngemäß):
Auf der Tour treten inzwischen fast alle Spieler als Team auf. Jeder hat einen Manager, einen Caddy, einen Fitnesstrainer und einen Psychologen. Es herrscht ein enormer Druck, weiter gute Ergebnisse zu produzieren. Krisen hat fast jeder. In so einer Krise würden die Sponsoren und der Manager den Spieler natürlich sofort fragen, warum er keinen Trainer hat. Der Spieler fühlt sich also einfach sicherer, wenn er wie die anderen rundum betreut wird. Gleichwohl haben die Spieler alle große Angst vor Schwung-Umstellungen, die ihnen die Karriere ruinieren. Abschreckende Beispiele wie Ian Baker-Finch gibt es zu genüge. Also sucht man sich einen Trainer, der eben nicht zu der Fraktion derer gehört, die tatsächlich Schwungänderungen vorschlagen, sondern lieber einen, der hin und wieder mal auf Rhythmus und Balance hinweist, die Ausrichtung korrigiert oder auf der Einhaltung der Schlagroutine beharrt.
Man muss solchen Trainern zugute halten, dass sie ihre Spieler zumindest nicht kaputt machen. Am schlimmsten sind nämlich die Trainer, die nicht wissen, wovon sie reden, aber trotzdem wild am Schwung ihrer Spieler herumschrauben.
Ein Beleg meiner Einschätzung des enttäuschenden Unterrichts bei der Golflehrerkonferenz ist dieser Wortbeitrag des sehr geschätzten Kollegen John O’Flynn.
EP: Apropos John O’Flynn. Wie wichtig ist es denn, dass der Trainer selbst sehr gut spielt?
OH: Hier gilt das Gleiche: Es ist sicher nicht verkehrt, wenn der Trainer selbst gut spielt. Es verbessert seine Glaubwürdigkeit bei den Menschen enorm. Jeder denkt automatisch: »Wenn der so gut spielt, muss er sicher wissen wie es geht.« Das eigene gute Spiel ist jedoch weder ein hinreichendes noch ein notwendiges Kriterium für einen guten Trainer. Hank Haney hat nach eigenen Aussagen 20 Jahre lang pro Runde immer ungefähr 12 Bälle verloren. Er hatte Yips beim langen Spiel. Inzwischen hat er das Problem gelöst. Als Trainer war er vorher jedoch genauso gut wie nachher. Um auch hier nicht missverstanden zu werden: Ich halte es für wichtig, dass der Trainer weiter an seinem Spiel arbeitet. Was dabei an Scores herauskommt, ist jedoch mehr von seinem Talent abhängig als von seinem Technikwissen. Peinlich wird es, wenn ein Lehrer zum Beispiel Slices schlägt und keine Ahnung hat, wie man die korrigiert. Während des Unterrichts ist es sehr nützlich, den Schwung des Spielers nachmachen zu können und genau den gleichen Ball zu schlagen, den der Spieler immer schlägt. Danach macht man den richtigen Schwung vor und schlägt den Ball, den der Spieler gerne hätte. Dann wird sofort klar, dass der Lehrer weiß, wovon er redet. Ich halte es für wichtig, dass der Lehrer eine saubere Technik hat. Ein Lehrer mit einem Jim-Furyk-Schwung kann ja eigentlich nicht von seinem Spieler fordern, neutraler zu schwingen, ohne dabei unglaubwürdig zu wirken. Auf mich wirkt das dann wie ein übergewichtiger Ernährungsberater oder ein rauchender Onkologe. Ein bekannter Lehrer predigt beispielweise ein Übergangslegen, ist aber selbst ein furchtbarer Übergangskreuzer. Er behauptet, dass das Übergangslegen bei jeder athletischen Körperbewegung automatisch entsteht. Er selbst und sein Schwung sind die lebende Widerlegung der eigenen Theorie.
EP: Trotzdem die Frage: Unterrichtest du gute Spieler und was ist mit deinem Spiel?
Mein aktuell bester Spieler, der regelmäßig kommt, ist deutscher Golflehrermeister geworden und hat mich bei seiner Siegerrede netterweise erwähnt. Es kommen immer wieder mal Spieler, die in einer Krise sind (gerade war eine Spielerin der European Tour da), aber für ein regelmäßiges Training wohne ich einfach zu weit weg. Wenn ich darauf aus wäre, viele Tourspieler zu unterrichten, müsste ich auf der Tour mitreisen, dort jede Woche mein Scopesystem aufbauen und einfach warten. Die Arbeit auf der Tour ist jedoch nicht so reizvoll, wie man glaubt. Man bekommt zwar mehr Anerkennung in den Medien, aber es gibt auf der Tour doch ziemlich viele Diven mit wenig intellektuellem Tiefgang. Die Quote der Golfer, mit denen ich auch privat Zeit verbringen würde, ist unter den Amateuren, die mich am Fleesensee besuchen, erheblich höher. Da die Tourspieler auch nicht gut zahlen und ich noch dazu das Reisen hasse, habe ich die Alternative nie ernstlich in Erwägung gezogen.
Zu meinem Spiel: Ich schlage regelmäßig Bälle und finde, dass meine Technik sich sehen lassen kann.
Das ist natürlich etwas ganz anderes, als an seinem Spiel zu arbeiten. Dazu müsste ich viel öfter über den Platz gehen und auch das kurze Spiel üben. Vor 5 Jahren, als es meinen Sohn Josh noch nicht gab, habe ich einmal eine halbe Saison vorgabewirksame Amateurturniere außer Konkurrenz mitgespielt, um herauszufinden, wie weit ich mich nach dem Amateur-Vorgabensystem herunterspielen kann. Ich bin auf 4,1 gekommen und wäre vielleicht mit weiterem Training bis auf zwei gekommen. Für einen Scratchgolfer reicht mein Talent jedoch nicht. Ich schlage den Ball auch nicht weit genug. Mein Drive fliegt 210 Meter durch die Luft — das war’s. Für mehr fehlt es schlicht an Schnellkraft. Meine Schlägerkopfgeschwindigkeit beträgt 100 Meilen pro Stunde, und auf der Tour liegt keiner unter 110. Tiger Woods liegt bei 130. Ich kann einen Golfball auch nicht weiter als 50 Meter werfen. Das ist mein Test der Schnellkraft, mit dem man ziemlich verlässlich das Weitschlag-Potenzial eines Golfer testen kann. Longhitter werfen den Ball locker über 70 Meter.
EP: Und jetzt hast du auch noch Yips bekommen?
OH: Ja, wobei ich diese Nachricht eigentlich mit Freude aufgenommen habe, denn jetzt habe ich richtig Lust, häufiger mit meinem Puttlab zu trainieren. Das ist ein Messgerät, das einem alle Parameter beim Putten sofort nach dem Schlag anzeigt. Da außerdem fast jeder Fünfte unter Yips leidet — die meisten wissen nur noch nichts davon —, hilft es mir als Lehrer, diese Krankheit bei mir selbst therapiert zu haben.
EP: Wieso wissen denn die meisten nichts von ihrem Yips?'
OH: Oft setzt das Zucken erst nach dem Treffmoment ein, und dann kann der Ball genau in die richtige Richtung starten. Wenn das Zucken sehr gering ist, spürt man es auch praktisch nicht, wenn man nicht durch die Rückmeldungen des Puttlabs sensibilisiert wurde. Gleichwohl kostet einen schon das Zucken Schläge. Und wer kurz nach dem Treffmoment zuckt, braucht nur mal richtig Druck und ein schnelles Grün, und dann zuckt es auf einmal auch vor dem Treffmoment.
EP: Die Frage, wie gut die Schüler sind, die du unterrichtest, war ja auch Thema bei deinem Disput mit David Leadbetter. Wie kam es eigentlich zu dem Streit?
OH: Ich hatte zusammen mit meinen Kollegen vom Fleesensee eine Veranstaltung von Leadbetter in Seddin besucht, während der er ca. 15 Amateure unterrichtet hat. In meinem Golfforum habe ich dann über meine Eindrücke berichtet.
EP: Und die waren nicht so positiv?
OH: Wir Golflehrer müssen David Leadbetter unser Leben lang danken für das, was seine Arbeit bewirkt hat. Vor Leadebetters Erfolgsstory mit Faldo sah man den Golflehrer als den, der dem Anfänger den Griff zeigt und Regeln wie Etikette lehrt. Durch Leadbetter wurde den Leuten klar: Auch die besten Spieler der Welt nehmen Unterricht und können sich dadurch verbessern.
EP: Aber diese Aussage wird er dir ja nicht übel genommen haben?
OH: Nein, ich habe gesagt, dass ich den grundsätzlichen Ansatz seines Golfunterrichts mit den Amateuren damals in Seddin für falsch halte. Ich glaube, dass man Amateure anders unterrichten muss als Nick Faldo. Jemand wie Faldo hat als einer der besten Spieler in Europa zusammen mit Leadbetter seinen Schwung komplett umgestellt. Aus einem zweieinhalb Jahre langen Tal der Tränen ist er dann als ein besserer Spieler hervorgegangen. Diese Art der Arbeit ist für 99 Prozent der Amateure ein Rezept für Frustrationen. Es ist wie mit einem Kartenhaus, das schief gebaut ist: Ich kann auf zwei Arten ein stabiles Haus daraus machen. Der erste Weg besteht darin, das alte Haus abzureißen und von Grund auf neu zu beginnen. Leider habe ich in der Zeit, die es dauert, das neue Haus zu bauen, kein Haus in dem ich leben kann. Die zweite Methode besteht darin, das krumme Haus bis ins Detail zu analysieren. Wenn ich die Statik genau kenne, kann ich einzelne Wände erneuern, ohne dass das Haus zusammenstürzt. Wenn ich in der optimalen Reihenfolge vorgehe, stellen sich auch gleich Verbesserungen ein. So schließen vielleicht manche Türen und Fenster besser, wenn ich die ersten Wände erneuert habe. Nach ein paar Jahren, in denen ich weiter gut in dem Haus leben konnte, habe ich dann auch ein stabiles Haus. Bei diesem Bild wird klar, dass man für die zweite Vorgehensweise ein ganz anderes Wissen braucht. Ich habe versucht, mich auf diesem Gebiet der Häuser-Restaurierung zu spezialisieren. Ein konkretes Beispiel: Wenn der Schläger eines Spieler zu stark von innen an den Ball kommt und dadurch fette Schläge und Hooks entstehen, dann hat es wenig Sinn, die Schulterdrehung des Spielers beim Ausholen zu verbessern, selbst wenn diese mangelhaft sein sollte. Das stärkere Drehen wird den Schläger nämlich noch mehr kreuzen und dadurch noch mehr von innen an den Ball kommen lassen. Man sollte also zuerst die Ursache des Von-innen-Kommens abstellen.
EP: Hat es dich verletzt, dass Leadbetter sozusagen auf der Ebene »Who the fuck is Heuler« argumentiert hat?
OH: Grundsätzlich hat er ja Recht. In Amerika bin ich ein völlig unbeschriebenes Blatt. Traurig fand ich lediglich, dass es zu keiner inhaltlichen Diskussion kam. Wobei mein Artikel aus seiner Sicht auch nicht gerade gewaltfrei geschrieben war. Da hätte es schon einer besonderen Größe bedurft, hierüber hinwegzusehen und mit mir ernsthaft zu diskutieren. Ich verstehe also seine Reaktion. Dieses Intermezzo war aber auch hilfreich, um in Deutschland meine wahren Freunde von den falschen zu trennen. Ich bereue also nichts und habe vielmehr einiges dazugelernt und bin hoffentlich dabei gereift.
EP: Vielleicht sieht jeder von euch beiden nur seine Welt und ihr redet aneinander vorbei?
OH: Witzigerweise habe ich viele Jahre genau nach dem Leadbetter-Konzept unterrichtet. Ich hatte während meiner Lehrzeit das große Glück, dass Denis Pugh regelmäßig Lehrgänge in Hamburg gegeben hat, und ich war immer mit dabei. Denis Pugh war der Partner von Leadbetter, der das Konzept gemeinsam mit ihm entwickelt hat. Auch Pugh unterrichtete damals schon zahlreiche Spieler auf der europäischen Tour. Von ihm habe ich gelernt, wie man mit der Videokamera umgeht, welche Striche man auf den Bildschirm zeichnet und wie man einen Schwung analytisch zerlegt. Bevor ich Haney getroffen habe, war das meine bevorzugte Vorgehensweise. Ich habe mir deshalb einen Golfclub gesucht, in dem es eine gute Mannschaft gab und habe eine Karriere als Verbandstrainer eingeschlagen.
EP: Welcher Golfclub war das und wie ging es weiter mit deiner Karriere?
OH: Es war der Golfclub Öschberghof in Donaueschingen. Dort habe ich in den ersten Jahren fast reinen Schwunggestaltungsunterricht gegeben und viel zu wenig auf den Ballflug geachtet. In Südbaden bin ich dann Regionaltrainer geworden und habe mit den besten Kindern aus der Gegend gearbeitet. Richard Treis war damals schon als 10-Jähriger in meinem Kader. Irgendwann wurde ich dann der erste hauptamtliche Landestrainer in Baden-Württemberg. Das waren zwei schöne Jahre, weil ich dort völlig frei arbeiten konnte. Aber irgendwann suchte der DGV dann auch die ersten hauptamtlichen Nationaltrainer, und da konnte ich natürlich nicht widerstehen. Leider war das Arbeiten dort lange nicht so frei. Es gab ein Konzept mit Stützpunkten, das ich für falsch hielt, weil die Spieler einfach mit zu vielen Trainern zusammen arbeiteten. Manche Spieler hatten fünf Trainer: Da gab es zunächst den Trainer, der das Jugendtraining leitet, dann den Mannschaftstrainer, der nicht immer aber oft ein anderer war; es gab einen Landestrainer, den National-Stützpunkttrainer, mich als Nationaltrainer, und manche Spieler hatten dann noch ihren persönlichen Guru, also entweder einen bekannten Trainer in Deutschland oder in den USA. Da wir Trainer ja alle über ein aufgeblähtes Ego verfügen, konnte von einer gemeinsamen Abstimmung im Sinne des Spielers nie die Rede sein. Aber auch wenn alle selbstlos nur das Wohl des Spielers im Sinn gehabt hätten, wäre es nicht gut gegangen. Schon zwei Trainer sind einer zu viel. Der Spieler bekommt einfach zu viele Informationen.
EP: Ich weiß, Dir die Frage zu stellen, ist sehr delikat: aber was hältst du eigentlich von der Golflehrerausbildung und von der Qualität der Arbeit, die der Kunde hier in Deutschland erwarten kann.
OH: Wer mich kennt, weiß, dass ich sicher keine Angst haben muss, vor dem Vorwurf, ich sei ein Nationalist. Erstens bin ich geborener Schweizer und zweitens finde ich die Idee absurd, Menschen und Territorien unter gemeinsamen Regierungen zusammen zu schließen. Trotzdem sage ich: Die deutsche Golflehrerausbildung ist mit Abstand die beste auf der Welt. Der Kunde in Deutschland kann hier also im Durchschnitt besseren Unterricht erwarten als irgendwo anders, nicht zuletzt auch deshalb, weil die Lehrer in Deutschland sehr viel Unterricht geben können und deshalb Übung haben. In anderen Ländern (USA, GB) ist das Unterrichten eher eine Nebenbeschäftigung der Pros, weil eben kaum jemand Unterricht nimmt. EP: Du bist also rundum zufrieden mit der Politik und dem Vorgehen der PGA?
OH: Das habe ich nicht gesagt. Auch wenn wir die zukünftigen Lehrer besser ausbilden als die anderen, so glaube ich dass die Zeit, die wir ins Thema Hausrestaurierung (siehe oben) stecken, zu gering ist. Die PGA bildet Professionals of Golf aus und die sollen in allen Fragen rund ums Golf kompetent sein. Ein Mehr an Breite geht natürlich nur auf Kosten der Tiefe, zumal die Ausbildung jetzt auch nur noch zweieinhalb Jahre dauert. Quereinsteiger müssen bei dem entscheidenden Thema (Hausrestaurierung) sogar nur ein halbjähriges Praktikum machen.
EP: Was würdest du jemandem raten, der mit dem Golfsport anfangen möchte und einen guten Lehrer sucht?
OH: Die Golflehrerwelt braucht ein Gütesiegel für guten Unterricht. Natürlich sind nicht alle 1600 Golflehrer der PGA empfehlenswert. Und das ist auch nichts Ungewöhnliches. Das gibt es in keinem Verband. Nicht jeder Zahnarzt ist gut und nicht jeder Schreiner ist gut. Ich habe deshalb den deutschen Golflehrer-Ring gegründet. Hier sollen nur außergewöhnlich gute Lehrer aufgenommen werden. Wir stehen aber noch ganz am Anfang und haben erst drei Mitglieder und eine handvoll Bewerbungen.
EP: Was kann man heute erwarten und wann sollte man sagen: danke, das war’s.
OH: Ich staune immer über die Leidensfähigkeit mancher Golfer. Meine Schüler sind eher ungeduldig, was aber auch verständlich ist, denn ich mache ja große Versprechungen. Es gibt natürlich Fälle, in denen ist ein sofortiger Erfolg schwierig. Das sind meist Golfer, die erstens schon sehr lange spielen, zweitens eine niedrige Vorgabe haben und bei denen sich die Fehler gegenseitig ausgleichen. In solchen Fällen mache ich keine großen Versprechungen. Im Gegenteil: Da rate ich sogar verhältnismäßig oft von einer Schwungveränderung ab. Ich empfehle den Golfern immer, mehr zu vergleichen. Erst wenn man bei verschiedenen Lehrern war, kann man sagen: »X hilft mir besser als Y.« Und natürlich muss auch die Chemie stimmen. Und die stimmt manchmal auch nicht, obwohl der Lehrer inhaltlich genau weiß, was es zu tun gäbe.
EP: Wie erlebst du Deine Schüler?
OH: Ich bin extrem dankbar für die Auswahl der Golfer, die zu mir kommen. Meine Lehrlinge, die ja nicht nur bei mir Unterricht hospitieren und deshalb einen guten Vergleich haben, sagen immer, dass es unglaublich sei, wie nett meine Schüler sind. Ich erkläre mir das so: Durch den hohen Preis der Stunde (ab 2009: 140 Euro für 50 Minuten) und die große Entfernung entsteht eine Hürde, die man nur mit sehr hoher Eigenmotivation und/oder hohem Leidensdruck nehmen kann. Außerdem kennen mich die meisten Schüler schon vor meinem Unterricht über meine Videos, und so kommen überhaupt nur die, die meine Art mögen. Es gibt also nur selten Enttäuschungen, denn wie Reinhard Sprenger sagt: Einer Ent-täuschung geht immer eine Täuschung voraus.
EP: Es hat in Fleesensee einige Veränderungen gegeben. Du bist jetzt offensichtlich mehr in die strategische Entwicklung eingebunden. Du entsinnst Dich vielleicht, dass ich Dich einmal den »Scheinriesen vom Fleesensee« nannte, weil Dein Image so groß ist und du mir vor Ort — außer auf der Driving Range — überhaupt nicht vorzukommen schienst. Was möchtest du über die Veränderungen erzählen?
OH: Das alte Management hatte vielleicht Angst, die Golfschule zu sehr an meinen Namen zu binden, weil dann eine zu große Lücke entstünde, wenn ich mal in einen anderen Club gehe. Wobei das auch noch nicht erklärt, warum ich zum Schluss nicht mal mehr darüber entscheiden durfte, wer in der Golfschule arbeiten darf, welche Lehrlinge übernommen werden, wie die Kurse inhaltlich gestaltet werden etc. Ich hoffe, dass das jetzt besser wird. Es ist aber noch zu früh, das abschließend zu beurteilen. Nach einer Saison kann ich mehr sagen. Schade ist, dass das neue Management jetzt gleich mit einer Weltwirtschaftskrise zu kämpfen hat. Da kann es sein, dass die unzähligen Verbesserungen sich nicht in höheren Gewinnen niederschlagen.
EP: Wir können dieses Interview jedoch unmöglich beenden, ohne dass du uns das Geheimnis des Golfspiel verrätst. Wer so viel Geld für seinen Unterricht verlangt, muss es doch wissen, oder?
OH: Bobby Jones' Antwort auf diese Frage hat aus meiner Sicht die größte Tiefe. Er sagte: »Der richtige Weg, das Golfspielen zu genießen, besteht darin, Freude nicht in dem Erzielen eines Scores zu suchen, sondern in dem Ausführen der Schläge.« Das überfordert die meisten von uns jedoch. Vor dieser Ebene liegt wahrscheinlich die Stufe, die mit der Aussage am besten beschrieben ist, die wir von Tiger Woods oft hören. »Ich will mein Spiel jeden Tag ein Stück verbessern.«
EP: Vielen Dank für das Gespräch.
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