Die sonderbaren Erlebnisse, wundersamen Ereignisse und der ganze langweilige Alltag des Eugen Pletsch...

Endlich haben Deutschlands Golfer was zu lachen

Wenn mich früher jemand fragte, was der Sinn des Golfspiels wäre, dann antwortete ich, dass die Aufgabe darin bestände, 18 Golfbahnen in möglichst wenigen Schlägen zu absolvieren….

Kurz und knapp, wie es meine Art ist. Wenn der / die Fragende jedoch noch eine Erläuterung wünschte, konnte ich es nicht mehr halten. Alle selbst auferlegten Dämme brachen und mein gesammeltes Wissen über die Kunst, seinen Ball in die Büsche zu dreschen, sprudelte aus mir hervor.
Zuerst, natürlich, dass man diese Golf-Bahnen schnellstmöglichst zu absolvieren hätte, was in während der Zeit meiner England- und Schottlandreisen maximal 3,5 - 4 Stunden bedeutete. Auf einem Links-Course, auch zu dritt machbar, sofern sich keine Deutschen im Flight vor uns befanden, die in den Dünen endlos nach ihrem Ball suchten. (Was aber auf den Plätzen, die ich damals spielte, eher unwahrscheinlich war).
Dann kam ich gewöhnlich auf den imaginären Geist unseres Spiels zu sprechen, was Stunden dauern konnte, verbiss mich schließlich in meine Abneigung gegen das moderne Golfspiel im Allgemeinen und gegen den Golfverband, diese Knechte eigennütziger Interessengruppen, im Besonderen.
Zum Abschluss wetterte ich dann üblicherweise gegen FAKE-Fitting, Wochenendplatzreife-Kurse und insbesondere gegen Typen mit Bronx-Cap und Sonnenbrille, die von Golf und seiner Tradition keine Ahnung haben, es aber nach einem Wochenendplatzreifekurs irgendwie schaffen, ihren Ball mit einem schauderhaften Schwung und grässlichen Griff 250 Meter weit zu prügeln.
Dann ging mir meist die Puste aus (damals schon eklatante Konditionsmängel) doch blieb mir noch etwas Kraft, lästerte ich genüsslich über debile Senioren, (am Liebsten in ¾-Cargohosen), die ihre letzten Stunden bis zum Atemstillstand damit verbringen, so lange im Biotop nach einem Ball zu graben, bis man meinen könnte, sie würden sich das eigene Loch schaufeln. Natürlich mit dem Sandeisen!

Dann kam die Zeit in der ich keine 36 Löcher pro Tag (tragend) absolvieren konnte. 18-27 Bahnen auf einem Bergziegenkurs wie dem ‚Attighof‘ oder ‚Strathpeffer in Schottland‘ reichten mir vollkommen aus, um mein Mütchen zu kühlen.
Etwa um 2007, in ‚Golf Gaga‘ im Kapitel Von der Unendlichkeit der Zeit erkennbar, kam in mir sogar ein gewisses Verständnis für jene Senioren auf, die da nicht mehr können wie sie wollen, wo auch keine blaue Pille hilft.
Aber: Wenn ein schwerhöriger belehrungsresistenter 90jähriger Slow-Motion-Golfer mit seinem Kriegs-Kameraden im 50 Meter-Rhythmus zick-zack über den Platz trödelt, um seinem Ball schließlich mit einem Holz 3 im Halfcut noch tiefer ins Rough zu schubsen (wo er dann ausgiebig zu suchen beginnt), dann kann ich dafür nach wie vor wenig Verständnis aufbringen. (Schließlich haben wir einen tollen Kurzplatz.)

Andererseits lehrt die Erfahrung, dass es in jeder Altersstufe SpielerInnen gibt, die sich einen Teufel darum scheren, was hinter ihnen passiert. Zum Beispiel besagte Typen mit Bronx-Cap und Sonnenbrille, die von Golf und seiner Tradition keine Ahnung haben, es aber schaffen, den Ball mit ihrem schauderhaften Schwung und einem grässlichen Griff 250 Meter weit zu prügeln. Sie ballern nämlich häufig 250 Meter weit ins Nirgendwo, wo sie dann genauso emsig wie endlos wie unsere Gevatter im kniehohen Gras rumstrolchen. Und schwerhörig sind sie auch.

Das sportlich-flüssige ‚englische Spiel‘ setzt die Fähigkeit voraus, den Ball auf der Bahn zu halten. Und da hapert es heutzutage bei den meisten Spielern.

Wie ich kürzlich in „Game of Stones“ ausgeführt habe, gibt es jedoch durchaus ältere Golfer, die, sofern noch geländegängig, in der Lage sind flüssig und zielstrebig zu spielen, denn sie gehören der Generation an, die das Golfspiel noch von der Pike auf lernen musste (zumindest die meisten). Sie haben alles gesehen und erlebt, müssen sich nichts mehr beweisen und ziehen zügig und ohne großes Gejammer über das Schlachtfeld.

Stress auf dem Platz, der Muße diametral entgegengesetzt, entsteht dadurch, dass unsere Plätze, zumindest in Ballungsräumen, hoffnungslos überbucht und überfüllt sind. Der heutige Spieler (mit seinen obskuren Vorstellungen, wie man einen Ball schlagen könnte) ist dem weder spielerisch noch nervlich gewachsen. Wer dann im 8-Minutentakt losgeschickt wird, kann von der viel gepriesenen Entspannung beim Golfen nur träumen.

Es sei denn man gehört zu den Leuten, denen es vollkommen wurscht ist, wie sie vorankommen: Sie haben ihr Greenfee oder ihre Mitgliedschaft, ihre Nobelkarosse und die fiskalischen Konsequenzen ihrer Selbstanzeige bezahlt und haben nun, egal was da komme, die absolute Ruhe weg. Wer dagegen nicht so von sich eingenommen ist, wer Etikette-Fragmente in der Erinnerung behalten hat oder von hinten rüde aufgefordert wird, endlich in die Pötte zu kommen, hat Stress.

Golf, so dämmert mir, ist ein Spiel der Muße, und Muße und Eile vertragen sich nicht.

Das ist die Krux. In stiller Selbstvergessenheit spielen, einen Ball vor sich her treiben, diesen und jenen Schlag probieren, das geht auf manchen Plätzen gar nicht. Auf anderen nur zu gewissen Zeiten, vorausgesetzt, man beherrscht den Teichhuhn-Blick, den ich im ‚Weg der Weißen Kugel‘ beschreibe. (Öfter zurückblicken, ob der Fuchs oder ein Habicht kommen).

Dieses selbstgenügsame Spiel jenseits der Zeit ist auf kleinen Plätzen in Irland oder Schottland möglich, bei uns in Winnerod auf dem Kurzplatz (zumindest an manchen Tagen) und vielerorts noch am Abend in der stillen Stunde, wenn die Elfen flüstern und Bälle die seltsamsten Kurven rollen und dennoch ins Loch fallen. Oder auch nicht.

Eine solche Abendstunde blieb mir in dieser Woche besonders in Erinnerung. Ich war fast allein auf dem Puttinggrün. (Unsere Grüns sind derzeit sensationell). Am anderen Ende des Grüns spielten ein Vater und sein Sohn. Ich weiß nicht, ob und wie dieser Mann sonst mit seinem Sohn spielt, aber an diesem Abend spielte er mit seinem Jungen Loch für Loch. Manchmal fiel der Ball, manchmal nicht. Mal gewann der Junge (ich schätze mal 10 Jahre alt) und manchmal der Vater. Beide spielten konzentriert, bemühten sie sich ihr Bestes zu geben. Loch für Loch.

Ich weiß nicht, wer gewonnen hat, aber beide beendeten das Spiel, als ich eben zu meinem Bag in ihrer Nähe ging.

„Gell, das war schön“ sagte der Junge. „Wir haben schön gespielt!“

Der Vater nickte. Ich weiß nicht ob er verstand, was der Junge meinte. Sie hatten nicht „Golf gespielt“ sondern zusammen gespielt. Der Vater auch, wie ein Junge, der mit einem anderen Jungen spielt. Die Vater/Sohn Beziehung war aufgehoben. Beide hatten die gleiche Chance zu lochen. Nichts wurde geschenkt.

Echtes Spiel. Selbstvergessen zu später Stunde an einem warmen Spätsommerabend, wenn die Bälle die seltsamsten Kurven rollen und dennoch ins Loch fallen. Oder auch nicht.

Das hat mir gefallen. Das ist Golf!

Ihr /Euer

Eugen Pletsch

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