Die sonderbaren Erlebnisse, wundersamen Ereignisse und der ganze langweilige Alltag des Eugen Pletsch...

Endlich haben Deutschlands Golfer was zu lachen

Mein Heimatplatz, der Golfpark Winnerod, ist eine wunderbare gepflegte Anlage, die mit jedem Jahr schöner wird. Aber die erste Bahn, die hat es in sich…

Unser 1. Abschlag ist nicht einfach oder um es deutlicher zu sagen: Die 1. Bahn im Golfpark Winnerod, genannt „Das Tor zur grünen Hölle“ ist besonders für Anfänger ein Horror-Loch. Zuerst muss man über einen Graben schlagen, um sich dann steil bergauf zu hacken, bis man endlich (meist nach dem 5. - 7. Schlag) eine ebene Fläche erreicht, von der aus man immer noch nach links ins Aus hooken kann.
Besonders der Damenabschlag ist ein Albtraum. Frau starrt unmittelbar in einen Abgrund von Gestrüpp, Wasser, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. Hätte man alle Bälle liegengelassen, die hier bereits ins Kraut getoppt wurden, wäre die Senke längst aufgefüllt. Oder etwas lyrischer formuliert: Hätten sich die Tränen, die hier vergossen wurden, in Erde verwandelt, gäbe es auf der 1. Bahn eine Rampe direkt in den Himmel.
Selbst gestandene Spieler hooken ihre Kugel häufig ins Gemüse, die Longhitter sogar hinter die Ausgrenze – oder andersrum: Der Kompensations-Slice! Sogar Golflehrer haben ihren Drive von der 1. auf die 10. Bahn geschlagen - hundert Meter rechts, übernächste Bahn!

Aus mir unverständlichen Gründen muss ich auch nach meinem 65. Geburtstag von hinten (gelb) abschlagen. Aber selbst wenn ich von blau abschlagen dürfte, würde mein flacher Fade in die Bergwand knallen. Egal ob auf dem 2. oder 3. Buckel – der Ball kommt entweder (wenn es nass ist) sofort zum Liegen oder, wenn es trocken ist, rollt er sogar wieder zurück – was KEIN BACKSPIN ist – sondern Erdanziehungskraft. Es gibt nur eine handtuchgroße Stelle, von der aus der Ball, wenn er aufprallt weiter nach oben hoppelt, aber diese Fläche ist wirklich winzig.

Das war also die Situation, als ich kürzlich mit Frau Oelmann zu unserem Match aufbrach, das wir uns seit 10 Jahren alljährlich genehmigen. Das Match geht über zwei Tage. Die erste Runde findet im Golfpark Winnerod statt, die zweite Runde wahlweise im Golfclub Schloss Braunfels oder auf dem Attighof, je nachdem, wer gerade eine Startzeit für uns hat. In diesem Jahr waren wir für die 2. Runde vom Golfclub Schloss Braunfels eingeladen.

Geschwächt von der langen Winterzeit und gehandicapt von meiner allgemeinen Abneigung gegen das Golfspiel polierte ich mürrisch an meinen alten Wettkampf-Ball herum und lauschte Frau Oelmann, die mehrfach betonte, dass ich sie 10 Jahre lang abserviert hätte, womit nun Schluss sei. Erfüllt vom festen Glauben an die unendlichen Möglichkeiten des Universums fühlte sie sich bereits als Siegerin unseres Matchplays.

„Genug Pletsch-Play“ befand sie und genehmigte sich noch einen Schluck frischen Ochsenblutes, das sie einem Jungbullen im Gelsenkirchener Land direkt aus der Hauptschlagader abgezapft hatte.

Dann schaute sie mich herausfordernd an. Ich stand am Ball, zitternd wie auf einem 5-Meterbrett, holte tief Luft und fächelte meinen Ball prompt in die Bergwand, wo er auf dem 1. Buckel zuerst liegenblieb und dann zurück rollte.

Lächelnd schlenderte Frau Oelmann zum Damenabschlag. Wer sie nicht kennt, sollte das Kapitel „Lass es laufen“ in meinem Buch „Endlich einstellig!“ lesen, das ihr gewidmet ist. Zitat: „Ihr Drive war wie ein Peitschenschlag!"
Dennoch weigert sie sich seit Jahren, vom Herrenabschlag abzuschlagen, was schon manchen Disput nach sich gezogen hat. Gnadenlos feuerte sie den Ball über die Senke den Berg hinauf. Da, wo der Ball aufkam, zeigte das Gras noch Tage später eine Brandnarbe. Mein Herz pochte vor Angst.

Um es kurz zu machen (schließlich sind kurze Texte meine Spezialität): Sie hat mich auf dieser Runde vaporisiert, zermalmt, platt gemacht und Staub fressen lassen, wie man so schön sagt. Und dann hat sie auch noch nachgetreten indem sie behauptete, dass der alte Spicy-Putter mit dem ich seit diesem Jahr wieder spiele (hatte ihn 10 Jahre verliehen), nur ein Trainingsgerät wäre!

Dass diese von Ochsenblut gedopte Amazone mir grobe Unsportlichkeit vorwirft, hat mich vollends aus dem Tritt gebracht. In der Folge-Nacht war ich gedanklich sehr beschäftigt.  Dazu kam, dass ich unter einer Wanderwunde litt, einer fiesen, kleinen aber schmerzhaften Verletzung, die man nicht sehen kann, die sich aber plötzlich, mal da mal dort, im Körper meldet. Ein Jucken, ein Stechen – vielleicht war es eine Allergie gegen den Geruch von Ochsenblut – wer weiß?

Eine Wanderwunde ist unangenehm, aber noch mehr setzte mir der Vorwurf grober Unsportlichkeit zu, weshalb ich am nächsten Tag in Braunfels mit meinem 2. Set antrat. Blades und ein Blade-Putter, mit denen ich seit Jahren aus einem einfachen Grund nicht mehr gespielt habe: Weil ich damit nicht mehr spielen kann. Derzeit fällt es mir sogar schwer, den Ball mit einer Baggerschaufel zu treffen – und dann Blades?! Aber Hauptsache sportlich.

Unsere Startzeit teilten wir mit einem netten Ehepaar, das uns in den folgenden Stunden half, meine Bälle im Rough zu suchen. Braunfels war wie immer herrlich gepflegt. Die Kastanien blühten, die Sonne schien – wie schön könnte das Leben sein, wenn man den Ball wenigstens hin und wieder treffen würde? Aber es war entsetzlich. Die Blicke der Mitspieler waren voller Mitleid, unausgesprochen stand die Frage im Raum, ob jemand, der offensichtlich kaum Platzreife hat, auf so einem schweren Platz antreten sollte?
Heuler meint, Anfänger sollten den Ball auch auf dem Fairway vom Tee spielen…“, rieb Frau Oelmann Salz in meine Wunden. Aber wie sollte ich auf dem Fairway vom Tee spielen, wenn ich nur im Rough lag?

Es war erschütternd. Während Frau Oelmann die Luft mit hart geschlagenen Bällen löcherte, trottete ich, von der Golfgöttin verlassen, auf der Suche nach meinem Ball durch das hohe Gras. Immerhin: Bis zur 16. Bahn konnte ich meine Depression einigermaßen im Griff und das Spiel ausgeglichen halten, aber dann schubste ich meinen Ball vom Abschlag in den Teich, den zweiten Ball auf das Dach eines Schuppens, von wo aus er ins Nirwana sprang.

Als mich Frau Oelmann süffisant darauf hinwies, dass der Spielstand ‚3 und 2‘ keine weiteren sinnlosen Anstrengungen von meiner Seite erfordere, weinte ich leise.

An die 17. und 18. Bahn habe ich keine Erinnerungen, außer, dass mein 7. Schlag auf der 18. Bahn vor dem Graben tatsächlich das Grün erreichte und ich mit wenigen Putts einlochen konnte.

Anlässlich der Siegerehrung zitierte Frau Oelmann ihren einstigen Lehrmeister Perry Somers: „There is still a lot of Golf to play.“

In diesem Sinne

Ihr / Euer

Eugen Pletsch

 

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Frau Oelmann