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John Fante

In unserer Videothek habe ich mir eine DVD ausgeliehen. Seit Monaten hatte ich keinen Film mehr gesehen, nur noch die Golf-Videos, von den Masters, den US Open, den OPEN - das ganze Programm - stundenlang. Meist bügle ich, wenn die Videos laufen oder ich pflege meine diversen Verletzungen mit einem Softlaser oder dem InterX Gerät. Also hatte ich mir dieser Tage mal zur Abwechslung, und weil die Majors vorbei sind, eine DVD geholt, um mich auf andere Gedanken zu bringen. Fast zwei Wochen musste ich schließlich mit Training und Turnieren aussetzen. Der Muskelfaserriss in der Wade ist nicht so schlimm, das hat mein Physiotherapeut Dirk Lösel gut hingekriegt, ebenso den Rücken. Aber dieser kaputte Zeh …Lösel sagt, da wäre ein Band gerissen. Nein, nicht lustig.

Was denn nun eigentlich passiert wäre, fragte Hanna B. aus GB. Also das war so: In der Nacht, als ich aus Bayern heimgeritten kam, stand ich mit nackten Füßen in der Küche. Ich hatte nach dem Besuch bei Mike Klais die fixe Idee, unbedingt noch mal ein paar Lofts meiner Eisen nachmessen zu müssen. In der einen Hand hielt ich mein Loftmessgerät, in der anderen Hand vier oder fünf Eisen. Plötzlich rutsche eines der Eisen durch die Finger und knalle mit der Führungskante auf den 2. Zeh vom linken Fuß. Fühlte sich an, wie eine Amputation mit einem stumpfen Messer, dafür aber ohne Betäubung. Der Zeh war nicht gebrochen und selbst wenn, hätte man auch nur tapen können, was wir aber erst nach ca. 10 Tagen machen konnten, nachdem die Schwellung endlich etwas zurückgegangen war.

Am vorletzten Wochenende fuhr ich erstmals wieder zur der Driving Range. Es ist etwas ganz Anderes, wenn man nicht so in der Hatz ist und nur zuschaut, wie sich die Spaßvögel reihenweise verrückt machen. Wir hatten Samstag und Sonntag zwei  große Turniere laufen und es war alleine schon interessant zu sehen, wie sich die Kameraden aufwärmen. Dass da nicht ständig der Notarzt einrenken musste, war ein Wunder für sich.

Dann begann es tierisch zu regnen. Die Turnierteilnehmer waren längst losgezogen. Ich stand mit drei anderen Herren in der Abschlagbox und wir droschen sinnlos Bälle in den strömenden Regen. Wir prügelten auf unsere Bälle ein, als wären die das Symbol für den ganzen Mist, den wir ein Leben lang abbekommen hatten. Die Mama, der Papa, die Ehe, das Finanzamt, der Chef - was weiß ich - jedenfalls flogen die Brocken. "So eine Driving Range ist auch eine Form von Therapie", dachte ich.

Als der Regen nachgelassen hatte, ging ich (in Sandalen) auf unseren Kurzplatz und übte das kurze Spiel. Dann zog ich Sandalen und Socken aus und spielte barfuss, wie in alten Tagen. Mein Zeh leuchtete wie ein dicker, roter Wurm aus dem Gras hervor, aber der Boden war angenehm kühl und so ließ es sich üben.  Dann nahm ich eine Tupperbox, die ich extra im Bag verstaut hatte und hinkte hinter die 4. Bahn, wo Brombeeren in Massen standen. Lecker! Ich hatte schon immer geahnt, dass es eine Welt jenseits der 4. Bahn geben musste und bereits im Frühjahr geplant, in diesem Jahr wenigstens einmal das Fairway zu verlassen, um mir den wunderschönen Wald anzuschauen, der hinter dem Golfplatz liegt.  Aber ehrlich gesagt: Weit bin ich nicht gekommen. Die Brombeeren sind genau da, wo die Spitzenspieler unseres Clubs ihren Ball in den Wald hooken. Zwischen den Brombeeren lagen also jede Menge schöner Golfbälle und leider noch mehr Crane, eine Ballmarke, die langsam als Umweltschädling betrachtet werden muss. Die Tupperbox war schnell proppevoll, abends kochte ich Brombeermarmelade. Am letzten Mittwoch spielte ich erstmals wieder ein Turnier - in Sandalen. Auf der 1. Bahn, einem Par vier, schoss ich eine ungezügelte 8, dann einen Doppelbogey auf dem Par 3. Ich war so was von abgepisst, aber dann dachte in an Tiger in der letzen Runde der US Open. Der hatte da ja auch vollkommen grässlich angefangen. Also raffte ich mich auf, hinkte weiter und krebste tatsächlich noch 34. Punkte zusammen, was mich aber bezüglich meines Klassenziels keinen Schritt weiterbrachte. Zugegeben: Ich hoffte, an diesem Tag auf irgendein Wunder, zum Beispiel, dass ich wegen der Verletzung ohne Erwartung wäre (Harrington-Effekt) und deshalb ganz toll spielen würde. Dann wäre ich einstellig und könnte mich für längere Zeit in die Reha zurückziehen, um mein Buch zu schreiben. Aber nein. Pustekuchen. In dieser etwas angefressenen Stimmung holte mir also eine DVD. In Videotheken strauchle ich meist so hilflos wie auf dem Golfplatz herum und stochere planlos in irgendwelchen Ecken und wer bis hierher gelesen hat, wird sich fragen, was das für ein Film gewesen sein mag. Von ask the dust hatte ich auch noch nie gehört. Ich wollte ihn schon zurücklegen, als ich den Namen Aturo Bandini las. Das ist der Held mehrerer Romane von John Fante. Wer da mitspielt und worum es geht, kann man googeln.

Ich hatte noch nie eine Fante-Verfilmung gesehen hatte. Fante, ein relativ unbekannter (längst verstorbener) Drehbuchautor, der es nie zu besonderem Ruhm gebracht hatte, wobei "Westlich von Rom" und andere seiner Romane köstlich zu lesen sind. Fante wäre wohl in der Versenkung verschwunden, wenn er nicht einen großen Fan gehabt hätte, nämlich Charles Bukowski, der einst mit seinem dicken Finger auf Fante hinwies. Ich bin der Sache natürlich nachgegangen, weil Buk die meisten anderen Autoren, mal abgesehen von Knut Hamsun, für überschätzte Schwachköpfe gehalten hat. In John Fante entdeckte ich einen Autor, der nicht nur Golf spielte, sondern auch diesen sublimen Humor hat, den ich so sehr schätze. Der Film war aber wenig lustig, eher tragisch, etwa so wie mein Film. Denn mir selbst ist mittlerweile jeder Humor vergangen. Ich musste sogar die Seniorenclubmeisterschaften mitspielen, um an meinem Handicap zu schrauben, was mir aber nicht gelang. Aber bald hat es sich ausgeschraubt. Dann schreibe ich "Endlich einstellig?" eben so, nämlich mit Fragezeichen und dokumentiere den dramatischen Verfall eines einstmals fröhlichen, gesunden Mannes, der innerhalb einer Golfsaison zum Wrack wurde. John Fante hat öfter darüber phantasiert, wie es wäre, wenn er seine Golfschläger, den Porsche und die Kettensäge verkaufen würde, um vom dem Geld (ohne seine Frau) nach Rom zu reisen. Ich habe keinen Porsche, keine Kettensäge und keine Frau, aber mein Bag werde ich wohl bald an den berühmten Nagel hängen, um nach Rom zu pilgern. Denn wenn Bruder Esel - so nannte der Hl. Franziskus den Leib - strauchelt, dann schauen die Sinne hoch nach oben, dorthin, wo wir einen (zornigen?) Gott vermuten. Warum, Herr, hast Du mir in Deinem unergründlich Ratschluss, nach Monaten entspannten Friedens, pünktlich zur Clubmeisterschaft, einen derartigen Yips geschickt, dass selbst die Karnickel im Rough mit mir weinen mussten. Warum nur, Herr, warum?!  Werde ich in Rom eine Antwort finden?