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80 Cent pro Zeile ...

Wir trafen uns am 18. Abschlag. Er kam von der 17, ich von der 12. Ich wollte zurück zum Clubhaus und so schlugen wir gemeinsam ab. Ich glaube, wir hatten mal vor Jahren ein paar Loch zusammen gespielt. Er schreibt auch über Golf, ist aber, im Gegensatz zu mir, ein richtiger Journalist. Sein Abschlag war etwas zu weit rechts und kam so hinter den Bäumen runter, dass wir die Landung nicht sehen konnten. Ob der Ball im Bach, wäre, fragte er. Ich zuckte die Schultern und machte meinen Schlag. Dann spielte er als "Provisorischen" einen herrlichen Draw. Wir zuckelten los. Mein Powakaddy summte ein freundliches Frühlingslied. Die ganze Welt ein Blütenraum, goldgelber Raps, weiß blühende Apfelbäume, emsige Sumsen, überall piepte es. In der Ferne röhrte eine Motorsäge. "Wie läufts?" fragte ich. "Mit der Golfschreibe höre ich auf", brummelte mein Mitspieler, "kein Bock mehr." "Wie das?" "80 Cent pro Zeile, und dann kannst du alles noch fünfmal ändern…ne, ne, das tu ich mir nicht mehr an." Dollarzeichen blitzten in meinen Augen. 80 Cent pro Zeile! Wenn ich die durchschnittliche Länge meiner Blog-Texte zu dem Tarif verkaufen könnte, könnte ich nicht nur die Sommerreifen auf den Mondeo aufziehen lassen, sondern sogar noch über einen Ölwechsel nachdenken. "Und wo gibt es 80 Cent pro Zeile", frage ich beiläufig, um ihn nicht misstrauisch zu machen. Er nannte die Golfbeilage einer großen Tageszeitung und verschwand hinter den Bäumen, wo er seinen ersten Ball vermutete. Ich spielte ein flaches Eisen 8 rechts am Teich entlang und hatte noch ein halbes Wedge an die Fahne. Er fand seinen Ball und schlug einen ordentlichen Pitch vors Grün. Die Fahne war kurz gesteckt, dahinter ging es flott bergab Richtung Teich, und das Grün ist schnell! Sein kurzer Chip zur Fahne war brillant. Er lochte zum Par. Mein Pitch blieb knapp zwei Meter oberhalb der Fahne liegen, mein Putt kratzte die Lochkante: Bogey. Wir verabschiedeten uns mit einem kurzen Händedruck. Mit solchen wortkargen Menschen spiele ich am Liebsten. Zu Hause lag Golf Week im Briefkasten. Das schätze ich an der Golf Week. Stets pünktlich in meinem Briefkasten. Dann weiß ich, dass die Woche wieder mal rum ist. Natürlich habe ich die meisten Meldungen schon während der Woche auf dem Schirm, aber was ich nicht bearbeiten und weiterverbreiten muss, überfliege ich nur. Golf-Nachrichten im Detail lese ich in der Golf Week zum Sonntagsfrühstück! Ich bin Zeitungs-Fan. Zuerst lese ich die Tournachrichten, dann "Biz & Talk", die Gesellschaftsnachrichten. Natürlich habe ich früher auch über diese trivialen PR-Meldungen aus der Welt der Schönen und Kranken gespottet, aber mittlerweile genieße ich es, auch mal gute Nachrichten zu lesen. Robbie Williams geht es besser! Es gab in letzter Zeit einige gute Nachrichten in meinem Leben, zum Beispiel, dass alle Gentechnik-Versuchsfelder in Hessen besetzt wurden und die Aussaat von Gendreck verhindert wurde, (was aber nicht in der Golf Week stand). Schön war auch die Nachricht, dass Colin Montgomerie endlich wieder eine Frau gefunden hat, die auch noch stinkreich ist. Wenn der alte Muffkopp eine findet, dann habe ich auch noch eine Chance. Das baut auf. Zur zweiten Tasse Tee lese ich dann die wundersamen Abenteuer von Jupp Suttner, die er in seiner Kolumne beschreibt. In dieser Woche spricht Suttner auf seine sensible Art das ultimative Thema an, um das es letztendlich im Männergolf geht: Wer hat den längsten? Suttner sinnt über den "riesigen, fleischfarbenen Plastikfinger", den Daumenschutz eines verletzten Mitspielers nach, der gewisse Assoziationen weckte und den er offensichtlich voller Neid als "erigierten Rivalen" erlebte. Diese Art von Humor wird nur verständlich, wenn man weiß, dass Golfjournalisten ständig auf der atavistischen Ebene von Primatenmännchen wahrnehmen und kommunizieren, die im permanenten Machtkampf um Revier, Weibchen und Status in der Gruppe buhlen müssen. Spaß beiseite: Mit dem Beispiel Golf Week möchte ich ausdrücken, dass ich gerne Zeitungen lese, lieber als Online-Nachrichten und es mir ein absolutes Rätsel ist, warum offensichtlich nur noch für Flachfliegen produziert wird. Gebt uns etwas Interessantes zu lesen! Egal, ob man mit jemandem spricht oder in den Foren liest: Offensichtlich haben die meisten Golfinteressierten die Hoffnung aufgegeben, dass in den Golfzeitschriften und Beilagen noch mal etwas mit inhaltlicher Tiefe kommt. Themen gäbe es genug. Zumindest von den Golfbeilagen der großen Tageszeitungen habe ich mir mehr Qualität versprochen. Die ist aber, bis auf wenige Ausnahmen, ausgeblieben. Wenn man jetzt hört, was für Mickerbeträge an die Autoren gezahlt werden (keine Ahnung ob das überall so ist, aber ich vermute mal), dann kann man Einiges verstehen. Festangestellte Redakteure der Golfzeitschriften haben dafür zu sorgen, dass das redaktionelle Beiwerk sich so liest, wie die Marketingleute ihre Zielgruppe definiert haben: etwas deppert und oberflächlich. Ansonsten hat der Redakteur die Aufgabe, die Anzeigenkunden entsprechend zu promoten. Da den "Freien" fast nicht gezahlt wird, sind die vor dem Hintergrund ihrer eigenen Golfsucht genötigt, die redaktionellen Beiträge letztendlich als PR-Artikel zu gestalten, womit sie wenigstens freies Spiel, Essen und Wohnen in den Gastgeber-Ressorts haben. Das ist ja auch schon mal was, denn wenn man über Golf schreibt, macht man das in fast allen Fällen, weil man selbst süchtig ist. In dem Zusammenhang hat mich erstaunt, dass niemand das Thema "Golfsucht" aufgegriffen hat, als ich es in Golf Gaga (durchaus ernsthaft mit Hilfe mehrerer Psychologen) zu thematisieren versuchte. Wenn im Golfjournal 5/08 das Thema Golfverrücktheit als großer GJ-Test präsentiert wird, dann leider vor dem Hintergrund dieser bescheuerten Golf Nut Society. Das Thema Golfsucht scheint hierzulande nicht ernsthaft diskutabel zu sein, da in der Zeit der Doping-Hysterie niemand zugeben mag, dass der Golfsport selbst eine Droge ist. Zuletzt möchte ich, sozusagen als Beispiel einer gelungenen Arbeit das Gespräch mit Oliver Kahn aus der Wochenendbeilage 12./13 April der Süddeutschen hervorheben, in dem Gerald Kleffmann ein Interview auf einem Niveau gelang, dass die Golfbeilage der Süddeutschen meist, und alle anderen Beilagen immer, vermissen lassen.   P.S. Letzte Woche hatte ich eine Korrektur-Hilfe gesucht. Danke für die freundlichen Zuschriften. Diese Woche suche ich einen Juristen, der möglichst auch Autor ist und diesen VG-Wort Klüngel so gefressen hat, wie ich. Danke.