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Archiv Pletschblog

"Drei Bekloppte im Nebel" von Eugen Pletsch

Ich warte ja schon das ganze Jahr darauf, dass der erste Frost kommt und dichter Nebel über dem Platz liegt. Dann ist der Platz so, wie ich ihn mag: frei!  Ich rufe um 10 Uhr an und der Manager sagt mir, dass der Platz offen und die Wintergrüns bespielbar wären. Es sei frostig und neblig. Na und. Kein Tag für Warmduscher, sondern die Stunde der Allwettergolfer.  Samstags um 11 haben die Mannschaften ihre Abschlagszeiten gebucht. Irgendwer wird schon da sein.

Als ich ankomme, sehe ich auf dem Parkplatz nur drei Autos. Es ist wirklich dichter Nebel. Prima! Pitching- und Putting-Grün sind noch vereist, ebenso die Abschlagsmatten. Auf der Driving Range reicht die Sicht nicht mal bis zur 50 Meter-Markierung. Drei dick eingemummte Bekloppte  schlagen ihre Bälle ins Nirgendwo. Diese Leute sind mir ein Rätsel. Was soll der Schwachsinn. Es ist kalt, es ist gefroren und man sieht keinen Ballflug. Normales Training ist vollkommen absurd. Bei mir ist es anders. In Eugen Herrigels „Zen und die Kunst des Bogenschießens“ wird beschrieben, wie der Adept manchmal jahrelang mit dem Bogen übt, ohne einen Pfeil aufzulegen. Wenn er dann den Pfeil auflegen darf, dann steht er gerade mal einen Meter vor dem Strohballen, und das für weitere Jahre.
Dieses Üben ohne Ziel, dieses Erspüren des Nebulösen, jenseits meiner Möglichkeiten - deshalb bin ich hierher gekommen. Das hat überhaupt nichts damit zu tun, dass ich es zu Hause nicht aushalte und mal ein paar Bälle kloppen muss.
Nein - was ich praktiziere, ist eine uralte esoterische Kunst. Zudem habe ich seit ein paar Tagen ein neues Hölzchen, ideal für Wintergolf, das ich bei dieser Gelegenheit mal ausprobieren will.

Nach ein paar Dehnübungen, die etwas hastig geraten, weil es doch recht frisch ist, beginne ich mit meinen rituellen Handlungen. Ich gedenke, erst mal eine halbe Stunde Schwünge ohne Ball üben, so wie das bei Herrigel steht: langsam, in perfekter Harmonie mit dem Universum und mit der unvergleichlichen Eleganz, die meinem Schwung nachgesagt wird. Aber, ach was solls. Ich schlage lieber doch ein paar Bälle, weil ohne Bälle ist irgendwie doof.  Eine zeitlose Trance umgibt mich: Die kühle Harmonie von Eisnebel und Unendlichkeit.
Darauf folgt die Wirklichkeit, die mich mit nasskalter Luft umfängt. Ich wache auf, merke, dass das Körbchen leer ist. Wie schnell 40 Bälle doch verschwinden können, wenn man in vollkommener universeller Harmonie agiert. Die Zeit scheint auch stehen geblieben zu sein. Es sind erst knapp 10 Minuten vergangen. Eistropfen hängen an meinem Holz. Gleich werden die Jungs kommen und dann geht es auf, ins große Nebelmatch.

Die Bekloppten stehen mittlerweile auf dem Putting-Grün. Was soll denn das? Ihre Bälle rollen durch den angetauten Reif und bilden einen Eisring um den Ball -sinnlos, jetzt Putten zu üben. Es ist  außerdem wirklich schlecht für das Grün, wenn man bei Frost drauf rumläuft. Aber es ist nicht meine Sache, anderen Leuten reinzuquatschen.

Also gehe ich auf das Putting-Grün. Neben mir die schemenhaften Gestalten, die Eisbröckchen von ihren Bällen wischen. Ich putte ein paar Loch, stelle fest, dass sich ein Eisring um den Ball bildet und hebe dann demonstrativ auf, in der Hoffnung, dass die Anderen meinem guten Beispiel folgen. Leider nicht. Sie können mich wohl nicht erkennen.
 Ich trabe zum Clubhaus und trinke einen Capuccino. Seit der 2,50 € kostet, also nach meiner Währung 5.- Mark, bestelle ich nur noch selten Kaffee und wenn, dann trinke ich ihn ganz langsam, Schluck für Schluck. Ich nehme meinen Keks, den ich genüsslich auf der Zunge zerschmelzen lasse. Noch zwei Mitglieder der 1. Mannschaft sind aufgetaucht und warten. Sie wollen ihren Keks nicht essen, also schnappe ich mir den. Heute ist mein Glückstag. Ich bin ein Glückkeks. Sie wollen auch nicht spielen. Es ist ihnen zu neblig.

Es zieht mich zum 1. Abschlag. Wenn niemand kommt, gehe ich eben alleine. Ich spiele oft alleine. Eigentlich meistens. Kann sein, dass niemand mit mir spielen will, weil ich etwas wunderlich bin und jetzt auch noch die Haare wachsen lasse, nachdem ich in einer Fachzeitschrift las, dass das lange Haupthaar ein Symbol von Freiheit ist. Ich will meinem Therapeuten zeigen, dass ich sehr wohl ohne ihn  zurecht komme, zumindest - bis zu unserer Stunde am Montag!
Die drei Bekloppten sind mittlerweile verschwunden. Auf der Driving Range stehen ein paar Spukgestalten, die sich dehnen und strecken und hoffen, dass die fahle Sonne, die unwirklich hinter dem Nebeldunst schimmert, bald herauskommt. So lange will ich nicht warten. Der 1. Abschlag ist frei. Der Platz ist leer. Diesen Genuss, auf einem vollkommen leeren Platz spielen zu können, hat der König von Marokko zu seiner Zeit gehabt. Ein vollkommen leerer Platz. Wie werde ich König? Mal Fred fragen, ob er mich adoptiert.

Der Winterabschlag ist nach vorne verlegt worden, aber ich kann kaum über den Graben sehen, der direkt vor dem Damenabschlag verläuft. Dahinter ist eine große, dichte, weißgraue Wand. Mein Hölzchen mit Senioren-Schaft und leichtem Off-Set buttert mit müheloser Geschmeidigkeit durch den harten Ball, der einen Sekunde später in der weißen Watte verschwunden ist. Was für ein herrliche Tag, um ZENGolf zu üben.
Die Unwirklichkeit des Seins umfängt mich nach wenigen Schritten und ich werde vom großen Nirvana verschluckt. An meinen Schritten merke ich, dass es bergauf geht und ich auf der Linie bin. Wie geplant liegt mein Ball bei 170 Metern. In der steilen Bergauflage nehme meinen Baffler 23 Grad  und der Ball zischt davon. Nach hundert Schritten sehe ich, was der Manager mit Wintergrün meint. 20 Meter vor dem Grün hat man ein breiteres Loch mit einer Fahne in den Boden eingelassen und die Fläche drum herum geschoren. Mein Ball ist zu weit geflogen. Ich chippe zurück und versenke den Ball in dem extrabreiten, yipsfreundlichen, golferneurotikertauglichen Winterloch zum Par.
Die nächste Bahn, ein Par 3, spiele ich in vollkommener Einsamkeit und Stille. Irgendwo ist Nirgendwo, und ich bin mitten drin. Das Grün ist auch hier vorverlegt und ich muss  vom Sommergrünrand delikat zurück chippen, was mit dem Wilson Pi5 Pitching Wedge zum erotischen Genuss wird. Jedes Alter hat nun mal seine Schmankerl. Die dritte Bahn: Ich treffe mein Holz wunderbar weich, aber der Ball liegt nicht bei 175, wo er sein sollte. Ich stelle mein Bag ab und gehe auf 150 Meter zurück.
Jetzt sehe ich das Bag kaum noch. Suchend gehe ich hin und her. Der Nebel wird dichter.
Dieser Anflug von Sonne hat sich längst verabschiedet.
Wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass ich die Orientierung verloren habe. 
Das ist die verschärfte Form von ZENGolf. Der Weg ist das Ziel, und dann ist auch der Weg plötzlich auch weg.
Alles aufgeben, alles loslassen, sagt Suzuki Roshi. Alles löst sich auf.  Sein und Nichtsein sind weiße Watte in einem Universum voller Bälle, die zu kleinen kalten Tropfen verdichtet in der Luft hängen. 
Zen und die Kunst den WEG lozulassen. WOW. Davon habe ich immer geträumt.
Aber ehrlich gesagt, ist diese weiße Einsamkeit nach eine Weile etwas nervtötend, wenn man, wie ich, jetzt schon 15 Minuten im Kreis getappt ist und nichts, aber auch nichts, an die 3. Bahn vom Golfpark Winnerod erinnert. Ich muss eine Zeit/Raumschranke durchschritten haben und bin mitten in der Milchstraße gelandet.
Nein - Fakt ist: Ich bin auf der 3. Bahn meines Heimatplatzes und es ist dichter Nebel.
Links muss irgendwo der Kurzplatz sein, aber ich kann nicht mehr sehen, wo vorne und hinten, geschweige denn, wo links ist. Beim Ball suchen habe ich mich zu oft gedreht und bin im Kreis gelaufen. Mein Kompass und mein Survival-Kit sind im Bag, dass ich auch nicht mehr sehe. Was, wenn die Sonne heute nicht mehr heraus kommt? Wenn niemand mehr abschlägt? Wenn es dunkel wird und ich am nächsten Tag auf der dritten Bahn erfroren aufgefunden werde? Wäre das ein angemessener Tod für einen Golfer? Nein!
Ich muss mein Bag finden. Darin sind Wasser, Brot, Beruhigungsmittel und die Signalpistole, die ich seit dem "Round Robin Turnier" in Baden Baden stets mit mir führe. Ich kann nicht verhehlen, dass sich eine klammheimliche Panik in mir breit macht. 
Es ist nicht die Angst vor dem Eistod – nein - es ist die Schande vor dem Gelächter, in das alle ausbrechen werden, wenn sich im Club rumspricht, dass ich mich auch der 3. Bahn verirrt habe.Trotzdem werde ich jetzt gleich laut um HILFE rufen.
In früheren Survial- Kursen habe ich gelernt, das Spaziergänger im Schwarzwald, die von Eis und Nebel überrascht wurden, nur wenige Meter von der Straße tot aufgefunden wurden, weil sie 1.) nicht früh genug angefangen haben, ein Nachtlager vorzubereiten, und 2.) nicht laut um Hilfe rufen wollten, weil sie das peinlich fanden.
Mir ist das auch peinlich, aber lieber der erste Eis-Tote von Winnerod als dieser Spott! Irgendwer, der mit seinem Hund am Waldrand rumläuft, z.B. der Manager oder die Frau des Pros, werden mich finden. Soll ich wirklich rufen? Nein - ich warte noch.
Eigentlich muss ich ja nur in eine Richtung gehen. Dann muss ein Wald kommen oder die Autobahn oder ein mir bekanntes Loch.

In dem Moment trete ich auf meinen Ball. An der Wasserspur im frostigen Gras erkenne ich, aus welcher Richtung er gerollt ist. Also muss dort der Abschlag sein. Da die Spur länger ist und ein Linkskurve hat, muss ich den Ball mit dem mir ungewohnten Offset des Cobra Holz 3 gehookt haben. Ergo weiß ich jetzt, wo Nord/Nordost ist, bzw. wo das Grün liegt. Ich schlage den Ball mit dem Baffler in die vermutete Richtung und laufe hinterher. Nach 26 Schritten stehe ich an meinem Bag. Der Kompass bestätigt meine Richtungsvermutung. Ich überlege, ob ich ein kleines Signalfeuer machen soll, finde aber kein Brennmaterial und laufe weiter meinem Ball nach. Der liegt, wie immer, hinter dem Wintergrün. Golf kann so einfach sein!
Am nächsten Tee will ich gerade abschlagen, als ich vor mir leises Klappern und Stimmen höre. Ein Suchtrupp? Hunde? Warme Decken und heißer Tee? Ich habe keine Ahnung, wer bzw. wo diese Menschen auf der 4. Bahn vor mir sind. Ebenfalls Verirrte? Ich werde ihnen helfen. Deshalb schlage ich nicht ab, sondern laufe vor.
„Halloooo!“
Nach hundertachtzig Schritten Süd-Südwest sehe ich den ersten von den drei Bekloppten, der gerade versucht, seinen Eisball aus dem gefrorenen Sand des Fairway- Bunkers zu hacken. Er sieht nicht, dass seine beiden Kollegen direkt vor ihm laufen.
„Achtung“, ruft er im letzten Moment, während geeiste Sandbrocken durch die nasse Luft spitzen.
„Hallooo!“
Endlich bemerken sie mich.
„Hi, ich konnte nicht abschlagen, da ich nicht wusste, wie weit Sie vor mir sind.“
Ich dachte, die drei Bekloppten würden mich jetzt um Hilfe und Orientierung bitten, aber nix da. Sie  haben gesunde, rote Backen, vermutlich eine gebratene Schweinehälfte und fette Brote in ihrem Bag und scheinen auch zu wissen, in welcher Richtung Süden liegt. Keine Spur von Panik in ihren Gesichtern.
 „Jemand vor Ihnen?“
„Wissen wir nicht.“
„Kann man ja auch nicht sehen“, kichert einer.
„Das ist mir zu gefährlich“, sage ich, „Verursacherprinzip in der Rechtssprechung. Kann ich mir nicht leisten. Gibt Punkte in Flensburg.“
„Oha!“
Die drei Bekloppten nicken, zucken aber mit den Schultern und hacken sich weiter Richtung Süden, wo eine kaum sichtbare Sonne, hinter dichtem Milchglas verborgen, die Hoffnung weckt, der Tag könnte doch noch schön werden. Hartnäckige, durchgeknallte Neugolfer, die auch im Nebel ihrem Handicap hinterher jagen. So irrsinnig, wie ich früher war, als ich noch bei Eis und Nebel über die Plätze lief. Aber ich bin tolerant, grüße höflich und verschwinde.
Die vierte Bahn führt, wenn man ihre rechte Seite entlang geht, zum11.  Abschlag. Und die 11. Bahn führt ins Tal, zum Clubhaus. Dort müssen Menschen, Wärme, heißes Wasser und Feuer sein. Durch das nasse Gras schlurfe ich zum 11. Tee  und schlage meinen Ball in die große, weiße Wattewand. Jetzt geht es gen Westen, nach Hause. Der Kompass stimmt mir zu.
 

 

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