vergrößernresetverkleinern

RSS-Feed

Die sonderbaren Erlebnisse, wundersamen Ereignisse und der ganze langweilige Alltag des Eugen Pletsch...

Deutschland hilft
Endlich haben Deutschlands Golfer was zu lachen

Es war der Tag von Georg Büchners Geburtstag, als ich nach längerer Pause mal wieder in die Projektwerkstatt Saasen fuhr. Ich hatte einen älteren, aber noch brauchbaren Scanner sowie einen Stapel Fachzeitschriften als Spenden geladen.

Die Projektwerksatt beherbergt ein Archiv, das mancher Uni zum Ruhme gereichen würde. Jörg Bergstedt, Buchautor, Aktivist und Gentechnik-Kritiker (siehe mein Artikel: Von Büchner zu Bergstedt) war verreist. Der junge Mann, der mir beim Ausladen half, schien instruiert zu sein. Er drückte mir die Beilage der Süddeutschen „golf spielen“ in die Hand. Die Co-Existenz mit meiner Golf-Ambition hat an diesem Ort des Widerstandes gegen die Buffies dieser Welt eine gewisse Tradition. Bergstedt, der einen Teil seiner Ernährung durch „containern“ sichert (worüber bereits im Fernsehen berichtet wurde), hatte ein neuwertiges Golfbag von Wilson containert und mir geschenkt. Das Bag ist so gut wie neu und stammt schätzungsweise aus den 80er Jahren. Ich darf demgemäß und mit einem gewissen Stolz behaupten, dass ich (zumindest zeitweise) mit dem einzigen von einem staatlich geprüften Anarchisten gesponserten Golfbag Deutschlands auf der Runde bin. Das ist doch was, oder?
Zu Hause blätterte ich in „golf spielen“, der Beilage der SZ und entdeckte einen Artikel über das angebliche Golfspiel von Che Guevara und Fidel Castro, was damals als Provokation Richtung Eisenhower gemeint war. Das Foto zeigt den Griff, mit dem es der Maximo Lider versuchte. Vermutlich hat er damit keinen Ball getroffen, weshalb er später fast alle Golfplätze auf Cuba platt machen ließ. Wer sich das Bild anschaut, hat auch übrigens auch den Artikel, sozusagen im englischen Original.

Macht Golf spielen überhaupt noch Sinn? Das überlegen sich derzeit immer mehr Golfer, denn es werden hierzulande immer weniger Runden gespielt, worüber sich in der „golf spielen“ gleich mehrere Branchenkenner auslassen. Meine Sicht, die jedoch niemand von der SZ interessiert, ist Folgende: Das Spiel macht deshalb immer weniger Spaß, weil der Monopolist DGV immer mehr Unsinn erfindet und immer mehr „ungelernte“ Golfer von immer mehr technik-orientierten Golflehrern in den Wahnsinn getrieben werden, weshalb sie keinen Ball treffen, was dann (unter Anderem) zu diesem unsäglich langsamem Spiel führt, unter dem viele ambitionierte Golfer leiden. Dieser Ansicht ist bei der "gs" natürlich niemand. Ich verstehe das. Einen Slogan wie „Feuern Sie Ihren Pro, damit Sie auf dem Platz vorankommen“ kann man selbst von der PGA nicht erwarten, obwohl die am Besten weiß, mit welchen Zitronen sie teilweise handelt. In dem Artikel „Von der Vision zur Wirklichkeit“ schubsen sich Neumann (DGV) und Goldrian (PGA) visionäre Luftblasen zu, kommen dann aber zu der traurigen Erkenntnis, dass in Deutschland von ca. 50Tsd. jugendlichen GolfspielerInnen unter 18 Jahren höchstens ein paar Hundert übrig bleiben, die „sportlich Golf spielen“ können und wollen.
„Und das sind viel zu wenige“, sagt Herr Neumann vom DGV, womit er dem DGV, an dem sich "Ehrenamtliche" mit erklecklichen Summen zu bereichern wissen, ein Armutszeugnis ausstellt.
Da diese Hundertschaften von sportlichen Kids, die zumeist aus "Golffamilien" und somit meist aus gutem Hause stammen, frühzeitig in Richtung einer Karriere getrimmt werden, die nicht den Berufsgolfer zum Ziel hat, verliert Golf bei den Meisten spätestens nach der Pubertät drastisch an Bedeutung. Playing Pro zu werden ist selbst für die, die das Talent hätten, keine wirkliche Option und so reduziert sich die ganze Jugendförderung darauf, dass der Junior genügend Golf lernt, um mit einem ordentlichen Handicap aufwarten zu können, wenn er nach dem Studium bei Goldman-Sachs anklingelt.
Der Einstieg in den Golfsport müsste leichter sein, die Barriere niedriger, folgert Herr Neumann. Vollkommen richtig. Aber was heißt das? Würde ein junger ambitionierter Vollblut-Sportler mit großem Talent* auch dann in einem Golfclub seinen Platz finden, wenn er aus einer einkommensschwachen Migrantenfamilie stammt? Ich glaube, sogar seine Chance Abitur zu bauen wäre da größer.
Im Fußball hätte der Junge oder das Mädchen kein Problem, aber im Golfsport sehrwohl. Denn die Vorurteile, die den Golfsport belasten, sind keine Vorurteile. Das darf ich nach mehr als 25 Hacker-Jahren behaupten. Wenn man etwas in Sachen "Breitensport" getan hat, dann nur, um die unsäglichen Kosten obszöner Bauirrtümer abzufedern, mit denen sich Clubs und Betreibergesellschaften ins Knie geschossen haben, im Gegensatz zu den Architekten, die sich dabei gesund stießen. Oder um als Verband mit mehr Mitgliedern mehr Einahmen zu haben. Gefallen hat mir in dem Zusammenhang der Artikel "Vorsicht Falle" von Dr. Falk Billion (gs, S.40), der Einsteigern deutlich macht, woran man bei der Golfclub-Auswahl denken sollte, bevor man kostspielige Fehlentscheidungen trifft.
Manches mag sich geändert haben, aber Golf ist nach wie vor ein Sport der Besserverdiener. Zumindest kenne ich keinen Club, nicht mal einen Public Course, der jungen Arbeitslosen kostenlose bzw. sehr preiswerte Spielmöglichkeiten anbieten würde, wie ich das in Schottland erlebt habe, wo man es unterstützt, wenn junge Burschen golfen anstatt auf den Straßen rumzulungern.
Langer kam aus der Arbeiterklasse, Cejka war ein Underdog, der sich durchbeißen musste und Siem wuchs wie mancher Top-Spieler auf dem Golfplatz auf, aber nicht als Ärztekind, sondern als Sohn von Club-Angestellten. Doch wer von den "Clubkindern" hat es je auf die Tour geschafft? Kaymer - OK, aber seine Familie war ja auch eher als bodenständig anzusehen. (Wie es bei unseren Tour-Spielerinnen ist, kann ich nicht beurteilen).
Ergo, und da gebe ich Herrn Neumann recht, ist die Breite der Talente viel zu gering. Aber was soll‘s? Wenn die Kids keine Lust auf Golf haben, warum muss man sie zwingen? Ich überlege immer häufiger, ob Golf nicht tatsächlich ein Altherrensport ist, bei dem sich eingefleischte Chauvinisten über ihre Statussymbole unterhalten können. Warum muss man da Kinder reinziehen? Nur damit Funktionäre und Trainer ihre Pöstchen haben? Jetzt, wo Golf olympisch und somit für Kinder gefährlich wird, muss man das ja mal fragen dürfen! Da draußen sitzt eine gierige Meute von Drogenhändler, die nur darauf warten, unseren schönen Sport mit Dopingmitteln zu verseuchen, wie sie das bisher bei jeder olympischen Sportart geschafft haben. Auch Ärzte und Labore reiben sich die Hände in Anbetracht der vielen kostspieligen Tests, die da kommen werden. Da wird das große Rad gedreht und übrig bleibt dann ein rotbackiges Golf-Mädel, das auf Partys nicht mal an der Bowle nippen würde und plötzlich ist sie eine Doping-Sünderin, nur weil ihr der übermüdete Hausarzt etwas gegen Grippe aufschrieb, was er nicht abgecheckt hat. Das bleibt dann ein Leben lang kleben.
Ich kann Vijay Singh gut verstehen, wenn er die USPGA verklagt. Ich habe den Mann früher öfter beim Trainieren beobachtet und er ist einer der fleißigsten Spieler überhaupt. Wie dieser Mann mittlerweile in den USA gemobbt wird, nur weil er sich gegen den Doping-Vorwurf zu Wehr setzte, ist schon schlimm. Dass manche Kollegen hierzulande ebenfalls die abgehalfterten saublöden Gerüchte und Lügen über Singh durchs Dorf treiben, finde ich noch schlimmer. Aber zurück zur Jugend:
Schon beim Kindertraining wird das Zweiklassen-System offenbar: Hier die statusbewussten kleinen Markenbotschafter mit gefitteter Komplettausrüstung und eTrolleys im Wert von mehreren Tausend Euro und dort die Bauernbuben, die das Zeug zu einem Langer hätten, sich jedoch ihrer abgesägten Keulen und einfachen Klamotten schämen und deren Mamas und Papas sich weder die Jugend-Trainingswoche im Sommercamp, geschweige denn die obligatorischen Fett-Zucker-Genussbomben im Clubhaus leisten können.
Im Grunde genommen wäre an dieser Stelle Bernhard Langer gefragt, der ein paar seiner vielen Millionen für eine Stiftung förderungswürdiger Jugendlicher klar machen könnte, wie das Faldo und Els vorgemacht haben. Aber ich denke, eher klettert der durch ein Nadelöhr... .
Doch selbst wenn sich die Clubs öffnen würden und es mehr Kinder gäbe, die am Golf Interesse hätten, gäbe es noch ein ganz anderes Problem: Wo sind denn noch die gelernten Golflehrer, die Kinder nicht mit Schwungtheorien zumüllen, sondern das Spiel in all seinen Facetten beherrschen und lehren können? Besonders die Freude und den Geist des Spiels, die man nur vermitteln kann, wenn man selbst noch motiviert und mit Spaß dabei ist. Hier trennt sich die Spreu sehr schnell vom Weizen.
Unter der Hand kritisiert mancher gestandene Pro alter Schule die Entwicklung der Golflehrerausbildung in der PGA, aber das Maul macht er nicht auf, weil Pros grundsätzlich nirgendwo anecken wollen. Also wird die Ausbildung von Anfängern (Jugendlichen!) bald PGA-Assistenten überlassen, die selbst keinen Ball auf die Bahn bringen.
Eine Bekannte schilderte mir in diesem Sommer, was passierte, nachdem ihr sportlich äußerst begabter Sohn bei einem Schnuppernachmittag Gefallen am Golfspiel fand. Schon nach kurzer Zeit schlug er die Bälle mit einem weichfließenden spielerischen Schwung, von dem wir nur träumen können. Nicht immer, aber sehr viel öfter als andere. Nach ein paar Stunden „Jugendgolftraining“ hatte man das dem Jungen schnell ausgetrieben. Sein Kopf erstickte in „Anweisungen“ des Trainers, vom weichfließenden spielerischen Schwung war nichts mehr zu sehen, die Bälle flogen nicht mehr und der Junge hatte die Nase voll. Jetzt spielt er wieder Fußball und Handball. (Sollte es zum Thema Golfunterricht in irgendeinem Forum einen Golflehrer / technik-kritischen Faden geben, würde mich das interessieren).

Noch ein paar andere Schoten habe ich in „golf spielen“ entdeckt. Zum Beispiel den Artikel „Kaymer sucht Kaymer“, der mein Blog von letzter Woche ergänzt. Außerdem finden wir einen Artikel, der sich mit dem Golfsport als Vehikel für Wohltätigkeit befasst. Auf S. 71 wird dafür Wilhelm Busch mit den Worten zitiert: „Der guten Menschen Hauptbestreben – ist, andern auch was abzugeben.“ Dass in dem Zusammenhang auch Uli Hoeneß unter den Charity-Matadoren abgebildet wird, muss wohl als ein Stück bajuwarischer Unverbesserlichkeit angesehen werden. Die Frage ist doch: Wäre Charity überhaupt nötig, wenn Güter gerecht verteilt wären und alle, nicht nur die Vollpfosten, ihre Steuern zahlen würden? Aber es ist das amerikanische Prinzip, nach dem die Eliten Brosamen an die Bedürftigen verteilen, die durch die Machenschaften der Eliten überhaupt erst bedürftig geworden sind. Mit Charity fühlt man sich besser, selbst wenn man weiß, dass ein Großteil der Finanzen bei Agenturen und Organisationen verschwinden oder von den Gästen versoffen werden. Echtes Charity wäre für mich, wenn jemand seine Runden spielt und ohne großes Tam Tamm sinnvolle Projekte unterstützt. Aber hier geht es wohl eher um „Events“, bei denen man mit der Schutzbehauptung eines guten Zwecks Party machen kann und C-Promis die Gelegenheit haben, sich mal wieder richtig satt zu essen.

Es reicht für heute. Zu mehr habe ich keine Lust. Gestern habe ich bei herrlichem Wetter, frischem Wind und trotz gesandeter Grüns eine 79 gespielt, weshalb ich der Illusion verfallen bin, dass ich das Spiel eines Tages doch noch lernen könnte. Deshalb werde ich mich jetzt für einen Moment der Stille und Besinnung verabschieden, damit ich wieder zu Vernunft und Einsicht komme, was sich sicher auch gewisse Leser wünschen werden … ;-)

Ya Kesho

*In dem Zusammenhang stehen die Gedanken über Tobi, dem jungen Talent in „Achtung Golfer!“, die jedoch vermutlich wieder als Pletsch-Satire überlesen werden.

Bagger Vance