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Notizen von Eugen Pletsch

Die Legende vom Uhrmacher Helmut Zettl

Der Golfschwung basiert auf Rhythmus und Balance. Der Schlüssel dazu ist die innere Mitte, die zu finden sich als ähnlich schwierig gestaltet, wie die Suche nach einem Taxi in einem verwaisten Industriegebiet morgens um vier. Während sich Golfanfänger in grobmotorischer Wucht durch den Ball werfen, ruht der Golfmeister in allen Momenten seines Golfschwungs in perfekter Balance. Deshalb erinnern sich Wackler, Schieber, Umfaller und Lasso-Schwinger fasziniert an die Legende Helmut Zettl, der seine Balance zur Perfektion entwickelt hatte.

Dem nicht mit dem gleichnamigen Film verwandten Uhrmacher Helmut Zettl war diese Harmonie seiner Yin-Yang-Anteile keineswegs in die Golfer-Wiege gelegt worden! Der erste und einzige Golflehrer mit dem er arbeitete, nachdem er sich für das königliche Spiel entschieden hatte, war ein ungeschlachter Geselle aus Südafrika. Dieser Hüne lehrte das Spiel nach der von John Daly begründeten „Grip it and rip it“- Methode mit einem solch lustvollen Drang, dass selbst verblühte Club-Schönheiten unter seinem festen Griff zu einer neuen Beweglichkeit in den Hüften fanden. Seinen männlichen Schülern riet der flachstirnige Professional, auf den Ball zu dreschen, bis der Lack abspringt.
„Biss schwul odder was? Muss nich so rummache inne Kopp, hau de Scheissding weg!“ war sein in der 1. Mannschaft vielzitierter Rat, wenn sensible Bereiche des mentalen Spiels diskutiert wurden.

Doch Helmut Zettl, der sein Leben dem perfekten Zusammenspiel feinmotorischer Kräfte gewidmet hatte, folgte dieser Brachial-Schule nur für die Zeit, die er brauchte, um die Grundlagen des Spiels zu erlernen. Zwar erschien es ihm durchaus interessant, eine ihm bisher unbekannte heftige Interaktion mit der Fliehkraft auszuloten, aber nein – es war nicht das, was er auf Dauer suchte.
Er, der kaputte Uhren nicht nur, wie heute allgemein üblich, austauschte oder zur Reparatur einschickte, sondern noch selbst in Augenschein nahm und zumindest ältere Modelle zu reparieren wusste, suchte die Konzentration seiner beruflichen Tätigkeit, die filigrane Feinheit seines handwerklichen Könnens, auch im Golfspiel zu verwirklichen. Er hoffte sein Hobby so weit entwickeln zu können, dass ihn nichts, aber auch gar nichts, aus der Balance werfen würde. Wie viele andere Persönlichkeiten, die sich dem Golfsport zugewandt haben, wurde auch er zu einem TAO-Golfer, um die Kräfte von Himmel und Erde in sich zu vereinen.
Er meditierte regelmäßig, besonders wenn es an sommerlichen Sonntagnachmittagen zu längeren Wartezeiten am Abschlag kam. Während andere unruhig murrten und maulten, saß er mit fast geschlossen Augen auf dem Bänkchen, lächelte in sich hinein und spürte, wie ihn heitere Gelassenheit und selige Ruhe erfüllten. Seine Tai-Chi und Chi-Gung-Übungen verhalfen ihm zu jener Dehnfähigkeit bei stabilem Stand, die einst Hogan nachgesagt wurde, weshalb er auch dessen Griff kopieren konnte (wovon David Leadbetter weniger beweglichen Spielern sonst dringend abrät).

Zettl‘s Golf-Weg führte ihn nach Jahren der Übung zu einer perfekten Balance und inneren Ausgeglichenheit. Das machte sich auch in seinem Score bemerkbar, weshalb Helmut Zettl, der sich um eine Mitgliedschaft in der Seniorenmannschaft nie Gedanken gemacht hatte, in ebendiese berufen wurde. Fortan gelang es ihm, seine Seelenruhe im Geistfeld seiner Mitspieler so zu implementieren, dass etablierte Mannschaftskameraden mit Handicap 10.3, die bei Auswärtsturnieren jederzeit eine 108 schießen konnten, von Zettls Geist ergriffen zu ihrem Spiel fanden, womit sie zu einer tödlichen Gefahr für die gegnerische Mannschaft wurden.
Zu dieser Zeit hatte Helmut seine ultimative Übung für sich bereits entdeckt: Er stand mit den Zehenspitzen auf einem Tee!
Zugegeben: Das Tee war eine etwas größere, handgeschnitzte Sonderanfertigung, aber die gerade mal drei Zentimeter breite Oberfläche erforderte ein maximales Fußspitzengefühl. Das hatte Zettl, zumal er bereits seit mehr als drei Jahren in Ballettschuhen (ohne Spikes) spielte, was für ihn, selbst bei Regen, keine besondere Herausforderung darstellte.
Während sich die hypertonischen Hacker der Mannschaft früher auf ihren Runden derbe Witze zubrüllten, herrschte mittlerweile ein anderer Turnier-Geist: Nach Zettls Anweisungen trippelten ehemalige Hockeyweltmeister und krummbeinige Ex-Bundeligafußballer auf Zehenspitzen zum Abschlag, „um den Geist in den Körper sinken zu lassen, bis zum Mittelpunkt der Erde, was ihr im leisen Schwingen der Hoden spüren müsst!“
So lehrte Zettl und nach einem zügigen Aufstieg von der 5. in die 2. Liga waren alle Herren bereit, wie Elfen auf Eis zu trippeln.
Zettl selbst stand während seiner Anweisungen auf seinem Holz-Tee und lächelte. Das war, wie ein Mannschaftskollege später berichtete, etwa zu der Zeit, als Zettl erstmals auf dem Wasser ging.
„Warte, ich hole dir deinen Ball“, sagte er laut einem Mitspieler, der als glaubwürdiger Zeuge gilt, während einer Abendrunde. Um jedes Aufsehen zu vermeiden, schaute Zettl kurz, ob sie unbeobachtet wären, dann tänzelte er auf seinen Schläppchen über den Teich hin zu der kleinen Enteninsel, um die verschossene Kugel aus dem Schlamm zu pulen.
„Behalte das aber für dich“, sagte Zettl zu seinem sprachlosen Kameraden, der verängstigt nickte und erst Jahre nach Zettls Verschwinden bereit war, diese Episode Preis zu geben.
„Und wo ist Zettl jetzt?" werden Sie neugierig fragen. Nun - Zettls Zeit war gekommen und um das zu wissen, brauchte man keine Uhr. Wie alle Taoisten, die den Weg der nicht zu gehen ist gegangen sind, verschwand er irgendwann im feinen Äther einer geistigen Unendlichkeit, die einem Grobmotoriker der „Grip it and rip it“- Schule für immer verschlossen bleiben wird.

„Wussdischdoch, dass de ganze Kerl ne schwule Luftnummer iss“, kommentierte der südafrikanische Pro Zettls Sphärenflug, nachdem ich ihn auf seinen früheren Schüler angesprochen hatte.

© by Eugen Pletsch 2012

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