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Notizen von Eugen Pletsch

Ein zuckerfreies Tulpenfeld



Wer hoffte, dass der Frühling bereits in den Startlöchern hockt, wird gerade auf eine harte Probe gestellt. Es sind unerfreuliche nasskalte Tage, gestern lag sogar Schnee. Vermutlich war das der Grund, warum mich die sonst so muffige Nachbarin grüßte und mich sogar ansprach, als wir uns in der Haustür aneinander vorbeizwängten:
„Iss doch mal was, wie?“
„Waff?“
„Na, Schnee! Egal ob kalt, Winter muss Schnee haben“, meinte die Russlanddeutsche. Ihre Reibeisenstimme klang, erstmals seit ich sie kenne, nicht nach dem trockenen Bellen einer Kalaschnikow, sondern hatte etwas Weiches. Hatte sie mit Birken-Öl gegurgelt?
„Ja, Winner muff Fnee haven“, bestätigte ich vorsichtshalber.
Ich drückte meinen Einkaufskorb an ihr vorbei und achtete darauf, die Tulpen nicht zu beschädigen, die daraus hervorlugten. Sie nickte mir nochmal freundlich zu. Ich nickte zurück und versuchte zu lächeln, was nicht einfach ist, wenn man einen Woll-Handschuh im Mund hat.
Den Briefkasten öffnete ich routiniert mit einer Hand, steckte einen Umschlag und eine Karte in die Jackentasche, verschloss den Kasten und schleppte meinen Korb drei Treppen hoch zu meiner Höhle. Ich verstaute die Einkäufe, um mich schließlich den Tulpen zu widmen. Ich schnitt die Stiele schräg ab und ließ Wasser in die Vase laufen.
„Machen ‚se mal schön was Zucker ans Blumenwasser“, hatte die Verkäuferin gesagt, „dann halten se länger.“
Zucker. Habe ich Zucker? Zucker ist in meinem Haushalt nicht gern gesehen. Laut George Oshawa, dem Begründer der Makrobiotik, ist Zucker extrem Yin. Auch das gesamte Team von Heilpraktikern, Psychologen und Therapeuten, das mich betreut, rät mir von Zucker ab, obwohl alle Zucker konsumieren. Aber ich versuche mich daran zu halten, obwohl Zucker nicht so gefährlich ist, wie Aspartam. Dieses Teufelszeug war einst strikt verboten und wurde erst durch die Bush- Regierung und ihre Monsanto- Connection als allgegenwärtiges Süßmittel weltweit in den Markt gedrückt. Heute gibt es kaum noch Limonaden und Süßigkeiten ohne Aspartam. Zahnpflegegummis ohne Aspartam gibt es nur noch für teuer Geld in den Apotheken. Die letzte Aspartam-freie preiswerte Kaugummimarke gab es bei Lidl, aber die ist jetzt auch Aspartam-kontaminiert.
Fragt Ihr Euch, warum alle Leute so dick werden, besonders wenn sie LIGHT-Produkte konsumieren? Alles ist voll von Aspartam, das ursprünglich für die Schweinemast entwickelt wurde … aber war ich nicht beim Tulpen füttern stehengeblieben? Genau. Da wollte ich Zucker reinmachen. Aber welchen? Ich habe größere Notvorräte an braunem Zucker und ein paar längliche Tütchen mit weißem Zucker, die ich in einem Cafe eingesteckt habe.
Den braunen Zucker (180 Kilo, im Keller auf Palette) habe ich als Notvorrat gekauft, nachdem ich in einem Golfforum las, dass die Weltwirtschaft bald so zusammenbrechen wird, wie einst der Golfschwung von Ian-Baker Finch, nachdem er 1991 die OPEN gewonnen hatte.
Gold zu kaufen, was empfohlen wurde, war mir nicht möglich, aber braunen Zucker! Ich denke mir, das wird ein prima Tauschmittel, um verzweifelten ÖKO-Familien den Familienschmuck abzuluchsen. Für einen Krügerrand haben sie bereits ein Kilo Dinkelmehl getauscht, um einen Geburtstagskuchen für den kleinen Hannibal zu backen und plötzlich entdecken sie, dass der braune Zucker aus ist. Was nun? „Dann geht doch zum Krisengewinnler Pletsch“, werden ihnen andere Habenichtse zuraunen, die ich gerade um ein paar Goldstücke geschröpft habe, weil ihre zuckersüchtigen Kinder am durchdrehen waren. Nach dem Weltuntergang werde ich wohl ziemlich wohlhabend sein.
Mein zweiter Grundstoff zum Überleben ist Wodka. Habe davon ebenfalls eine Palette. Warum keinen Whisky? Wodka ist vor mir sicher und das ideale Tauschmittel bei allen Nachbarn, die nicht BIO sind und keine Kinder haben, die Hannibal heißen, sondern auf echte russlanddeutsche Namen wie Heinrich oder Eugen getauft wurden.
Aber zurück zu den Tulpen: Welchen Zucker brauchen Tulpen? Weiß oder braun? Selbst Wiki weiß dazu nichts zu sagen. Ist Zucker überhaupt gut für Tulpen? Karies werden sie wohl keinen bekommen, in der knappen Woche, in der sie mein Auge erfreuen werden. Diese feschen EUR 1,99 Tulpen in grün-lila-pink geben mir ein Gefühl der Hoffnung, dass sich der kalte Alptraum da draußen in dieser unwirtlichen Welt irgendwann dem Ende zuneigt. Voll Mitleid gedenken wir der armen Schweine in Bayern, wo jetzt echter Schnee liegt. Die hat es bestimmt noch schlimmer erwischt. Andererseits könnten die sich jetzt mit INNER GAME SKI beschäftigen, was eine gute Vorbereitung auf die Golfsaison im Alpenland sein dürfte.
So. Jetzt habe ich mich entschieden: Ich mache ein Briefchen weißen Zucker an die Tulpen! Sie stammen aus einem Treibhaus und sind vermutlich nichts anderes gewöhnt.
Wo ist die Post? Hier: Eine handgemalte Tuschearbeit von Theo Köppen, dem Barbarossa der Göttinger Beat-Szene. Ich hätte ihn Anfang Januar beim „Forever young – Beats & Poetry”- Abend in der Batschkapp treffen sollen, wo meinem im Vorjahr verstorbenen Freund Hadayatullah Hübsch ein Poetry-Memorial gewidmet wurde. Leider habe ich das verpasst. Wenn Theo Köppen vorträgt, ist es immer so lustig! Auch die anderen Autoren hätten mich interessiert, sogar die Musik. Im Nachhinein ärgert es mich, aber jetzt ist es zu spät. Seit Weihnachten war ich nur am Schreiben und habe alles andere vergessen. Außerdem war Hadayatullah auch nicht da.
Im dem Briefumschlag ist ein Angebot des ADAC, alle meine Träume wahr zu machen. Wie schön!
Etwas kompliziert, die vier farbigen Sticker abzufummeln, um sie jeweils auf den farblich richtigen Gutschein zu kleben. Aber nur so ist garantiert, dass ich meine Gewinnchancen optimal nutze. Außerdem hat Michael Epp, der Leiter des Vertriebs vom ADAC entschieden (!), dass ich eine zusätzliche Gewinnchance bekomme, die nur wenigen Glücklichen zuteil wird. Noch zusätzlich zu den 100.000.- Euro aus der Hauptziehung, die mir so gut wie sicher sind, da Petra meint, dass 2012 für Stiere das absolute Glücksjahr wird, kann ich nochmals 15.000.- einsacken.
„Wie geil ist das denn“, sagt man heute, und: "Danke für die Kohle, ADAC!“
Dann hätte ich gar nicht all die schönen neuen Banner auf Cybergolf kleben müssen, auf die Ihr alle hoffentlich draufklickt wie die Bekloppten, denn ich habe alle meine Mittel in Zucker und Wodka investiert und selbst Hungerpoeten brauchen frisches Geld für ein Bett mit Rettungsschirm.
Dank des ADAC-Gewinnspiels keimt neue Hoffnung in mir (was Euch nicht vom Klicken abhalten soll). Der Gedanke, dass alle meine Träume wahr werden könnten, inspiriert mich. Aber was sind meine Träume und was mache ich mit dem vielen Geld? Zeit haben, um ein Kochbuch zu schreiben? Oder fahre ich nach Schottland? Ja, ich wäre gerne mal wieder in Schottland. Dort baue ich mir eine Hütte am Strand und lege ein Feld an, ein zuckerfreies Tulpenfeld!

Tulpenbunte Tage wünscht

Eugen Pletsch
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