Der Tag, an dem ich ausnahmsweise mal keine Kamera dabei hatte, war sonnig, hell und klar.
Schon auf der 3. Bahn kamen wir ins Schwitzen und zogen die Pullover aus.
„Kann mich nicht erinnern, im November im Polohemd gespielt zu haben. Zumindest nicht hierzulande.“
Meine etwas gemächliche Zufallsbekanntschaft vom 1. Abschlag kratzte sich am Kopf und betrachtete die Lage seines Balles.
„Liegt Scheiße.“
Ich nickte.
Er zog vom Leder, wie damals, als er noch Fußball-Profi war. Der Ball flog nach rechts weg.
Gekrächze vom Himmel. Wir blickten nach oben.
“Wildgänse?“
Ich tippte auf Kraniche. Langer Hals, lange Beine.
Es wurden mehr und mehr Vögel. Sie flogen nicht weiter, sondern kreisten über uns am Himmel.
„Schau mal, die kucken nach uns.“
„Wie in Hitchcocks „Vögel“. Fehlt noch, dass sie auf uns runtergestürzt kommen.“
„Vielleicht suchen die ein Nachtquartier“, meinte er.
„Um die Zeit?“ Es war kurz nach eins.
„Wer weiß, wo die herkommen?“
„Die haben die Zeitumstellung nicht mitbekommen. Vielleicht ist bei denen ist schon später?“
Ihm war das wurscht. Er suchte seinen Ball.
Wir hackten uns voran. Er kennt viele Prominente, erzählte er. Weltmeister und so.
„Wie nett die sind und ganz natürlich“, schwärmte er.
„Warum auch nicht," sagte ich. „Die haben sich nicht mehr zu beweisen. Die haben geliefert und können sich entspannen.“
Er nickte. Auf der 9. Bahn lag er mit dem vierten Schlag zwei Meter von der Fahne.
„Wenigstens ein Par auf der Runde wäre doch nett, oder?“
Es wurde ein Bogey.
Dann machte er sich vom Acker. “Ich muss die Sauna anheizen…“.
„Alles klar, ich geh noch ein paar Löcher.“
Auf der 12 lag ich mit dem 2. Schlag am Rand hinter dem Grün. Ich spielte meinen Chip sehr konzentriert, da es flott bergab ging. Die Schafe von der Nachbarwiese blökten. Ich schaute kurz auf und sah, wie sie durch eine Lücke im Zaun vom der Nachbarwiese Richtung 18. Abschlag drängelten. Wo war der Schäfer? Ich blendete die Schafe aus und konzentriert mich auf meinen Chip.
Im Moment als ich nach dem Ball schlug, setzte sich mein Elektro-Trolley in Bewegung, der abgeschaltet auf der Kuppe hinter dem Grün gestanden hatte und sauste den kleinen Hügel bergab auf die Schafe zu. Einige von denen standen bereits auf dem 18. Abschlag, andere schoben sich den kleinen Hügel zum 13. Grün hoch. BÄÄÄÄH. DerTrolley fuhr mitten in die Schafe hinein und fiel um. Sie stoben auseinander. BÄÄÄÄH!
Wo war der Schäfer, oder wenigstens sein Köter? Mein Chip war fast einen Meter am Loch vorbeigelaufen. Ich lochte zum Par und machte mich daran, das Grün zu verteidigen. Die Schafe waren dabei, den Golfplatz zu überrennen. Ich sprang die Kuppe hinab und trieb die Schafe, die sich bereits auf dem Fairway befanden, mit meinem Motocaddy zum Zaun zurück. Plötzlich, wie Donner, hörte ich den Schäfer brüllen. Die Schafe zuckten zusammen und rannten in seine Richtung los. Ein Border-Collie raste heran. Er scheuchte ein einzelnes dickes Schaf zur Herde zurück und ging dann, wie mir schien schuldbewusst und wütend, auf ein Lämmchen los. Wieder ließ der Schäfer ein Donnerwetter los. Sein Hund ließ das Lämmchen sofort in Ruhe. Wie von der Hummel gestochen raste ganze Herde am Bach entlang zurück zum Schäfer.
Ich schaute noch eine Weile zu. Ich dachte an Jimmy, Tims Schwager in Nordirland. Er hat viele Schafe in den Bergen. Dort grasen die Schafe frei herum, aber alle sind mit einer Spraydose markiert. Jede Herde hat ihre eigene Farbe und wer sich auskennt weiß sofort, welche Schafe zu Jimmy gehören.
Auf der anderen Straßenseite, vom 13. Abschlag aus, konnte ich den Schäfer noch eine Weile brüllen hören. Totaler Macho könnte man sagen, unzeitgemäß. Aber die Schafe brauchen das wohl und sein Kapo, der Köter, sowieso. Wirklich erstaunlich, wie warm es draußen ist. Ob die Eurokrise auch da dran schuld ist? Vielleicht sollte ich in Schafe investieren?
Eugen Pletsch

Winneröder Schafsweide. Foto: Eugen Pletsch














