Hier sitze ich, der ZEN-Golfer Bertram Vogel. In meinem DOJO werde ich auch der ZEN-Vogel genannt. Ich bin 162 cm groß, 84 kg schwer, 45 Jahre alt und leider noch ledig. Mein Hobby ist die ZEN-Meditation. Wenn ich meditiere, schiele ich auf meine Nasenspitze, lasse meinen Atem langsam in meinen Bauch herabsinken und warte auf eine Wolke. Mit Wolke meine ich eine Gedankenwolke, die mich davonträgt. Hinaus in die Freiheit des Geistes.
Wir sind viele, die wir hier sitzen, jeder auf seine Weise. Es ist wie in einem großen Kloster. Klare Regeln, sitzen und zwischendurch auch mal Gehmeditation im Hof. Tagsüber helfe ich in der Küche, wie meine Helden, die ZEN-Dichter Han-Shan und Shi Teh. Aber die restliche Zeit sitze ich in meiner persönlichen Version von ZEN-Meditation auf einer zusammengerollten Wolldecke, die Beine rechts und links davon, mit den Füßen nach hinten. Diesen Fersen-Sitz nennt man in Japan „Hanka“.
Feine Fäden eines harzig duftenden Räucherstäbchens schweben im Raum. Zumindest denke ich mir das so. Vor mir steht eine Tasse mit heißem Wasser, an der Wand hängt eine Tuschepostkarte von meinem Freund Theo.
Das entspricht meinem Ideal von einem einfachen, friedlichen Leben innerer Harmonie und Stille. Dabei bin ich innerlich weder still, noch in Harmonie. Ich meditiere auch nicht wirklich. Ich nutze die Meditationstechnik, um auf Gedankenwolken zu reisen. Manchmal finde ich dabei eine Frage und manchmal eine Antwort, die irgendwo auf mich wartet.
Bei der klassischen ZEN-Meditation wird empfohlen, die Atemzüge zählen. Es heißt, damit ließen sich die Gedanken zur Ruhe bringen. Beim ersten Ausatmen wird gezählt: eins. Beim nächsten Mal: zwei, und so weiter. Bei 10 angelangt, geht es wieder von vorne los. Wenn man das jahrelang macht, beruhigen sich die Gedanken (angeblich), die sonst wie 99 wilde Affen herumspringen. Bei den Versuchen, meine 99 wilden Affen zu zähmen, war mir leider nie ein Erfolg beschieden. Bereits beim zweiten oder dritten Atemzug hatte ich den Faden verloren und mich zu den 99 wilden Affen gesellt. Eigentlich könnte man sagen: Ich bin der 100. Affe meines Geistes, denn ab dem dritten Atemzug bin ich außer Rand und Band. Ich habe es wirklich nie geschafft, auch nur bis vier zu zählen. Lange habe ich gekämpft und jeden Trick versucht.
Mediationslehrer empfehlen, Gedanken wie Wolken vorbeigleiten zu lassen. Man solle sich nicht an den Gedanken anhaften, sondern nur beobachten, wie sie vorbei ziehen. Das habe ich versucht, aber es hat ewig nicht geklappt – bis ich schließlich eines Tages lernte auf eine Wolke aufzuspringen, um darauf zu segeln. Interessanterweise funktioniert das nur, wenn ich mein kleines Zen-Ritual durchführe und alle Vorbereitungen simuliere, die sonst dem Erreichen gedanklicher Stille dienen. Offensichtlich lockt das Gedankenwolken an, auf denen ich dann durch „meine kleine Welt der Träume“ segeln kann, wie ich den Hohlraum in meinem Kopf nenne. Ich weiß, mein Kopf ist nicht hohl. Aber ich weiß auch, dass zwischen meinen Ohren so viel Platz ist, wie zwischen Erde und Sonne.
Sowie ich mich warmgedacht habe, springe ich auf den erstbesten Gedanken, dessen Flugrichtung mir interessant erscheint. Wenn es mir dann langweilig wird, springe ich auf die nächste Gedankenwolke. Das hat, wie gesagt, nichts mit Meditation zu tun, aber es ist die beste Methode, um Ideen zu entwickeln oder um fremde Welten zu erobern. Anders geht das bei mir nicht. So, wie andere Leute nachdenken, klappt das bei mir nicht. Vielleicht, weil ich nicht wie andere Leute bin. Wenn ich versuche, so wie andere Leute nachzudenken, zum Beispiel wie mein früherer Clubkamerad Alwin Schopenhauer, dann fällt mir nichts ein. Gar nichts. Dann hat das Universum zwischen meinen Ohren Sendepause, und in meinem Kopf herrscht absolute Stille. Schon in der Schule war das so: Wenn ich etwas gefragt wurde, war in meinem Kopf absolute Stille. Wobei die Stille, das muss ich dazu sagen, leise rauscht. Sie rauscht, ähnlich einer Muschel, die man ans Ohr hält. Aber das ist jetzt nicht wichtig, oder?
Entscheidend ist, dass ich mich irgendwann fragte, warum ich meditieren soll, wenn die Stille des Geistes bei mir eintritt, sowie ich eine Mathematik-Aufgabe oder eine Führerscheinprüfungsfrage gestellt bekomme. Auch ein Golflehrbuch mit technischen Anweisungen hat auf mich diesen Effekt sofortiger Leere im Kopf. Übrigens – für die, die es nicht wissen: Leere ist nicht wirklich leer! Es ist halt das vielbesungene JETZT, in dem angeblich ALLES passiert. Aber mal ehrlich: Im JETZT geht es auch nicht so wild zu, wie man meinen könnte. Es passiert, was passiert. Man ist da nicht unbedingt ein besserer Mensch oder so – und spielt auch kein besseres Golf. Nur, damit das mal geklärt wäre.
Man traut es sich kaum zu sagen, wo alle Welt meditiert, um die Gedanken zur Ruhe zu bringen, aber auf richtig abgefahrenen Gedanken zu reiten – das finde ich viel Spannender. Man will doch etwas erleben, oder? Also sitze ich, simuliere Mediation und surfe auf meinen Gedankenwolken über meine Ideenlandschaften. Doch wie gesagt: Um in diesen Zustand der Nichtmeditation zu gelangen, brauche ich das Ritual, die kultische Handlung des Sitzens.
Das klingt paradox, ich weiß, aber dieses Phänomen ist im Golfspiel bekannt. Zum Beispiel bei der Schlagvorbereitung, die „Pre-Shot-Routine“ genannt wird.
Da steht der Golfer hinter seinem Ball, atmet tief durch und schwingt seinen Schläger langsam in die Endposition, während sein Blick in eine imaginäre Ferne gerichtet ist, um den kommenden Schlag zu visualisieren. Dann stellt sich der Spieler seitlich zur Ziellinie, „nimmt seinen Stand ein“ wie es in der Golfsprache heiß, und „spricht den Ball an“, indem er seinen Driver vorsichtig hinter seinen Ball setzt. Mit einem leichten, aber nicht zu lässigem Griff umfasst er den Schläger. Es folgt ein kurzer „Waggle“ aus der Hand und schon leiten die Hände den Schwung ein. Oder waren es die Arme? Oder die Schultern? Darüber denkt er gerade mal eine Sekunde nach, wobei ihm die Frage in den Sinn kommt, ob er sein Auto wirklich abgeschlossen hat. Während er noch einmal kurz Richtung Fairway schaut, sieht er links die Ausgrenze und rechts das tiefe Rough. Seine Hände verkrampfen sich bei dem Gedanken, dass das Auto noch offen ist und sein Smartphone geklaut werden könnte. Eben noch die Ruhe selbst, ein Mann in den besten Jahren, entspannt und souverän, löckt ihn der Stachel. Er verlässt die anvisierte sichere Linie Mitte Fairway, denn ein Affe hat ihn gebissen und er beschließt kurzfristig, die Tiger-Linie über eine Tanne zu spielen, die so groß ist, wie der Wahnsinn, der ihn plötzlich befallen hat. Von seinem ruhigen Probeschwung ist nichts mehr übrig. Wie ein irrsinniger Samurai prügelt er in einer Hauruckbewegung durch den Ball, der sich das (meist) nicht gefallen lässt und sich mit einem Sprung ins tiefe Rough rettet. Auf der Suche verliert er prompt seinen Autoschlüssel, um nach der Runde festzustellen, dass der Wagen verschlossen war.
Tja, und dann kommt der nächste dran, vielleicht ein Spieler, der noch nie etwas von Pre-Shot-Routine gehört hat. Er stellt sich an seinen Ball, denkt sich nichts, zumindest an nichts Böses, kloppt drauf und – wusch – saust die Kugel ins Tal.
Manche sind halt anders drauf und manche kriegen es nie hin.
So. Das waren jetzt mal ein paar der Aufwärm-Gedanken, die mir so kommen, während ich auf die richtige Gedankenwolke warte. Ich warte auf eine ganz bestimmte Wolke, obwohl ich nicht genau sagen könnte, auf welche. Ich warte auf eine Wolke, von der ich sofort weiß: Genau die – das isse!
So war es damals auch mit Hilde. Ich dachte: Wolke Sieben! Aber sie war es dann doch nicht. Oder genauer gesagt: Ich war nicht Hildes optimale Gedankenwolke. Hilde sagte irgendwann ganz deutlich zu mir: „Bertram Vogel: Nomen est Omen. Du hast einen Vogel. Dein ganzes ZEN-Wolken-Zeug kannst Du Dir in den A… schieben!“ Das sagte Hilde. War nicht nett, oder? Also habe ich sie im Affekt von ihrer Wolke geschmissen. Mit dem 56° Sandeisen. Zack. Treffer. Deshalb sitze ich hier – für noch weitere sieben Jahre, zwölf Wochen und drei Tage. Bei guter Führung werde ich vielleicht früher entlassen.
Eins sollte ich vielleicht noch erwähnen: Gute Gedankenwolken kann man mit Shakuhachi-Musik anlocken. Die Shakuhachi ist eine japanische Flöte und nicht jedermanns Geschmack. Aber ich mag diese meist schwermütige, manchmal traurig klingende, Musik. Dieses Wimmern und Klagen der Shakuhachi erfüllt mich mit einer Schwermut, die langsam ziehende schwere Gedankenwolken anzieht, auf die man leicht aufspringen kann. In meiner Zelle habe ich keine Shakuchachi-Flöte, aber das Heizungssystem in unserem DOJO wimmert, klopft, quietscht und ächzt ganz ähnlich. Das reicht vollkommen, um ganz langsam ziehende Wolken anzulocken. Langsam ziehende Wolken haben den Vorteil, dass ich mir meine kleine Welt der Träume in aller Ruhe betrachten kann. Meine Wolke steuert auf eine Themenlandschaft zu und ich kann alles, was mich da interessiert, im Detail betrachten. Tja, so einfach ist das.
Also: Ich würde sagen – das war‘s dann mal für heute, Leute. ;-)
Euer ZEN-Vogel Bertram
Notizen von Eugen Pletsch
Der ZEN-Vogel auf der Gedankenwolke
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