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Notizen von Eugen Pletsch

8. mybestshirt Nordhessen Pro & Am

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Der Himmel war grau, die Perspektive grauenhaft: Wenn mir nicht der Himmel auf den Kopf fallen würde, so würde ich doch mindestens bis auf die Knochen nass werden, meinte die seit Tagen depressiv gestimmte Wetter-Website, die ich bisweilen aufsuche. 
Als Frischluft-Randgruppensportler bin ich auf Wettervorhersagen angewiesen, habe aber neben besagter Website noch zwei weitere Indikatoren, um meine persönliche Wetter-Prognose zu erstellen: Mein Zipperlein am Knie und meine in langen Golferjahren entwickelte holistische Intuition, zur richtigen Zeit zum richtigen Ort zu fahren. Alles wird gut, sagte meine Intuition.
Meist fahre ich nirgendswo hin. Es muss schon etwas Besonderes locken, damit ich den Freitag irgendwo anders verbringe, als auf meiner unglaublich schönen, in goldenem Sonnenlicht gebadeten Heimatanlage, dem Golfpark Winnerod. Zur späten Abendstunde streichle ich dort die weiße Kugel und Reisen sind mir mittlerweile eine Gräuel - es sei denn, Holger Gartz lädt zum 8.mybestshirt Nordhessen Pro & Am.
 
Das Turnier war für den 24. Juni 2011 im GC Escheberg bei Zierenberg angesetzt, einem Brückentag und die Medien kündigten das erste große Verkehrsfiasko des Jahres an. Aber weder die schlechte Wettervorhersage noch der ADAC konnten mich von meinem Plan abbringen und so zuckelte ich über Landstraßen nach Zierenberg. Das hat drei Gründe: Erstens der Cybergolf-Premiumpartner Holger Gartz, der lange auf der EPD Tour als Sponsor und Platzrichter agierte und mit seinem Pro/Am eine Art Familientreffen für einige Leute aus der Golfszene kreiert hat. (Eine Gelegenheit für junge Talente wie Christian Engel aus Dillenburg, um sich die ersten Sporen verdienen, aber auch gestandene Kämpen wie Jochen Lupprian, der gerade die Deutsche Matchplay-Meisterschaft gewonnen hatte, kommen gerne vorbei.)
Zweitens habe ich den Platz des GC Escheberg ewig nicht mehr gespielt und drittens sollte ich im Flight mit Regis Gustave mitspielen dürfen, der im GC Escheberg bei Zierenberg wirkt.
Ich kenne Regis seit seinen Jahren in Dillenburg und auf der EPD Tour, hatte viel von ihm gehört, aber selbst noch nicht mit ihm gespielt. Die heute 50jährige Legende aus St. Lucia in der Karibik war mehrfacher karibischer Meister, auch Sieger auf der EPD-Tour und ist dafür bekannt, eine Kugel zu schlagen, der auch mancher junge Pro nur noch hinterherstaunen kann.
 
Als ich in Zierenberg ankam, traf ich gleich auf Holger Gartz, der ein kleines „ProAm“ für die Helfer seiner Veranstaltung durchführte. Auch eine nette Idee: Die Pros, die schon angereist waren, konnten den Platz kennenlernen und die Freiwilligen, die am nächsten Tag Dienst schoben, hatten auch ihren Spaß. Na ja – Spaß? Das Wetter war mittlerweile windig und regnerisch.
 
Holger stelle mich dem Geschäftsführer der Golfanlage Heiner Schulz und dem Manager Alexander Raupp vor, die mich sehr freundlich begrüßten. Ich fand den Platz in geordneten Verhältnissen vor, wie man so schön sagt und verbrachte den Rest des Tages mit dem Üben des kurzen Spiels.
 
Der nächste Tag (ich lasse die lange Geschichte mit dem Schlosshotel Wilhelmshöhe mal aus – alte Leute schlafen überall schlecht und haben immer was zu maulen) war gemäß Wettervorhersage nasskalt, aber meine Zipperlein schwiegen und meine in langen Golfer-Jahren entwickelte holistische Intuition sagte mir, dass es ein schöner Tag werden könnte. Müde und mürrisch, beim Hotelfrühstück bereits von Dumpfbacken-Pop benebelt, versuchte ich meinen Rechner im Kopf hochzufahren. Dann packte ich meine Sachen und fuhr zum Platz.
 
Eine „long and winding road“ führt zum Gut Escheberg bei Zierenberg, wo das Bärli bereits zu tanzen schien: Professionals luden ihre Tourbags aus dem Wagen, viele Gäste waren von weit her angereist, aber manche wurden noch vermisst, wie jener Mitspieler, der auf seiner Anreise von München bei einem Rastplatz vor Kassel eingeschlafen war und gerade noch rechtzeitig geweckt werden konnte.
Wie üblich wurden wir von einem Team charmanter Damen begrüßt und (in diesem Jahr) mit dicken Jacken, Polohemden, einer Reiseübertasche fürs Golfbag der Fa. Wilson, sowie Bergen von Kosmetikartikeln eingedeckt. Man brauchte beide Arme, um die Beute zum Wagen zu schaffen. Nach einem großzügigen Frühstücksbuffet zogen die Turnierteilnehmer wie die Lemminge zur Driving Range, um sich in ihr Spiel zu stürzen.
 
Zur Startzeit um 12 Uhr standen wir am 10. Abschlag. Ich hatte Regis schon am Vortag begrüßt, heute war seine Frau dabei, mit der er drei erwachsene Töchter hat und die ihm seit 35 Jahren auf seinen Runden über die Golfplätze dieser Welt folgt. Sie lebt in St. Lucia und ist gerade für eine Weile zu Besuch.Familie_Gustave.jpg Meine beiden Amateur-Mitspieler waren Christian und Hilton. Christian, Handicap 54, führt ein Blumenfachgeschäft in Kassel. Wir hatten schon im Vorjahr zusammen gespielt. Seit dem hatte er nur zwei Runden spielen können, aber wir spielten einen Texas Scramble, was ich immer mehr schätze. So hatte Christian weniger Druck und bereits auf dem 1. Grün lochte er mit seinem Broomstick-Putter einen langen Putt ein, nach genauer Anweisung von Hilton und Regis.
Hilton Smith (Hcp 4,1), ein Klasse-Spieler und als Repräsentant der Fa. Wilson für Mitteleuropa ein Urgestein der Golfszene in Deutschland ist einer, der die Lust am Spiel nie verlieren wird.
Im Team ergänzten wir uns gut. Ich traf meist die Bahn, worauf Hilton richtig Gas geben konnte und „Mr. Puttmachine“ Christian wurde dann mit seinem Putter auf den Millimeter genau ausgerichtet und trug so seinen Teil zu unserem guten Spiel bei. Entscheidend war aber, dass wir Regis als Joker einsetzen konnten. Das heißt, dass er auf jeder Bahn einmal einen Schlag für das Team machen durfte, egal ob Drive oder Putt. Hilton war sehr erfahren in der Strategie, wann die Joker einzusetzen wären. So wurde das Spiel für uns alle richtig spannend.

Texas Scramble macht bei gesellschaftlichen Anlässen viel mehr Spaß als nach Stableford zu spielen, wo gute Spieler ewig warten müssen und schwache Spieler immer mehr verzweifeln. Bei Businessturnieren und Turnieren mit Event-Charakter möchte ich mit anderen zusammenspielen und Spaß haben. Ich möchte niemanden mit meiner vorgabewirksamen Ernsthaftigkeit terrorisieren, denn wenn ich vorgabewirksam spiele, möchte ich mich voll auf meine Spiel konzentrieren können und auf nichts anderes. Das kann ich bei genug Turnieren, aber wenn ich einer Einladung folge, dann möchte ich die Menschen kennen lernen, zu denen mich mein Schicksal verdonnert hat und nicht die 60 Meter zur Fahne abschreiten…
Schon im Vorjahr, beim Jubiläumsturnier des Pressegolfclubs in Eschenried, machte mir das Texas Scramble großen Spaß. Es ist bei Einladungsturnieren besonders sinnvoll, weil viele Gäste den Platz nicht kennen. So geht es einigermaßen flott voran und der Ärger hält sich in Grenzen. Also probiert es!
 
Das Wetter war an diesem Nachmittag durchmischt. Mal regnete es, dann schien die Sonne ziemlich heiß und kaum hatte ich meine Regensachen ausgezogen, folgte ein Graupelschauer – ein Schottenwetter-Test, den mein neuer Schirm „Birdiepal“ mit Bravour bestand.
Der Schlüssel zu unserem erfolgreichen Spiel waren jedoch Regis und seine Lady, die immer dann auftauchte, wenn ein Ball zu finden war und sonst in stoischer Ruhe durch die wunderschöne hügelige Landschaft marschierte. Regis kann all die Trickschläge rund um das Grün, die man früher lernte. Mehrfach setzte er einen flachen Pitch ein, wie ihn Lee Trevino spielte. Man denkt, der Ball wäre über das Grün getoppt, aber dann bremst er an der Fahne und liegt am Loch. Mit so einem Schlag machte Regis später den Sack zu, als er das Shoot Out der Professionals gewann, um dies vorweg zu nehmen.
„Hast Du Pläne für die Senioren-Tour?“ fragte ich ihn.
Einen Sponsor habe er… Regis lachte.
„Wenn ich auch einen Sponsor finde, komme ich mit“, sagte ich.
Mein alter Traum. Mal einen Sommer auf irgendeiner Tour mitfahren und schreiben, was dort passiert. Regis wäre ein gutes Thema.
„Ich würde lieber über Dich schreiben, als über so ein junges Talent, das den Namen Lee Trevino nie gehört hat“. 
Wieder lacht er und schlägt einen herrlichen Power-Drive ins Tal.
Dann bin ich dran. Das Ergebnis ist brauchbar.
„Er schwingt so locker“, sagt Hilton.
„Ja“, stimmt Regis zu. „Ich mag es, dass er nicht versucht, den Ball zu killen.“
Ich schweige. Natürlich habe ich versucht den Ball zu killen, aber mehr kommt bei mir nicht raus.
Trotzdem bin ich frohen Mutes: Ich musste nur zuschauen, wie Regis seine Pitches schlug, um mich wieder zu erinnern und sofort wurde das, was bei mir in diesem Frühjahr am Meisten klemmte, besser. Bald schlug ich gute Bälle aufs Grün, die wir für unseren Score brauchen konnten. Wenn Christian nicht lochte, dann Hilton und manchmal auch ich. Ergebnis: Wir spielten in der Teamwertung 44 Bruttopunkte und 50 Nettopunkte, wobei Christian mit Handicap 36 gerechnet wurde und nicht mit 54, warum auch immer. Damit teilten wir das 1. Brutto und das 2. Netto. Wieder schleppte ich meine Beute, mehrere Flaschen mit ordentlichem Weißwein, zum Wagen.
Regis hatte eine 76 gespielt und gewann, wie gesagt, das ShootOut. Die Pro-Wertung gewann Richard G. Nömeier. Alle Ergebnisse findet man (demnächst) auf der Website des 8.mybestshirt Nordhessen Pro & Am.

Zur Siegerehrung mit den stattlichen Preisen großzügiger Sponsoren gab es Leckeres vom Grill. Dazu spielten das Klavierduo JUST THE TWO OF US und der Pro Igor Brandstetter auf seiner Violine. Schließlich folgte die legendäre Tombola: Fünf Los-Farben, eine Farbe gewinnt und damit auch jedes Los in dieser Farbe! Ich gewann einen Greenfee-Gutschein für eine Runde im Golfclub Kassel inklusive einem Thermenbesuch.
Aber wann komme ich nach Kassel? Vermutlich, wenn ich mir von Regis zeigen lasse, wie ich etwas mehr Dampf hinter den Ball bringe? Oder wenn mich das Regierungspräsidium vorlädt, weil ich auf der nächtlichen Heimfahrt eine Dorfkamera mit meiner eleganten Fahrweise derart erregte, dass sie vor Lust rot aufglühte …
 
Ihr /Euer
 
Eugen Pletsch
 
 
 
 
 

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