Na gut: Ich hatte gerade meinen besten und weitesten Drive auf dieser Runde gemacht, weil ich einen Moment nicht an meine Hände dachte, sondern an ein weibliches Wesen, das mir seit einiger Zeit den Kopf verdreht hat. Alter schützt vor Frühling nicht und der Gedanke an sie reichte offensichtlich aus, um den Ball so richtig schön entspannt, aber mit Schmackes ins Tal zu treiben.
Exakt diesen „Alles geschieht so mühelos!“- Satz hatte ich interessanterweise am Morgen auf dem sonnigen Balkon meines Affenfelsens bei einer genüsslichen Tasse Sencha Tee in Zacharias Buch „Der neue Golfschlag“ auf S. 55 oben gelesen. TZ schloss mit jenem „Das isses!“, mit dem mancher ZEN-Meister seinem Schüler das erste Kensho-Erlebnis bestätigt. Ja, Alles – geschieht – mühelos. Ein Video-Clip mit Meister Holitzka, dem Illustrator von „Golfgaga – der Fluch der weißen Kugel“ zeigt sehr schön, was damit gemeint sein kann.
Natürlich bekomme ich derartige Komplimente nur von Spielern gemacht, die vom „richtigen Golfschlag" keine Ahnung haben und es passiert meist gerade dann, wenn ich, was selten vorkommt, den Gedanken habe, mal richtig feste mit dem Knippelchen auf das Bällchen zu kloppen, also überhaupt nicht mühelos, sondern mit aller Kraft, die ich habe, was bei meinen Mitspielern so rüberkommt, als würde ein Eunuch mit einem Straußenfeder-Büschel nach Fliegen fächeln.
Nein, ich bin noch nicht viel weiter gekommen in Zacharias Buch, habe aber gehört, dass in den Foren seit Monaten ein heftiger Kampf um Zacharias und seinem Anspruch auf die wahre Erkenntnis tobt. Gerade das, was die meisten Foristen an TZ so nervt, gefällt mir. Es ist dieser Absolutheitsanspruch des Wissens, mit dem auch ZEN-Meister ein Kensho-Erlebnis bestätigen - oder eben nicht. Da gibt es keinen Spielraum für Diskussionen. „Have shit or not, there is nothing in between“, sagte mein Tai-Chi Meister Gia Fu Feng, bei dem ich nie Tai Chi lernte, aber den „five miles walk“, was mich in den frühen 80er Jahren auf meine Golfrunden vorbereiten sollte.
Ich schlage meinen Drive (meist) mühelos und leicht und je nach Roll ca. 200-220 Meter (oft) Mitte Fairway – was Barbara Helbig zu der Bemerkung veranlasste, ich würde wie ein 80jähriger Greis schwingen. Also: Was mache ich jetzt? Weiterlesen und "richtig" zuschlagen? Oder die Bälle flach halten und zufrieden sein mit dem, was der degenerierte Leib noch gestattet?
Vielleicht sind die Menschen einfach verschieden, Herr Zacharias. Ich bin noch nie über eine Latte gesprungen. Ich käme auch nie auf die Idee, denn sportanthropologisch gehöre ich zu einer Weichtierart, die nicht springt. Wobei ich nicht der Spezie der "Zeitlupenzockeler" angehöre, die auf dem Golfplatz allgemein als "Schnecken" bezeichnet wird. Die Sportanthropologie befasst sich mit der "vergleichenden Biologie des Sport treibenden Menschen", mit Somato-Typen, der Körperzusammensetzung, sowie den Proportionen der Athleten. Aber was, lieber Herr Zacharias, ist mit den Spielern, die wie ich keine athletischen Proportionen haben? Überhaupt: Die meisten Spieler, die wir auf dem Platz sehen, können nicht gerade als „Sport treibende Menschen“ geschweige denn als Athleten bezeichnet werden,oder?
Damit komme ich mal wieder zu der Frage, ob und wie man Golfspieler überhaupt sortieren bzw. unterscheiden kann. Kürzlich erwähnte ich an dieser Stelle, dass TZ zwei Gruppen von „Golf Lernenden“ beschreibt: Die, die es wissen wollen und die, die das Spiel schnell schmeißen. Ich behauptete darauf hin (und diese meine These wurde natürlich NICHT in den Foren diskutiert), dass es noch eine dritte Gruppe gibt, die „nicht Golf Lernenden“, die gar nicht wissen, dass es etwas zu lernen gibt und wenn, dann ist es ihnen wurscht. Sie wollen nur auf dem Platz rumtrödeln, so wie Golflehrer, die nur ein bisschen labern wollen, weil sie dafür Geld bekommen.
Aber gibt es nicht noch viel mehr Golfer-Typen und wie könnte man sie ordnen? Darüber denke ich seit längerer Zeit nach. Ordne ich den Golfer nach Handicap, wie das in Golfclubs auf manchen Herrentoiletten üblich ist? Nach Rechtshändern und Linkshändern? Nein, das macht so wenig Sinn, wie die Ordnung nach der Flugbahn, die sich bei den meisten Spielern von Schlag zu Schlag ändert.
Könnte man Golfer nach spielerischem Unvermögen oder materiellem Vermögen ordnen? Was ist mit der Lehre der physischen Konstitutionstypen, die auf den Psychiater Ernst Kretschmer in den 1920er Jahren zurückgeht. Er unterteilte die Menschen in schwitzende Pykniker, nervöse Leptosome und eitle Athletiker … nein … diese Konstitutionstypologien gelten mittlerweile als wissenschaftlich überholt.
Und die griechische „Vier Temperamente-Lehre“? Die beschreibt den lebhaften, optimistischen Sanguiniker, den Phlegmatiker, der gleichgültig und behäbig über den Platz trottet, den jähzornigen, unbeherrscht spielenden Choleriker, der laut brüllt, wenn er seinen Drive verzogen hat, was dem pessimistischen, langsamen Melancholiker, der sich mit trübsinnigen Gedanken in den Büschen rumdrückt, vollkommen egal ist.
Hm? Ich bin mit meinen Überlegungen noch nicht fertig, aber ein Modell, das mir plausibel erscheint und mit dem ich derzeit experimentiere besteht darin, Golfer nach ihrer Lautstärke zu ordnen. Die Idee kam mir, als ich im Rahmen meines Desensibilisierungstrainings an einem Herren-Mittwoch in einem hessischen Golfclub teilnahm. Aber ich weiß nicht, ob das irgendwen interessiert, weshalb ich mich für heute nach einem langen Tag der Arbeit in die Heia verabschieden werde.
Maiengrüße aus meiner SchreibklauseEugen Pletsch















