• Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern
Notizen von Eugen Pletsch

Wann platzt die Geduld?

In meinen letzten Blogs schrieb ich über die Problematik, die entsteht, wenn das Chaos auf unseren Plätzen so weitergeht. Während es früher ein zu langwieriger und penibler Prozess war, bis man auf den Platz durfte, ist es heute fast schon gefährlich leichtsinnig, wenn immer mehr „Light-Golfern“ vorgegaukelt wird, dass ein „Golfführerschein“ irgendetwas mit „Golf spielen“ zu tun hat.
In dem Zusammenhang steht auch meine neue Glosse in der GolfTime „Die Volksschwinger“, in der ich die Problematik „musikalisch“ zu erläutern versuche:
Wer keine Zeit oder Geduld hat ein Instrument zu lernen, kann keinen Platz im Kammerorchester beanspruchen und wer das Vorankommen auf dem Platz, das Schlagen eines Balls und die Etikette nicht mal ansatzweise beherrscht, kann nicht erwarten, dass alle, die hinterherspielen müssen „HURRA“ schreien und: „Macht nur: Wir haben alle mal angefangen!“
Ja, haben wir. Ich habe z.B. drei Jahre geübt, bis ich mich erstmals „an der Lausward“ in Düsseldorf auf einem öffentlichen Platz getraut habe. Dann war ich mangels Kohle 10 Jahre Clubfreier und hackte mich notfalls über Kuhwiesen. OK, ich war vielleicht ein Extremfall und bei anderen geht es schneller voran. Aber bei wieder anderen klappt es nie, weil sie weder Gefühl noch Spaß noch Timing haben, sondern nur aus Mode-oder Imagegründen GOLFEN wollen.
Jeev Milkha Singh sagte einmal „Golf ist ein Spiel, das Geschicklichkeit und Intelligenz erfordert.“  Ja, so ist das. Wie viel Geschicklichkeit und Intelligenz jemand besitzt und ob es für das Golfspiel reicht, wurde früher mit dem Golflehrer erarbeitet. Ich weiß nicht, ob es an der sinkenden Qualität mancher Golflehrer liegt oder daran, dass die Leute immer weniger Stunden nehmen: Jedenfalls scheint mir die Allianz von Geschicklichkeit und Intelligenz auf Golfplätzen ein rares Gut geworden zu sein. Für diese meine kritische Meinung habe ich jetzt schon einiges auf die Ohren bekommen (arrogant, elitäre Haltung etc.), aber das ist mir insofern egal, als man heute in manchen Clubs bereits geschlachtet wird, wenn man in einem Turnier Regeln nicht nur kennt, sondern auch auf deren Einhaltung besteht. Das Brechen von Golfregeln, von Schummeln bis grobem Bescheißen von Mitspielern ist zu einem Guttenberg’schen Kavaliersdelikt verkommen. Nicht die Betrüger sind heutzutage unbeliebt und die schwarzen Schafe im Club, sondern jene „Erbsenzähler“, „Wichtigtuer“ und „Rechthaber“, die diesen „veralteten Golfquatsch mit seinen Regeln und dieser blöden Etikette“ ernst nehmen.
“Jungchen, ich hab hier einen Haufen Geld bezahlt um meinen Spaß zu haben. Also komm mir nicht mit so einem Scheiß und schieb Dir Deine Strafschläge sonst wohin!“
Wohlgemerkt. Sogar dem DGV schwant mittlerweile Übles, wenn er in seinem Strategiepapier schreibt:
Mit der Zunahme der Anzahl der Golfspieler in Deutschland und einem breiten Golfangebot geht eine Abschwächung der den Golfsport in der Vergangenheit prägenden traditionellen Werte einher. Die Bedeutung der Regeln, der Etikette, einer qualitativ hochwertigen Platzerlaubnis und des gepflegten Umgangs miteinander sowie des sicheren Spiels auf der Golfanlage nimmt, jedenfalls bei einer Gesamtbetrachtung, nicht selten ab. Insbesondere Golfregeln und Etikette werden mitunter nur noch als „grober Anhalt“ betrachtet. Der Golfsport droht damit in vielen Fällen, sein ihn prägendes Fundament zu verlieren.“
Es ist also kein Wunder, wenn die Spieler-Blase platzt und immer weniger Spieler Lust haben, sich diesem Stress auszusetzen. Trotzdem muss ich eins klar stellen: Mir ist nicht daran gelegen, einen Konflikt zwischen den „Golf-Sauriern und Light-Golfern“ zu schüren, wie ein Leser diese beiden Gruppen bezeichnete.
Beim Schach gibt es Zeitvorgaben, ebenso beim Basketball – beim Golf nicht – weil man weiß, wie schwer der Sport ist. Aber man muss erwarten können, dass die, die es noch nicht können, zu lernen versuchen. Jeder Pro wird bestätigen: Seit es Handicap 54 gibt, hören viele nach der Platzreife auf Stunden zu nehmen. Früher musste man 36 haben, um auf dem Platz spielen zu dürfen (!). Sportliche Spieler, die jahrelang hart trainieren, haben heute das Nachsehen, weil sie ihren Sport eigentlich nicht mehr ausüben können.
Wir reden dabei nicht von egomanischen „Turbogolfer“ die es nur eilig haben, sondern von Spielern, die auf einem gewissen Level eine ganz normale Runde in einem angemessenen Rhythmus spielen wollen, was heute meinetwegen 4 ½ Stunden dauern kann, aber doch bitte keine sechs Stunden, wie bei unseren Turnieren.
Wir „Golf-Saurier“ sollten also „Neu-Golfern“ behilflich sein, wo es geht, zumindest jenen, die das Spiel wirklich lernen wollen und die Clubs sollten dringend neue Wege beschreiten, um die kollidierenden Interessen von Anfängern und erfahrenen Spielern – vielleicht durch eine geschickte Start-Zeitenregelung – in den Griff zu bekommen. Überhaupt: Hier wäre mal der DGV gefordert, gescheite Vorschläge zu machen!
Gestern lag die Neuausgabe meines Buches „Der Weg der weißen Kugel“ in der Post. Darin sind einige neue Geschichten bzw. sie werden aus einer anderen Perspektive erzählt. Am Wichtigsten ist mir aber (auch wenn es manche vielleicht langweilt) mein Versuch, Golfanfängern reinen Wein einzuschenken. Hoffentlich humorvoll, aber ehrlich und deutlich.
Ich möchte jetzt noch zwei Stimmen zu Wort kommen lassen, die unser Thema aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. Im Golfforum schrieb Wolfgang Hollinger von Golf Easy am 06.07.2010 einen Text, den auch mancher andere Pro unterschreiben würde, wenn er schreiben könnte:
„Dass mit der (wahrscheinlich) gut gemeinten PE-Ausbildung viel Schindluder getrieben wird, ist unbestritten. Speziell in Österreich, wo die PE (HCP - 54) praktisch keinerlei Bedeutung hat und das Spielen von Turnieren ein HCP – 45 voraus setzt, wird ein selbstzerstörerisches Geschäft mit den deutschen Golftouristen gemacht. Denn mit der PE, die oftmals für nur 99,00 € angeboten wird und manchmal nur mehr 1-2 Tage dauert, wird zusätzlich für einen kleinen Aufpreis eine Clubmitgliedschaft angeboten, damit man in Deutschland unmittelbar danach auch gleich Turniere spielen kann. Die PE wird in diesen Fällen also nur mehr als Anreiz zum Verkauf von Mitgliedschaften missbraucht. Leidtragende sind sowohl die qualitätsbewussten Golflehrer als auch die Kunden selbst, die im Laufe ihrer Golflaufbahn feststellen müssen, dass sie ihr HCP -54 erst mal lange Zeit gar nicht spielen können.
Ich bin jetzt schon sehr viele Jahre im Geschäft und habe viele Hundert Golftouristen mit größtmöglichem Engagement ausgebildet, aber der Preis-Druck und die Ansprüche werden immer höher und PE-Kurse mit hoher Qualität werden aufgrund der beschriebenen Zustände immer weniger nachgefragt. Den Golfinteressierten wird via Werbung suggeriert, dass sie in 1-5 Tagen PE auch die gestellten Anforderungen erlernen könnten. In Wirklichkeit bekommen die Leute am Ende eines wie auch immer gearteten Kurses eine PE-Bestätigung in die Hand gedrückt – völlig unabhängig vom eigenen Können. Den Schweizer Gästen wird in den dafür bekannten Hotels mit angeschlossener Golfanlage sogar das HCP unter 36 bestätigt. Die völlig Untalentierten erkaufen sich das HCP -36/-28 über mehrere Kurse um im Urlaub auf internationalen Plätzen spielen zu dürfen, Eltern leiten in Turnieren ihre Kinder zum Betrügen an, das niedrige HCP wird zum Eintritt in die bessere erfolgreichere Gesellschaft verklärt. Bravo! Da die meisten Clubs wie paralysiert jedes Jahr erneut auf bessere Zeiten warten und sich an den üblichen Systemen festhalten, muss man selbst nach eigenen Auswegen suchen. (…)“
Soweit Wolfgang Hollinger, vielen Dank. Eine andere Perspektive hat Helga, eine begeisterte Golferin, die mir öfter schreibt. Sie spielt meist auf öffentlichen Plätzen und lernt bei einem Pro, den ich kenne und sehr schätze. Seinem guten Einfluss mag es zuzuschreiben sein, dass Sie ganz andere Dinge berichtet:
„Ich spielte bisher ausschließlich auf öffentlichen Plätzen und dort traf ich mit einer Ausnahme immer auf nette Menschen, die mich z.B. als einzelne Spielerin zum Durchspielen aufforderten (nicht Regelkonform, aber sinnvoll) und sogar mein Zögern mit Aufmunterung zerstreuten. Einzelspieler, die ich zum Durchspielen aufforderte, weil sie recht zügig von hinten angespielt kamen, setzten sich bequem auf die Bank hinter dem Abschlag mit der Bemerkung: ich kann warten, ich bin doch nicht auf der Flucht. Einmal winkte ich einen Viererflight weiter, weil ich mir in den Kopf gesetzt hatte, meinen Ball unbedingt wiederzufinden. Das wollten die aber nicht mit der Begründung: "uns passiert vielleicht gleich dasselbe, dann müssen Sie noch länger warten" und halfen mir beim Suchen.
Hier ein paar Lösungsvorschläge: Mehr öffentliche Plätze für Leute wie mich. (ich bin hier recht gut versorgt und weiß das zu schätzen); Startzeiten an Wochenenden bevorzugt für berufstätige Spieler; Und last but not least mein persönlicher Rat an all die Turbogolfer: Wenn man keine Zeit hat, sollte man erst gar nicht mit Golf spielen anfangen.“
In einer weiteren Mail schrieb Helga:  Im Grunde ist es doch so: Der von Euch angeprangerte "Werteverfall" beim Golf -  in der Wirtschaft würde man wohl von inflationären Tendenzen sprechen -  ist der Preis, den wir zahlen müssen, damit dieses Spiel für uns überhaupt erschwinglich und damit zugänglich wird. Ich hab jetzt ganz frech "wir" geschrieben und damit vorausgesetzt, dass ich nicht die Einzige bin, die nicht so wohlhabend ist, wie man es in der "guten alten Zeit", wo die Golferwelt noch in Ordnung war ;-), für dieses Spiel sein musste. Das ist ungefähr so, wie wenn Du Dein Leben lang von einem Mercedes träumst und auf einmal sind die Dinger günstig zu haben. Du kaufst einen, fährst damit auf die Autobahn und kommst dann nicht von Fleck, weil jetzt halt auch viele andere in der Lage sind, so ein Auto zu fahren...“.
Danke, Helga! Das Mercedes-Beispiel finde ich gut. Es handelt davon, dass es Stau gibt, seit Autos erschwinglich wurden. OK. Wenn wir das Bild auf den Golfsport anwenden, sähe es jedoch so aus:
Jemand, der kein Auto fahren kann (oder den Führerschein an einem Wochenende gemacht hat), kauft sich ein Auto, um dann ohne jedwede Fahrpraxis im 1. Gang auf der linken Spur einer Autobahn vor sich hin zu ruckeln (die anderen Gänge kriegt er nicht rein). Dabei lässt er niemanden überholen und ist auch noch sauer, wenn jemand hupt, weil er nicht weiß, dass das, was er da treibt, nichts mit Autofahren zu tun hat. Dabei könnte man auf der Autobahn notfalls noch rechts überholen könnte, was auf dem Golfplatz nicht möglich ist.
Die andere Verkehrsteilnehmer sind wohlgemerkt keine Formel1 Rennfahrer, sondern schlichtweg Leute, die in angemessener Geschwindigkeit von A nach B fahren möchten, dabei fünf Gänge schalten können, den Blinker setzen und zum Parken rechts ran fahren, anstatt einfach stehen zu bleiben, um sich die Welt zu betrachten…
will sagen: 
Wenn man/frau allein auf dem Platz spielen würde/n, wäre es egal, aber es sind auch andere Leute unterwegs. Die wollen ihre Runde gemäß der Etikette und in angemessener Geschwindigkeit spielen. Dafür gibt es seit Jahrhunderten Regeln und die gelten auch auf dem Kurzplatz. Auch dort gibt ein klares Reglement, wie man sich zu verhalten hat. Nur wissen das viele Leute nicht oder respektieren es nicht. Wer auf 80 Meter 6 Schläge braucht und das Grün noch nicht erreicht hat, während sich bereits der nächste Flight auf dem Abschlag die Beine in den Bauch steht, der sollte seinen Ball aufheben und weiter gehen. Ist doch ganz einfach. Sportliche ambitionierte Spieler jedweder Spielfähigkeit haben damit kein Problem. Wenn jedoch Statusfreaks und trainingsfaule Light-Golfer massenhaft auf die Plätze gedrückt werden, weil Golfen angeblich schick und cool ist und die Betreiber und der DGV dringend Kohle brauchen, dann entstehen Prozesse, die mit Golf nicht mehr zu tun haben, sondern nur noch mit Abzocke.
Mario Prell hat uns einen schönen Text für Crossgolfer geschickt. Crossgolfer spielen keine Bahn, auf der andere Spieler hinter ihnen warten müssten. Sie spielen, wo immer sie lang wollen und können sich dabei beliebig an den Waldrand setzen und träumen. Und sie haben jede Menge Spaß dabei! Klingt das nicht nach einer schönen Alternative?

Herzlichst
Eugen Pletsch

golfchampion.jpg

Feld-, Wald-, und Wiesenhacker Pletsch irgendwo im Nirgendwo...

Bitte registieren Sie sich oder melden Sie sich an, um einen Kommentar hinzuzufügen.