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Notizen von Eugen Pletsch

Der fliegende Golfer

Als Erich Schmeckenbecher von den Indianern zurückkam, konnte er fliegen. Man darf sich das aber nicht so vorstellen, als würde er mit den Armen flattern, bis er abhebt. Nein, so nicht. Erich fliegt, indem er sich geistig mit einem Roten Milan verbindet, der hierzulande auch Gabelweihe genannt wird. Wie er das gelernt hat? Das ist eine lange Geschichte. Die Kurzfassung wäre folgende:
Auf seiner Urlaubsreise durch den Südwesten der USA traf er an einer Bushaltestelle in New Mexiko einen alten Mann, der ihn einlud mitzukommen. Da Erich in seiner Jugend alle Bücher von Carlos Castaneda gelesen hatte, vermutete er, dass der Alte ein Yaqui-Zauberer sein könnte – und richtig: Kaum waren sie in einer kleinen Hütte ein paar Meilen von der Bushaltestelle entfernt angekommen, begann der Alte, merkwürdiges Zeug zu brabbeln. Er stellte sich als Don Eduardo vor und behauptete, dass er aus einem geheimen US-Hochsicherheitstrakt geflohen wäre.
Dort säßen die wenigen Yaqui-Zauberer, die es noch gäbe. Sie waren schon vor Jahren von den US-Militärs eingelocht worden, denn die Militärs wussten: Zauberer können durch ihr Totem-Tier überall hinfliegen. Das war in einer Zeit, bevor es diese Kampf-Drohnen gab. Alle Indianer, die im Ruf standen über geheimes Wissen zu verfügen, wurden gefangen genommen und in speziell gesicherte Räume gesteckt, aus denen auch Zauberer nicht fliehen können. Die nächsten Jahre waren sie ständig unterwegs: Überall, wo die USA zündelte, mussten sie hin und die Lage checken. Wer nicht mitmachen wollte, kam ins Loch. Das ist eine extrakleine Zelle. Indianer werden schon in großen Zellen verrückt, aber in kleinen Räumen drehen sie komplett durch.
„Sogar Zauberer drehen da drin durch“, fügte Eduardo hinzu und schaute grimmig.
„Selbst wenn man sich in eine Maus verwandelt“, sagte er, „im Loch geht auch einer Maus der Arsch auf Grundeis. Also haben alle mitgemacht.“
„Und wie konntest du fliehen“, fragte Erich. „Durch ein Mauseloch?“
„Nein, das ist anders gelaufen. Der Kommandierende des Lagers ist ziemlich golfverrückt. Jeden Tag, wenn er mit Kommandieren fertig ist, fährt er zu irgendeinem der vielen Golfplätze in der Gegend oder lässt sich mit dem Heli irgendwo hinbringen. Aber so golfverrückt er sein mag – er ist nicht verrückt genug, als dass es ihm egal gewesen wäre, wie viele Bälle er verballert. Mehr als einen Titleist Pro V1 pro Tag gesteht er sich nicht zu. Das ist eine Sache der Ehre, sagt er. Aber ein Ball pro Tag auf einem fremden Platz ist sehr knapp bemessen, besonders, wenn man eine leichte Tendenz zum Hook hat. Meist waren es so um die fünf bis zehn Bälle, die er verschoss und so kam er auf die Idee mit dem Scout.
“Hol mir mal einen von diesen alten Indianern“, sagte er zu seinem Diensthabenden. „Am besten einen, der noch gegen Custer gekämpft hat und Fährten lesen kann.“
Ich war der Älteste in diesem Laden, also holten sie mich. Eigentlich wollte sie mich gerade wieder ins Loch stecken wegen Arbeitsverweigerung. Ich konnte nicht mehr jeden Tag fliegen, aber das wollten sie nicht einsehen. Mein Totem-Tier ist auch ziemlich alt und hat Rheuma in einem Flügel. „Da kann man nicht mehr so mir nichts dir nichts in den Irak und zurück flattern“, versuchte ich ihnen zu erklären. Aber wie Militärs nun mal sind: Sie kapierten gar nichts.
„Mach nicht so ein Geschiss, Alter! Flieg, sonst stecken wir dich ins Loch.“
Also flog ich los, brauchte aber ewig und als ich endlich in meinen Körper zurückkehrte, waren sie gerade dabei, mich zum Loch zu schleppen. Kannst Dir denken, wie froh ich war, als es plötzlich hieß: Mit dem Chef auf den Golfplatz!“
Erich nickte. Für einen Zauberer war der Alte ziemlich gesprächig. „Und dann?“
„Tja und dann wurde ich sein Caddie. Ich musste aber nicht das Bag schleppen – das war auf den Buggy geschnallt. Ich musste nur aufpassen, dass kein Ball verloren ging. Wenn er einen Blind Shot hatte oder nicht wusste, wo es lang ging, flog ich über den Platz und erzählte ihm, was ich sah. Ich konnte ihm die Entfernungen exakt angeben, warnte ihm vor Wasser und Bunker und wenn er seinen Slice hatte, fand ich seinen Ball. Immer! Der Kommandierende war beeindruckt und ich musste nicht mehr in irgendwelche Kriegsgebiete fliegen. Der Job war eigentlich ganz OK. Ich konnte an die frische Luft und bekam gutes Essen. Wenn ich nur nicht immer die Cola Light mit ihm hätte saufen müssen. Er war fett und dachte, dass Dreckszeug wäre gut für ihn. Ich fand es ekelhaft, in der Hitze an dieser klebrigen Scheiße zu nuckeln. Ich sagte: Sir, das Zeug macht krank, aber er wollte es mir nicht glauben. Ich ekelte mich vor der täglichen Cola Light und plante, bald abzuhauen. Dann würde er seine Golfbälle selber suchen müssen. Eines Tages machte ich mich unsichtbar und verschwand“, schloss Don Eduardo.
Erich Schmeckenbecher schluckte. „Und was machst du jetzt so?“
„Na ja, zaubern, mit geheimnisvollen Mächten kämpfen, was so anliegt. Habe auch mit Golf angefangen. Schon irgendwie faszinierend. Endlich mal etwas, wo auch zaubern nicht hilft.“
„Bildest du auch aus?“
„Ha!“ Der Alte grinste. „Hast du Castaneda gelesen?“
Erich nickte.
„Dann weiß du ja, wie es geht…“.
„Du meinst: Ich hocke mich mit dir auf eine Veranda. Du erzählst mir unverständliches Zeug, ich benehme mich wie ein Trottel. Dann füllst du mich mit Meskalin ab, bis ich mir die Seele aus dem Leib kotze. Ich begegne irgendwelchen Geistern, bekomme fürchterliche Angst und scheiße mir die Hosen voll. Du lachst dich kaputt und das Ganze zieht sich über Jahre hin...“.
Don Eduardo blickte in die untergehende Sonne. Er nickte. „So ähnlich wird’s wohl laufen.“
„Ich habe aber nur noch drei Wochen Urlaub“, sagte Erich. „Kann man das nicht abkürzen?“
„Was würdet du denn gerne lernen?“
„Das mit dem Fairways überfliegen. Die Nummer könnte ich zu Hause gut gebrauchen. Schaff ich das in drei Wochen?“
Don Eduardo schaute ihn lange an. Dann nickte er. „Könnte klappen“.
Sie machten sich auf und es kam, wie es kommen musste: Erich suchte im Gestrüpp nach Feuerholz und Don Eduardo braute noch in derselben Nacht einen grässlich-bitter schmeckenden Trank. Erich kotzte sich die Seele aus dem Leib, begegnete Geistern, bekam fürchterliche Angst, schiss sich aber nicht die Hosen voll. Am Morgen, als er aus seinem Rausch erwachte, sah er einen Vogel am Himmel vor der Sonne kreuzen, einen roten Milan.
Don Eduardo nickte: „Das isser. Mit dem wirst du fliegen“.
Die nächsten Wochen übte Erich den Ausblick via Totem-Tier. Nach einer Weile klappte es ganz gut. Eines Tages, sein Körper lag gerade irgendwo in den Büschen und sein Geist blickte vom Himmel herab, sah er sie kommen. Drei Jeeps mit Militärpolizei. Sie schnappten den Alten. Erich war traurig, aber sein Urlaub war ohnehin zu Ende.
Zu Hause erzählte er nichts. Wer hätte ihm auch geglaubt. Irgendwann aber merkten die Jungs im Club, dass mit Erich was nicht stimmt. Schon phänomenal, wie er jeden Ball fand. Bei Auswärtsspielen begleitete er die Clubmannschaft und stets schien er auch ohne GPS ziemlich genau zu wissen, wo es lang ging und wie weit es zur Fahne war. Auch Erich selbst wusste seinen Vorteil zu nutzen. In jenem Sommer spielte sich von 29,4 auf 17,2 runter.
Manchmal meinte er, Don Eduardos rheumatischen Flattermann am Himmel zu sehen.
„Aber das kann man sich auch einbilden“, sagte er sich dann.

© by Eugen Pletsch 2010

 



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