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Notizen von Eugen Pletsch

Gedanken in der Entschleunigung

 

Seit mein Ford Mondeo „Mondi“ nicht mehr unter uns weilt, hat sich mein Leben ziemlich drastisch verändert. Im September hatte ich  bereits geoutet, dass ich kaum noch golfe und dafür Bücher wie „Sexy Sixpack“ lese. Das Buch hat mir deshalb besonders gut gefallen, weil der Autor gerne mal etwas Erdnussbutter schleckt, was für ihn vollkommen Diät-konform ist. An meinem Bauch hätten sich längst Muskeln abzeichnen müssen, zumal ich, während ich allabendlich die Ryder-Cupy Tapes schaue,  ein striktes Trainingsprogramm mit leichten Hanteln durchführe – in jeder Hand eine Fernbedienung.  Aber an meinem Bauch ist noch nichts zu sehen, außer Bauch. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass die Menge Erdnussbutter, die ich in letzter Zeit verdrücke, vielleicht nicht ganz Sexy Sixpack-Diät-konform ist. Aber ich gestehe mir das als Teil meiner Trauerarbeit zu. Manchmal schaue ich vom Balkon aus auf Parkplatz Nummer 6, wo die sterbliche Hülle von „Mondi“ aufgebahrt steht. Nachbarn haben kleine Kerzen und Blumen abgelegt, nicht so viele wie bei Diana, aber doch genug, um mir das Gefühl zu geben, dass Mondi mehr als nur eine Parklücke hinterlassen hat. Danke für die vielen lieben Mails und Beileidsbekundungen. Ja, Mondi hatte viele Freunde und er hat uns allen oft Freude bereitet, etwas was die Marketing-Leute von Ford nie nachvollziehen werden. In dem Zusammenhang fällt mir ein: Wer sich nicht gemeldet hat, ist die Autoindustrie. Vielleicht schweigen sie nur aus Pietät, vielleicht warten die Marketingleiter der führenden Automobilkonzerne auch darauf zu erfahren, wie ich mein kardiologisch wertvolles Entschleunigungsprogramm weiter vorantreibe. Trotzdem: Ich habe der Automobil-Industrie, gegen jede Überzeugung, immer wieder die Hand gereicht und ihre drögen Meldungen anlässlich ihrer Engagements im Golfsport jahrelang veröffentlicht. Da habe ich schon erwartet, dass jemand anruft und sagt: „Herr Pletsch, das mit Ihrem „Mondi“ tut uns leid, aber wie der ADAC Mann schon sagte. „Das wird schon wieder“ und deshalb hoffen wir, dass dieser nicht mehr ganz neue, aber generalinspizierte Kombi mit minimalem Verbrauch bei maximalem Komfort  ihre Seelenqualen lindern wird? Na, was meinen Sie? Dunkelgrün sollte er doch sein, oder? Hier sind die Schlüssel,  der Tank ist voll und – nein – kein Dank, das haben Sie sich verdient!“ So ähnlich. Aber nix da. Denen ist einfach nicht zu helfen und ehrlich gesagt: Solange das Wetter mitspielt macht mir das Leben mit Bahn und Rad durchaus Spaß. Ich habe jetzt so viel Zeit! Es ist ähnlich wie damals, als ich meinen Lappen für einen Monat los war. Wenn man sich nicht verrückt macht und die Dinge geschehen lässt, hat man plötzlich viel mehr Zeit. Und ich werde fit. Täglich strample ich jetzt ein bis zwei Mal mit meinem Rad den Schrottberg hoch. Leider hatte ich Probleme mit der Gangschaltung. Immerhin habe ich sieben Gänge, aber wenn es leicht gehen sollte, wurde das Treten schwerer und umgekehrt. Irgendwas stimmte da nicht. Als Mann der Tat fuhr ich deshalb in die Stadt. Ich musste ohnehin einige Dinge erledigen, zum Beispiel zur Post. Hinter unserem frisch verunstalteten Gießener Bahnhof liegt die Hauptpost. Davor stehen tausend Fahrräder. Ich fand trotzdem noch einen Baum, an den ich mein Rad anlehnen konnte, und ging nichtsahnend in die Post. In der Post war eine Schlange … wie … was soll ich sagen: Nach dem Krieg um Brot anstehen, fällt mir dazu ein. Oder Ausreisewillige, die vor der deutschen Botschaft in Prag um Einlass betteln. Eine einzige junge Dame hatte die gesamte Kundschaft  zu bedienen.  Als ich zuletzt in dieser Post war, gab es etliche Schalter und vor jedem war eine Schlange. Jetzt gab es nur noch einen zweiten Schalter, für die Postbank. Ein Mann davor, einer dahinter. Das wars. Für ganz Gießen!  Ich nix wie raus. Klar habe ich schon mal von der Servicewüste gehört, aber so schlimm hatte ich mir das nicht vorgestellt. Ich fuhr zu Karstadt und gab mein Rad in dem Fahrradladen ab, wo ich es vor vielen Jahren gekauft hatte. Ein netter, junger Mann, der hin und wieder den Golfshop nebenan hüten muss, erkannte mich von meiner Lesung im Frühjahr. Ich überließ ihm mein Rad mit der Bitte, die Gangschaltung zu überprüfen. Ein Kollege kam dazu: Das Rad wäre aber älter als 10 Jahre. „Das kann gut sein“, erwiderte ich. „Ich bin auch älter als 10 Jahre.“ Er deutete an, dass man evtl. die ganze Gangschaltung austauschen müsse. Kosten: ca. 50.- Eupen, nur das Material.  „Ich dachte eher an 5.- € plus Trinkgeld“, sagte ich. „Ich überlasse das Rad ihrer kreativen Gestaltungskraft“. Er war kein Anthroposoph, aber er schien zu verstehen, worauf ich hinaus wollte. „Ich komme in ca. zwei Stunden zurück und hole das Rad.“ Der Kollege seufzte, verwies noch mal auf den alten Schaltungszug, den man nicht austauschen könnte, aber er willigte ein. Gut so. Ich zuckelte los und mir fiel ein, dass wir in der Innenstadt noch eine Post haben. Als ich dort ankam, quoll die Schlange bis zur Tür. Nur noch ein Schalter, wo früher 20 waren. Warum schaffen sie die Post nicht ganz ab. Da könnte sie noch mehr sparen. Auf alle Fälle könnte sie die teuren Berater-Schlümpfe einsparen, die dieses Land mit ihren Umstrukturierungsmaßnahmen dem Erdboden gleich gemacht haben. Als ich später zu Karstadt zurückkam, war mein Rad fertig. Kosten: EUR 7,50! Ist das nicht der Hammer? Es dauert länger bei der Post an den Schalter zu kommen, als Karstadt braucht  um eine Gangschaltung zu reparieren! Was für eine Welt! [caption id="attachment_877" align="aligncenter" width="476" caption="Foto: E. Pletsch"]Foto: E. Pletsch[/caption]

Überhaupt: Als Ex-Golfer und Radfahrer erlebe ich das Leben so … wie soll ich sagen … so unmittelbar – das ist fast wie in echt!  Ein weiterer interessanter Aspekt ist, dass ich viele neue Menschen kennenlerne, die kein Golf spielen. Gibt es! Überall Nichtgolfer! Unvorstellbar. Mir geht es  fast wie diesen Politikern, die abgehalftert wurden oder in Rente gingen und plötzlich entdecken, dass es auch Nicht-Politiker gibt. Echte Menschen, die man zuvor nur regiert und filetiert hat. Nehmt Struck! Unser Ex-Afghan-Liebhaber! Von dem hörte ich ein Radio-Interview in dem er erzählte, wie er zu Hause sitzt und die Werbebeilagen der Tageszeitungen studiert, um Preise zu vergleichen. Mit dem Einkaufszettel, den ihm seine Frau dann zusammenstellt, trabt er brav zum Supermarkt und irgendwelche Muttis helfen ihm in seiner neuen, echten Welt,  den Kram zusammenzusuchen, den er nicht findet. Weil er sich beim Einkauf, wie er andeutete, so dusselig anstellt. Wie hat dieser Mann ein Ministerium geleitet? Wobei man fairerweise dazu sagen muss, dass es die Beschaffungsproblematik bei der Bundeswehr schon vor Struck gab. Zurück zum Thema: der geradezu unwirklichen Realität, die ich, der ehemalige Golf-Eremit, als einen ähnlichen Schock  erlebe, wie jene Manager großer Konzerne, die nach Umstrukturierung merken, dass außer ihnen nur noch ein paar Diplom-Praktikanten übrig geblieben sind. Das mittlere Management wurde wegrationalisiert, dann verschwanden die letzten Sekretärinnen und plötzlich mussten diese Burschen, die glaubten es geschafft zu haben, selbst alles zusammenfummeln, was die Praktikanten an Briefen, Angeboten und Präsentationen für dringend nötig erachteten. Ich vermute, das ist der eigentliche Grund, warum die Wirtschaft weltweit stagniert oder alles so langsam geht. Weil die, die die Arbeit gemacht haben, entlassen wurden, und die Pflegefälle aus dem Management, die nur Arbeit gemacht haben,  jetzt zusehen müssen, wie sie zurechtkommen. Natürlich können die Excel und Power Point, darum geht es nicht. Schließlich sind sie promoviert und doppelstudiert, aber das nützt alles nichts, denn der Blick dafür, welche Dinge getan werden müssen und die Fähigkeit das dann zu tun, fehlt häufig. Manager kapieren nur selten, was dringend ansteht. Das haben früher die Vorzimmerdamen erledigt. Manager sind großartig darin sich Aufgaben auszudenken und  anderen Leuten zuzuteilen, die sich später als vollkommen sinnlos herausstellen. Aber in diesem oft vollkommen sinnlosen „Prozess“ haben sie Entschlusskraft, Dynamik und Durchsetzungsvermögen bewiesen und konnten die Pappnasen der nächsten Etage beeindrucken. Wie komme ich jetzt eigentlich da drauf? Kann mir noch jemand folgen? Hallo? Ist noch jemand da? Ach so: der Realitätsschock, der mit der Entscheunigung einsetzt. Das kommt bei mir jetzt besonders intensiv an: Zuerst mein dickes Knie und dann Mondis Tod – da fragt man sich: Was willst Du mir damit sagen, oh HERR? Und gleichzeitig knallt es wie das genmanipulierte holländische Treibhaus-Gras, dass in den angeblich dopingfreien Ligen geschmaucht wird (Anders lassen sich manche Horror-Scores nicht erklären…). Aber wisst ihr was? Ich genieße es! Und ich lerne. Ich höre geradezu, wie es in mir knistert, wie neue neuronale Stränge hinter meiner Mattscheibe wuchern und frische Synapsen klicken. Wie sagte Hans kürzlich zu mir, als ich ihm mein Leid klagte: „Wasser im Knie, Kalk im Kopp, jetzt kannste bauen!“ Von wegen Kalk im Kopp: Ich kann sogar schon mein eigenes Zugticket über Internet buchen und ausdrucken. OK – ich habe die Reise nach Baden Baden zum falschen Termin gebucht, aber ich habe gleichzeitig gelernt, wie ich es für nur 20 € Verlust wieder rückgängig machen kann! Und ich hab dabei die geilste Telefonnummer ergattert, die man haben kann: Die Onlineservice-Nummer der Deutschen Bundesbahn: 01805-101111. Echte Menschen am Apparat! Mag sein, dass Ihr diese Nummer alle kennt, aber mir war die neu. Außerdem entwickle ich soziales Engagement! Beispiel: Meine Bahnreise zur Golf Europe in München. In Kooperation mit einem Schaffner, der die Gewaltfreie Kommunikation auch nicht gerade erfunden hat,  sorgte ich zum Beispiel dafür, dass  im gebuchten Ruhebereich des ICE auch wirklich Ruhe einkehrte. Selbst ein dauerquasselnder Nürnberger Lokalpolitiker musste hinaus in die Elektrosmog-Hölle des Waggon-Flurs. Ruhezone ist nun mal Ruhezone, oder?  Ich versuche sogar, den Geräuschpegel meiner Gedankenflut runterzufahren, was bei mir nicht einfach ist. Was mir auf dieser Reise nach München noch auffiel: Die Damen von Zugpersonal waren außerordentlich nett, sowohl die Schaffnerin, als auch die sehr aufmerksame junge Dame, die den Getränkewagen durch den Gang stemmen musste, was wirklich ein harter Job ist. Sehr nett, humorvoll, offen, so wie die Top-Angestellten in Top-Hotels, wo sich der Gast als Freund  fühlen darf, wofür er dann teuer bezahlen muss. Ja, doch, das war wirklich beeindruckend. Der Mehdorn ist jetzt weg, richtig? Da sehen die Schaffnerinnen auch gleich viel besser aus, nicht mehr so wie grantelige Bulldoggen. Als ich endlich wieder zu Hause war, entdeckte ich, dass die drei Persimmon-Hölzer von Louisville, die ich bei eBay ersteigert hatte, angekommen waren. Es war mein erster digitaler Auslandseinkauf, der natürlich zu Verwicklungen führte. Ich verstehe nicht, warum das Zollamt die Dinger nicht auslieferte, sondern wieder mit der Post nach Frankfurt schickt, worauf das Zollamt einen Warenwert von über 60 Euro für eine Ware veranschlagt, die nur 36 Dollar gekostet hat. Diese Persimmon-Hölzer stecken jetzt im dem Bag, das mir mein schottischer Schwiegervater Jimmy Brown vererbt hat. Kein Retro, sondern echtes 80er Jahre Kunstleder! Darin steckt auch mein Satz mit Hogan-Blades, den mir Meister Holitzka zum Geburtstag schenkte. Traumhaft schön und ideal für jemanden, der kein Golf mehr spielt, weil diese Hogan Blades mit den Louisville-Hölzer für mich vermutlich unspielbar sind. Aber ist das nicht vollkommen egal? Irgendwann werde ich wieder losziehen können und die Spannung erleben, die entsteht, wenn man auf einer Persimmon/Blades-Runde nur einen Ball mitnimmt.
Eugen Pletsch [caption id="attachment_880" align="aligncenter" width="258" caption="Foto: E. Pletsch"]Foto: E. Pletsch[/caption] P.S.: Ich gehe für eine Woche ins Kloster. Falls jemand in diesem Winter in seinem Club eine Lesung mit mir wünscht, bitte rechtzeitig melden. Am Einfachsten ist es, wenn ein regionale Sponsor mein bescheidenes Honorar übernimmt, die nächste Buchhandlung die Fahrkosten und der Club das Hotel. Anfragen bitte per Mail an home(äd)cybergolf.de. Antwort gibt es ab dem 26.10.2010.

 

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