Mein blauer Mondeo Kombi, treuer Gefährte und Held mancher Geschichte ist tot. Der HERR hat ihn in seinem unergründlichen Ratschluss zu sich in den Mondeo-Himmel gerufen, wobei ich nicht weiß, ob der HERR selbst auch im Mondeo-Himmel wohnt. Vielleicht kommt er da, wo das Hosianna etwas blechern klingt, nur hin und wieder zum Basteln hin – aber der Reihe nach: Es war ein wunderschöner sonniger Herbsttag, als mich mein alter Lastenkahn ins Dorf trug, denn ich gedachte, mich an Herrn Trans vietnamesischer Hühnersuppe zu laben. Gerade am Abend zuvor hatte ich 250.- Piepen an meine Werkstatt überwiesen. Die Warnlämpchen der Bremsanlage hatten für ein paar Wochen rot geleuchtet. Nichts Ernstes, sagte der RightLight-Experte. In der modernen Medizin hätte man die roten Lämpchen täglich dreimal mit einem Blockbuster grün übermalt, aber gründlich wie ich bin, ließ ich das defekte Aggregat austauschen. Das hatte auch einen psychologischen Hintergrund: Ich wollte „Mondi“ zeigen, dass ich zu ihm stehe – so wie er zu mir stand. Hatte er mich nicht über Jahre durchs Land begleitet? Jetzt, wo Unwiderrufliches geschehen ist, wird mir bewusst, dass unser letzter gemeinsamer Sommer viel zu kurz war. Aber wir hatten eine schöne Zeit, Mondi und ich. Nach der letzten Inspektion vor ein paar Wochen bemerkte mein kluger Neffe, der in der Werkstatt arbeitet, dass der Öl-Stab abgebrochen wäre. Ich hatte noch zwei Lesungen (Bad Rappenau und Pforzheim) vor mir und es war unklar, ob das Öl reichen würde. Eifrig trabte ich zu unserem Schrottgroßhändler Willi Eimer, der kaum 500 Meter Luftlinie einen riesigen Autofriedhof betreibt. Man könnte meinen, dass wir fast auf einem Autofriedhof wohnen, da Willi Eimer seit der Abwrackprämienaktion nicht mehr weiß, wohin mit den Autos und unser „Heim für dauerhaft geschädigte Golfer“ großräumig mit Blech umstellt hat. Ich kletterte zwischen den Autos herum, bis ich schließlich einen Öl-Stab fand, der zu passen schien. Er passte nicht ganz. Ich musste ziemlich drücken, bis er drin war. Stolz rief ich meinen Neffen an. „Problem gelöst“, erzählte ich, der ich in meinem bisherigen Leben noch nicht als Handwerker aufgefallen war. Was denn mit dem abgebrochenen Stück wäre, das vielleicht noch drin gesteckt hätte, fragte mein Neffe. HÄ? Woher soll ich das denn wissen? Da kenne ich mich nicht aus. Meine Familie hatte früher eine LKW-Werkstatt und ich musste meine Ostereier in den Auspuffrohren von MAN-Lastern suchen, was bei mir zu einem gewissen automobilen Desinteresse geführt hat. „Ach, was solls“, dachte ich. Ich machte meine zwei Lesereisen und alles ging gut. Tja, und dann kam jener besagte sonnige Herbsttag. Gerade wollte ich aus dem Dorf zurück auf meinen Schrottberg fahren, als der Wagen beim Starten mit einem „Flap Flap Flap“ antwortete. Keilriemen? Haben Autos heute noch Keilriemen? Früher, bei unserem Käfer, war es immer der Keilriemen, wenn es „Flap Flap Flap“ machte oder „IiiiYäääk“ und ein schrilles Kreischen unser Blut gerinnen ließ. Den Berg kam ich gerade noch hoch, aber dann, mitten auf der Kreuzung, leuchteten alle Lampen rot auf, auch die frisch reparierten. Dann ging der Motor aus. Hatte „Mondi“ gemerkt, dass ich mich in den letzten Wochen nach anderen Autos umschaute? Sah er seinen Auftrag in diesem Leben als erfüllt an, wie Herbie der Käfer nach seinem letzten Rennen? Beging er Selbstmord, indem er sich auf grausame Weise am eigenen Öl-Stab verschluckte? Wir wissen es nicht und werden es nie erfahren. Ziemlich traurig rief ich den ADAC an. So ein ADAC-Anruf wäre eigentlich eine Geschichte für sich. Die sind so was von nett und schnell! Vermutlich haben beim ADAC niemals diese glatzköpfigen Pennäler aus amerikanischen Beratungsunternehmen am „Workflow“ rumpfuschen dürfen, worauf alles zusammenbricht, was bisher funktioniert hat. Alles klappte SOFORT und der ADAC-Mann war schnell vor Ort. Ich solle mal den Wagen zünden. Mit einem letzten, leisen Röcheln, es war nicht mal ein Gurgeln, verabschiedete sich Mondi endgültig aus dieser Welt. „Tja“, sagte der gelbe Engel. „Reden wir nicht drum rum. Er ist von uns gegangen.“ „Unwiderruflich?“ Er nickte. „Klinisch tot.“ Er sah, wie ich zitterte und um Fassung rang, worauf er mich in den Arm nahm. Mein Kopf sank auf seinen gelben Overall. Ich schluchzte. „Aber, aber“, sagte er, „das wird schon wieder“. Er klopfte mir auf die Schulter. Ob ADAC Leute in ihren Kursen auch Trauerbegleitung lernen? Ich zog den Rotz hoch und nickte. „Geht’s?“ Er blickte mich mitfühlend an. Er half mir noch, den Wagen an meinem Haus abzustellen. Nach ein paar Tagen der Trauer fuhr ich in gefasster Stimmung mit der Regionalbahn über Gießen nach Reiskirchen. Vom Bahnhof aus ist es nicht weit bis zur Kreuzung nach Winnerod. Ich sah einen Mercedes und hielt den Daumen raus. Mercedesfahrer hatten mich in 30 Jahren unfallfreiem Anhalterfahren nur sehr, sehr selten mitgenommen. Ein Clubkamerad, der auf den letzten Drücker versuchte, seine Startzeit beim Herrenmittwoch zu erwischen, zog seine Luxuslimousine rechts ran und ließ mich einsteigen. Sehr nett, danke! Er schaffte seine Startzeit. Später spielte ich mit meinen Freunden hinter dem Turnier her. Ich hatte auf den ersten 9 Loch einen unglaublichen Lauf beim Putten. Dank eines Carts konnte ich erstmals seit vier Wochen 18 Loch spielen. Es war ein herrlicher, sonniger Herbsttag, wie jener, an dem Mondi starb.
Eugen Pletsch
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In der Golfszene ist Eugen Pletsch für seine Satiren, skurrilen Geschichten und ungeschminkten Kommentare zum Golfsport bekannt.